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Bevor wir mit dem Beitrag beginnen, ist es zwingend erforderlich auf die
Problematik die damit zusammenhängt hinzuweisen: Uns ist bewusst, dass diese
Beitrag bzw. Teile davon in jede denkbare und undenkbare Variante von den
deutschen Linke als Entlastungszeugnis benutzt wird, um die These von der
allgemeingültigen (ob deutsch oder nicht-deutsch) vorhandenen Antisemitismus zu
bekräftigen, um den in Deutschland gezüchteten und nach unsere Auffassung
Nichteliminierten eliminatorischen Antisemitismus zu relativieren usw. Wir haben
lange überlegt ob wir diesen Diskurs in Deutschland unter den Migrantlnnen
leisten können. Der vorliegender Text ist (mit Ausnahme einige aktuelle
Ergänzungen) über 1 Jahr alt. Nachdem zusätzliche Ereignisse dazu gekommen sind,
haben wir entschieden die Veröffentlichung doch vorzunehmen. Wenn wir schon den
Anspruch erheben "Rücksichtslos" zu sein, dann ist es nur folgerichtig
entsprechend zu handeln. Wir geben zu, dass unsere Zurückhaltung u.a. darauf
zurückzuführen ist, dass wir das Ausmaß der Germanisierungstendenzen innerhalb
der Migrantlnnen unterschätzt haben. Der Multikulturelle Volksfront am 24. März
in der A6 hat uns was Besseres gelernt.
Antisemitismus unter den Migrantlnnen
Wie wäre es anders zu erwarten? Man/Frau kann ohne Scham gleichzeitig
Antirassistlnn und Antisemitlnn sein. Die Grobheit des Phänomens deckt kaum
seine Ungeheuerlichkeit. Hier in Deutschland, wo der Rassismus grassiert und wo
sich eine besondere Tradition in der "Lösung" dieser "Frage" bis heute verfolgen
lässt, stößt man auf die seltsame Koexistenz zweier verwandte, jedoch
antithetischen Phänomene.
Sich zum Antirassistlnnen und Anti-Antisemitlnnen zu erklären, gehört zum
kulturellen Code der heutigen Gesellschaft. Es gehört zum Bestandteil der herbei
geredeten "Zivilgesellschaft". Eine grobe Analyse lässt erkennen, dass heute die
Front zwischen Philosemiten und Antisemiten (beide gefährlich für Juden),
zwischen Ausländerfreunden und Ausländerfeinden (beide gefährlich für
Migrantlnnen und für Juden) verläuft. Diese Unterschiede lassen sich noch mehr
verfeinern: es gibt diejenige, die Migrantlnnen mögen aber antisemitisch drauf
sind und diejenige die Philosemitisch aber ausländerfeindlich sind usw. Und es
gibt Migrantlnnen, die sich eifrig bemühen deutscher als die Deutschen zu sein
und andere Migrantlnnen (Flüchtlinge und vor allem Roma) aus Deutschland und aus
der eigenen Wohngegend raus haben wollen. So geschah es in Gallus (Frankfurter
Stadtteil), als unter einem rassistisches Pamphlet, initiiert von deutschen
AnwohnerInnen auch Migrantlnnen ihren Unterschrift darunter setzten.
Wir vermögen zuerst das Spiel bei der ersten und gröbsten Form zu lassen. Der
vorhin genannte kulturelle Code lässt sich in allen politischen und
gesellschaftlichen Sphären beobachten. Insbesondere in der Theorie bekennen sich
die so genannten Linken oder fortschrittlichen Kreisen - wie es immer wieder in
Linksjargon heißt - zu Antirassismus und Anti-Antisemitismus und pflegen es,
sich in diesem Sinne immer wieder betont zu artikulieren. Zwischen
Unterstellungen und Schlechten-Gewissen-Schaffen, verfügen sie hier über
ausreichende Mittel, ihren Gegnern den Mund zuzumachen. Dies erfolgt vor allem
dank der Theorie. Jedoch in der Praxis und im alltäglichen politischen Diskurs
und Handeln sieht die Realität ganz anders aus. Wir möchten die Mehrheit der
Linksdenkenden Migrantlnnen zu diesen Kreisen zählen.
Migrantlnnen: Antirassistlnnen und AntisemitInnen? Wie geht so was?
