Café Morgenland

Offener Brief an die VerfasserInnen des Arranca-Artikels Trapped - November 1998

 

Von deutschen Standpunkten und anderen Verbrechen
Die Deutschen sind nicht krank, sie sind unheilbar gesund" (E. Geisel)


Wir begrüßen Eure Bemühungen, eine Rechtfertigung für das "Weiter so" und ähnliche Anfeuerungsrufe zur Lösung der sozialen, intimen, kollektiven und anderen Fragen zu finden.

Obwohl uns inzwischen der Begriff  "antideutsch" völlig egal ist und die meisten deutschen "antideutschen"  Gruppen und Zeitschriften - aktuelle Beispiele die Zeitschriften Bahamas, Konkret usw. - sich als das entpuppten, was wir befürchteten (nämlich als Deutsche, die auf der Suche nach einer neuen Identität sind), sehen wir uns gezwungen, Häufchen für Häufchen die ganze Scheiße, die ihr ausbreitet, offenzulegen.

Im Artikel wird - und das mit der bekannten Selbstsicherheit (Deutsches Expertentum) - der Begriff  "antideutsch" in seiner "historischen" Dimension (v)erklärt.

Überlegt Euch mal was da passiert: Ihr wollt historisch argumentieren und es zeigt sich sofort welcher Blickwinkel, informationelle Einseitigkeit und vor allem welche Motivation (bloß weg mit diesem Begriff) automatisch zu Grunde gelegt wird.

Die gewohnte Zensur hat schon im Kopf angefangen, bevor überhaupt etwas geschehen ist. Und deshalb macht ihr euch nicht die geringste Mühe, Quellen aus anderen Ländern nachzugehen (keine Angst, ihr sollt nicht russisch, griechisch oder serbisch lernen, es gibt zahlreiche Übersetzungen),  Ländern also,  wo eure Väter und Großväter den dort lebenden Menschen auf deutsch-übliche Weise beigebracht haben, was deutsch und was antideutsch ist. Denn dort sprach die Bevölkerung in der Zeit als Die Deutschen da waren eben von Den Deutschen und von Antideutschen. Ergänzung: Die Kollaborateure wurden als "Germanophile"  gar beschimpft.

Heute noch sprechen, vor allem Überlebende der unzähligen Massaker genau so wie vor 50 Jahren. Als antideutsch/deutschfeindlich galten für die Bevölkerung die PartisanInnen, die Saboteure, die Leute, die die von der Gestapo Gesuchten versteckten, die zahlreichen anonymen Frauen und Männer usw. Die Besatzungspropaganda sprach hauptsächlich von "Banden" und von "kommunistischen Umtrieben".

Die Deutschen wurden nicht differenziert gesehen. Sie wurden so  wahrgenommen wie sie sich verhielten: Als Monolith, der keine Differenzierung zuließ. Es gibt umfangreiche Beiträge aus der damalige Zeit, insbesondere aus der Sowjetunion, wo genau entlang dieser Linie argumentiert wurde. "Ich mußte unsere Soldaten darauf hinweisen, daß es sinnlos war, auf die Klassensolidarität der deutschen Arbeiter, auf eventuelle Gewissens-regungen bei Hitlers Soldaten zu rechnen, daß jetzt nicht die Zeit sei, in der angreifenden feindlichen Armee die "guten Deutschen" herauszufinden und dabei unsere Städte und Dörfer der Vernichtung preiszugeben. Ich schrieb: Töte den Deutschen!" (Ilja Ehrenburg).

Wir erzählen all das nicht um Eure Argumentation zu widerlegen (denn die Sicht der Nazipropaganda welche Ihr hervorhebt gab es auch) sondern wegen was ganz anderem: Wieso ist es selbstverständlich, daß wenn Deutsche über ihre Geschichte schreiben, sie genau diese deutsche Perspektive, im Gegensatz zu Nicht-Deutschen, die eine entgegengesetzte einnehmen? Plastisch gesagt: Ihr denkt bei antideutsch an die Nazipropaganda, wir an die PartisanInnen.

