Café Morgenland

Der Sieg der Deutschen über die »Asylanten«- und Wasserflut
in Leipzig und an der Oder

(Beitrag der MigrantInnengruppe Café Morgenland auf der Veranstaltung am 19. September 1997 in Leipzig anläßlich des Prozeßbeginns gegen die rassistischen Mörder von Achmed Bachir - erstochen am 23. Oktober 1996 in Leipzig)

Der erste Deich brach bereits 1989. Er hieß allerdings damals, nach dem ortsüblichen Sprachgebrauch „antifaschistischer SchutzwalI“. Den enormen Druck, der durch Stasi, SED und FDGB-Ferienhäuser 40 Jahre lang zur Konservierung der Gefühle – eine Mischung aus Datschamief und Gasgeruch – führte, konnte dieser Deich nicht mehr aushalten. Eine Flut von 17 Millionen Bananen- und Video-Flüchtlingen (früher Republik-Flüchtlinge genannt) strömte in die westlichen Kaufhäuser und bildete Schlangen vor den Finanzinstituten, um die Begrüßungsgelder zu bekommen. Später wurde dies zum Dauerzustand, nur der Begriff wurde in „Solidaritätszuschlag“ umgetauft. Sie grölten etwas von „wir sind das Volk“ und andere Schlachtrufe zur Bildung von völkischen Kollektiven.
Sie machten dem Marxismus, den sie jahrelang in der Schule büffeln mußten, und insbesondere den Teil über den mystischen und fetischen Charakter des Geldes alle Ehre, indem sie einer Geldwährung, der D-Mark, magische Anziehungs- und Wunderkräfte zuschrieben bzw. als Erpressungsmittel einsetzten: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehen wir zu ihr“.
Und als die D-Mark kam, spielten sich auf den Straßen die ekelhaftesten Szenen ab: besoffen oder betroffen, küßten sie die Scheine, klebten sie auf ihre Gesichter, streichelten damit ihre Genitalien. So entstand der Begriff Scheinossilanden: Später wurde dieses Verhalten auf die Flüchtlinge projektiert und als Beschimpfung durch eine Änderung des Buchstabens „O“ auf „A = Ausländer“ ersetzt und benutzt.
Die Gewinnerlnnen der leichten Beute – die fast so leicht war wie damals die österreichische Beute auf dem Heldenplatz in Wien (dort wurde Hitler von hunderttausenden Wienerlnnen als Befreier bejubelt) – schauten stolz dem Rummel zu oder machten gar mit; der D-Mark- Patriotismus der Wessis erreichte eine Exclusiv-Bestätigung.
Sie empfingen ihre Brüder und Schwestern so wie zwei rivalisierende Banden, die sich nach jahrelangem Krieg auf die Revieraufteilung einigen, aber trotzdem kein gegenseitiges Vertrauen haben. Die Umarmungen wurden stets mit einem schrägen Blick auf das Schnäppchen für die einen und auf das Portemonnaie für die anderen vollzogen. Bindendes Band war und ist die nationale Zugehörigkeit und ganz konkret die Vergangenheit der Vorfahren, der „willigen Vollstrecker“. Bis die vermeintlichen Gewinnerlnnen entdeckten, daß es besser wäre, das Land ohne den Inhalt zu bekommen und bis die Neuankömmlinge im Reich merkten, nach bewährter Manier, daß sie „wieder mal betrogen wurden“.

So wurde der gerade für tot erklärte Ost-West-Konflikt unter anderen Vorzeichen neubelebt. Aus dem Abschiedsbrief des PDS-Abgeordneten Gerhard Riege (Ost) – er beging 1992 Selbstmord – über die Siegerlnnen (West): „Sie werden den Sieg voll über uns auskosten. Nur die vollständige Hinrichtung ihres Gegners gestattet es ihnen, die Geschichte umzuschreiben und von allen braunen und schwarzen Flecken zu reinigen.“ Wolfgang Pohrt (West) beschreibt seine Landsleute (Ost) in einem Beitrag folgendermaßen:
„Im Ostblock die reichsten zu sein, war ihnen nicht genug. Das zeigt sich jetzt, wo sie die Einheit und die Demokratie besitzen, aber noch nicht unser ganzes Geld. Wenn wir es nicht hergeben, drohen sie uns mit sozialen Explosionen...