Migrantlnnen, die sich hier als welche vom Rassismus Betroffenen bezeichnen,
greifen zur geschichtlichen und antirassistischen Argumentation, um gegen ihren
Gegner vorzugehen. Rassismus ist jedoch unter Migrantlnnen vorhanden und sogar
leicht nachweisbar. Je nach Herkunft und Hautfarbe werden genau die Grenzen
weiter gezogen, die von den Deutschen bereits vorgegeben wurden. Und sie fallen
immer wieder auf fruchtbaren Boden.
Diese rassistische Einstellung lässt sich deutlich von globalem Nationalismus
oder Klassenbewusstsein unterscheiden. Um in den Augen der Deutschen ein
bisschen mehr Achtung bekommen zu können, kämpft jeder um die Stelle der eigenen
Kultur innerhalb der Kulturhierarchisierung, die von den Deutschen immer wieder
gefördert wird.
In den verschiedenen Migrantlnnen-(Trachten) Vereine findet seit Jahren eine
intensive Pflege der "eigene Kultur" (was auch das sein mag), die immer mehr die
Vorstellungen und Klischees des deutschen Bedarfs als die Tradition der Länder
aus der sie kommen entspricht. Griechen tanzen Sirtaki und essen Souvlaki,
Spanier tanzen Flamengo und essen Paella usw. Auch wenn all das in den
Herkunftsländer längst überholt ist, wird hier auf vielfältiger weise dran
festgehalten, durch den deutschen Staat finanziell gefördert und durch dem
ausländerfreundlichen Publikum mit Begeisterung angenommen. Infolge dessen
gehört auch bei den linksradikalen Gruppen/Vereine die o.g. Klischeepflege zum
Standardrepertoir, natürlich verpackt als "internationale Solidarität",
"gemeinsamer Kampf" usw.
Wir meinen, dass diese selektive und eingeengte Wahrnehmung unsere Existenz hier
und heute ein reaktionäres, kulturalistisches und kulinarisches rassistisches
Gebilde fördert. Anstatt dies zu bekämpfen bzw. zumindest in Frage zu stellen
was für ein Scheiß da abläuft, wird eifrig mitgemacht.
Die unter sich, um deutsche Gunst und Aufmerksamkeit rivalisierenden
Migrantlnnen, können einfach nie genug davon haben, mit dem Finger auf ihre
eigenen Ressentiments und Vorurteile gegenüber andere zu zeigen.
So werden Schwarzafrikanerlnnen, Roma und Sinti, Inderlnnen, Afghanerlnnen,
Pakistani und Marokkanerlnnen auf die untersten Stufen der
lntermigrantenhierarchie von anderen Migrantlnnen verwiesen und dort gehalten.
Die politische Bevormundung findet hier im Kleinen genauso statt wie sie es von
Deutschen im Großen auf eigenem Leib erfahren haben. Immer wieder wird in ihrem
Namen gesprochen und gehandelt; dabei aber lässt man/frau sie kaum zu Wort
kommen.
Gegen Rassismus und Diskriminierung sind sie alle. Und viele verstehen sich als
Antifaschistlnnen. Das Erschreckende dabei ist, dass während sie
Anti-Antisemitismus gelegentlich einsetzen, um ihre politische Argumentation zu
verschärfen, sie andererseits in der Lage sind - und dies nicht selten -
antisemitische Vorurteile auszusprechen. Dabei meinen sie - und schätzen sich
als sogar sehr mutig ein, dass man/frau Tabus brechen muss, und die Wahrheit
über "die reichen Juden" oder "das jüdische Lobby" endlich mal auszusprechen.
Ist der deutsche Mob sozialrevolutionär?
Zwischen Antirassismusgeschäft, Blindheit, Dummheit, Masochismus und vielen
anderen derartigen richtungweisenden Selbstgefälligkeiten verfahrend, wollen
sogar manche Migrantlnnen, den Rechtsradikalismus und den Pogrommachende Mob als
Aspekte einer sozialen Protestes verstehen, der gegen seine Missstände sich
auflehnt.
Nicht die eigene Erfahrung und der Alltag im Land der Deutschen sind dabei der
entscheidende Maßstab sondern der Partei/Organisationsprogramm, die Ideologie
und irgendwelcher -ismus. Manche gehen gar ein Schritt weiter: Was den Mob nur
fehlt ist die richtige Therapie, die gelegentlich organisiert wird, um aus den
"irregeleiteten" Jugendlichen "zivilisierte" Bürgerlnnen zu machen, in der
Hoffnung, dadurch die eigene Killer zur zähmen. So wurde in diesem Kontext, eine
Türkeireise deutsche Neonazis durch das türkische Volkshaus in Lübeck (immer
wieder Lübeck) organisiert, allerdings ohne das gewünschte Ergebnis: Nach der
Reise erklärten die Frischtherapierten vor der Kamera, dass sie nach wie vor
Ausländer nicht ausstehen können (was anderes wäre ja unglaubhaft).
