|
Home
Die Monatszeitschrift "Konkret": made
in germany
"Gremliza, beispielsweise, hat nie einen
" proserbischen" (oder auch
"antiserbischen", "antibritischen", "proschwedischen") Artikel geschrieben. Dazu bedürfte
es einer rassistischen, nationalistischen Weltanschauung, über die er,anders als die Leute, die
seine Kritik an kroatischen Faschisten und fundamentalistischen Muslimen für
"proserbisch" halten, nicht verfügt. (aus
Konkret 9/98, Seite 4)
Wir stimmen dem zu (daß es dafür einer
rassistischen, nationalistischen Weltanschauung bedarf). Was jedoch Gremliza betrifft, würden wir spätestens seit den letzten
beiden Ausgaben von Konkret (8/98 und 9/98) nicht mehr zustimmen. Denn ob
jemand selber soviel Dreck schreibt oder die Drecksarbeit -und zwar
arbeitsteilig - seinen Jüngern überläßt ist ein und
dasselbe.
Der "(Aus)Fall-Konkret"
Die Einführung in rassistischen Denkmustern übernimmt der Autor Sokolowsky.
Gleich auf Seite 3(8/98), unter dem Vorwand, die Verbrechen der Taliban-Milizen in Afghanistan anzuprangern, kotzt er
alles aus, was er bisher dachte aber vielleicht nicht zu sagen wagte:
"...da unten am äußersten Rand der Welt, werde ich mit dem Zeug erst
recht nicht fertig. Außerdem ist es mir in dubio lieber, den ganzen Tag
Birgit Schrowange zu ertragen, als eine Gegend zu
bewohnen, in der das Tragen von Kopfwindeln und Gesichtspelzen Vorschrift
ist."
Geographie - Unterricht auf deutsch, "am Rande
der Welt". Das Ende der Zivilisation sozusagen. Australien z.B. (dieses
Jahr das beliebteste Reise-Ziel der Touritonen),
das viel weiter als Afghanistan liegt, würde er niemals als "am Rande
der Welt" gelegen bezeichnen. Denn dort wohin Deutsche kommen ist immer
das Zentrum der Welt.
Nein, Sokolowsky ist nicht "Analphabet"
in Sachen Geographie. Im Gegenteil. Er haßt
verrückte islamische Analphabeten. Er nennt sie "analphabetische
Irre". Der rassistische Code funktioniert einwandfrei. JedeR weiß, was und wen er damit meint. Er gibt gar
Unterricht in Sachen "Kultur" oder was er darunter verstehen will.
Er redet wie ein dahergelaufener Stammtischbruder: "Die afghanische
Kultur aber? Was ist da schützenswert? Daß Frauen,
die einer Arbeit nachgehen, kurzerhand erschossen werden?". Zum x-ten mal wird der alte Müll ausgebreitet: Das Morden, die
Vernichtung wird als Kultur - Erscheinung dargestellt. Das kennen wir aus den
"Vergangenheitsbewältigungsdiskursen", das kennen wir aus dem
aktuellen Erklärungsmuster für den Ossi-Mob ("ostdeutsche Kultur und Identität",
wie es so schön heißt).
Nachdem Sokolowsky die Begründung geliefert hat,
ist seine Logik verblüffend einfach:Taliban
=Mörder, Afghanen = Taliban, Afghanen = Mörder. Das
Morden ist ihre Kultur (anscheinend waren auch die Nazis eine für damalige
Verhältnisse Kulturerscheinung).
Damit er aber auf Nummer Sicher geht (d.h. genug Schock erzeugt) muß er sich des Mainstreams
bedienen: "In einer Kabuler Schule verbrannten Mudschahedin
300 Schülerinnen und Schüler wie altes Stroh, just for
fun." Hier sollen die ermordeten Kinder als
Argumentationsverstärker benutzt werden. Er hat keine Skrupel, Zitate aus
"Brigitte" zu verwenden. Nicht, daß sie
in Sachen Rassismus schlimmer wäre als "Emma" oder andere deutsche,
weiße und "frauenbewegte" Zeitschriften, sondern es geht um den
folgenden Zusammenhang: Das Spektrum, welches "Brigitte"
repräsentiert (Burda und co.) gehörte zu der
Mehrheit in Deutschland, die lauthals gegen die kommunistische Regierung von
damals und für die Zurückdrängung der "sowjetischen Invasion in
Afghanistan" Front machte und ohne Wenn und Aber, für die
Wiedererrichtung der feudalen Strukturen eintrat (übrigens, auch damals wurde
dies mit dem "Kultur"-Begriff
gerechtfertigt). Es gab Spenden-Aktionen für die "Freiheitskämpfer"
bis hin zu Protestdemonstrationen. Daß die einzige
Periode, in der afghanische Frauen die meisten Freiräume und Freiheiten im
gesellschaftlichen Bereich, genau diese, von den Deutschen gehaßte Periode der "kommunistischen
Herrschaft" war, spielte und spielt für die Konkret - Schreiber keine
Rolle. Was heute in Afghanistan passiert, ist das Ergebnis, es sind die
Früchte genau dieser Anstrengungen. Wenn sie sich heute gegen das Taliban- Regime mit Horror-Meldungen überschlagen, so
handelt es sich um die Folgen des eigenen Handelns, die sie "so nicht
gewollt haben". Angebracht wäre, die Schnauze zu halten oder, wenn späte
Einsicht eingekehrt ist, Selbstkritik - als MittäterInnen
- zu üben und die eigenen Schweinereien zuzugeben. Mehr wäre zu viel
verlangt. Anstatt dessen werden mittlerweile Berichte aus einem Blatt wie
"Brigitte"als authentische Quellen
dargestellt (und das bis in die Konkret - Redaktion hinein, die damals
immerhin gegen diesen Dreck war).
