Café Morgenland

Deutsche Linke: das Klonen geht weiter...

Die Ereignisse um, in und nach Gollwitz, haben in einer offenen und ehrlichen Form unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Vollständig, ohne die geringste Abweichung von herrschender Norm, ohne Nuancen und Pointen, mit der üblichen Gründlichkeit und Konsequenz. Was ist passiert?
In einem weißen Fleck in Deutschland (Gollwitz genannt), bricht der Antisemitismus, anläßlich der Zuteilung von jüdischen Flüchtlingen an diesen Ort offen ans Tageslicht. Ohne Verzierungen, ohne Rücksicht auf irgend etwas und irgend jemand und mit klar artikulierten Mord- bzw. Brandanschlagsdrohungen ("wollt ihr ein zweites Dolgenbrodt?"). Von offizieller Seite (Ministerpräsident Stolpe, PDS usw.) sowie seitens der nationalistischen Linke (JW, ak usw.) wird dem antisemitischen Mob volle Deckung gegeben. Die erdrückende Mehrheit der linksradikalen und autonomen Szene zieht sich wieder mal zurück auf den Posten der stillen Beobachtung und der Distanzierung (Antifaschistische Aktion Berlin).
Ihre passive bzw. diffamierende Haltung revidiert somit die Annahme, daß dies rein zufällig sei: wenn in Deutschland wiederholt (Babenhausen, Gollwitz) Juden angegriffen werden und diese Szene schlafen geht oder wieder mal gerade "eine wichtige Aktion hat", dann ist es eine bewußte, begründete Entscheidung auf antisemitischer Grundlage.
In dieser Situation hat der bundesweite Zusammenhang von selbstorganisierten MigrantInnen-Gruppen auf seinem Treffen in Berlin beschlossen, in Gollwitz eine Protestaktion zusammen mit den wenigen Gruppen und Leuten, die ebenfalls der Meinung waren, daß auf Gollwitz eine Antwort folgen muß, durchzuführen.
Im Zuge der Demo wurde das ganze zugespitzt.
Angefangen von dem Vorwurf der Gollwitzer gegen Bubis (er hätte die Demo bezahlt) bis hin zum üblichen Dreck ("erst die Demo hat die Gollwitzer antisemitisch gemacht").
Innerhalb der Demozusammenhänge (davor, während und danach) mußten wir den Paternalismus und die Intrigen von Teile der antideutschen Gruppen erleben. Die Arbeitsteilung sah so aus : Kanaken für die Mobilisierung, die Plakatierung und die Techniks, die Deutsche Avantgarde für die Organisation und Inhalte bzw. für die "richtige" Linie.
Die Demo wurde in den antideutschen Blättern kurzerhand als "Autonomen-Demo aus Berlin" deklariert. Hauptsache, keiner kriegt mit, wer die Haupttragenden der Demo waren (laut Nazi-Blatt JUNGE FREIHEIT, "landesfremde Demonstranten").
Um Mißinterpretationen auszuschließen: Uns geht nicht darum, uns selbst in Vordergrund zu stellen, sondern um was ganz anderes.
Mit solcher Zuschreibung wird die längst fällige Kritik und Auseinandersetzung an und mit der autonomen Szene im Keim erstickt. Im Gegenteil: Es wird ein Bild dieser Szene präsentiert, das mit deren Alltag nichts, aber gar nichts zu tun hat. Denn gerade diese Szene weigert sich beharrlich, einen Finger zu rühren, wenn in Deutschland antisemitische Exzesse auf der Tagesordnung stehen.

