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MigrantInnen-Selbstorganisierung gegen völkische Mobilisierung

Wir sind heute zum zweitenmal hier in Lübeck, um unseren Protest gegen die Lübecker Variante der rassistischen Vernichtungsoffensive zu artikulieren, bekannt unter dem völkischen Spruch: "Zum Glück war es keiner von uns". Vom Deutschen in eine freie Sprache übersetzt heißt dies, sie fühlen sich eins mit den TäterInnen: Weil sie sich vorstellen können, selbst in diese Tätersituation zu kommen, oder weil ihre Sozialisation ausschließt, polarisierend und abgrenzend zu deutsche TäterInnen zu stehen.

Die deutschen Städte, ob groß oder klein, sind inzwischen nicht nur durch ihre Wappenzeichen bekannt, sondern vor allem durch ihre völkischen Exempel, die sie statuieren, sobald sich die Gelegenheit ergibt.

Die einen formieren sich schützend um ihren Kriegsverbrecher wie in Ochtendung, die anderen wollen Namen von jüdischen Opfern in riesige Steinplatten ritzen wie in Berlin (Holocaust-Mahnmal), andere wiederum spezialisieren sich auf die Jagd nach afrikanischen Flüchtlingen wie in Magdeburg, weitere werden berühmt durch das Delegieren der Brandstiftung an die Neonazis wie in Dolgenbrot oder spezialisieren sich auf die Vertreibung von Roma-Familien wie in Frankfurt.

Längst sind markante Stadtsymbole wie Burgen und Schlösser den ausgebrannten Häusern wie in Solingen oder Mölln gewichen.

Inzwischen ist es so, daß in fast jeder Ortschaft im Land der Deutschen die ortsansässige Volksgemeinschaft ähnlich agiert.

Und die Besonderheit der Lübecker Variante?

Sie hat das Kunststück vollbracht, den Lübecker Vernichtungsanschlag als völkisches Entlastungsmoment und als flächendeckenden Selbstreinigungsprozeß zu inszenieren:

Indem sie die Opfer zu Täter gemacht hat.

Indem sie sich selbst zum eigentlichen Opfer hochstilisierte!

Zugegebenermaßen mit Hilfe der eigenen Ordnungshüter und der Medien.

Zugegebenermaßen durch die passiven und aktiven Entlastungsrituale des linken Begleitpersonals, das in seinen Flugblättern und Aufrufen dem organisierten Deutschtum antifaschistischen Geist bescheinigt und seine völkische Formierung zu berechtigtem Zweifel am Tathergang der Lübecker Morde ummünzt.

Antirassistische und antifaschistische Aufrufe agieren inzwischen wie Selbstbezichtigungsschreiben, obwohl die UnterschreiberInnen - und das können wir versichern - nicht zu den Täterkreisen gehören.

Wohl aber zu Entlastungszeugen einer Bevölkerung, die ohne wenn und aber, sobald sich die Gelegenheit ergibt, ihre einzigartigen Vernichtungsfähigkeiten unter Beweis stellt.

Genau dieses ureigene deutsche Spezifikum - was wir als "German Problem" bezeichnen, wird verschwiegen bzw. verharmlost. Anders kann man/frau die bewußte Gleichsetzung der Vernichtung von Menschen - wie im Fall Lübeck - mit Sozialkürzungen oder Wohnqualität für Flüchtlinge usw. nicht bezeichnen.

Denn in Deutschland wird immer öfter zu Ende gedacht. Wenn Deutsche über Flüchtlinge sagen "weg damit", dann ist es wörtlich gemeint. Mit alle Konsequenzen. Mit weniger geben sie sich selten zufrieden.

Heute werden wir nicht nach Grevesmühlen fahren. Nicht, weil es sich nicht lohnt -in solchen Gegenden kann man/frau nicht oft genug demonstrieren -, sondern weil sich auch hier in Lübeck die uns vertraute Volksgemeinschaft formiert.

Teilweise sogar in militanter Form wie die Morddrohungen gegen den Bürgermeister Boutellier und seine "Neger", wie die kochende Volksseele in ihrem Wahlzettel, Verzeihung, in ihren anonymen Briefen schreibt.

Wir wollen heute das Aufatmen und die Beruhigungsrituale, die nach der Verhaftung des libanesischen Flüchtlings Safwan Eid so massiv zu Schau gestellt wurden, ein wenig ankratzen.

Ein wenig heißt, so viel wir können!

Morgen finden hier und in einigen anderen Bundesländern Wahlen statt. Und zwar eine bestimmte Art von Wahlen:

Zwar wie alle deutschen Wahlen rassistisch (Wir haben nicht mal das Recht auf Wahlboykott!), aber immerhin harmlos. Diesmal werden keine Brandsätze gebastelt, sondern nur Zettel gefaltet, geheim und unkontrolliert.

Der Wahlschein wird wieder als Waffenschein benutzt und eingesetzt.

Vor zwei Wochen war die deutsche Gewerkschaft IG Bau am Wählen: Für die Vertreibung der "ausländische Billigarbeiter" aus den deutschen Baustellen. Mit Massendemonstrationen. Bundesweit. Mit Fakten und Drohungen: "250.000 ausländische Billigarbeiter auf den deutschen Baustellen". Für "härtere Kontrollen auf deutsche Baustellen gegen illegale ausländische Arbeiter".