Sokolowsky schreibt von "Kopfwindeln".
Windeln werden bekanntlich bei Kindern (!) angezogen, damit der Kot den sie
ausscheiden aufgefangen wird. So wie er es sagt meint er es auch mit diesem
Vergleich: Die Scheiße im Kopf der AfghanerInnen
und aller, die Tücher oder Turbane tragen. J. Wertmüller wird in der darauf
folgenden Ausgabe diese Variante speziell für das Kopftuch bei Frauen
ausbreiten. Sokolowsky treibt seinen deutschen
rassistischen Humor weiter: "Gesichtspelze" nennt er die
Männer-Bärte. Zugegebenermaßen hatten wir Schwierigkeiten die
"Pointe" zu verstehen. Bis einige von uns auf die Bilder
hingewiesen haben... Wehrmachtssoldaten erniedrigten jüdische Männer, indem
sie ihre Bärte abschnitten und dabei lachten....
Sein Bild von Nicht - Deutschen und Nicht - Weißen, also von Wilden und
Unzivilisierten wird offen artikuliert. Er bedient sich sogar der Bilder und Stories seines Urgroßvaters; "Wenn diese
analphabetischen Irren das Fernsehen verbieten, hat das nichts mit Kritik am
Medium zu tun, sondern mehr mit dem notorischen Buschmann, der sich nicht fotographieren lassen mag, weil er Angst hat, die Kamera
könnte ihm die Seele rauben".
Sokolowsky spiegelt in ein paar Worten eine
jahrhundertealte Geschichte der Kolonialisierung, der Ermordung von
"minderwertigen Rassen", der Unterdrückung und Ausbeutung wider.
Mit zwei Sätzen formuliert er den ganzen Rassismus, der sich offenbar lange
"angestaut" hat, fast noch krasser als die rassistische Mehrheit
der Deutschen. Verständlich, weil die deutschen Linken in verbalen
rassistischen Äußerungen noch nicht so eingeübt sind wie der übrige Mob.
Nur zur Erinnerung: die "anthropologische" Photographie war unter
anderem ein wesentlicher Bestandteil nicht nur der Errichtung kolonialer
Unterdrückungssysteme, sondern überhaupt der Konstruktion von Rassen. Auch im
faschistischen Kontext kam dieses Mittel zur Geltung. Während die Vernichtung
schon auf Hochtouren lief, wurden Tausende und Abertausende Photos von Sinti
und Roma angefertigt, angeblich zu dem Zweck, sie zu erforschen. Konkret
also: um ihre "Minderwertigkeit zu erweisen". Ihre Körper wurden
vermessen, photographisch zerstückelt und fixiert. Die Überlebenden kamen zu
dem Schluß, daß das
Auftauchen der Rassenforscher mit der Kamera als Vorbote der Vernichtung
anzusehen ist. Unsere Genossen, die "Buschmänner" haben dies schon
früher erkannt.
Und so wird der rassistische Cocktail gemixt: Eine gehörige Portion
ermordeter SchülerInnen, unbedingt ein Stück
Turban, eine Prise Analphabeten-Irre mit altmodischen Bärten. Das ganze wird
abgeschmeckt mit dem wilden Buschmann. Dann ist die Wirkung perfekt. Haut
alle deutschen LeserInnen um, sozusagen. Sokolowski
artikuliert mit seinen rassistischen Ausfällen nicht nur seine - und der
Redaktion - Gesinnung. Er stellt auf sehr plastische und prägnante Weise das
Dilemma der deutschen Linken dar: Er weiß, daß die Bezeichnung
der Taliban-Milizen als Mörder oder Killer usw.,
also direkte Begriffe, die den Sachverhalt wiedergeben, keinen Protest und
keine Empörung erzeugen.
Die Leserschaft - auch die von Konkret - will mehr Adjektive dazu lesen,
solche die ins Feindbild passen damit sie "aufgewühlt" wird. Sich
allein auf tote Kinder zu verlassen, erscheint offensichtlich nicht mehr so
relevant. Um sicherzugehen, ist der Bezug auf den wilden Buschmann oder den turbantragenden Mann (oder die kopftuchtragende
Frau) oder den unzivilisierten, irren Analphabeten mit dem häßlichen Bart unerläßlich.
