Café Morgenland

...Deutschland zuerst

"Du kannst nachts kaum schlafen. Das Geschrei der Kinder, die ständigen Streitigkeiten und Anpöbeleien machen Dir zu schaffen. Du versuchst, zusammengepfercht in einem kleinen Zimmer, das Du mit sieben anderen teilst, ein bißchen zu schlafen. Du stellst nach Stunden fest, daß es nicht geht. Deine Kleider ziehst Du nicht aus, weil Du Angst hast beklaut zu werden. Deine Kleider stinken. Denn auch für die Waschmaschine brauchst Du jetzt Geld. Die Almosen, die sie verteilen, reichen nicht mal für Zigaretten aus. Diejenigen, die nicht klauen können-vorallem Frauen aus Afrika und Osteuropa-prostituieren sich. Abends kommen die Deutschen aus der Umgebung und warten mit ihren Autos vor dem Lager. Die Frauen gehen hin, machen den Preis fest-meistens für ein Butterbrot-steigen ein und fahren weg (...). Ich war schon in drei Lagern. Überall das Gleiche. Nach einigen Wochen stellst Du erschrocken fest, daß Du dabei bist Dich daran zu gewöhnen." (Aus dem Bericht eines Asylbewerbers vom Cafe Morgenland, der seit März '93 in Flüchtlingslagern lebt).

Primo Levi nannte den Zustand, in den Menschen gebracht werden, um jegliche menschliche Eigenschaft abzulegen, "Vertierung". Dies spielt eine entscheidende Rolle um eventuell vorhandene ethische und moralische Barrieren bei den TäterInnen abzubauen. Denn die Verbrennung und Ermordung von sog. "AusländerInnen" erfordert schon einiges. Es sei denn, das Opfer weist kaum menschliche Eigenschaften auf.

"Abends kommen die Deutschen aus der Umgebung und warten mit ihren Autos vor dem Lager". Das deutsche Proletariat sucht in Zeiten der Krise seinen Ausweg. Der Puffbesuch ist teuerer geworden. Dieses Billigangebot - auch noch mit Exotik verbunden - ist ein wahrer Treffer. Wie Sommer - und Winterschlussverkauf zusammen. Denn wer weiß wie lange es noch anhält. Sei es wg. Abschiebung, sei es wg. Brandstiftung.

In unserem Beitrag zu Tag-X "Im Würgegriff der Lichterketten" hatten wir geschrieben: "Nie wieder werden wir uns auf unsere Phantasie verlassen über das, was hier möglich ist. Sie ist - angesichts der bisherigen Erfahrungen - unbrauchbar"

"Wenn das Haus da abbrennt, dann rennen alle durch meinen Vorgarten!" (Empörung eines deutschen Bürgers in St. Ingbert/Saarland während einer Diskussionsveranstaltung um den Bau eines Flüchtlingsheims in seiner Nachbarschaft).

Und wir rätseln noch was schlimmer ist: Dass er seine Sorgen um seinen Rasen äußert, wenn Menschen in Todesangst darüber rennen, oder dass so was frei herumläuft? (von dieser Sorte gibt es millionenfache Kopien).

Aber nicht nur dort: Vor ein paar Monaten ist Abraham Merin - der einzig noch lebende Jude in Babenhausen/Hessen - weggegangen worden (früher gab es dort eine blühende jüdische Gemeinde).

Frage: "Kennen Sie Abraham Merin?"

Passantin: "Nein, ich kenne ihn persönlich nicht. Aber ich mag ihn nicht."

Frage: "Warum mögen Sie ihn nicht, zumal Sie Ihn nicht kennen?"

Passantin: "Weil er ein Jude ist. Und Juden haben bei uns nichts zu suchen".

(Aus einer ZDF-Sendung, Interview mit PassantInnen in der Einkaufsstraße von Babenhausen).