Unerforschte deutsche Seele? Biologische Instinkte? Alles Blödsinn. Es ist noch schlimmer: Weil ihr eine Sozialisation und ein Geschichtsbewußtsein habt, das aus der Kontinuität kommt und zwar ohne Aussicht auf Abbruch. Damit meinen wir nicht, daß dies deterministisch geschah, sozusagen zwangsläufig zu sehen ist. Entscheidend dabei ist eure eigene Entscheidung, die ja bekanntlich zu Gunsten des Deutschseins und -fühlens gefallen zu sein scheint. Das ist weiter nicht besonderes. Beachtenswert ist allein die Masse dieses Phänomens, die über jede ideologische Barriere hinweg (ob links oder rechts) greift.

Ein weiteres Geschütz eurer weiteren Argumentation ist der Begriff  "deutsch". "Deutsch" ist nicht ein Begriff, der einfach die Herkunft, wie "französisch", "englisch" usw. hergibt. Es ist ein Kampfbegriff und eine Lebenseinstellung zugleich. Und vor allem der Inbegriff von Auschwitz (es gibt eine Singularität der Vernichtung und der Vernichter). Deutsch ist nicht jemand, der/die hier geboren ist, auch nicht jemand, der/die einen deutschen Paß oder Eltern hat, die deutsche Pässe haben usw. Deutsch muß man/frau werden. Als "Deutsch" muß man/frau erzogen werden "mit den Bilder des Opas in SS-Uniform", mit der 75-jährigen Oma "die immer noch stolz auf das Hakenkreuz in ihrem Führerschein ist". Mit der stillschweigenden Hinnahme, daß am Familientisch während des Abendbrots, ein (wahrscheinlich) Mörder (so genau weiß man/frau es nicht, weil nicht danach gefragt wird) dabei sitzt usw.

Um mit diesem Zustand zu leben, ist nach dem Krieg eine "Vergangenheitsbewältigungs-Methode" 50 Jahre lang - und zwar erfolgreich - praktiziert worden. Indem u.a. solche Artikel aus einem deutschen Standpunkt heraus geschrieben werden.

"z.B. mit der irrigen Vorstellung eines nationalen Kollektivs, einer monolithischen deutschen Interessengemeinschaft: "Volksgemeinschaft" lautet hierfür die von Antideutschen übernommene völkische Vokabel. z.B. durch den vermuteten Dualismus von deutschen Tätern und nicht-deutschen Opfern in der historischen Betrachtung. Der ist in dieser Undifferenziertheit nah dran aber doch knapp vorbei an der Wahrheit, und reproduziert ungewollt die nazistische Legitimation für den Mord an Millionen von jüdischen, antifaschistischen, homosexuellen, kranken und anderen Deutschen durch deren Stigmatisierung als "undeutsch"."

Spätestens jetzt wissen wir, daß wir es sind die die nazistische Legitimation der Vernichtung reproduzieren, da wir zu blöd sind es zu merken ( "ungewollt").

Somit wird den Angegriffenen wieder mal die Schuld für ihre Verfolgung gegeben (ihr übernehmt aber auch jeden Scheiß von euren Vätern).

Der Vorwurf, daß wir völkische Vokabel übernehmen ist nicht neu (siehe Lupus-Gruppe). Neu ist seine Wiederentdeckung durch die SchreiberInnen.

Also noch mal: Wenn die Mitglieder diese Gesellschaft sich als solche (Volksgemeinschaft) verstehen und entsprechend handeln, dann nehmen wir sie bei Wort und Tat. Denn das was ursprünglich (irgendwann zum Beginn des Jahrhunderts) als Ideologie/Propaganda/Vision verbreitet wurde, ist durch die Annahme und das Selbstverständnis der Empfänger/Ersteller  dieser Botschaft zu materieller, verbrecherischer Realität geworden. Mit der Shoah als einmaligen, singulären Fakt durch dieses Kollektiv, das sich als völkisches Kollektiv verstand und versteht.