Erst dann ist die Wirkung perfekt. Dann kann der Schreiber sich seines
Erfolges sicher sein. Denn das Morden allein, die Vernichtung von Menschen
stellt für die Schreiber und für die deutsche Leserschaft noch kein Problem
dar. Mit so was sind sie ja in Deutschland bis "in die besten
Familienkreise" aufgewachsen. Und sie kennen zu gut ihre eigenen
Mob-Milizen: Am 10.Oktober 97 überfiel eine Horde von 15 Ossis eine Schwarze
Frau. Sie wurde in einen Wald geschleppt, gefoltert, mit Vergewaltigung
bedroht. Auch Scheinerschießungen fanden statt. Die Frau überlebte schwer
verletzt. Vor drei Wochen fand in Halle ein Überfall von 15-20 Deutsche auf
einen Mann aus Mosambik statt. Sie haben mit Messern (u.a.
in die Augen) auf ihn eingestochen. Er liegt schwer verletzt im Krankenhaus.
Laut ärztlichem Befund wird er nicht mehr sehen können. Vor einer Woche
passierte einem Mann aus Ghana ähnliches. Am hellichten
Tag, im Einkaufszentrum von Magdeburg. Er rannte um sein Leben, flehte PassantInnen um Hilfe an. KeineR,
laut Polizei-Bericht hat ihm geholfen. Die Polizei hat inzwischen Anzeige
wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet. In Mecklenburg-Vorpommmern,
einem der gefährlichsten Orte der Welt für Nicht- Deutsche, ist inzwischen
für Schwarze und/oder MigrantInnen das Laufen auf
offener Straße eine Frage von Leben und Tod. Wir könnten die Liste der
laufenden Verbrechen der Deutschen beliebig erweitern und trotzdem hätten wir
nur einen Bruchteil erwähnt. Da dies aber kaum jemanden interessiert, macht
es keinen Sinn, ist sozusagen der gewohnte deutsche Alltag, der keine
Besonderheit bzw. Schockgefahr aufweist. Deswegen muß
man/frau an den "Rand der Welt" gehen, um
"richtige Verbrechen", die die deutsche Volksseele zum Kochen
bringen, zu entdecken.
Außerdem wird damit ein willkommener Nebeneffekt produziert: Solche
Ereignisse sind die beste Möglichkeit, auf diese Weise die Singularität der
deutschen Verbrechen zu normalisieren, sie mit anderen Verbrechen gleich zu
machen. Wie wir in der nächsten Konkret - Ausgabe lesen, wird das ohne
Umschweife gemacht: "Ihr Identitätswahn unterscheidet sich vom deutschen
nicht prinzipiell" (Konkret, 9/98, Seite 31).
Uns bleibt wieder einmal die Frage, ob nicht etwa bei den Taliban-Milizen
mehr Widersprüche und Auseinandersetzungen zu erwarten sein könnten, als bei
den deutschen Linken zu ihrem Volk. Somit sind wir wieder am Ausgangspunkt
zurück. Nach Sokolowsky kommt dann ab Seite 22
(Konkret 8/98) W. Pohrt zur Sprache. Nach seiner
gescheiterten Kapitalismus - Kritik entdeckt er das neue Haßobjekt:Die
(albanischen) Flüchtlinge. Er fühlt sich berufen, seinen linken Standort in
Deutschland vor der Invasion der Flüchtlinge, die ja bekanntlich Kapitalismus
pur im schönen Häusle - Ländchen durchsetzen
wollen, zu verteidigen und von der "Rotlicht-Albaner-Mafia" fern
und sauber zu halten (nach dem Motto: Deutsche Zuhälter gut, albanische
Zuhälter schlecht). Er bedient sich dabei desselben Musters wie Sokolowsky: UCK = Albaner = Rotlicht-Mafia = Kapitalismus
pur = Albaner (Flüchtlinge) sind die Feinde der Linken! Es ist davon
auszugehen, daß die beiden es nicht abgesprochen
haben. Um so erstaunlicher ist es, ja geradezu ein
Phänomen, wie die Denkweise sich gleicht (doch 80 Mio. Kopien?). Diese
Denkstruktur hat ein einfaches (und tödlich gefährliches) Menschenbild: Die
Afghanen, Die Albaner, Die Islamisten usw.
W. Pohrt, der früher immer wieder seine Landsleute
anprangerte, entpuppt sich als einer der ihrigen. Warum das so ist, wie es
dazu kommt, daß sich auch solche Leute im
rassistischen Kontext eingliedern, kann man vielleicht stundenlang
analysieren, meistens ohne Ergebnis. Denn manchmal ist die Erklärung viel
einfacher: Entweder hat mal jemand in seinen Vorgarten gepinkelt oder sein
Fahrrad ist von einem " kriminellen ausländischen Jugendlichen"
geklaut worden. Anders ist die Vehemenz mit der Pohrt
die unmöglichsten Vergleiche und eine unzulässige Verharmlosung der
Verbrechen seiner Landsleute anstellt nicht zu erklären.
So wird von ihm das Vernichtungsprogramm der Nazis gegen die ZwangsarbeiterInnen und insbesondere gegen Pol/inn/en und sowjetische Kriegsgefangene auf platteste
Weise auf eine Ebene mit der Rekrutierung von Arbeitskräften der deutschen
Vorkriegswirtschaft (und folglich Nachkriegswirtschaft) gestellt: "Schon
die Nazis holten mehr Ausländer, damals "Fremdarbeiter", ins Land
als jedes andere Regime davor." In seiner Antikapitalismus-Logik stellen
demnach die Forderungen nach Entschädigung aller ZwangsarbeiterInnen
bloß ein Korrektiv für verspätete Lohnnachzahlungen dar.