Abraham Merin, der letzte Jude von Babenhausen konnte es nicht mehr aushalten. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, dem Land der unbegrenzten Hässlichkeiten. In Babenhausen läuft zurzeit ein offiziell gefördertes Projekt "Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Babenhausen". Krasser geht’s nicht mehr.

Solche Berichte, aber auch Orte wie Dolgenbrodt, verbieten uns jeglichen Gedanken über das "Wohlergehen Deutschlands"(Rechts) oder über die "Befreiung der kleinen Leute" (Links) zu verschwenden.

Das was in Dolgenbrodt gelaufen ist, ist eine neue Qualität insofern, dass der Edelmob*) (war zuletzt aktiv in Ohlstedt und Goldberg), nachdem er mit Unterschriftssammlungen, kommunalen Beschlüssen und Appellen an die Regierenden keinen Erfolg hatte, sich mit dem Straßenmob (bekannt aus Lichtenhagen, Schönau usw.) zusammengetan hat und ihre Avantgarde (Nazis) mit der Arbeit (Verbrennung der Flüchtlingsunterkunft für 2000 DM) beauftragte.

Aber ja doch. Es gibt auch das gute Deutschland. In Bischofferode. Den Wallfahrtsort und Hoffnungsträger vieler deutschen Linken:

"Die aktuell leider recht erfolgreiche Taktik der "Herrschenden" ist, in der zugespitzten kapitalistischen Krise die "kleinen Leute" verstärkt gegeneinander aufzuhetzen - von Rostock bis Jugoslawien - um präventiv zukünftigen Klassenkämpfen entgegenzuwirken und ihre "Pfründe" zu sichern. (...) Wir sehen unsere Klasse alles andere als schönfärberisch, sehen auch dort sexistischen und rassistischen Dreck. Wir wissen aber auch viele positive Beispiele, die Hoffnung machen, wie jetzt in Bischofferode" (Interim Nr. 250, Klasse gegen Klasse).

Es stimmt. Wenn über Rostock die Rede ist von "kleinen Leuten", die gegeneinander(!) aufgehetzt wurden, dann ist es keine "Schönfärberei", sondern der miese Versuch TäterInnen und Opfer auf eine Stufe zu stellen. Von militanten Autonomen also, über Ministerpräsident Vogel bis 3.Welt-Haus in Frankfurt (letzteres hat sogar einen Bus organisiert und ist zu deren Soli-Fest gefahren, die Betonung liegt auf 3.Welt) werden Verbindungen ersichtlich, die einer Erklärung bedürfen.

Und keiner stellte die Frage, warum die Nazis ebenfalls aus Solidarität dorthin fahren wollten (hätten sie auch getan, wenn die Polizei sie nicht daran gehindert hätte). War das nur Demagogie oder hatten sie einen besseren Spürsinn als die deutsche Linke? Zumal sie dem Volk näher stehen als diese? (wir betrachten sowas als Kompliment).

Es wurden wieder einmal - diesmal bewusst - ein paar Indizien in Bischofferode übersehen:

Die extra gedruckten T-Shirts der Kumpels "Wir sind das Volk", die klaren Äußerungen nach Erfüllung ihrer Forderungen, weil sie "Deutsche" sind usw. Während in der Gegend Anschläge auf Flüchtlingsheime verübt und Flüchtlinge zusammengeschlagen wurden, schwieg die dort ansässige "Volksgemeinschaft" und mit ihr ihre UnterstützerInnen. Mann/Frau darf ja den "Klassenkampf" nicht gefährden. Wie war noch vor kurzem der Spruch? "Wer schweigt, stimmt zu!".

Uns graust vor der Vorstellung, was würde passieren, wenn demnächst in Bischofferode direkt ein Flüchtlingsheim errichtet würde.

Auch wir unterstützen den Hungerstreik der "Kumpels". Wir sind sogar dafür, daß dieses "Kampfmittel" auch bei vielen anderen Kämpfen des "deutschen Proletariats" eingesetzt wird. Unsere Befürwortung ist allerdings rein biologisch begründet: mit geschwächtem Körper ist es schwierig Flüchtlingsheime anzuzünden.