Diese Neigung zum psychologischen Verständnis, das sie den deutschen Killer
entgegenbringen, könnte mit ihrer antrainierten Rolle als Therapeutlnnen und
Unterhalterlnnen der deutschen affektiven Lebensmisere in Zusammenhang gebracht
werden.
Antizionismus und Antisemitismus unter Migrantlnnen
Wir führen es aber auch auf ihre eigene Position, was Judentum und die Juden
anbetrifft, zurück. Heißen sie es nicht gerechtfertigt, wenn die "reichen Juden"
angegriffen werden? Dass meistens lgnatz Bubis als Beispiel dafür genannt wird,
haben sie schon von den deutschen linken übernommen - Wir sagten schon, dass in
Deutschland, außer der Menschlichkeit nichts verloren geht!
Ihrer Auffassung nach, konnten nur "die reichen Juden" dank ihrem Vermögen
fliehen und somit die Vernichtung überleben, wobei sie "die armen Juden"
ausrotten ließen. Dabei ist anzumerken, dass nur an diesem Punkt, nur in dieser
Geschichte, "die arme Juden" entdeckt werden, die sonst Nirgends zu sehen sind
oder von denen nie die Rede ist. Dass den Überlebenden der Shoah vorgeworfen
wird, sie könnten überleben, weil sie reich waren und damit eine weitere
Ausbeutung der Ermordeten vollzogen hätten, zeigt die tiefe Verwurzelung des
Antisemitismus und die gewaltige Verkennung des Vorgangs der Judenvernichtung
durch die Deutschen.
Dass die hiesigen deklassierten (d.h. die "armen Deutschen") ihren rassistisches
Verhalten offen artikulieren und in der Tat umsetzten, gilt bei fast allen
Linken Migrantlnnen als ökonomisch erklärbarer Phänomen und stellt keine
besonders unverständliche Sache dar. Meistens wird darin die antikapitalistische
Tendenz gar erkannt.
Demzufolge erklärte uns ein linker Migrant in klassische antikapitalistische
Manier (gegen die Reichen), als wir ihm in April 1994 fragten, ob er dazu bereit
wäre, sich mit uns zusammen zu tun, um eine von Neonazis angekündigte Mahnwache
vor dem Haus von Bubis "aufzulösen":" Ich stelle mich doch nicht vor Bubis'
Haus, um ihn gegen Neonazis zu verteidigen".
Diese Art von Argumentation war uns nicht neu. Sie ist eine der typischsten
antisemitischen Äußerungen, die es seit jeher bei den Linken zu hören gibt.
Rassismus wird mit Klassenkampfideologie verbunden. Die Linken, auch die
MigrantlnnenLinke haben die religiösen Vorurteile in Klassenvorurteile
umgewandelt und mit deutlichen antisemitischen Komponenten vermengt.
Aber auch die Umkehrung des Antisemitismus (Philosemitismus genannt) richtet
sich gegen Juden: So wurde in Hamburg bei einer Veranstaltung zum Lübecker
Brandanschlag, wo das Grußwort auf einem Transparent "Willkommen ins Vierte
Reich" lautete, lgnatz Bubis von anwesenden Migrantlnnen als "Anwalt der Mörder"
beschimpft, weil er nicht die Position eingenommen hatte - wie es sich für einen
"richtigen Juden" gehört - die unsere Position auch war (dass es sich um einen
rassistischen Brandanschlag handelte). Und auf einmal war die Enttäuschung da:
wie könnte es sein, dass ein Jude, ehemaliger Verfolgter, nicht immer und
überall "das richtige" tut und sagt.
Der Philosemitismus richtet höchste Ansprüche an Juden, eben auf Grund ihrer
Leidensgeschichte. In den Augen der Philosemiten, soll ein Jude all die
moralische Ansprüche entsprechen bzw. all das leisten, was kein Mensch je
leisten kann. Die Last der Erinnerung an erlittenes Leiden scheint nicht
ausreichend genug zu sein. Sie müssen auch die Last der "moralische" Ansprüche,
die Philosemitlnnen aufzutragen versuchen mit tragen.