Daß ihr Rassismus hochkonzentrierte ordinäre Schäbigkeit ist, geben sie selber zu, andere zu verfolgen, halten sie nämlich unter Verweis auf die angeblich eigene schwierige Lage für ihr Recht... Auf die Idee, daß auch mal Ossi-Busse im Westen brennen könnten, solche mit Pendlern aus Rostock beispielsweise, die den Hamburgern die Arbeitsplätze nehmen, kommen diese sonderbaren Menschen mit dem abgeschalteten moralischen Empfinden nicht. Unerbittlich und erbarmungslos sind sie gegen Arme, aber von den Reicheren erwarten sie Mitleid und Mildtätigkeit. Grausamkeit und Weinerlichkeit sind jeweils separat schon ekelhaft, in der ossi-typischen Mischung aber bilden sie gemeinsam ein Brechmittel von besonderer Wirkungskraft.
Selber haben die Ossis sich unter Vortäuschung ideeller Beweggründe bei uns eingeschlichen, nicht aus Not, sondern wegen des erhofften materiellen Vorteils.
Treffen sie aber einen Elendsflüchtling, fallen sie über den Bedürftigen her und beschimpfen ihn als Scheinasylanten, wo sie doch selber Wirtschaftsflüchtlinge im unangenehmsten Sinn des Wortes sind. Weil wir reicher sind als sie, kommen sie uns auf die soziale Tour: teilen ist ein Gebot unter Christenmenschen, geben ist seliger denn nehmen. Bittet ein Ärmerer als sie ums Nötigste, darf er froh sein, wenn sie ihn nicht töten. Müssen vor ihrer Haustür Asylbewerber nachts unter freiem Himmel schlafen, fühlen die Ossis weder Mitleid noch Empörung darüber, daß den armen Menschen keiner hilft, sondern sie fühlen sich belästigt. Nicht die Not, sondern die Notleidenden wollen sie beseitigt wissen. Unentwegt fordern sie für sich selber Solidarität, ohne sie anderen jemals zu gewähren. Als sie nach der Maueröffnung in den Westen durften, klauten sie dort wie die Raben, lauter Krimskrams, den sie gar nicht nötig hatten. Nimmt bei ihnen sich ein armer Teufel von noch weiter östlich, was er dringend braucht, aber nicht bezahlen kann, möchten sie ihn am liebsten lynchen. Jeder weiß, daß in der Zone Zehntausende auf unsere Kosten den Staat beim Begrüßungsgeld betrogen und ihn immer noch beim Arbeitslosengeld, bei der Arbeitslosenhilfe und bei der Sozialhilfe betrügen. Kriegt aber ein armer Schlucker aus Rumänien vom Staat, den WIR bezahlen, gerade soviel, daß er nicht verhungert, toben SIE und beschweren sich, daß IHR gutes Geld verschleudert werde. Offensichtlich glauben sie, daß ihnen eigentlich alles gehören müßte und wir mit ihrem Geld gefälligst sparsam umzugehen hätten.
An die Ausländer, sagen sie, würden sie sich erst ganz langsam gewöhnen müssen. Daß aber wir von ihrer unerfreulichen, nimmersatten, raffgierigen Sorte gleich 17 Millionen auf einen Schlag verkraften mußten, halten sie für unsere Pflicht. Nicht nur, daß sie stets zu feige waren, gegen das von ihnen angeblich ungeliebte Regime zu protestieren, als der Protest noch soviel Mut gekostet hätte, wie man braucht, um den Verzicht auf Beförderung und Bevorzugung zu riskieren – den Verzicht auf die Zuweisung einer der begehrten Wohnungen im Neubauviertel etwa, wo heute die widerlichsten Rassisten sippenweise nisten – sondern in typischer Radfahrermanier treten die ewigen Mitläufer wieder nur die Schwachen. Statt sich mit den Gleichartigen anderer Nationalität eine faire Prügelei zu liefern, wenn ihnen schon nach Prügeln und Nationalitätenkrieg zumute ist, überfallen Horden glatzköpfiger Klopse die Familien in Asylbewerberheimen, weder Frauen noch Kinder schonen sie dabei. Die Gesichter dieser Helden kann man, wenn man’s aushält, lange betrachten, und findet doch keinen menschlichen Zug darin. Abstoßend häßlich sind sie und in der Häßlichkeit einander zum Verwechseln ähnlich.“ (Aus harte Zeiten, Rassismus für den gehobenen Bedarf, 1993). So weit Wolfgang Pohrt.