Zum Thema: Entgegen anders lautenden Bekundungen ist die Nationalität doch nicht egal. Bei einer Arbeitslosenquote von 33% unter den MigrantInnen, bei einem faktischen Arbeitsverbot für Flüchtlinge, bei Bevorzugung der Deutschen bei den Arbeitsämtern (Blüm-Erlaß), setzen hier Teile der deutschen Linken eindeutige, unmissverständliche Prioritäten.

Aber damit nicht genug: Zur Zeit, anlässlich der Wiedervereinigungs-Zeremonie wird nicht nur von den Herrschenden, sondern auch von ihren schärfsten Gegnern eine beispiellose Geschichtsfälschung betrieben. Beim Lesen der meisten Aufrufe des linksradikalen und autonomen Spektrums bekommt Mann/Frau den Eindruck, sie schreiben über ein anderes Land. Denn diese Geschichtsumschreibung besagt folgendes: "Die bösen Kapitalisten haben die Ex-DDR überfallen und einverleibt“.

Seit dem sind die "Opfer" der Annexion im Ost und West (schick!) unzufrieden und enttäuscht wg. der Folgen: Sozialabbau, Urlaubsverkürzung usw. Aber auch wg. der bösen Asylpolitik der HERRSCHENDEN (bekanntlich war die deutsche Bevölkerung seit eh und je ein unnachgiebiger Verfechter einer liberalen Asyl-Praxis).

War nicht noch was? Gab es nicht die berühmte Montagsdemos mit "Deutschland, einig Vaterland" oder "Wir sind das Volk" oder "Ein Volk, ein Reich, ein Führer" (Entschuldigung das war etwas früher). Gab es nicht die Bilder der "Aufständischen" im Fernsehen mit dem Sturm auf die (Banken)-Paläste wg. DM-Umtausch, waren nicht hunderttausende Besoffene und Betroffene, die DM-Scheine küssend und den Geldschein auf ihre Genitalien streichend, weinend durch die Straßen gegangen (germanische Formen des Feierns)? Und dann die völkische Mobilisierung. Bis heute. Mit dem Unterschied, dass die TäterInnen nicht mehr genannt werden dürfen. Nur die "eigentlichen". Bosse und Regierende. Wie damals. Wieder ein Volk von "Unschuldigen".

Die "friedliche Konterrevolution" (Gremliza) hat weder die "verchromten Acrylglas-Klos" und die "Micky-Maus-Telefone" (Seyfried) im Osten noch das gute "Schnäppchen" im Westen gebracht. Ja nicht mal den Spaß an den Flüchtlingen hat ihnen das Ausland gegönnt. Dieser Enttäuschung nachzuweinen - wie in den meisten Flugblättern zu lesen ist - kann nur als billige Heuchelei bezeichnet werden (es seit denn, Mann/Frau hat tatsächlich sich zeitlang als WiedervereinigungsgewinnlerIn von links gefühlt). In dem Zusammenhang wollen wir unsere "Schadenfreude" über die "Blamage" der Wiedervereinigung (was das Sozialklimbim angeht) nicht verhehlen.

Wir bleiben dabei: Solange Flüchtlinge, MigrantInnen und alle "Undeutsche" um ihre Leben in diesem Land bangen müssen (weil sie u.a. von den "kleinen Leuten" bedroht werden), sind uns ihre sozialen Probleme scheißegal.

