Café Morgenland
 

Von deutschen Zuständen und anderen Dingen

Als das Gesindel der Montagsdemos sein Ziel, eins mit den Restdeutschen zu werden erreichte und die Zeit der Belohnung mit Begrüßungsgeldern und Bananenfütterung vorbei war, entstand für die hier lebenden und ankommenden Migranten und Flüchtlinge eine bedrohliche, ja tödliche Situation. Deutsche in Rudelformation oder im Alleingang veranstalteten Such- und Aufspüraktionen, um zu töten, zu lynchen, zu verbrennen.

Das scheinbar neue Phänomen, das in volksfestartigen Pogromen vor den Flüchtlingsheimen (Rostock, Hoyerswerda usw.) bzw. vor den von Türken bewohnten Nachbarhäusern (Waldhof) oder aus den alltäglichen physischen und psychischen Angriffen, Bedrohungen und rassistischen Anmachen bestand, wurde zur alltäglichen Normalität.

Der Eintritt dieser Normalität fand statt, nicht nur weil die rassistischen Angriffe so massenhaft und vielfältig waren, nicht nur weil viele Deutsche als potentielle Täter agierten, sondern auch weil sie von denjenigen hingenommen und gar gerechtfertigt wurden und werden, von denen eine eindeutige und bestimmende Haltung und Handlung dagegen zu erwarten gewesen wäre (deutsche Radikale und autonome Linke).

Nach wie vor geht es darum, die Tatsache wahrzunehmen, dass die Gefahr für Migranten und Flüchtlinge, Opfer von rassistischen Angriffen zu werden, an jedem Ort gegeben ist, wo Deutsche meinen, mal durchgreifen zu müssen. Wenn es darum geht, eine Straßenbahn, ein Haus, eine Straße oder ein Stadtteil "ausländerfrei" zu machen, packen eben die Bürger dieses Landes selbst mit an.

So hat Hans-Jürgen Förster, Chef des brandenburgischen Verfassungsschutzes, eben nicht nur unrecht (da er die Nazigruppen ignoriert), wenn er feststellt, dass seine Behörde "Fremdenfeindlichkeit" – ein neudeutsches Wort für das Töten von Nichtdeutschen – und Überfälle auf Ausländer allein nicht bekämpfen könne, da die Gewalttaten meist von unorganisierten Jugendlichen begangen würden: Es seien ‑­Täter, die mittags noch nicht wüssten, dass sie nachts zu Mördern werden. (Süddeutsche Zeitung, 12.11.1996).

Nach dem ersten Schock, da diese Ereignisse für uns unerwartet kamen, fingen wir an, einerseits unseren Widerstand dagegen zu organisieren und andererseits Fragen zu stellen, deren Beantwortung uns bis heute nur teilweise gelungen ist. Wir versuchten, das Geschehene zu verstehen. Denn, wenn das Ganze nur eine Sache zwischen uns und einigen Nazibanden gewesen wäre, wären sowohl die Erklärung als auch die Lösung des Problems ohne weiteres möglich gewesen.

Was passiert aber, wenn der nette Familienvater von nebenan allabendlich zum Flüchtlingsheim pilgert, dort Steine und Flaschen schmeißt und – wenn es sein muss – sich auch mit seiner Obrigkeit militant anlegt?

Was passiert da, wenn die liebe Hausfrau und Mutter oder das 15-jährige Kind ihre Nächte Hassparolen grölend und Molotowcocktails schmeißend vor den Heimen oder Nachbarhäusern der "Fremden" verbringen?

Wie sollen wir es verstehen, wenn ganze Stadtteile völkische Aufstände veranstalten und zu Tausenden einige Roma-Familien zu verbrennen versuchen? Nacht für Nacht, eine Woche lang?

Was soll noch darüber gesagt werden, wenn am helllichten Tag in der Straßenbahn vor 30 deutschen zuschauenden Fahrgästen einige Skinheads einen schwarzen Flüchtling zusammenschlagen, schwer verletzen und anschließend aus dem fahrenden Zug schmeißen?

Wenn nun Angst als Rechtfertigung für dieses Nichtagieren angegeben wird – wobei das Nichtagieren doch ein Agieren ist, das hier eine Geschichte hat –, genügt es, auf jenes schlichte Faktum hinzuweisen: Weder gleich noch später, hat irgendeiner der zuschauenden Fahrgäste die Polizei, das Krankenhaus oder die Bahn angerufen, um dem Angegriffenen oder was von ihm übrig blieb Hilfe zukommen zu lassen. Am nächsten Tag wurde er mit zertrümmerten Beinen neben den Gleisen liegend von Bahnarbeitern gefunden. Heute lebt er im Rollstuhl. Trotz Aufrufen seitens der Behörden, Zeugen des Geschehens sollen sich – auch anonym – melden, hat bis heute niemand reagiert.