Interessanterweise wurden all die hier beschriebenen Eigenschaften auf Migrantlnnen und Flüchtlinge projektiert und entsprechend gehandelt: mit Ausländerlnnenjagd und Pogromen. Das Problem dabei war und ist, daß der Ausländerlnnenanteil im Osten gerade 1% der Bevölkerung ausmacht. D.h., um sie anzugreifen, mußten sie erstmal ausfindig gemacht werden; wie die Spürhunde ihre Beute.
So makaber es klingt: auch damals betrug der Jüdlnnenanteil 1%. Somit konnte die historische Erfahrung wieder dienlich für die Suchaktionen sein. Weil aber diesmal die Regierenden (aus welchen Gründen auch immer) die Jagd nicht organisierten, handelten sie auf eigene Rechnung. So entstand die Situation, daß die Wahrscheinlichkeit, daß ein Flüchtling bzw. Migrant/Migrantin im Osten angegriffen wird, 20 mal höher ist als im Westen. Grund dafür ist nicht, daß die Wessis „harmlosere“ Rassistlnnen sind, sondem, daß die Westdeutschen sich weniger trauen (da im Westen viel mehr und seit längerer Zeit Migrantlnnen leben und sich zu wehren wissen) das Niveau Ihrer Ost-Verwandschaft zu erreichen...
Nach diesem ersten großen Deichbruch wurden – in umgekehrter Richtung – Konsequenzen gezogen. Neue rassistische Deiche, gegossen in Gesetze und gestärkt durch den Bundesgrenzschutz entstanden.
Die Verstärkung des Heimrechts (=Abschaffung des Asylrechts), die Verstärkung der Grenzen incl. Grenzschutz gegen die gefährliche Asylantenflut, die Errichtung rassistischer Barrieren im Landesinneren gegen „kriminelle Ausländer“ usw. hat seit dem Hochkonjunktur. Jeder Mord, jeder Angriff auf Migrantlnnen und Flüchtlinge, jedes faschistoide und rassistische Gesetz ist ein Sandsack mehr zur Verstärkung der rassistischen Deiche am Rande und im Innern Deutschlands.
Der Mord an Achmed Bachir steht in diesem unmittelbaren Zusammenhang. Es ist die Voraussetzung für das Deutschwerden der Einheimischen (nach dem Motto: geboren als Mensch, entwickelt zum Deutschen, geformt zum Vollstrecker) . Spätestens an der Stelle – wenn man es geduldig bis hierher ausgehalten hat – kommt erwartungsgemäß Widerspruch auf, „ihr seid zu pauschal, es sind doch nicht alle so, viele sind dagegen“. Ja, auf den ersten Blick stimmt es. Bei genauerer Betrachtung allerdings kommt ein ungutes Magengefühl hoch: Gleich nach der Tat, also nach der Ermordung von Achmed Bachir, sind viele Proteste gelaufen, große Betroffenheit wurde artikuliert, ist viel darüber berichtet worden. Viele davon lesen sich wie eine Argumentationshilfe, wann und wie Flüchtlinge zusammengeschlagen und ermordet werden dürfen. Einige Beispiele:
Es wird immer wieder betont, daß es sich um einen „beliebten“ Gemüseladen handelte: „Auch zahlreiche Kunden des beliebten „Frupa“-Ladens verharrten im stillen Gedenken“ (LVZ, 25.10.96). Oder es wird der Freundlichkeits- und Nützlichkeitsaspekt von Achim Bachir hervorgehoben: „Der Lehrer K. Müller kannte als Kunde den freundlichen Syrer: ‘Er hat meiner Tochter immer Weintrauben geschenkt’“.
Ihr könnt Euch ja vorstellen, was er machen würde, wäre der freundliche syrische Verkäufer einmal unfreundlich gewesen oder hätte er keine Großzügigkeit gezeigt (was bei solcher Kundschaft kein Kunststück ist).