Die "Zufälle" sind inzwischen Kontinuität geworden:

Anlässlich der Ankündigung eines Nazi-Festes im Ostpark (Motto: "Deutsche Volksmusik gegen Links") hat die "Rödelheimer Initiative" den Magistrat aufgefordert auf dem Paulsplatz ein Fest zu veranstalten, auf dem deutsche Volksmusik gespielt werden sollte. So als Alternative zu dem Nazi-Fest, das ja bekanntlich verboten wurde. Somit wären die "Fans" unter demokratischen Vorzeichen auf ihren Genuß gekommen. Es ist nicht übertrieben wenn wir befürchten, daß  demnächst irgendwelche "gute Deutsche" die Errichtung von Flüchtlingsheim-Attrappen (mit dunkelhäutigen Pappkameraden und so) vorschlagen werden damit die Bevölkerung, ohne jemanden zu schaden, ans Werk geht.

Und im autonomen Spektrum? Während sich die (T)RIM-Dich-Mentalität** immer mehr verfestigt, werden deutsche Parteien-wie die PDS-, die mit den Nazis gemeinsame Gespräche führen, Vereinbarungen treffen (um soziale Probleme der deutschen Bevölkerung anzugehen!) oder in Nazi-Zeitungen Interviews geben, die sich kaum von den Ansichten der Herausgeber unterscheiden als willkommene Bündnispartner von den meisten Autonomen bzw. Antifas angesehen.

Natürlich gibt es zwischen uns und unseren autonomen FreundInnen auch Gemeinsamkeiten. Wie z.B. der Spruch "Deutschland verrecke". Mit dem kleinen Unterschied, daß wir es ernst meinen.

In dem Zusammenhang wird uns immer wieder entgegengehalten, daß solche Äußerungen genau so irrelevant sind wie die Revolution in diesem Land. Denn beides sind ferne, unerreichbare Utopien. Das ist richtig. Und trotzdem beharren wir darauf. Denn die Zielsetzung bestimmt auch die Inhalte und die Handlungen. Solange der Anspruch nach Revolutionierung der Massen-genauer gesagt, dieser Massen -bestehen bleibt, solange wird die künftige Kundschaft auf Teufel-kommt-raus mit allen Tricks umworben und ihre Taten gerechtfertigt:

"Gelingt es nicht, durch praktische Handlungen die Orientierung weg von der Asyldebatte und auf Unternehmer und Regierung, also auf die wirklichen Schmarotzer zu lenken, droht eine noch breitere Akzeptanz des Rassismus." (aus "Atze", Kiel).

Wie war das mit der Hetzmasse laut E. Canetti?

"Sie ist aufs Töten aus, und sie weiß, wen sie töten will. Mit der Entschlossenheit ohnegleichen geht sie auf dieses Ziel los; ES IST UNMÖGLICH, SIE DARUM ZU BETRÜGEN".

Wir sprechen weiterhin das Existenzrecht dieses Landes ab. Nicht weil jemand Notiz davon nehmen würde, sondern 1., weil die Strukturen (gesellschaftliche, politische usw.) dieses Landes samt denen, die sie ausleben und davon profitieren, eine akute Bedrohung für hier lebende Minderheiten bedeuten sowie eine ständige Gefahr nach außen darstellen, 2., weil wir die Überwindung Deutschlands als Voraussetzung bzw. Bedingung für die Befreiung der Menschen, die hier leben, sehen und 3., weil es Spaß macht.

Eine solche Utopie führt uns zu anderen Vorstellungen von Aktionen und deren Inhalten: Warum z.B. soll es nicht selbstverständlich sein, mit Orten wie Dolgenbrodt, Hünxe, Babenhausen usw. "Patenschaften" zu übernehmen und sie immer wieder "besuchen" (auch zu ihren Schützen- und Trachtenfesten, also lauter "unpolitische" Sachen), sie mit unserem Hass zu konfrontieren und Rassismus als Tabu wieder aufzurichten.

Warum ist nicht motivierend genug Orte wie Eppertshausen, Kalbach usw. (in der letzte SWING wurde darüber berichtet) zu "besuchen" wenn dort "Bürgerinitiativen" gegen "die Zigeuner" entstehen. Warum werden solche Orte nur dann "entdeckt", wenn dort die Nazis ihre Parteitage oder ihre Versammlungen abhalten?