Dass Antizionismus als Deckmantel für Antisemitismus dient, ist bekannt. Dass
die selbsternannten Antizionistlnnen, nicht selten die "Juden in der ganzen
Welt" angreifen, ist auch kein Geheimnis.
Die Vernetzungen unter den jüdischen Gemeinden und die vielfältigen Kontakte,
die mit der in der Diaspora herrschenden Lebensbedingungen zusammenhängen,
wurden schon immer und werden noch von den Antisemitlnnen als
"Weltverschwörungsorganisationsnetz" unter verschiedenen Formen phantasiert. Und
dies besonders seit der Entstehung des Staates Israel. Migrantlnnen erwähnen es
nicht selten. Palästinenserlnnen, die schwer unter der Besatzung ihres Landes
durch die Israelis leiden, weigern sich an die Realität der Shoah zu glauben.
Erst nachdem sie in Deutschland angekommen sind lernen sie diesen Völkermord als
wahr zu betrachten. Viele bewunderten bis dahin die Deutschen.
Gleichzeitig konnte ihnen die rassistische Alltagsrealität nicht entgehen, zu
deren Opfer sie selbst gehören.
Es zeigt auch die Verkennung des Antisemitismus im eigenen Land und im eigenen
Kopf und überhaupt die Verweigerung der Analyse des Phänomens per se. Die
Geschichte des Antisemitismus weist die Besonderheit der Verfolgung der
jüdischen Minderheiten, wo auch immer sie gelebt haben, auf. Dies wollen die
militanten Linke weiterhin ignorieren: es gibt auch gute Gründe dafür: Sie
haben, so wie der iranische in Exil lebende Philosoph Danush Shayegan es so
prägnant ausdruckt, "einen verstümmelten Blick".
Den Antisemitismus in den eigenen Köpfen und Ländern haben sie nie in Frage
gestellt oder sogar als solcher wahrnehmen wollen. Sie finden es normal, und
wenn nicht dann zumindest gerechtfertigt: Sie sind auch Teil dieser
Betrachtungs- und Verhaltensweise. Dafür haben sie ein schönes Passwort
gefunden: Klassenkampf. Darauf verwies schon die Geschichtsschreibung ihrer
marxistische Perspektive: Mit den Worten Faschismus und Klassenkampf als
wunderbare Schlüssel der Geschichte wurde alles erklärt und entsprechend
verschwiegen.
Bei der linken Bewegungen der so genannten "Dritten-Welt-Länder" haben sich
schon seit lange Marxismus und Antisemitismus miteinander arrangiert.
Die "reichen Juden" in Iran, Nordafrika, Türkei und anderswo, sind die
Nachkommen dieses Volkes, das auch schon dort verfolgt wurde und dessen legaler
Status in Islam die "Dhimma" heißt. Dort haben sich Pogrome nicht selten
ereignet.
Aber auch in Europa, um nicht so weit zu gehen das gleiche: In Griechenland z.B.
wurden 95% der dort lebenden JudInnen deportiert und vernichtet. Die griechische
Linke aller Couleur ist stolz auf die damalige Partisanen-Armee (ELAS). Wo waren
die griechische Partisanlnnen als die Deportationen begannen und die Züge von
Saloniki aus, überfüllt mit Menschen nach Auschwitz, Dachau und andere Orten des
Grauens fuhren? Warum wird bis heute dieses dunkle Kapitel des griechischen
Widerstandes verschwiegen? Zumal die Schlagkraft der PartisanInnen vieles zu
Rettung de griechische JudInnen erreichen konnte? Stadt dessen wurden die
Deportationen in der damalige illegale Presse mit absolutem Schweigen versehen.
Als ob es nichts geschah!
Hat sich jemals die Nichtdeutsche Linke für die Geschichte der Juden in ihrem
eigenen Land interessiert? Wenn nicht, warum? Warum haben sie nie ein Buch zum
Thema aufgeschlagen, und wenn es noch kein Buch in ihrer Sprache darüber gibt,
warum nicht darüber bzw. dagegen selbst etwas geschrieben? Warum fingen sie erst
an - wenn überhaupt, als sie nach Deutschland kamen? Was haben sie vorher von
der Shoah gewusst? Und vergleichsweise, was wussten sie über Deutschland bevor
sie zu diesem Land kamen?