Andere wiederum reden so, daß man/frau nicht mehr weiß, worauf sich die Empörung bezieht: auf den Tatort oder auf den Mord selber: „Vor dem Eingang legt eine Frau Blumen nieder. Sie ist empört: „Unglaublich, was hier geschehen ist – in einer Geschäftsstraße, in einem ganz normalen Laden. Die Täter müssen hart bestraft werden“ (LVZ, 28.10.96). Ja gnädige Frau, wo hätten sie es gern? An einem ganz speziell dafür eingerichteten Ort? Auf eine ganz bestimmte Art und Weise?
Andere Berichte verweisen auf die Sinnlosigkeit der Tat, da Achim Bachir sowieso abgeschoben worden wäre: „Die deutschen Behörden registrierten ihn als Asylbewerber und steckten ihn in ein Heim. Die Chance, in diesem Land Asyl gewährt zu bekommen, war gleich Null. Ist gleich Null“ (TAZ, 28.10.96). Schlußfolgerung: Wozu also ihn umbringen? Oder es werden Vorbereitungen für eventuelle Entlastungsumstände getroffen: „Ob sie (die Täter) betrunken waren, weiß bis jetzt niemand“ (TAZ, 28.10.96). Denn bekanntlich gilt in der deutschen Justiz, daß jedeR, der/die besoffen, wie in Magdeburg, oder betroffen, wie in Stade ist, – und eins von beiden ist fast jedeR DeutscheR – einen Freibrief zum Töten bekommt.
Und trotzdem gab es eine Steigerung der eben zitierten Äußerungen. Sie ist nicht durch Nazis oder sonstige militante Rassistlnnen getroffen worden, nein. Sie ist durch den Ausländerlnnenbeauftragten Herrn Stojan Gugutschkow erreicht worden: „Es hätte auch irgendeinen Deutschen treffen können“ (ND, 26./27.10.97). Somit verkommt der anstehende Prozeß zu einer Farce: Ob die Täter hart oder mild bestraft werden, hängt einzig und allein davon ab, in wieweit sich die Stadt Leipzig einen Freispruch oder ein AIibi- Urteil leisten kann. Also rein aus praktischen bzw. Opportunitätsgründen, um die Geschäfte der Stadt (Ansehen genannt) nicht zu gefährden.
„Aber das ist das übliche multikulti-Palaver, wir sind doch Linke, wir sind eben anders drauf“, würden viele der hier Anwesenden sagen. Das stimmt, leider. Ein Beispiel: Die „KAHINA – Autonome Flüchtlingshilfe“ schreibt: „Allein das Verhalten der Mörder gibt Rätsel auf. Die Tat spielte sich um 18.06 Uhr in einem Gemüseladen ab, also kurz vor Ladenschluß. Die Täter kamen in den Laden und wollten Streit. Wer aber betritt völlig nüchtern um 18.06 Uhr einen Gemüseladen, betitelt zwei deutsche Verkäuferinnen des Ladens als „Türkenweiber“ und ersticht den sich dazwischenstellenden Mann kurzerhand mit einem Butterflymesser? Ob die Täter tatsächlich organisierte Nazis sind, wird noch festgestellt werden müssen. Wenn sie dies nicht sind, so sind sie doch Faschisten. Recherchen in dieser Richtung laufen noch. „Na dann sind wir beruhigt, wenn die autonomen Detektive den Nachweis erbringen – da es denen so wichtig ist, ob die Täter organisierte oder unorganisierte Faschos sind. Ansonsten fällt die verräterische Sprache auf: Rassistische Sprüche wie „Türkenweiber“ werden als Betitelung wie z,B. „Verkäuferin“ heruntergespielt. „Völlig nüchtern“ wird gesondert betont (bedeutet dies für die alternative/autonome Justiz, daß Besoffensein ebenfalls entlastend wirkt?). Dabei wird auf die Anspielung nicht verzichtet, daß die Verkäuferinnen Deutsche waren (ungerechterweise also beschimpft?, wieder mal die Falschen getroffen?). Warum dann der Hinweis auf die Nationalität der Verkäuferinnen? Warum ist dies so wichtig? Rätsel über Rätsel. Unergründliche autonome Welt. Warum können sie sich nicht damit abfinden, daß all diejenigen, die sich als echte Deutsche verstehen, egal welcher Partei, welchem Verein oder Stammtisch sie angehören, egal in welchem physischen oder seelischen Zustand sie sich befinden, potentielle Mörderlnnen sind:

  • Der berüchtigte Bürgermeister von Dolgenbrodt Pfannenschwarz war früher, bevor er in die DDR übersiedelte, Landtagskandidat der DKP in Baden-Württemberg.