Deswegen ist es absolut irrelevant was andere sagen, analysieren usw. Entscheidend für uns ist eben das Selbstverständnis bzw. die Praxis der TäterInnen und die Wahrnehmung/Empfindlichkeit der Opfer. Ihr wollt nicht wahrhaben, daß bei der erdrückenden Mehrheit eine Differenzierung irrelevant ist, ein radikales Promille überhaupt nicht ins Gewicht fällt: "Ich hatte nur mit einigen (...) zu tun, und ihnen gegenüber bildeten die vielen, die mir schon als alle erscheinen mußten, eine übergewaltige Majorität. ...Die vielzuvielen waren keine SS-Männer, sondern Arbeiter, Kartothekführer, Techniker, Tippfräuleins - und nur eine Minderheit unter ihnen trug das Parteiabzeichen. Sie waren, nehmt alles nur in allem, für mich das deutsche Volk." schrieb Jean Amery über den Nationalsozialismus.

Heute sind wieder reale Verhältnisse daraus geschaffen worden:

" Die kontinuierliche Verschärfung der Ausländergesetze, die Herausbildung von "no go areas" in denen nichtdeutsch aussehende Menschen um Leib und Leben fürchten müssen, Brandanschläge auf Wohnheime und Synagogen inklusive Täterschutz durch Bevölkerung, Medien und Justiz sind deutsche Realität. Finden sich Angriffe auf MigrantInnen auch in anderen westeuropäischen Ländern, ist die rassistische Entwicklung in dieser Kombination und Dimension nur in Deutschland zu finden" [1]

Noch was: wieso wird angenommen, daß das so handelnde und sich so verstehende Kollektiv "eigentlich" gegen seine Interessen handelt (nach dem linksdeutschen Jargon werden damit die Klassen-, Geschlechter- und andere gesellschaftliche Widersprüche verschleiert). Sie haben doch enorme Vorteile, wenn sie Erfolg haben. Die Nachteile entstehen nur dann, wenn ihnen das Handwerk gelegt wird. D.h., wenn die "Kosten für das Ausleben ihrer völkischen Exzesse höher getrieben werden als ihre Vorteile". In Hoyerswerda, in Mannheim oder in Rostock fehlte es nicht an der richtigen Agitationstruppe der Antifa, um den Mob zu erklären, daß sie die Volksgemeinschaft imaginieren, sondern an was ganz anderem (was bis heute auch nicht da ist und wofür wir zu sorgen haben).

"Undeutsch" wird von Euch nur benutzt, weil es so ähnlich klingt wie "antideutsch". Auch ihr wißt, daß es den Deutschen nicht an propagandistischen Begriffen gefehlt hat, um Menschen zu ermorden. Begriffe wie "unwertes Leben", "Parasiten", "Saboteure", "jüdisch", "bolschewistisch" um einige nur zu nennen.

Wo aber uns das Lesen im Hals stecken bleibt, ist die Fortführung des Satzes bis zum bitteren Ende (der berühmte Moment, wo die Deutschen "zu Ende gedacht" haben).

Mit diesem Satz ("Mord an Millionen von jüdischen, antifaschistischen, homosexuellen, kranken und anderen Deutschen durch deren Stigmatisierung als "undeutsch") wird versucht die Opfer "einzuverleiben" und zu Deutschen zu "entstigmatisieren", damit deren Ermordung als Unrecht (als nicht legitim) angeprangert wird. Denn, so der Artikel, sie wurden umgebracht, obwohl sie Deutsche waren. Schuld daran war die Nazi-Propaganda, die es geschafft hat sie als "undeutsch" zu stigmatisieren.

Die Argumentation läuft somit auf der Ebene, daß sie zumindest die deutschen Juden nicht hätten umbringen dürfen, denn diese waren ja richtige Deutsche. Während die "anderen" , die "polnischen", die "französischen" usw. Juden...?

Nur zur Erinnerung: "Mehr als 95% der Opfer der Mordpolitik waren Ausländer" (U. Herbert)

Im Klartext: Die bösen Nazis kamen an die Macht und haben eine naive Bevölkerung in der Irre geführt (in dem sie propagandistisch vorgelogen haben und "echte" Deutsche zu "undeutsch" erklärten). Anscheinend betrachtet der/die SchreiberInnen die daraus gezogene Konsequenz (Vernichtung) als selbstverständlicher Schritt, der sich automatisch einstellt! Daher versucht der Artikel, die propagandistische Lüge zu widerlegen, indem die Staatsangehörigkeit der Opfer betont wird. Wohlgemerkt, der Artikel soll nachweisen, daß wir in die Propagandafalle der Nazis gegangen sind!