Wie geht Mensch mit Ereignissen wie diesen um: Anlässlich einer Demo von Kurden in Dortmund wurde ein aus Halle kommender Zug im Kasseler Bahnhof gestoppt. Die Polizei brauchte keine Gesichts- und Papierkontrolle durchzuführen, um eine Auswahl zu treffen, sondern stellte durch die Bahnhofslautsprecher die Forderung auf, dass alle deutschen Fahrgäste aussteigen sollten. Und alle deutschen Fahrgäste sind ohne Wenn und Aber ausgestiegen. Somit blieben die Kurden, egal ob sie einen deutschen Pass hatten oder nicht, unter sich, den Verhaftungen und der Willkür der Bullen ausgesetzt.

Das Problem ist nicht nur, dass niemand dagegen protestierte oder bei den Kurden blieb. Das Problem ist auch dieses: Woher wissen alle so exakt, was deutsch und was nichtdeutsch ist? Wieso funktioniert so reibungslos und selbstverständlich diese Selektion?

Aus der Geschichte dieses Landes ist ja bekannt, dass die Nazis Abstammungsforschungen betrieben, um eine klare Festlegung zu treffen, was "arisch", "jüdisch", "halbjüdisch", "vierteljüdisch" usw. ist. Ihre Opfer stigmatisierten ‑­
sie durch das Tragen von bestimmten Zeichen, um sie von den anderen deutlich und jederzeit zu unterscheiden.

1995 haben wir im Zusammenhang mit unserer Ochtendunger Intervention Folgendes geschrieben: Mit der Übernahme der Regierungsgewalt durch die NSDAP 1933 wurde nicht der Zustand geschaffen, dass die Deutschen von nun an gezwungen waren Verbrechen zu begehen, sondern mit der Wahl und Hingabe zum “Führer“ durften sie all das tun, was sie auch getan haben. (Aus "Texte des Zorns", S. 97). Damals wurde dieser Satz als Übertreibung abgetan. Ein Jahr später ist diese Feststellung durch Goldhagens Buch sozusagen amtlich geworden.

Damit wollen wir auf das Hinweisen, was wir damals formuliert haben: Das Problem bei euren Landsleuten ist eher, dass irgendwo zwischen Zyklon-B und Gaswagen, zwischen "Bund Deutscher Mädel", Arbeitsfront und Winterhilfswerk jeglicher humanistischer Ansatz abhandengekommen ist.

Es bleibt dabei: Ausgangspunkt jeder Betrachtung der heutigen Ereignisse ist die Erfahrung, die [die Deutschen] mit der Vernichtung der Juden gemacht haben. Es scheint so, dass das „Tausendjährige Reich“ doch stattgefunden hat – innerhalb von 12 Jahren! Diese Erfahrung war massiv, vielfältig und einzigartig. Sie hat nachhaltig ihr geschichtliches und soziales Bewusstsein geprägt. Die überlieferte Erfahrung wurde mit der aktuell erlebten und durchgeführten Praxis der volksfestartigen Pogrome bereichert" (aus „Texte des Zorns“, Nadelstiche S. 103). Dieser Handlungsmodus ist bis heute ungebrochen.

Den zweiten Schock erlitten wir – bis dahin selbst Teil der eigenen oder der hiesigen linksradikalen und -autonomen Szene –, als wir feststellen mussten, dass die angeblichen Differenzierungsmerkmale der hiesigen Linken, also Befreiung, Solidarität und militanter Widerstand gegen die herrschenden Gewaltverhältnisse usw., sich als Storys und Mythen erwiesen. Vielmehr wurde eine unverbrüchliche Freundschaft zum Volk und zur Heimat entlarvt!

Leute, die sich gestern noch den Kopf über strukturelle Gewalt zerbrachen und sie in den entlegensten und dunkelsten Ecken dieser Gesellschaft aufspürten, "verhaspelten" sich auf einmal verständnisvoll über die Tatsache, dass hier und heute ganz real und offensichtlich am helllichten Tag Menschen angegriffen, umgebracht bzw. verbrannt werden.

Leute, die früher ihre eigene Unversehrtheit gegenüber der hoch gerüsteten Polizei riskierten, indem sie Bäume umklammerten oder sich daran ketteten, um sie vor der Abholzung wegen der Startbahn-West und anderen "nationalen Projekten" zu retten, versagten auf einmal dort, wo es um konkretes Menschenleben ging.