  • Die ganze Parteigruppe der Basdorfer PDS (Basdorf liegt 50 km von Berlin entfernt) – allen voran ihr Ortsvorsitzender –, hat zusammen mit dem restlichen Provinzmob Autobahnblockaden gegen die der Gemeinde zugewiesenen und zu erwartenden Flüchtlinge organisiert.
  • Die Vorsitzende der PDS in Grevesmühlen stellte sich demonstrativ an die Seite des Grevesmühlener Mobs gegen unsere antirassistische Demonstration.
  • Von der Volksgenossin Ostrowski ganz zu schweigen.
  • Der Grüne hessische Innenminister von Plottniz hat auch angefangen zu „schrödern“ und forciert Kanthers innenstädische Eingreiftruppen gegen „kriminelle Ausländer“.
  • Und schließlich die nationalen Stoßtrupps IG-Bau, IG Metall und andere Avantgardisten des deutschen Proletariats organisieren Pogrome an den Baustellen und verlangen nach rassistische Arbeitsgesetze zum „Schutz der Deutschen und ihrer Arbeitsplätze“.

Wie viele Pogrome, wie viele Angriffe müssen noch stattfinden, damit diese für uns alltägliche Normalität auch von solchen Linken à la KAHINA als reale Gegebenheit akzeptiert wird? Daher genügt es zu wiederholen, was vor einem Jahr in einem Beitrag von hier (also nicht von uns) stand: „Sie sind organisiert im organisierten Deutschtum, das keine festeren Strukturen braucht als den allgemein verbreiteten rassistischen Normalkonsens in dieser normalen deutschen Bevölkerung, aus der heraus seit 6 Jahren ganz normalerweise solche Taten begangen werden“. Dem haben wir auch heute, ein Jahr später, nichts hinzuzufügen.

So läßt sich der Erfolg der Volksgemeinschaft an der Oder gegen die Wasserpfütze(1) (großkotzig Jahrhundertflut genannt) erklären: als die praktische Umsetzung der Erfahrung aus der Errichtung der rassistischen Deiche. Dies ist fast wörtlich gemeint.

Die Anwohnerlnnen zwischen Schwedt und Frankfurt-Oder, einer der braunsten Gegenden Deutschlands, sahen in der Flut entweder die „Polacken“ am Werk, die das Wasser abgelassen haben (Bedrohungsschema) oder verglichen das aufkommende Wasser mit dem Einmarsch der Roten Armee („das haben wir schon mal erlebt, als der Russe kam, nur damals konnten wir noch rechtzeitig unsere Sachen packen und gehen, diesmal hatten wir nicht mal die Zeit dafür“, ARD, 13.09.97).
Andere verglichen die Hausbeschädigungen (nasse Tapeten, feuchte Plüschtiere und Möbel) mit dem Schaden, den der Krieg brachte; zur Erinnerung: den haben sie selbst angezettelt und bekanntlich waren sie auch damals nicht Opfer, sondern Täter.
Natürlich sind diese Vergleiche Quatsch (schön wäre es). Sie zeigen allerdings, mit welcher Einstellung und mit welcher inneren Haltung die Eltern und Großeltern von Nazi-Kids, die Fans der zahlreichen Bürgerwehren an der polnischen Grenze und die freiwilligen Helferlnnen an die Sache drangegangen sind.