Nachdem Arbeitsmigration mit "Vernichtung durch Arbeit" durch die
Nazis vermengt wurde, sind bei Pohrt die
Flüchtlinge an der Reihe. Pohrt schlägt sich auf
die Seite der national-sozialen Werkgemeinschaft und fordert mit seiner
Revision der Flüchtlingspolitik im Grunde auch nichts anderes als
"Arbeit zuerst für Deutsche" bzw. "Ariernachweis
für Bauarbeiter"!
Flüchtlinge werden von ihm verglichen mit den
"Republik-Flüchtlingen" und den "StürmerInnen
der Prager Botschaft". Der faschistoide, nationalistische Ossi-Mob wird
mit den von diesem Mob ermordeten, verbrannten Flüchtlingen gleichgesetzt.
"Wir Alten kennen das ja aus den Tagen um den Bau der Berliner Mauer.
Hier lockte das Begrüßungsgeld, und täglich konnten die Zeitungen neue
Flüchtlingsrekorde melden." Oder "Die Kalten Krieger kennen doch
ihre Brüder und Schwestern aus der Zone, sie kennen doch diese Abstimmungen
mit den Füßen für die Freiheit und gegen die Tyrannei.
"Und damit die Gleichung standhalten kann werden Projektionen
herangezogen, um ein Ebenbild zu den TäterInnen zu
schaffen : W. Pohrt verrät damit nicht nur seine
jetzigen Ansichten über Flüchtlinge und das linksdeutsche Verhältnis zu ihnen
sondern auch die früheren: "Arme Teufel", "wie kleine Kinder,
die große Tiere streicheln", "Häufchen Elend, das an der Grenze um Einlaß wimmert" usw. Einerseits eine paternalistische Grundhaltung ohnesgleichen.
Damals nannte er die Roma in Rostock - Lichtenhagen "arme
Schlucker" ("arme Teufel" ist anscheinend die Steigerung
davon). Andererseits in üblicher deutscher rassistischer Manier, artikuliert
er sein Faszinosum von den prächtigen, muskulösen,
durchtrainierten Kerlen "die an der Grenze um Einlaß
wimmern". Die kleinen Kinder sind demnach die liebendeutschen FlüchtlingsunterstützerInnen, die die großen Tiere
(=Flüchtlinge) mit Angst und Ehrfurcht streicheln! In bester deutscher
Tradition hat er keine Probleme damit, Menschen mit Tieren zu vergleichen. Es
läuft sozusagen automatisch, instinktiv.
Das heißt für uns: Vorsicht, die Männer mit der Kamera sind wieder unterwegs!
Flüchtlinge, Tiere, Teufel, Manager, alles wird rettungslos ineinander
überblendet in einer apokalyptischen Einstellung wie aus einem Bibelfilm von
Leo Kirch: das große Tier des Kapitals, auf dessen Rücken, kopftuchbewehrt
die Hure Babylon thront, womöglich auch noch verschleiert! Kein Wunder, daß solche Aussagen in einer Zeit fallen, in der immer
klarer wird, daß sich Flüchtlinge nicht mehr im
Streichelzoo der Linken einsperren lassen, sondern ihre eigene Position
vertreten. Unheimlich, das. Beißt womöglich. Ist also entweder vom Teufel
besessen oder Agent des internationalen Finanzkapitals. Die Gleichsetzung mit
Tieren und unheimlichen Finanzagenten kennen wir aus dem Film "der ewige
Jude".
Pohrt als Hippler
unterwegs, mit der Kamera immer drauf auf die Ghettobewohner des sogenannten Rotlichtmilieus. Pohrt
ist sich, solcher Logik folgend, nicht einmal zu schade, auf
Begrifflichkeiten wie "survival of the fittest" zurückzugreifen und damit auch allen
Ernstes zu hantieren und zu "argumentieren". So stellt er sich
schlicht in eine Reihe mit Leuten, die schließlich seit dem vergangenen
Jahrhundert solcherlei Ansichten huldigen und sie
"wissenschaftlich" zu untermauern suchen. Da steht er auch mitten
in bester Tradition, zu seinen Vorfahren möge er genauer nachlesen u.a. bei George L. Mosse:
"Unter dem Einfluß des Darwinismus wandelte
sich der Deutsche Ludwig Moltmann, ein ehemaliger
Marxist, gegen 1900, zu einem offenen Rassisten. Der Klassenkampf wurde in
einen Krieg zwischen den Rassen umgewandelt." (Die Geschichte des
Rassismus in Europa).
W. Pohrt ist ehrlich. Er sagt was er denkt : Die heutigen Flüchtlinge bringen ihm keinen Nutzen
für sein revolutionäres Vorhaben. Wenn sie mindestens Sozialisten wären!