Dadurch ist zwar kein Antirassismus entstanden, aber sehr viele werden wieder ruhig schlafen können. Und das ist -angesichts der hiesigen Verhältnisse - fast revolutionär.

Ein weiterer Einwand besagt, daß sowieso Frau/Mann gegen jeden Staat und nicht nur gegen den deutschen Staat ist, zumal auch anderswo der Rassismus gedeiht. Dazu können wir nur wiederholen, daß wir erstens das, was hier gelaufen ist für eine Besonderheit ohnegleichen (aufgrund der Singularität der Vernichtung und der Quantität/Qualität der Anschläge) halten und zweitens - wenn es NUR um die Reihenfolge geht, ... Deutschland zuerst.

Es ist an der Zeit all das, worauf sie stolz sind praktisch in Frage zu stellen (jeder kann z.B. einen Vorgarten verpissen oder die weißen Wände des stolzen Eigenheims bunter gestalten. Wie gesagt: Zum Beispiel. Der Phantasie sind keine Grenze gesetzt).

Wenn es stimmt, daß deren Kollektivbildung eine Gefahr für uns darstellt, ist es unsere Aufgabe solche Strukturen anzugreifen.

Es ist inzwischen eine beständige, alltägliche Normalität, wenn sich in den meisten Städten und Dörfern MigrantInnen ab einer bestimmten Zeit nicht mehr allein auf der Straße trauen bzw. ihre Kinder nicht allein rauslassen.

Es ist normal, wenn in den meisten Schulen, wo MigrantInnen-Kinder selten oder kaum anzutreffen sind, der Hitler-Gruß und Begriffe wie "Polaken" und "Kanaken" zum Klassenrepertoire gehören (siehe auch FR von 11.09.1993).

Es ist normal, wenn Nazis (wie in Fulda) aufmarschieren bzw. von der Polizei geschützt und tatkräftig unterstützt (laut Gewerkschaft der Polizei "über das nötige Maß hinaus") sowie von der Justiz legitimiert werden (2. Aufmarsch in Fulda).

Es ist normal, wenn Kinder von MigrantInnen -in Gegenden wie Solingen, Mölln usw. nachts schreien und die psychosomatischen Erkrankungen unter den MigrantInnen - laut ausländischer Ärzte - um 300% in den letzten Jahren gestiegen sind.

Es ist normal, wenn sich die Nachrichten-Meldungen über die Verringerung der AsylbewerberInnen seit der Abschaffung des Asylrechts wie Siegesmeldungen von der Kriegsfront anhören.

Es ist normal, wenn deutsche Linke Kongresse veranstalten (KONKRET-Kongreß) und denen nichts Besseres einfällt als über "Rassen" (positiv versteht sich) zu diskutieren. Es scheint so, als ob unsere Augen-, Hautfarbe und andere ersichtliche oder verborgene Merkmale, eine besondere Neugier erwecken, die rasch befriedigt werden muß. Wir haben erfahren, daß sich immer mehr Gruppen auch hier in Frankfurt mit diesem Thema beschäftigen. Es ist zu erwarten, daß wenn auch die letzten Hemmungen beseitigt sind, demnächst eine solche Veranstaltung vor der Tür steht. WIR WERDEN SOLCHE VERANSTALTUNGEN SPRENGEN, WENN WIR SIE NICHT VORHER VERHINDERN KÖNNEN. EGAL WER SIE MACHT. Dazu werden auch keine weiteren Erklärungen abgegeben. Wir haben keinen Bock darauf unsere Nasenlänge messen noch unsere Pigmente nachzählen zu lassen. Somit bestätigt sich wieder, daß wenn Tabus in diesem Land fallen, eine ganze Menge Dreck zum Vorschein kommt.

Es ist schließlich normal, wenn jüdische Friedhöfe geschändet werden (allein im Jahr 1992 waren es 80, fast doppelt so viel wie in den Jahren 1926-1933).