Andere wiederum, die seit über 30 Jahren eine linksradikale Kontinuität aufwiesen und die sogar selbst Hetze und Verfolgung ausgesetzt wurden, präsentierten sich auf einmal als Vordenker der aufkommenden Pogrome und Jagd gegen "osteuropäische Arbeiter" an deutschen Baustellen. Plötzlich sprachen diese Linken wie dahergelaufene rechtsradikale Burschen von der "Jungen Freiheit". So Karl-Heinz Roth: "Es gibt einen populären Rassismus, der zunächst einmal reale gesellschaftliche Widersprüche innerhalb des Proletariats ausdrückt. Es ist ein reales Problem, wenn auf einer Großbaustelle 50 deutsche Arbeiter gefeuert werden, und eine Woche später 50 bis 70 osteuropäische Arbeiter zu einem Lohnsatz von einem ‑­Drittel und darunter eingestellt werden: Das ist ein Schock. Die arbeitslos gewordenen Leute schleichen daran vorbei und sehen, wie polnische Arbeiter zu einem Hungerlohn weiterarbeiten. Wenn es jetzt keine Klassensolidarität gibt, keine Bewegung, die klärt, was da abläuft, und die die richtigen Forderungen stellt – und die richtige Forderung ist natürlich ein Mindestlohn für die gleiche Arbeit am gleichen Arbeitsplatz, der für alle gilt – kann die elementare Frustration, die die Entlassenen erst mal haben, instrumentalisiert werden" (Karl-Heinz Roth, was tun Dokument, Konkret Verlag, S. 274).

Zwei Jahre später wird die "elementare Frustration" der deutschen Arbeiter nach der deutsch-üblichen Art artikuliert: Deutsche Bauarbeiter und ihre Gewerkschaft, die IG-Bau, umzingeln Baustellen generalstabsmäßig, wobei sie eine Menschenkette bilden, damit kein "osteuropäischer Arbeiter" den Verhaftungen der herbeigerufenen Polizei und der hastig durchgeführten Razzia entkommen kann. Sie machen sich auf die Suche nach versteckten "Klassenbrüdern" – in den Toiletten, auf dem Baugerüst, im Lager –, führen selbst die Verhaftungen durch und übergeben die verängstigten und schockierten "Billiglohnarbeiter" der deutschen Polizei. Die "linksradikale" Forderung von Karl-Heinz Roth und von der rechtsradikalen IG-Bau mit dem Motto: "Für saubere Baustellen" wurde somit auf ökologisch unbedenkliche Weise durchgesetzt. Der Mindestlohn auf deutschen Baustellen "für die gleiche Arbeit am gleichen Arbeitsplatz, der für alle gilt, unabhängig von Nationalität usw." ist verabschiedet worden. Wie verkündete neulich der IG-Bau-Vorsitzende die Siegesmeldung? "Die Bauunternehmen werden wieder heimische Arbeiter einstellen" (taz, 13.11.96). Noch ein Sieg im Klassenkampf!

Wir rätseln noch über Leute, die eine für uns undurchsichtige Verbindung zu diesem Land haben, Leute, die selbst aufgrund staatlicher Verfolgung im Exil (d.h. im Ausland, von Deutschland her betrachtet) lebten, wie sie 5 oder 10 Jahre oder sogar lebenslängliche Gefängnisstrafen riskieren, um in ihre  Heimat zurückzukommen, nach dem Motto: Lieber ein deutsches Gefängnis als gar keine Heimat.

Und damit in unserer Kritik kein Schlupfloch entsteht, wollen wir noch etwas zu den neuen "Kämpfen" gegen Castor-Transporte, gegen "Sozialabbau und Standortdebatte" etwas sagen, wo die deutsche Linke nach Kräften mitmischt. Stolz berichten heimattümelnde, hartgesottene Softies in schwarzem Baumwoll-Look und -manier mit buchhalterischer Akribie über ihre militanten Erfolge: "Wir haben in den frühen Morgenstunden des 7.10.96 den Bahnverkehr im gesamten Bundesgebiet lahmgelegt. Hakenkrallen wurden an insgesamt 13 Stellen in die Oberleitungen gehängt:

4 bei Stuttgart
1 bei Bremen
1 in Nordhessen
5 um Berlin
1 bei Göttingen
1 zwischen Hannover und Celle".

Mit unverhüllter Bewunderung biedern sie sich wieder an die rassistische bäuerliche Bevölkerung an. "10.000 Störenfriede im Wendland, schwänzende Schülerinnen, staatsverdrossene Rentnerinnen, eine aufmüpfige Bauernschaft und zum Demontieren von Gleisanlagen aufrufende Hausfrauen" (aus Interim, Nr. 392).
Wie sagte einer dieser aufmüpfigen Bauern in einem Fernsehbericht? "Was hier abgeht – gemeint ist der Polizeieinsatz – erinnert mich an die Bombardierung ‑­
unserer Heimat im Krieg. Die Bilder von heute ähneln den zerstörten Brücken und Häusern von damals".

Na dann, viel Spaß mit eurem revolutionären Subjekt!

Cafe Morgenland, 30.11.1996, Frankfurt.

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