Mangels revolutionärer Rekrutierung aus den eigenen Landsleuten hoffte er auf
die Unterstützung von chilenischen WiderstandkämpferInnen,
von Apartheid-GegnerInnen und anderen Verfolgten
dieser Welt. Nur wer schon immer seine kommunistischen Befreiungsphantasien
auf Flüchtlinge oder Befreiungskämpfe im Trikont
projizierte, kann überhaupt heutzutage zu so etwas wie Pohrt
es formuliert kommen. Mit den jetzigen Flüchtlingen kann er nicht viel
anfangen. Also, dann sie doch lieber als Agenten, Kollaborateure usw.
denunzieren, in der Hoffnung, sie sich vom Hals zu schaffen und der deutschen
Linken ein für alle Mal klar zu machen, wo der Feind steht, nämlich jenseits
der Grenzen oder bereits schon im "Rotlicht-Milieu"!
W. Pohrt hat einen Alptraum: Seine Heimat wird
bedroht durch die Flüchtlinge, die"Kapitalismus
pur" einführen wollen . Es ist eigentlich fast
schon erstaunlich, daß sich offenbar noch nicht
einmal das einfachste der Welt in den Köpfen dieser Linken durchgesetzt hat: daß es selbstverständlich sein müßte,
daß jemand dahin gehen kann, wo er/sie will bzw.
dahin, wo es möglich ist, für sich und vielleicht auch seine/ihre Familie den
Lebensunterhalt zu erwerben. Das steht somit auch nach Ansicht von
"Konkret" nur denen zu, die des "Unterstützens des
Kapitalismus" unverdächtig sind, und wer das sein soll, bestimmen diese
linken Herren. Wäre es denen nicht so ernst, könnte man/ frau
sich fast über die linken Einreisebeschränkungen (und vermutlich auch
Abschiebungsgründe?!) amüsieren. Pohrt braucht sich
wirklich keine Sorgen über die Gefahr der Abschaffung seiner völkischen
Gesellschaft bzw. deren "Zersetzung" durch "die Albaner"
zu machen. Dafür sorgen schon auf ihre Weise seine 80 Mio. Landsleute: Ein
riesiges Geflecht von rassistischen Gesetzen (Arbeitsmarkt- und
Bevölkerungspolitische Regulierungen, heißen sie in der Amtssprache),
Anordnungen und Erlasse, ein hoch entwickelter Repressionsapparat aus
durchtrainierten Spezialeinheiten für Innenstädte, Grenzen und Autobahnen,
juristische Institutionen, Ausländerzentralregister, Bürgerwehren an den
Grenzregionen, völkische Betriebsräte, die bei Entlassungen "Ausländer
zuerst schreien", gewerkschaftlich organisierte nationale
"Sozialisten" und andere "Klassenbrüder" und vor allem
organisierte und unorganisierte rassistische Horden wachen Tag und Nacht über
den Schutz der Volksgemeinschaft (manche japanische Firmen, die
"Kapitalismus pur" im Osten einführen wollten, mußten
ihr Vorhaben schnell aufgeben und zogen ihre Pläne zurück: Sie konnten das
Überleben ihrer MitarbeiterInnen nicht
garantieren!).
Mit täglichen, tödlichen Angriffen. Mit Massenrazzien (Masse bezieht sich
sowohl auf die Deutschen als TäterInnen als auch
auf die Angegriffenen). Am 09.09.98, lief wieder so eine in Frankfurt. 260 BaustellenstürmerInnen aus Polizei, Ausländerbehörde,
Arbeitsamt und IG-Bau überfielen zwei Großbaustellen (81 Baufirmen mit 262
Arbeitern aus Osteuropa und der Türkei wurden "durchsucht"), um
genau das zu tun, was Pohrt bestreitet "Und
Bauarbeiter werden nicht nach dem Ariernachweis
gefragt, sondern nach dem Lohn den sie haben wollen". Sie
"fragten" doch und ausschließlich nach dem "Ariernachweis" der Bauarbeiter. Der, der das nicht
erbringen konnte, wurde verhaftet und abgeschoben.
Lebensgefährliche "Befragung": "Einige Arbeiter flüchteten in
die oberen Stockwerke und in die Tiefgarage. Vorsichtshalber habe sein Amt
einen Rettungs- und Notarztwagen angefordert, da Unglücksfälle bei
Fluchtversuchen nicht auszuschließen seien" (FR, 10.09.98).
Um es klar zu sagen: Wir haben nichts gegen Kapitalismus pur einzuwenden,
wenn dies als Alternative zur "real existierenden völkischen
Gesellschaft" in Deutschland steht. Solange die "Alternative"
zum Kapitalismus auch für linke Deutsche der völkische National - Sozialismus
zu sein scheint, und der einzige Überlebensschutz für uns die durch
überbordende Greueltaten gefährdeten Exportchancen
der deutschen Wirtschaft sind, wissen wir, woran wir uns im Zweifelsfall zu
halten haben. Wir haben nichts gegen Undeutsche Führungskräfte (noch schöner,
wenn sie aus dem "Rotlichtmilieu der Albaner-Mafia" kommen)
einzuwenden.