Die Zeitschrift „Stern“ (bei der Café Morgenland keinen IM unterhält), berichtete: „Bei anderen wieder reicht die Solidarität nicht bis ans andere Ufer: „Wir haben weniger Angst vor dem Wasser als vor den schwarzen Nummernschildern“, sagt Hans-Joachim Kretschmar, Bürgermeister von Neureetz. Ob er wirklich glaubt, daß Polen bei Hochwasser mit Autos zum Plündern anrücken? „Die kommen auch mit Booten“ meint er. „Selbst wenn die Polizei mich mit Gewalt wegbringen will – ich bleibe“. Im Nahen Croustillier stehen auf der Dorfstraße zwei Männer – mit Pistolen bewaffnet: „Wer sich bis auf zehn Meter an unsere Grundstücke traut, kriegt eine Kugel.“
Laut „Stern“ sind die Deutschen, als die Flut in Polen tatsächliche Katastrophen anrichtete und Todesopfer zu beklagen waren, nach Polen gepilgert (Katastrophentourismus), um es zu genießen, die Opfer bei ihren Aufräumarbeiten auszulachen „endlich kommt ihr zum Arbeiten“ oder sie anzumachen, weil sie ihre Läden nicht aufmachten, damit die Deutschen – wie gewohnt – billig einkaufen. Erst als sie selber nasse Füße bekamen, haben sie mit dem üblichen Flennen angefangen (vor allem, wenn TV-Kameras dabei waren).
Es war kein Zufall, daß die Berliner Bauarbeiter-Gewerkschaft sich als freiwillige Vollstrecker (Verzeihung, Helfer) zum Einsatz meldete.
Es war kein Zufall, daß, erst als bekannt wurde, gegen wen und gegen was sie kämpfen, die Spendenfreudigkeit der Wessis sich verzehnfachte (bis dahin wurden gerade 10 Millionen DM gespendet, inzwischen ist die 100 Millionengrenze überschritten).
Es war kein Zufall, daß die ganze Operation militärisch durchgezogen wurde. Es war ein nationaler Krieg, den es zu gewinnen galt. An der Nahtstelle zu Polen wurden haargenau die nationalen und völkischen Gefühle von damals wachgerüttelt. So liegt der Erfolg (und dies wird offen zugestanden) nicht in erster Linie an dem Sandsäcke-Spiel, sondern an dem Nachweis, daß, wenn eine Aufgabe national und völkisch definiert wird, die deutschen Massen – in Ost und West vereint – mit Begeisterung mobilisiert werden können.
Dieser Sachverhalt wird Konsequenzen für zukünftige Aktionen gegen alle Formen der „Flut“ und der „äußeren Bedrohung“ mit sich ziehen.
Ein Bericht in der FR vom 2. Sept. 97 (auch dort haben wir keinen Einfluß). Titel: Die Ostgrenze deutscher Barmherzigkeit.
„Das Wort von den Polacken geht allzuviel erneut allzu leicht über die Lippen. Der Schoß ist fruchtbar noch... Das Hochwasser hat die alten antipolnischen Ressentiments wieder sichtbar an die Oberfläche gespült. Mitten im Überschwemmungsgebiet der Ziltendorfer Niederung vertraute im Vormonat ein Bewohner den TV-Kameras ohne jede Spur von Verlegenheit an, das einzig Gute an der Flut sei, „daß endlich mal die Brücken nach drüben dicht sind“. Helfer im Krisengebiet berichten von zahlreichen Menschen, die wider alle Vernunft nur deshalb bis zuletzt auf dem Giebel ihrer abgesoffenen Häuser Wache geschoben hätten, „damit die Polen keine Chance haben, uns wieder auszuplündern“. Dabei war es historisch gesehen stets umgekehrt – auf mörderische Weise.
Der Polen-Haß offenbart sich freilich nicht nur in der Sommerschwüle des durchfeuchteten Oderbruchs, in der Spendenflut erweist er sich vielmehr als ungebrochen gesamtdeutsch.
Mag auch Stolpe dafür „kein Verständnis“ zeigen, mag Umweltminister Matthias Platzeck unermüdlich darauf verweisen, „daß die Katastrophe nicht uns getroffen hat, sondern unsere Nachbarn“ mit 160.000 Hektar überschwemmtem Land, 50 Toten, einer verdreifachten Selbstmordquote: Scharenweise haben sich in den letzten Tagen Spender bei den Hilfsorganisationen oder der Landesregierung mit der Forderung gemeldet, nur ja denen „drüben“ nichts abzugeben von dem Geldsegen, der geradezu verschwenderisch im vergangenen Monat über das Krisengebiet-West an der Oder herabgeregnet ist.