Am letzten Wochenende hat die deutsche Polizei gewählt: Mit Schlagstöcken und Wasserwerfern. Diesmal gegen kurdische MigrantInnen. Mit rassistischen Massenverhaftungen. Über 2.000 MigrantInnen an einem Tag. Die größte Verhaftungswelle seit Bestehen der BRD! Solche Zahlen schreien nach Stadien oder Lagern. Nach strenger, planmäßiger Organisation.

Denn einen Mensch zu verhaften ist ein polizeilicher Ablauf. 2.000 Menschen aber an einem einzigen Tag zu verhaften, ist ein Arbeitsablauf. Das erfordert Arbeitsteilung, Transporte und Absprachen nach Plan.

Laut Umfrage des Senders RTL sind 93% der Deutsche dafür, daß die KurdInnen abgeschoben werden sollen. Ein anderer Sender, Pro7, kam auf 98%. Der Begriff "Mehrheit" hat hier keine Gültigkeit mehr, denn er setzt eine Minderheit voraus.

Das sind aber geschlossene Reihen. Lückenlos. Da geht nichts mehr durch!

Genau aus diese Gewißheit heraus droht Außenminister Kinkel mit der Keule der Qualitäten seine Bevölkerung. Zitat: "Der Deutsche Bürger hat kein Verständnis, wenn Kurden das Gastrecht mißbrauchen".

Und wenn deutsche Bürger kein Verständnis haben, weiß jeder, was dann passiert.

Das österreichische Exemplar, Jörg Haider, verbreitete in seinem Wahlkampf den Spruch "Wählt, was Ihr denkt". Für Deutschland ist eine solche Aufforderung überflüssig. Sie praktizieren bereits seit 6 Jahren, was sie denken!

Der Schriftsteller Jean Amèry, Überlebender des Holocaust, schrieb 1966 in seinem Aufsatz "Ressentiments":

"Ich hatte nur mit einigen zu tun, und ihnen gegenüber bildeten die vielen, die mir schon als alle erscheinen mußten, eine überwältigende Majorität.

Die braven Männer, die ich so gerne gerettet hätte, sind schon ertrunken in der Masse der Gleichgültigen, der Hämischen und Schnöden, der Megären, alten fetten und jungen hübschen, der Autoritätsberauschten, die da glaubten, mit unseresgleichen anders als grob befehlend zu reden sei nicht nur ein Verbrechen gegen den Staat, sondern gegen ihr eigenes Ich.

Die vielzuvielen waren keine SS-Männer, sondern Arbeiter, Kartothekführer, Tippfräuleins - und nur eine Minderheit unter ihnen trug das Parteiabzeichen.

Sie waren, nehmt alles nur in allem, für mich das deutsche Volk. Was um sie und mit uns geschah, das wußten sie genau, denn sie schmeckten wie wir den Brandgeruch vom nahen Vernichtungslager, und manche trugen Kleider, die man erst gestern an den Selektionsrampen den ankommenden Opfern abgenommen hatte...

Ein stolzes Volk. Ein stolzes Volk, immer noch. Der Stolz ist ein wenig in die Breite gegangen, das sei zugegeben. Er preßt sich nicht mehr in mahlenden Kiefern heraus, sondern glänzt in der Zufriedenheit des guten Gewisses und der begreiflichen Freunde, es wieder einmal geschafft zu haben.

Er beruft sich nicht mehr auf die heroische Waffentat, sondern auf die in der Welt einzig dastehende Produktivität. Aber es ist der Stolz von einst, und es ist auf unserer Seite die Ohnmacht von damals. Wehe den Besiegten."

Jean Amèry nahm sich Jahre später das Leben. Es war seine Lösung.

Für uns sehen wir als einzige Möglichkeit, es hier einigermaßen auszuhalten, den Prozeß der autonomen Selbstorganisierung und Selbstverteidigung als Voraussetzung dafür, Subjekte unsere eigenen Geschichte zu werden.

Weder Petitionen noch Appelle an eine längst - genauer gesagt vor 50 Jahren -verlorengegangene Humanität werden etwas verändern.

Daher rufen wir alle MigrantInnen und Flüchtlinge auf, eigene Strukturen aufzubauen, egal ob MigrantInnen-Banden oder MigrantInnen-Gangs, ob MigrantInnen-Cliquen oder antivölkische MigrantInnen-Gruppen. Mit oder ohne uns. Hauptsache, wir fangen an, der deutschen Volksgemeinschaft das Fürchten zu lehren!.

Wir rufen alle auf, im Anschluß an diese Demonstration zum Knast zu gehen, um die Freilassung von Safwan Eid zu fordern!

Die Forderung nach seine sofortigen Freilassung bedeutet, daß wir die Gewißheit haben, daß seine Verhaftung, genau so wie die Verhaftungen und Anschuldigungen anderer Opfer bei rassistischen Anschlägen, einzig und allein dazu dient, die völkische Normalität der Ermordung und Erniedrigung von Nicht-Deutschen zu verfestigen und aufkommenden Protest und Widerstand dagegen in Keim zu ersticken.

Wir haben keinen Grund, an die Aussagen der Überlebenden des Anschlags und an unseren eigenen Erfahrungen in dieser beschissenen Land zu zweifeln. Wohl aber tausend Gründe, die rassistische Konstrukte der mit oder ohne Polizeiuniform agierende Volksgemeinschaft auseinanderzunehmen.

Damit ihre Rechnung nicht aufgeht. Damit keiner der Betroffenen es nötig haben wird, Bettwäsche und sonstige Spenden der sog. "Ausländerfreunde" (Hattingen läßt grüßen) annehmen zu müssen.

Freiheit für Safwan Eid!

Das organisierte Deutschtum bekämpfen!

Cafè Morgenland, 23.3.96

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