Soviel zu Deutschland. Pohrts Ansichten zu dem
weltweiten "Antikapitalismus sind auch nicht besser: Sie riechen nach
"indonesische Volksaufstände", nach Massakrierung von chinesischen
Minderheiten, die "Kapitalismus pur in Indonesien etablierten",
nach ausgebrannten chinesischen Stadtvierteln. Uns bleibt wiedermal
die Feststellung, daß unsere Gegnerschaft zum
Kapitalismus und sonstigen Gewalt- und Ausbeutungsverhältnissen nichts aber
gar nichts mit der" antikapitalistischen" Garnitur des
linksdeutschen Gesocks zu tun hat.
Nachdem K. Sokolowsky und W. Pohrt
in KONKRET 8/98 bereits deutlich gemacht hatten, wo sie sich in Zukunft
aufzuhalten gedenken, hat sich nun auch J. Wertmüller mit seinem Artikel
"Stille Agnes" (Konkret 9/98) zu ihnen an den Stammtisch gesellt.
Und auch hier müssen wir annehmen, daß dem
keinerlei Absprachen vorausgingen, vielmehr, daß
die Genannten sich unweigerlich an dem neuen linksdeutschen Möbel treffen mußten.
Nachdem J.W. einen Bericht vom 23. Juli '98 in der Süddeutschen Zeitung über
Frau Ludin gelesen hat beschloß
er, sich als Experte in Sachen "Kopftuch" und "Islam" zu
präsentieren (dieser Anspruch ist gerechtfertigt, da der Bericht immerhin
eine ganze Seite umfaßte). Mit diesem
"geballten Wissen" über Islam und Frau Ludin,
verbreitete er seine Expertise in besagter Konkret- Ausgabe. Er , packt nicht nur die Kamera aus, um endlich den
fehlenden Schnappschuß der im Gesamtbild noch mangelnden
Hure Babylon zu liefern: auch das Prinzip der Montage ist ihm als
ordentlichem Dialektiker bekannt. Und zwar auf die übliche linksdeutsche
Weise: Alles was der Hetze gegen Frau Ludin dient,
wurde vom Bericht übernommen, alles was Sympathie mit ihr erzeugen könnte,
wird eben weggelassen. Kein Wort über den Terror, dem sie und ihr Mann
ausgesetzt sind. Kein Wort über ihr zerstörtes Leben, das zu einem
Spießrutenlauf geworden ist.
Kein Wort, daß sie bis ins Internet durch
"Kettenbriefe" als "Fundamentalistin" beschimpft und
fertig gemacht wird, kein Wort darüber, daß sie
seither durch die Deutschen - allen voran durch die Kultusministerin Schavan, Vizepräsidentin der katholischen
Fundamentalisten (Zentralkomitee der Deutschen Katholiken) - gehetzt wird,
anonyme Telefonbeschimpfungen bekommt (sie geht nicht mehr ans Telefon, läßt den Anrufbeantworter laufen).
Frau Ludin wird es kaum helfen, wenn sie ihre
ablehnende Haltung zu den Taliban (sie kommt aus
Afghanistan) bekräftigt, es nützt ihr nichts, ihre Ablehnung zu den
"islamischen Fundamentalisten" zu betonen. Ihre eigene Erfahrung
durch diese Hetzjagd, die sie erlebt, wird ihr klar machen, daß eben das, was die Deutschen mit ihr anstellen, weder
mit ihrem Glauben noch mit ihrem Geschmack und Kleider zu tun hat, sondern
einzig und allein mit dem (Feind)Bild, das die Deutschen (ob Links oder
Rechts) sich von ihr gemacht haben. Und dies ist - egal welche Anstrengungen
ihrerseits unternommen werden - unabänderlich. Und wehe denjenigen, die ein
solidarisches Wort bzw. eine Banalität aussprechen (z.B. daß
eben sie selber entscheidet, was sie anziehen will). Sie werden durch J.W.
vorsorglich als Nationalisten abgestempelt. Von jemand also, der auf der
Basis der Blut- und Boden-Zugehörigkeit seine "Argumente" in
Konkret eine Seite lang ausbreitet!
Eines der vordringlichsten Probleme scheint Wertmüller also die von ihm so
wahrgenommene Islamisierung mitten in deutschen Landen zu sein, derer er
besonders angesichts kopftuchtragender Frauen
gewahr wird. Eigentlich ist man wie frau geneigt,
ihm nur ein herzliches SHUT UP! mit auf seinen weißgetünchten Weg zu geben,
wäre da nicht eine gewisse Kontinuität in seiner Sichtweise, die offenbar
besonders deutlich in der Konfrontation gerade auch mit leibhaftigen
Kanakinnen zu Tage tritt. Dem "(Aus-)Fall Konkret" gehen andere,
wie insbesondere der "(Aus-)Fall in und um Gollwitz"
voran und wie zu vermuten sein wird, auch zukünftig "hintan".
Bereits vor der geplanten Demonstration in Gollwitz,
die eine Kundgebung wurde, am 9.November letzten Jahres machte Wertmüller
seine Haltung gegenüber MigrantInnen und
insbesondere gegenüber selbstorganisierten bzw. sich-selbst- artikulierenden überdeutlich, indem er
vermutete, daß diese ohnehin nicht zivilisiert
genug wären, vom genetisch vorprogrammierten Randalieren abzusehen. Dazu
brauchte es seiner und der anderer Leute Meinung nach eine
ordnende Hand oder nennen wir es einmal weiße, deutsche Kontrolle.