Historisch betrachtet, zeichnet sich immer deutlicher eine andere, krasse Wahrheit zu dem Verhältnis Naziführung und Bevölkerung ab (so nach dem Motto "was war zuerst da; das Ei oder die Henne"): Die Vernichtungswünsche der Bevölkerung waren weiter als deren Führung erfüllen konnte. Sie befürworteten zwar diese Forderungen der Bevölkerung, konnten aber aus praktischen und disziplinarischen Gründe nicht alles zulassen. So mußten z.B. Höchststraffen für "eigenständiges" Handeln der Bevölkerung gegen JüdInnen verhängt werden, so mußte der Einsatz von ZwangsarbeiterInnen gegen "rassische" Bedenken der Bevölkerung  erklärt und gerechtfertigt werden usw.

Diese Denkweise (besser gesagt Verschmelzung von damals und Heute) zieht sich bis heute durch: Indem Pogrome (hier: Bauarbeiter-Pogrome) als harmlose Proteste dargestellt werden und, zu guter Letzt, die "Ausländer" als Rechtfertigung für diese Pogrome herangezogen werden.

 

"Die Begriffe sind die Griffe mit denen man die Dinge bewegt" (B. Brecht)

Die Argumentation läuft ähnlich der TAZ-Berichterstattung über Serbien: Tausende wurden laut Gerüchte massakriert, ein Augenzeuge sprach danach von mehreren Hundert, ein TAZ-Journalist hat anschließend das Massengrab "gerochen",  zum Schluß wurden 3 Ermordete gefunden, die sich auch noch als serbische Opfer herausstellten. Peinlich, peinlich. Bei Euch geht es haargenau so, bei der Schuldzuweisung und Verniedlichung der Bauarbeiterpogrome:

[...]Beispiel Billiglohnarbeit: Etwa ein Drittel der hier lebenden Bauarbeiter sind Zuwanderer, viele aus der Türkei und Kurdistan. Wie ihre deutschen Kollegen sind auch sie auf ein den hiesigen Lebenshaltungskosten angemessenes Lohnniveau angewiesen, manche von ihnen beteiligen sich an den gewerkschaftlichen Protesten gegen die Aushebelung des bisherigen Lohngefüge.

"Ein Drittel", "viele", "manche" - wie ist es nun? Wenn ihr schon eifrig dabei seid Pigmente zu zählen, wieviel ist "manche"? Ist ein Drittel der Baufaschisten Ausländer oder nicht? So weit erst mal zu dem Trick Nr. 17.

Was die eigentliche Aussage betrifft, ist das Ganze noch schlimmer: warum wird diese Argumentation herangezogen? Sind Pogrome, an denen Migranten teilnehmen nicht mehr Pogrome? Bekommen Pogrome das Prädikat "mildernde Umstände",  wenn "manche" - um eure Begrifflichkeit zu verwenden - ebenfalls "deutsch" werden wollen? Dürfen sie dann andere umbringen? Warum schließlich um die eigentliche Kernfrage herummogeln?

Warum der Versuch die deutsche Pogrom-Initiative zu verheimlichen? Warum die faschistoide IG-Bau nicht mal beim Namen nennen? Wo liegt Euer eigenes Problem? Warum wiedermal "andere" (diesmal die Bauarbeiter aus der Türkei und Kurdistan!) vorschieben, um die Verbrechen Eurer Landsleute zu legitimieren?

Zur Erinnerung: Der Raussschmiß von KöxüZ aus der A6 wurde durch das Vorschieben einer den deutschen InitiatorInnen genehmen, den deutschen Normen entsprechenden MigrantInnen-Gruppe legitimiert.

Warum wird auf einmal die Sprache zu warmen, flüssigen Lichterkettenkerzenwachs verwandelt? Damit einfühlsame Wörter sich ihren Weg in Eure Herzen bahnen? Die Auswahl der Begriffe - im Gegensatz zum denunzierenden Umgang mit uns - läuft auf einmal wie am Schnürchen. Eine Kostprobe:

"... Wie ihre deutschen Kollegen sind auch sie auf ein den hiesigen Lebenshaltungskosten angemessenes Lohnniveau angewiesen. ...".