Sie übernahmen den Antisemitismus als eine selbstverständliche Sache, die man
mit allem mischen kann. Geradezu praktisch. Wir sprechen nicht selten über die
Minderheiten mit diesen Linken: es läuft sehr gut so lange das Wort Jude nicht
ins Gespräch gefallen ist:
Danach verhärten sich die Gesichter und einer fängt sofort an über Israels
Politik in den besetzten Gebieten zu sprechen. Die übelsten Äußerungen folgen
nicht selten darauf. Viele fügen hinzu, dass die Juden in ihrem Land sehr
"reiche" und "geschickte" Geschäftsleute seien. Sehr einleuchtend über die
hergestellten angeblichen Zusammenhänge.
Die Sache sieht aber anders aus, wenn dieselben Leute, spricht die linke
Migrantlnnen, mit Deutschen zu tun haben. Entweder werden sie von den
Besserwissenten Deutschen über Antisemitismus und vielen anderen Sachen
"aufgeklärt" oder können sie den Deutschen ihre deutsche rassistische
Vergangenheit und damit Gegenwart nachweisen. Ein bemerkenswerte Phänomen tritt
dabei auf: Sie verlieren kaum ein Wort über die Vernichtung von den Sinti und
Roma und anderen "unwerte". Die ignorieren sie bestenfalls. Es geht ihnen nur um
die imposante Zahl von 6 Millionen Toten Juden. Das macht mehr Eindruck als die
halbe Million ermordete Roma. Mit anderen Wort: Es geht nicht um die Menschen
die hinter diese Zahl standen. Nicht um das was passiert ist, wie es passiert
ist, welche waren die Opfer und warum usw. Die Vernichtung der europäischen
Judlnnen wird somit funktionalisiert, sie wird als Argumentationsverstärker
benutzt.
In der Situation fühlen sie sich sehr stark. Diese Funktionalisierung der Shoah
beschränkt sich aber nicht hier: bei jede Gelegenheit die sich ergibt werden
sorg- und Gesichtslos Vergleiche mit der eigene Leidesgeschichte bzw. andere
Verfolgungsgeschichte angestellt: Shoah = Armeniervernichtung, lndianermassaker
= Judenvernichtung usw. Der Schriftsteller Jean Amery, Überlebender der Shoah
schrieb in "Ressentiments" bereits 1966: "Was 1933 bis 1945 in Deutschland
geschah, so wird man lernen und sagen, hatte sich unter ähnlichen
Voraussetzungen überall ereignen können - und wird nicht weiter insistieren auf
die Bagatelle, dass es sich eben gerade in Deutschland ereignet hat und nicht
anderswo...
Aber die solcherart vollzogenen Ermordung von Millionen wird als bedauerlich,
doch keineswegs einzigartig zu sehen kommen neben der mörderischen Austreibung
der Armenier durch die Türken oder der schändlichen Gewaltakten der
Kolonialfranzosen. Alles wird untergehen in einem summarischen "Jahrhundert der
Barbarei".
Als die wirklich Unbelehrbaren, Unversöhnlichen, als die geschichtsfeindlichen
Reaktionäre im genauen Wortverstande werden wir dastehen, die Opfer, und als
Betriebspanne wird schließlich erscheinen, dass immerhin manche von uns
überlebten."
Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte, die so lebendig bis in unsere Tage
hinein ist findet kaum Aufmerksamkeit. Sie wird bestenfalls ignoriert oder bis
zu Unkenntlichkeit abstrahiert. Denn es würde von ihnen verlangen, dass sie sich
tiefer mit der deutschen und der jüdischen Geschichte, insbesondere mit der
Shoah beschäftigen, und damit wäre auch ihre Kapitalismus- bzw.
lmperialismustheorie etwas destabilisiert. Dazu haben unsere großen
Revolutionärlnnen weder Zeit noch Lust. Sie haben - ihre Vulgärmarxismus sei
bedankt - ein wunderbares Erklärungsmuster für alles gefunden.