Einer Kanakenfrau traute Wertmüller diese Kontrolle, wie er sie gerne haben
wollte, nicht zu, weil sie seiner Meinung nach - wohl aufgrund ihrer
Verwicklung in eben jenes Gengeflecht- "in dem
ganzen Haufen sowieso umkippen" würde. Und so war er der Meinung, daß es keinesfalls einen "MigrantInnen-Bus"
nach Gollwitz geben dürfe, "der muß zersetzt werden" hieß dies im O-Ton. Nun, da er
sich bereits vielfach als Experte in Sachen "Kanakenrandale" geoutet hatte, wäre es wirklich an der Zeit gewesen,
diesem Mann schlicht den Mund und jegliche Entscheidungen zu verbieten. Also
sagen wir es ihm jetzt noch einmal in aller Deutlichkeit, selbstverständlich
in vollem Bewußtsein um das leidige Wissen, daß er nichts von alledem tun wird. Jedenfalls wird er es
nicht mehr in unserer Nähe tun! Womöglich wird ihn dieses Schreiben in die
lang ersehnte Lage versetzen, endlich auch in aller Offenheit gegen
Selbstorganisierung von Minoritäten zu hetzen, sei´s
drum. Wertmüller bringt ohnehin bereits in "Stille Agnes" zum
Ausdruck, daß er Ausgrenzung den Ausgegrenzten
selbst zuzuschreiben gewillt ist. Neben der Kleinigkeit, daß
er offenbar selbst ein "Ausländerproblem" sieht, so wie er mit
diesem und anderen Begriffen hantiert, erfahren wir zum Glück in jenem
Artikel endlich die genauen Prozentzahlen der "islamischen Türken"
in Deutschland und ganz selbstverständlich greift Wertmüller dabei auf die
Logik der Abstammung zurück und kann froh darüber sein, daß
es hierzulande derlei Statistiken gibt, selbstverständlich auf der Grundlage
des völkischen Blutrechts. Oder was meint er mit "75 Prozent türkisch
"innerhalb der "aus islamischen Gesellschaften stammende Minderheit
in der BRD"? Jedenfalls hat Wertmüller uns beglückt mit unendlich großem
Wissen über "die Türken" und andere hierzulande, so vieles weiß er
da, daß man fast glauben möchte, er sei undercover Teil geworden der communities,
um Gebräuche und Sitten zu studieren. Vieles haben wir bis dato noch nicht
einmal selbst gewußt...
Er argumentiert ganz selbstverständlich auf der Grundlage von
"Volkszugehörigkeiten", da kennen "antideutsche" kein
Pardon, denn hier geht es ja um die Bedrohung der westlichen
Wertegemeinschaft (die, wie einmal mehr deutlich wird, noch nicht einmal
ansatzweise in Deutschland Einzug gehalten hat, die "antideutschen
Linken" ringen um etwas, was sie dafür halten mögen). Jene wird angegriffen
durch ein Kopftuch, das allerdings ausschließlich Symbol ist und bei
Wertmüller wird wieder einmal deutlich, wofür. So identifiziert er eindeutig
Islam als solchen mit Frauenverachtung, was bei ihm aber als Ent-Erotisierung oder Ent-Sinnlichung
daherkommt, Erotik wiederum mit Entkleidung, und vermittelt, welche
physischen Ausschnitte sein Kamerastandpunkt denn nun aufzunehmen gewillt
ist. Den Heimatfilm, den er zu vermeiden trachtet, ersetzt er umstandslos durch seine Haremsphantasien.Wir
fordern angesichts seiner verstaubten Orientalismen
eigentlich nur eines: Wertmüller selbst möge sich um Himmels Willen bedeckt
halten, die Exhibition seiner linken
"Erotik" soll er uns und anderen bloß ersparen.
Es ist an sich nicht neu, daß weiße Männer über die
Körper von "anderen" Frauen insbesondere verfügen und bestimmen
wollen, deutsche Männer zumal, etwas neuer daran ist vielleicht, daß mittlerweile soweit gegangen wird, über unsere Körper
Parallelen vom Islam zum Vernichtungsprogramm der Deutschen zu ziehen. In diesem
Zusammenhang drängt sich fast schon die Frage auf, ob es denn Herrn
Wertmüller ganz lieb ist, daß es Taliban gibt, so kann er sie jedenfalls dafür benutzen,
seine Vorfahren etwas zu entlasten.
Was die "Kopftuch-Diskussion" (allein dieser Begriff ist bezeichnend
genug) betrifft: Viele von uns bzw. unseren Eltern haben unsere/ihre Kindheit
in Anatolien, in den Balkan-Ländern oder anderen Ländern verbracht mit dem
gewohnten Bild kopftuchtragender Mütter und
Schwestern. Je nachdem, trugen und tragen sie es aus 1001 Grund.