Der deutsche Bauarbeiter-Mob wird liebevoll "deutsche Kollegen" genannt.

"Den hiesigen Lebenshaltungskosten angemessenenes Lohnniveau angewiesen" - wie aus der Kanone geschossen. Der Drang nach Rechtfertigung der Pogrome ist unaufhaltsam.

"Wenn von Linken vergessen wird, daß ein Rassist sich dazu entschieden hat, Rassist zu sein, gleicht dies einer Entschuldigung der Täter" [2] . Und wenn jemand auf ein Lohnniveau angewiesen ist, der den hiesigen Lebeshaltungskosten angemessen ist, dann ist für das linksdeutsche Kollektiv die Veranstaltung von Pogrom und Menschenjagd auf den Baustellen gegen die "Billiglohnarbeiter" eine Selbstverständlichkeit.

[...] So liegt die Grenze in der Auseinandersetzung um das Entsendegesetz und die traditionelle Gewerkschaftsforderung "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" nur teilweise parallel zu der rassistischen Spaltung [...]

Das Adjektiv "traditionell" wird doppelt verwendet: zum einen um die Brisanz der jetzigen Situation herunterzuspielen (es war ja immer so) und zum anderen, um die "kämpferische"  traditionelle Gewerkschaftsforderung anzudeuten, was im linksdeutschen Bewußtsein positiv besetzt ist.

Die Pogrome werden als "Auseinandersetzung um das Entsendegesetz" getauft. Klingt ja viel harmloser als "Lynch-Aktion" , "Mordversuch" oder "Menschenjagd" . Mit dem Nebeneffekt, daß damit eine Gleichheit der Kräfteverhältnisse impliziert wird. Wie in der Razzia in Frankfurt vom 10. November 1998: 260 deutsche "traditionelle" Gewerkschaftler, Ausländerbehörde-Mitarbeiter und Polizisten stürmten 2 Großbaustellen und nahmen 12 "Billiglohnarbeiter" fest. 260 (zum Teil bewaffnet) gegen 12! Auch deutsche Linke haben die Pflicht die Mahnungen ihres Deutschlehrers ernst zu nehmen und die deutsche Sprache richtig zu benutzen. So etwas als "Auseinandersetzung" zu nennen ist zumindest semantisch völlig daneben.

Das nächste Beispiel macht es nicht besser. Im Gegenteil: in ahistorischer Manier werden JüdInnen und deutsche Spätaussiedler auf die gleiche Stufe für den Gollwitzer Mob imaginiert. Schon mal was von Antisemitismus gehört?

Das Argument "... auch deutschstämmige Spätaussiedler wären sicher nicht mit offenen Armen aufgenommen worden..." zeigt das Ausmaß dessen, was Ihr bereit seid zu rechtfertigen, zu relativieren, zu revidieren. Als vor wenigen Wochen ein Schwein über den Alexanderplatz gehetzt wurde, war weder ein Christenkreuz noch der Name von Weizsäcker auf dessen Rücken gemalt, dafür ein David-Stern und der Name von Ignatz Bubis. Was war es diesmal: Antisemitismus oder Tierquälerei (wie die Polizei [3] hervorhebt!), welches Schweinerl hätten Sie denn gern? 

Epilog:

"Wenn z.B. "völkisch" auf alles angewandt wird, was irgendwie mit Volk oder Bevölkerung assoziiert wird - die anti-Castor-Bewegung etwa - so ist das nicht nur Unsinn im politologischen Sinne, sondern auch in seiner Wirkung verheerend, das Wort verliert den Horror, der ihm anhaften muß. Noch unerträglicher sind die regelmäßigen Kalauereien auf Kosten der Holocaust-Opfer. z.B. "Die Deutschen - Weltmeister im Selektieren (Café Morgenland zum Thema Mülltrennung)." "