Dass die jüdische Minderheit als "unassimilierbar" gilt, ist kein besonderes
deutsches Urteil. Ein solches Urteil gibt es in allen Ländern und zeugt von dem
latenten oder offenen Antisemitismus. Manche Migrantlnnen überspringen locker
die Widersprüche. Um wieder die Juden als "Drahtzieher" und "schuldige" benennen
zu können, weilen sie ihnen vor, sie hätten den Kontakt zur eigenen Identität
verloren und seien Deutsche geworden. Was diese Leute überhaupt über die
"jüdische Identität" wissen, ist mehr als fragwürdig. Sie werfen den Juden vor,
Juden in Israel und Deutsche in Deutschland zu sein. Durch Ignorieren der
durchaus in jüdischen Gemeinden sehr unterschiedlichen realen Zustände und
Denkweisen, schaffen sie es immer wieder "Juden" im Mittelpunkt der Zielscheibe
zu stellen: hier seien sie schuld an ihrer eigenen Verfolgung, dort Täter und
Verfolger. Den Menschen in den "Juden" zu sehen, weigern sie sich.
Was Migrantlnnen von Deutschen lernen könnten
Die Frage, die uns immer wieder einfällt ist: "Wie kommt es, dass Deutschland,
trotz seiner scheußlichen Taten, es immer noch schafft, als ein der
"Zivilisiertesten" Länder der Welt von "Nichtdeutsche" im Inland und im Ausland
angesehen zu werden? Es ist mehr als wirtschaftliche Macht, die dieses Bild
eines demokratischen und "hochkultivierten" Landes durchsetzen konnte. Das gute
Deutschland hat vor allem Geld gekostet aber keine moralische bzw. humanistische
Anstrengung. Und dies ist eine unbezahlbare Qualität. "Deutsch für Ausländer"
bedeutet inzwischen das Verständnis dafür zu bringen (und vor allem
nachzumachen), dass das Wort "deutsch" kein Adjektiv sondern ein Werb darstellt.
Mit der entsprechende Dynamik wie Werben halt sind. Ein Selbstläufer: Ich
deutsche, Du deutscht, Er/Sie deutscht. Wir deutschen, ihr deutscht, Sie
deutschen. Es ist zwar anstrengend und stressig immer wieder zu deutschen aber
es geht. Und bringt die ersehnte Anerkennung.
Rassismus und Antisemitismus existieren in der ganzen Welt. Vor 1933 gewiss gab
es eine
Tradition, eine Geschichte der Verfolgung in Deutschland. Aber Deutschland war
nicht das
Land in dem Antisemitismus und Rassismus am stärksten existierten. Die deutsche
Anomalie liegt (neben der Züchtung des eliminatorischen Antisemitismus), dass,
was auch
immer sich das deutsche Kollektiv vornimmt um "sich zu retten", keine
Rettungsmöglichkeit für die Opfer dieses Kollektivs gibt.
Denn in anderen Länder ging und geht oft etwas schief, wenn "das Volk" so was
macht:
man streitet, tauscht aus, lässt sich korrumpieren, wird bestechlich, wechselt
die Seite usw. Das deutsche Kollektiv aber, das deutsche Kollektiv schafft es
tadellos. Ohne Abstriche. Zwar gibt es "unangenehme Aufgaben", die in Kauf
genommen werden müssen. Aber es klappt. Liegt es an die technische Präzision, an
die pflichtbewusste Gründlichkeit (alles oder Nichts) oder an die tief
eingewurzelte Erarbeiten der Kriterien des "Selektionsideals"? Am Gehorsam? An
das Bewusstsein des Kollektivs eben ein Kollektiv zu sein (alle oder keiner)?
Das wissen wir nicht. Jede Antwort würde scheitern angesichts der Einmaligkeit
deren Verbrechen. Eins jedoch bleibt sicher: Die Deutschen haben mittlerweile
richtige Übung im Vernichten bekommen. Hier gibt es sorgfältig gesammelte
Erfahrung und Methoden. Die Perfektion, die sie darin erreicht haben, gilt für
viele Technikliebhaber und Judenhasser als bewundernswerte Tatsache.
Und genau hier ist der Punkt wo wir meinen, dass diese Unterschiede uns zu der
Annahme führen, dass die Forcierung eine Auseinandersetzung bezüglich des
Antisemitismus unter den Migrantlnnen wichtig, bitternotwendig und vor allem
möglich ist.
Die hier aufgeführte Kritik und Fragen dürfen nicht als Besserwisserei oder gar
als "Zeigefinger-Geste" verstanden werden. Sie spiegeln mehr oder weniger unsere
eigene Entwicklung wieder, sie stellen die Fragen dar mit der wir uns
Auseinadersetzten und weiterhin auseinandersetzen
Eins haben wir dabei gelernt: Die Feinde dieser völkischen Gesellschaftsordnung
können niemals deutsch sein in Deutschland!
Cafè Morgenland, 05.05.97 Frankfurt/M.
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