Es gibt eine ganze Menge über die Gründe zu erzählen, was wir nicht tun
werden. Wir wollen es ja nicht rechtfertigen, weil die Deutschen damit ein
Problem haben. Ein Aspekt davon ist uns allerdings sehr wichtig zu erwähnen:
Die meisten älteren Frauen in einigen Ländern trugen und tragen für den Rest
ihres Lebens ein schwarzes, eintöniges und altmodisches Kopftuch (zusammen
mit schwarzen Kleidern) als Zeichen ihrer Trauer für den Verlust ihrer
Geliebten (Ehemann, Sohn/Tochter, Bruder/Schwester).
Nun, außer den üblichen religiösen Anlässen traf und trifft man/frau sie immer wieder jährlich, versammelt vor einem
künstlerisch gestalteten Felsen oder vor zufällig zusammengelegten
Steinhaufen an einem Hügel draußen vor dem Dorf oder mitten drin an einem
zentralen Platz. Sie legen dort Blumen nieder, machen Kerzen an, säubern den
Ort vom Unkraut, stellen die umgekippten Steine wieder aufrecht hin, bleiben
eine Zeitlangstill, vertieft in ihre Erinnerungen stehen und ziehen wieder
ab. Jahr für Jahr die gleiche Zeremonie. Unermüdlich, mit der gleichen
Intention wie beim ersten Mal. Seit über 50 Jahren. Sie trauern über die
Ermordung ihrer Familienangehörigen und Freunde, diem durch die deutsche
Soldateska kaltblütig hingerichtet, massakriert wurden. Tausendfach das
gleiche Bild in Serbien, in Griechenland, in Bulgarien und anderswo. Diese
alten Frauen wissen kaum etwas von der Kopftuchdiskussion der Nachkommen der VollstreckerInnen in Deutschland. Wir werden es ihnen
auch nie erzählen. Es bringt nichts, die wenige Zeit die sie noch zum Leben
haben noch mehr zu verbittern. Wir werden allerdings dafür sorgen, daß das Befummeln und die Beleidigung dieser Frauen und
all unserer Schwestern dieser Welt durch die Enkel-Generation aufhören wird. Wir sind dazu verpflichtet. Aus elementaren
Anstandsgründen. Denn wir sind es unseren Schwestern schuldig.
Kleider machen Leute
Am 26.08.98 stand in der "Frankfurter Rundschau": "Den
imaginären Sprung vom alten Scheunenviertel zum
Kurfürstendamm schafft nur das Feuilleton, nicht aber ein orthodoxer Jude.
Das mußte in diesen Tagen Moses Abraham Stern aus
Israel schmerzhaft erleben, als er über den Ku`damm
bummelte. Er trug einen schwarzen Hut, einen langen schwarzen Mantel,
Vollbart und Schläfenlocken... Die Leute starrten ihn an, er wurde gestoßen,
geschlagen, angespuckt und als "Drecksjude" beschimpft. Eine um
Hilfe gebetene Polizeistreife griff nicht ein. Im offiziellen Berliner
Polizeibericht wurde der Vorfall nicht erwähnt.
Auch in der nahe gelegenen Paris-Bar, einem Treff der Kulturschickeria, hatte
man wichtigeres zu diskutieren: Die Ästhetik des Eisenman-Entwurfs
und die Mission Michael Naumanns... Moshe Stern mußte
sich den Vorwurf anhören, daß er durch sein
Aussehen provoziert habe. Schon einmal hatten Juden durch ihr Aussehen auf
dem Kurfürstendamm "provoziert". Das war im Juli 1935. So weit die
"Frankfurter Rundschau".
Unweigerlich stellt sich die Frage: Woran unterscheiden sich die genannten
Konkret-Autoren und (fast) alle anderen deutschen Linken vom Ku`dammer Mob?
Wir meinen, daß kein prinzipieller Unterschied
existiert. Der Umstand, daß sie lange Artikel gegen
Antisemiten schreiben, daß sie sich empört zeigen,
ändert nichts an der Tatsache, daß sie gegenüber
anderen Leuten ("Islamistinnen",
"Albaner" oder "Afghanen") ein zutiefst rassistisches
Menschenbild nach dem gleichen Muster des Mobs aufweisen. Ihre Haltung zu
Jüdinnen und Juden basiert nicht auf einem grundsätzlich humanitären
Menschenbild, sondern ist vielmehr der Rest des Umerziehungsprogrammes
der Alliierten, die den Deutschen damals ein paar Selbstverständlichkeiten
reinprügeln mußten. Leider ohne Erfolg, wie die
Reaktionen und die Argumentationen dieser Leute zeigen. Nun, die SU gibt es
nicht mehr und die Besatzungsmacht USA hat sich zurückgezogen. Sie hinterließ
(aus den bekannten antikommunistischen Gründen), schon lange bevor sie sich
verabschiedete eine Lücke in Sachen "reinprügeln von
Selbstverständlichkeiten".
Es gibt also viel zu tun!
18. September 1998
MigrantInnen-Gruppen: Berlin (KöXüZ),
Bonn (Grenzfall), Frankfurt/M. (Café Morgenland), Freiburg (Sere Kevir), Hamburg (Dirna), Nürnberg/München (sol lez ruw!),Oldenburg
(köXüz).
Zum Seitenanfang
|