Ein weggespülter polnischer Haushalt kann alles in allem mit einer staatlichen Hilfe von maximal 1.500 DM rechnen. Jede Familie in der Ziltendorfer Niederung erhält allein als „Soforthilfe“ 30.000 DM aus dem Spendentopf, mindestens 90% der Hochwasserschäden sollen ersetzt werden. Wer geschickt ist und ein bißchen schwindeln kann, wird locker über 100% kommen. Dennoch: Als der Ostdeutsche Rundfunk (ORB) in der vergangenen Woche in einer TV-Sendung unvorsichtigerweise live zum NDR nach Hamburg schaltete, berichtete von dort – ehe sie unterbrochen werden konnte – eine Sprecherin ausschließIich von bösen Zuschriften. Darin erklärten sich Spender für „getäuscht“, sollte auch nur eine müde Mark an die Ostseite der Oder gelangen. In diesem Fall würden sie ihren Obolus zurückfordern oder allenfalls bestehen lassen, „wenn bei uns etwas übrig ist“.
Der von Stolpe berufene Spendenbeirat mit der vormaligen TV-Sprecherin Sabine Christiansen, Altbischof Martin Kruse und dem ehemaligen Staatssekretär Olaf Sund sieht es inzwischen als „sehr kritisch“ an, Spendengelder überhaupt, nach Polen fließen zu lassen. Die Landesregierung hat bereits klargestellt, daß die auf ihrem Konto unter der Parole „Hochwasserhilfe im Lande Brandenburg“ eingegangenen 16 Millionen Mark ganz bestimmt im Lande blieben. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz (“Nachbarn in Not“), das Diakonische Werk oder die ARD, die von Anfang an „grenzenlos“ um Spenden geworben hätten, seien in diesem Punkt „etwas freier“ und könnten eher für Ausgleich sorgen. Aber auch bei diesen Organisationen hagelt es nach wie vor Proteste gegen die Verwendung „unserer“ Spenden für die „Polacken“ in Katastrophengebiet. Manfred Füger, Sprecher der Potsdamer Innenverwaltung, spricht von „vielen, viel zu vielen“ Tiraden. Sie kämen auch mündlich aus allen Teilen Deutschlands, und bei manchen Anrufern hätten sich die Mitarbeiter geweigert, bis zum Ende zuzuhören. Was die Briefe anbelange, sei unter den Zuschriften „leider eine ganze Menge, die wir nie veröffentlichen würden oder könnten: Wir würden uns sonst der Volksverhetzung schuldig machen“. (soweit die FR)

Wir sind, im Gegensatz zu der Berichterstattung nicht im geringsten überrascht. Nur eins tut uns weh: wenn wir uns vor Augen führen, daß gerade, weil in Odra (so heißt der Fluß auf polnischer Seite) die Deiche brachen, die deutsche Seite verschont blieb.

(1)Aus der Taz vom 26./27.Juli 1997:
„... wir möchten geneigte Leserlnnen darauf aufmerksam machen, daß es in anderen Weltgegenden derzeit ebenfalls nicht wenig regnet. „Auch in China werden die Deiche verstärkt“, stand heute in der Meldung einer Nachrichtenagentur. Was heißt hier „auch“: Schwere Regenfälle haben in Südwestchina Erdrutsche ausgelöst, denen mindestens 17 Menschen zum Opfer gefallen sind, wie die Tageszeitung xinmin Wanbao am Donnerstag schrieb. Der Erdrutsch ereignete sich am 18. Juli, hieß es. Auch in Vietnam und Bangladesch wurden hunderte Menschen Opfer von Überschwemmungen. In der Provinz Hubei in Mittelchina beteiligten sich 800.000 Menschen an der Verstärkung der Deiche. Landesweit forderten Niederschläge bislang mehr als 420 Menschenleben. Einige Millionen Menschen leben in akut von den Hochwassern bedrohten Gebieten. Die Regenfälle, die Ende Juni einsetzten, haben bereits Millionen Hektar Ackerland in Mitleidenschaft gezogen. 2.000-3.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde fließen die Oder bei Hochwasser hinab. Durch den Mississippi fluteten während der katastrophalen Überschwemmungen von 1993 im Bundesstaat lllinois 36.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. In Bangladesch überschwemmt der Brahmaputra jeden Sommer 60 Prozent des Landes. Vorher gehen dort unglaubliche Monsunregen nieder. Zigtausend Menschen verlieren dann ihr Obdach.“ Aber: deutsches Leid ist doppeltes Leid.

Café Morgenland, 19.09.97h

 
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