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Sehr geehrter Herr Insero,

wir möchten Sie, als Sprecher des Kommitees der Angehörigen der Opfer von Caiazzo und als ihr Rechtsanwalt zu unserer Demonstration am 7. Mai in Ochtendung einladen (Siehe Aufruf).

Wir sind eine Gruppe von MigrantInnen und Flüchtlingen, die zum Teil seit vielen Jahren in der Bundesrepublik leben und arbeiten.

Die meisten von uns waren jahrelang in deutschen politischen Gruppen tätig.

Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem neuerlichen Aufbegehren eines völkischen Nationalismus, der sich in Progromen gegen Flüchtlinge und MigrantInnen (in Arbeitsteilung zwischen Bevölkerung, Medien und den Staatsorganen) entlud, haben wir die Entscheidung getroffen eigene Strukturen aufzubauen, um uns dagegen wehren zu können. So entstand unsere Gruppe. Inzwischen sind solche MigrantInnen-Strukturen in mehreren deutschen Städten wie Berlin, Hamburg, Bremen usw. entstanden.

Wir sind miteinander in Kontakt und versuchen, dort wo es möglich ist, uns zusammenzuschließen.

Auch in diesem Fall (Ochtendung) ist bei den anderen MigrantInnen-Gruppen die Bereitschaft da mitzuwirken.

Sie sollten wissen, daß es nicht viele sind, die solche Versuche unternehmen. Daher gehen wir davon aus, daß eine kleine Demonstration zustande kommen wird. Wir haben unabhängig von der Massenhaftigkeit der Demonstration entschieden sie durchzuführen!

Wie Sie vielleicht über die Presse erfahren haben, sind durch rassistische und neonazistische Angriffe über 80 Flüchtlinge und MigrantInnen seit der Wiedervereinigung umgebracht worden (insgesamt sind über 20.000 Angriffe registriert worden). Inzwischen gehören solche Angriffe und rassistische Anmache zum Alltag in diesem Land. Dieses Verhalten der hiesigen Bevölkerung kommt nicht trotz, sondern wegen der Erfahrungen, die sie gemacht haben, als sie als "Herrenrasse" in Europa wüteten, als sie die vollständige Vernichtung der europäischen JüdInnen vollzogen, als sie Roma, Sinti und alle, die nicht "deutsch" genug waren, umbrachten.

Caiazzo steht nicht allein in dieser Blutspur des Grauens, die sie hinterlasen haben. Allerdings steht Caiazzo heute als konkreter Ausdruck dessen, was wir Kontinuität der deutschen Population nennen.

Denn diejenigen, die heute Mörder schützen und sich mit ihnen solidarisieren, waren damals fast Kinder oder nicht mal geboren.

Trotzdem - und das ist das erschreckende daran - auch sie stehen Schulter an Schulter, geschlossene Reihen der Volksgemeinschaft uns gegenüber. Die bisherige Feststellung, daß das Nazi-Regime dafür ge- sorgt hatte, daß sich alle an der Vernichtung - aktiv oder passiv - beteiligten, ist nur die halbe Wahrheit und bedarf einer Ergänzung: Es hat anscheinend dafür gesorgt, daß auch ihre Nachkommen in dieser Tradition fortfahren.

Daher hat uns gewundert, als wir im "Spiegel" vom 6.3.95 die Überlegung von ihrem Bügermeister gelesen haben, eine Patenschaft zwischen Caiazzo und Ochtendung vorzuschlagen, um die Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten.

Nochmal: Die Ochtendunger BürgerInnen haben bereits ihre Vergangenheit aufgearbeitet und kamen zu dem Ergebnis, daß alles seine Richtigkeit hatte und hat !

Wissen Sie, der beliebteste "deutsche Volkssport" seit einiger Zeit ist der Versuch, TäterInnen und Opfer in einem Topf zu werfen.

Damit wollen sie um ihre Taten herumschleichen und ihre Vergangenheit auf diese weise reinwaschen: Gleichsetzung von Partisanen und SS, von Jüdischen Überlebenden und ihre Peiniger, von der Bombardierung von Leningrad und Dresden.

Daher haben wir vor , an Herrn Nikola Sorbo mit einem offenen, solidarischen Brief zu appelieren diesen Vorschlag zu revidieren und stattdessen - um sich selber zu überzeugen - an der Demonstration teilzunehmen.

 

Mit freundlichen, solidarischen Grüsse (wir freuen uns sehr wenn sie unsere Einladung annehmen, Reise- und sonstige Kosten werden wir übernehmen).

 

Café Morgenland

 

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