Die Diffamierung erreichte ihren Höhepunkt allerdings an einer anderen Stelle: Nach dem manche sich aufgrund unserer Kritik am Vorabend der Demo als "erwischt" fühlten, gab es Überlegungen, uns als intellektuellenfeindlich zu diffamieren.
Was diesen Vorwurf betrifft: Wenn Mensch, eine Form von Sprachakrobatik nicht akzeptiert, geschweige denn als intellektuelle Leistung anerkennt, dann kann es sich anscheinend nur um Intellektuellenfeindlichkeit handeln. Etwas Bescheidenheit wäre hier eher angebracht.
Was unsere Kritik in der Veranstaltung am Vorabend der Demo (siehe den Beitrag "Nadelstiche mit stumpfer Nadelspitze?") betrifft: Wir haben erwartet, daß die Klarheit und Offenheit unserer Kritik zur Klärung von angenommenen aber real nicht existierenden Gemeinsamkeiten führen würde. Wer uns kennt, weiß, daß unsere Denkweise nicht ihren Projektionen entspricht: weder beabsichtigen wir andere hereinzulegen, noch sie bloß zu stellen. Die Kritik konzentrierte sich zum einen auf das Antisemitismus-Erklärungsmuster von Antideutschen, und zum anderen, daß manche von ihnen es zu ihrer Aufgabe gemacht haben, immer dann zu schweigen, wenn MigrantInnen initiativ agieren und nicht bereit sind sich als Füllmasse zu präsentieren. Interessant wird es für sie nur dann, wenn genügend Deutsche dabei sind bzw. das Sagen haben.
Das Schweigen von Ereignissen in dem Nichtdeutsche vorkommen sowie das Verschweigen von "Nebenwiderspruchschweinereien" hat hier Tradition:
In Gollwitz wurden wir vom Mob als "Polacken-Pack" und "Abschaum" beschimpft. Bis heute ist kein einziges Wort darüber gefallen, geschweige denn ist in den Berichterstattungen des antideutschen Spektrums eine Zeile darüber erschienen.
Es wurde eine geschlechterübergreifende Solidarität unter den Anwesenden praktiziert. Als ein Sprecher der Antideutschen lautstark verkündete, daß wenn der Lautsprecher nicht funktioniert ein Mann den Redebeitrag halten muß, "weil Frauen keine laute Stimme haben" (bisher kannten wir die andere Variante: "kreischende Weiber"), wurde kein Protest erhoben. Wir stellen uns vor, welches Geschrei, was für Papiere, Auseinandersetzungen oder gar Veranstaltungen gelaufen wären, wenn diese Aussage von einem Migranten geleistet worden wäre. "Sexismus", "Patriarchat" und die ganzen Klischees und rassistischen Vorurteile gegen die "Paschas aus Anatolien" wären offen artikuliert worden. Nicht aber dort. Auch nicht später. Schön den Mund halten. Er war schließlich einer von "uns".
Als ob all das nicht genug war, wurde als Krönung dem Bürgermeister von Gollwitz unsere Demo als Kulisse zur Verfügung gestellt. Und der Versuch, den Bürgermeister raus aus der Demo zu jagen ist - dank der antideutschen Haltung - gescheitert (immerhin, er wurde bespuckt). Erst später wurde er zum weggehen aufgefordert.
Als Entschädigung haben ihm später andere deutsche Linke aus "Antidiskriminierungsbüros" oder ähnlichen Selbsterfahrungsgruppen im "Haus der Demokratie" mit seiner Mob-Gefolgschaft eskortiert und die Bühne für seinen Dreck zur Verfügung gestellt. Um Mißverständnisse zu vermeiden, wurde ihm und seiner Meute demokratisches Verhalten demonstrativ bescheinigt, indem ein Junge-Freiheit-Anwesender als Nazi definiert und dessen Rausschmiß gefordert wurde. Somit wurden gleichzeitig die meisten übrigen Anwesenden zu dem demokratischen Teil deklariert.

In Gollwitz wurde wieder einmal ein Bruch vollzogen. Gruppen und Leute aus dem antideutschen Spektrum mit denen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut worden waren (so zumindest unser Verständnis) agierten auf einmal wie OrdnungshüterInnen - nicht gegen die GollwitzerInnen, sondern gegen uns und all diejenigen, die uns unterstützten. Ein tiefes Mißtrauen - ob wir doch durchdrehen - und ein unzulässiger Vergleich wurden in den Raum geworfen, indem eine evtl. Auseinandersetzung mit dem Gollwitzer Mob mit der "Kristallnacht" gleichgesetzt wurde.
Was wir aus den Ereignissen um und in Gollwitz erkennen können, ist neben der tatsächlich existierende Meinungsdifferenz noch was anderes: Daß bei Teilen des antideutschen Spektrums der Bruch mit den deutschen Linke schwer möglich ist, daß die Illusion, in Deutschland "Politik" und Aufklärung zu betreiben sowie irgendeine Bewegung/Strömung anzustreben nicht aufgegeben wurde

 
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