Wenn z.B. was "völkisch" ist, möglichst  hoch gehängt wird (ab Massenmord aufwärts, drunter geht es anscheinend nicht), dann kann man/frau seinen völkischen Instinkten nachgehen, ohne jegliche Skrupel. Die völkische Gesellschaft ist kein Horror für ihre Mitglieder, sondern das Paradies auf Erden. Es müssen keine Schauergeschichten tagtäglich laufen, damit sie als solche bezeichnet wird. Der "Horror" liegt in ihrer totalen Normalität, in ihrer Alltäglichkeit, in der wöchentlichen Gartenpflege und dem Samstagsabendstammtisch (im autonomen Zentrum oder in der Eckkneipe), im Blick auf die Kopftuchtragende "durch das anatolische Patriarchat" unterdrückte Frau des aufgeklärten deutschen Linken, im nächtlichen Fackelzug der AnwohnerInnen (Jung und Alt, Frauen und Männer, Unternehmer und Arbeitslose) von Amrum am 18. November 1998 gegen die Ölverschmutzung der heimatlichen Küste durch das gestrandete italienische Schiff "Pallas" und die anschließende Stellungnahme von J. Trittin im Fernsehen "... Die ausländichen Schiffe können frei in unsere Gewässer eindringen. Es muß eine Kontrolle her...".

".. ausländische Schiffe", " ...dringen in unsere Gewässer ein..", ".. Kontrolle her". Wenn das nicht jeden Deutschen zu nationalem Widerstand anstachelt! (wieder eine soziale Bewegung á la Castor?)

Das völkische Moment wird gezüchtet in der mörderische Dorfidylle eines jeden x-beliebigen Kaffs in Deutschland, eines jeden x-beliebigen deutsch-proletarischen Stadtteils (z.B. Mannheim-Waldhof), im Kegelklub- und Kanninchenzüchterverein usw.

Und insbesondere in der stetigen Weigerung auch einen einzigen Gedanken über die nationalsozialistische Kontinuität dieser Gesellschaft und dem Verhalten seiner Mitglieder zu verschwenden, auch dann nicht, wenn Anstöße dazu gegeben werden.

 

"Die Lust an der Entsorgung gilt in Deutschland der Geschichte ebenso wie dem gewöhnlichen Haushaltsmüll" (H. M. Broder zur "Müllsammlung", TAZ von 2.10.1993).

So wird bei dem Spruch "Die Deutschen - Weltmeister im Selektieren" zum Thema Mülltrennung und Recycling, anstatt dem nachzugehen, warum das gesagt wird, welche Erfahrung und Kontinuität wir heute in diesem Volkssport transportiert sehen, das Ganze "mißverstanden" und als Beleidigung, Funktionalisierung der Opfer dargestellt.  Bloß nicht wieder daran erinnert werden, denn "es hängt Euch zum Hals heraus". Bloß damit keine Konfrontation mit der massenhaft damals praktizierten Selektion der Wertgüter der Opfer, deren Wiederverwertung (Recycling) durch Industrie und Bevölkerung, aufkommt.

Nicht wir assoziieren die  Opfer des Nationalsozialismus mit (Atom) Müll – unseren Kritikern und deren Verbündeten [4] fällt dies ein. Unser Vergleich oder Assoziation gilt den Tätern, die unterschiedslos Menschen oder deren Hinterlassenschaften sortierten. Kleider, Möbel, Brillen oder Koffer konnte der deutsche Volksgenosse dann günstig erwerben oder die „Winterhilfe“ verteilte sie an Bedürftige. Fast jede ausgebombte deutsche Familie saß nach dem Krieg auf Möbeln aus jüdischem Besitz, jeder Käufer wußte, daß die Wäsche deportierten jüdischen Familien gehörte. Von dem Arisierungsrecycling profitierten alle: Ärzte, plündernde Nachbarn, Industrie, Kaufhausbesitzer oder Schnäppchenjäger.

Auch wenn an dem Koffer kein Blut mehr klebte und der Judenstern von der Jacke abgetrennt worden war, der Horror des Nationalsozialismus und seiner Kontinuität läßt sich eben nicht vom Alltäglichen trennen: er liegt in der Mentalität und Erfahrung der Tätergesellschaft.