Nicht normal ist, wenn die Solinger-Aufstände immer noch die Ausnahme bleiben,

nicht normal ist, wenn MigrantInnen-Vereine immer und immer wieder ihren Antirassismus zwischen Kebap und Souvlaki einwickeln,

nicht normal ist, wenn solche Vereine - ihren deutschen Patronen folgend-militante MigrantInnen denunzieren, ausländische Jugendliche einschüchtern oder die rassistische Politik der deutschen Parteien mitunterstützen ("Ausländerbeiräte", "Doppelte Staatsbürgerschaft" usw.).

Schlimmer als die Diskriminierung ist ihre Annahme von den Betroffenen.

Und schließlich ist es nicht normal, wenn die Deutschen dabei sind MigrantInnen in Polizeidienst aufzunehmen und statt Aufschrei der Entrüstung dies sogar als Schritt zur Gleichstellung genannt wird (wenn unser Versuch, MigrantInnen davon abzuhalten scheitern wird, bleiben wir dabei: Kein Unterschied).

All das wird gesagt, nicht um unsere Empörung auszudrücken, sondern um in aller Ruhe-von diesen Tatsachen ausgehend - und in vollem Bewusstsein der Unterschiede unter uns (Status usw.) die Strukturen auszubauen, die notwendig sind damit Interventionen in unserem Sinne, ebenfalls zur alltäglichen Normalität werden können.

Die ersten Zusammenhänge (Bundesweites Treffen am 18-20 Juni in Frankfurt sowie die  Erfahrungen vor Ort) zeigen, daß es nötig ist. Ob es möglich ist, ist nur durch die Praxis zu ermitteln.

Cafe Morgenland, 03. Oktober 1993

* Wir konstruieren solche Begriffe um uns artikulieren zu können: Mit "Edelmob" meinen wir all die, die mittels kollektiven Strukturen - im Gegensatz zu zufällig zusammengerotteter "Straßenmob"(=Hetzmasse) - die Pogromstimmung fast ausschließlich unter Beachtung oder Berufung auf die geltenden Gesetze zu nutze machen. Wesentliche Merkmale dabei sind ihre ablehnende Haltung zu den gewalttätigen RassistInnen und ihre Erfahrung von Massenmobilisierung mit "demokratischen Mitteln". In der Regel kommen sie aus "gebildeten" bzw "bessergestellten" Kreise. Wir gehen davon aus, auch wenn die Grenzen zum Straßenmob fließend sind, daß diese "Protestformen" an Ansehen und Effektivität gewinnen werden bzw. immer häufiger anzutreffen sein werden.

** Uns geht es dabei nicht darum, die Betonpolitik der RIM zu rechtfertigen. Darum ging es ja auch nie (zumal deren Inhalte starke Ähnlichkeiten mit deutschen militanten Gruppen, die den "Proletenkult" und den "Populismus" sorgfältig pflegen, aufweisen). Es geht um was ganz anderes: davon, daß wenn die "Brüder und Schwestern im Osten" den Wunsch äußern, "die fünf Massenmörder" (Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao) auf Demos nicht sehen zu wollen (O-Ton Ost-Gruppen), dies zum Freibrief gegen ALLE ausländischen Gruppen wird, die nicht der Politiknorm der einheimischen Linken entsprechen. Sowohl die KritikerInnen als auch die BefürworterInnen des Beifalls für die Polizei am 1. Mai haben die gleichen gemeinsamen Sorgen: Wie kann Mann/Frau die eigenen Normen - die bekanntlich die einzigen richtigen sind - durchsetzen.

Es ist die moderne Variante des autonomen Missionars, der den politisch Primitiven zeigen will wo es in einer zivilisierten Welt langgeht. Nämlich genau dort wo der Zaun des autonomen Vorgartens (in Fachjargon = Kietz) aufhört.

 
Café Morgenland