„Kampf dem Verderb“ unter diesem Motto stand die „Sammelaktion für Altmaterial“, die mit deutscher Gründlichkeit in die Tat umgesetzt wurde. Metalle, Lumpen, Papier, Staniolpapier, Zahnpastatuben und Jute - alles wurde in den Haushalten, den Schulen, den Betrieben (Sammeltonnen wurden bei den  Pförtnern und auf dem Weg zur Kantine aufgestellt)  getrennt gesammelt und dem Kreislauf der deutschen Kriegswirtschaft wieder zugeführt (aus "Sopade 1934-1940").

Die getrennte Müllsammlung ist nicht nur eine Erfindung der Nazis: Sie ist inzwischen heute das umfassendste und erfolgreichste Erziehungsprogramm für die Nachkriegsdeutschen. Es ist heute eine Tatsache und keine Denunziation, daß ALLE - ob Linksradikal oder Rechtsnormal - diesem Sport eifrig nachgehen. In den besetzten Häusern, in Szene-Treffpunkten oder privat.

Das hat sich auch in Ausland rumgesprochen. Klevere Bürgermeister in den Touristen-Dörfer von Pilion (Griechenland), stellen Mülltonnen auf den Straßen (mit deutscher Schrift) für getrennte Müllsammlung, um deutsche Touristen anzulocken!

Woher kommt diese massenhafte Bereitwilligkeit fast aller - auch der "Staatsfeinde" - da mitzumachen? Wo ist nun die Grenze zum nächsten Schritt: Unser Zentrum soll schöner werden?

Der völkische Moment liegt im zwanghaften Trieb solche Artikel wie Trapped zu schreiben, wenn Deutsche als das angegriffen werden, was sie waren und sind: ein Volk, auf Biegen und (Er)brechen. Habt ihr euch mal Gedanken darüber gemacht, warum Ihr euch dazu berufen fühlt, auf solche Kritiken zu reagieren? Warum Ihr Euch zugehörig zu diesem Kollektiv fühlt?  Warum tun es "die anderen" nicht?

Nach alldem, was wir in den letzten Jahren (nach der Wiedervereinigung) erlebt und gelesen haben, wundern wir uns warum sich manche in Deutschland Sorgen um  Gentechnologie, Klonen usw.  machen. Was kann diese Technologie noch schlimmeres anrichten?

Es läuft schon auch ohne: Pogrome und tägliche Angriffe, die Kampagne gegen kopftuchtragende Frauen und gegen "Islamisten", die Hetze gegen Ignatz Bubis und die ausgebrochene Hastigkeit für das Projekt "Deutschland normal": "Das ist die von der Sozialwissenschaft ermittelte Realität. Es gibt 15 Prozent offene Antisemiten in allen Alterstufen. Dazu kommen noch einmal 30 Prozent latente Antisemiten. Die flippen immer erst aus, wenn so etwas ist wie jetzt gerade.  Immer, wenn in diesem Land solche Debatten waren, Historikerstreit, Goldhagen oder auch, als der Film Holocaust im Fernsehen gezeigt wurde, steigen die Übergriffe an. Dann haben wir eben 17 Grabschändungen pro Woche. Normal ist in Deutschland ein geschändeter jüdischer Grabstein in der Woche." (Julius Schoeps, Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam zum "Streit" Walser/Bubis).

So viele Zahlen, so viele Fragen und über die soziale ist immer noch nichts gesagt worden...

                                                                                         

Café Morgenland, Köxüz (Berlin)                                        7. Dezember 1998



[1] "Irrwege, Sonderwege und Sackgassen", Arranca, Seite 13, gleiche Nr.
Auch wenn wir zu manchen in diesem Artikel dargestellten Punkte anderer Meinung sind, sehen wir hier einen richtigen Diskussionsansatz. 

[2] "Irrwege, Sonderwege und Sackgassen", Arranca, Seite 13, gleiche Nr.

[3] "Dem Schwein geht es gut. Die Farbe sei zum Glück nur auf die Haut aufgetragen gewesen und nicht eingeätzt. Insofern ist das Tier nicht verletzt. Es wurde im Tierheim Lankwitz untergebracht". Die Antwort der Pressestelle der Berliner Polizei auf die Frage einer SZ-Journalistin nach dem Stand der Ermittlungen (SZ von 7.12.98, Seite 3)

[4] "man muß wach werden, wenn in Deutschland wieder Sonderzüge fahren" Udo Lindenberg zu den Castor-Transporten

 

 
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