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Brief an die "migrantische Initiative gegen Antisemitismus"
Assimili-Ali's
Ihr habt
bei uns angefragt, ob wir euren Aufruf für die Kundgebung gegen die Anschläge
auf die Istanbuler Synagogen unterstützen würden. Obwohl wir die Kundgebung
unterstützt haben, war es uns nicht möglich einen solchen Aufruf zu
unterzeichnen. Anbei die Gründe für die Ablehnung:
Gleich zu Beginn eures Aufrufs werden die Weichen gestellt:
"Es geht nicht nur um den Terror islamistischer Gruppierungen, sondern auch
darum, dass in der türkischen Gesellschaft der Antisemitismus stets verbreitet
war."
Im Land des Holocaust und der Pogrome, im Land von Auschwitz und des
singulären Verbrechens, entdeckt ihr den Antisemitismus ausgerechnet in der
türkischen Gesellschaft. Von der europäischen Gesellschaften ganz zu schweigen.
Anscheinend ist die belgische (Kriegsverbrecherprozess gegen Sharon), die
holländische (über 70% gegen Israel), die französische (sie haben Listen mit
jüdischen Intellektuelle gesammelt und veröffentlicht, um sie als Unterstützer
des "Sharon-Terrors" anzuprangern), die sonstigen europäische Gesellschaften die
besten Anti-Antisemiten.
"Der Antisemitismus wächst auch in Teilen der nichtdeutschen Communities."
Wächst heißt, er war bisher kaum da (höchstens als Pflänzchen!). Wir fragen uns,
wo ihr die ganze Zeit gelebt habt. Von dort, wo ihr lebt, habt ihr keine Ahnung.
Über dort, wo ihr nicht lebt, wisst ihr ganz genau Bescheid! Richtig wäre es,
das zu schreiben, was real existiert: IHR habt den Antisemitismus unter
MigrantInnen jetzt entdeckt und wollt es als den letzten Schrei deklarieren!
Noch schlimmer: Ihr habt ihn erst in dem Moment entdeckt, als er als
Antiislamismus gute Dienste leisten kann (irgendwoher kennen wir diese Melodie).
"Es ist ein Skandal, dass Menschen, die sich als Juden zu erkennen geben, in
Kreuzberg oder Neukölln Angst haben müssen. Wir, migrantische Berlinerinnen und
Berliner, finden diesen Zustand unerträglich."
Die dieser Aussage zugrunde liegende Logik redet implizit weiter: ". und
deswegen wollen wir dafür sorgen, dass sie (die Juden) nur in Treptow und
anderswo (nur nicht in Neuköln und Kreuzberg) angegriffen werden dürfen"
Oder meint ihr etwa, dass ganz Berlin außer den beiden genannten Bezirken
ein Meer des Anti-Antisemitismus sei (da überwiegend Deutsche wohnen) und nur
die beiden Bezirke die große antisemitische Bedrohung darstellen (da viele
Migrantlnnen wohnen)? Mit so einem Satz kriegt ihr jeden Saal, jeden Platz voll
mit Krauts, da ihr hiermit den Deutschen exklusive Persilscheine ausstellt!
Oder meint ihr, dass ihr für das Verhalten der Migrantlnnen zuständig seid. Seit
wann? Und überhaupt, welche Migrantlnnen meint ihr, auch diejenigen die aus der
ehemaligen SU kommen, jüdische Einwanderer? Was für Schubladen habt ihr im Kopf?
Warum findet ihr nur diesen Zustand (Antisemitismus in Neukölln und Kreuzberg)
unerträglich? Was ist so attraktiv für Euch an den anderen Zuständen, wenn Juden
am Ku'damm oder eben in Treptow, gar durch Bürgerinitiativen, gejagt und gehetzt
werden? Auf die Antwort sind wir gespannt.
"Als nichtdeutsche Menschen in diesem Land wissen wir, was es heißt,
Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt ausgesetzt zu sein."
Na und? Was hat das mit der Haltung gegen Antisemitismus zu tun?
Noch mal das Einmaleins von vorne: Den kausalen Zusammenhang zwischen der
Erfahrung der rassistischen Diskriminierung und der Ablehnung des Antisemitismus
gibt es nicht; die Folgerung, die rassistisch Diskriminierten würden den
Antisemitismus ablehnen ist falsch. Unzählige Beispiele zeigen gar des Öfteren
das Gegenteil. Ihr erwähnt es trotzdem. Weil ihr eine Rechtfertigung sucht, weil
ihr glaubt, eure Solidarität mit den Opfern begründen zu müssen, weil euch
Auschwitz nicht genug ist! Diese Rechtfertigung liefert ihr gleich nach - der
einleitende Satz dient übrigens nur als die kosmetische Voraussetzung dafür,
dass ihr sie freischnauzig ausschreit:
"Auch wenn es nicht der Grund für unsere Solidarität mit jüdischen Menschen
ist, möchten wir an eines erinnern: Als in Mölln, Rostock, Solingen und anderswo
Menschen ermordet wurden, weil sie aus der Türkei, aus Vietnam oder aus Angola
stammten, als deutsche Volksparteien Unterschriften gegen Ausländer sammelten,
waren es Vertreter der jüdischen Gemeinde, die bedingungslos Widerstand gegen
Rassismus leisteten. Die migrantischen Communities haben die jüdischen Menschen
in diesem Land bei der Bekämpfung des Antisemitismus bislang allein gelassen. Es
ist längst Zeit, dass wir ihnen beiseite stehen."
Diese Stelle (die gar zu der zentralen Aussage des Aufrufs avanciert) hätte im
Aufruf nicht geschrieben werden dürfen. Es ist aber geschehen. Damit ist das
Ganze irreparabel. Diese Stelle kann nur von denjenigen als Positivum akzeptiert
werden, die in euch entweder den Trottel oder den Assimili-Ali sehen. Denn in
dem Moment, in dem ihr ernst genommen werdet - was wir hiermit tun -, muss man
euch zwingend attestieren, dass ihr hiermit Drohungen zumindest aber
Erpressungen gegen jüdische Menschen aussprecht. Im Klartext sagt ihr, "Nur
weil die Juden uns damals geholfen haben, müssen wir jetzt ihnen helfen"
(und liefert hiermit die eingangs gesuchte Rechtfertigung eures Verhaltens).
Oder die erpresserische Variante: "Nur wenn ihr uns gegen den Rassismus
hilft, habt ihr von uns Solidarität zu erwarten. Drunter geht es nicht"'
Aus all diesen Gründen - und ein paar mehr - war es für uns unmöglich einen
solch unsäglichen Aufruf zu unterstützen. Eure Bereitschaft, solche Inhalte in
Frage zu stellen, war gleich null.
Denn es war für euch ein politisches Projekt, das euch Anerkennung bei Teilen
der Linksdeutschen und bei der deutschen Presse einbringen solltet. Es ist euch
auch gelungen.
Als ob das alles nicht verheerend genug gewesen wäre, seid ihr noch einen
Schritt weiter gegangen: Entgegen den Vereinbarungen und Absprachen bei der
Vorbereitung der Kundgebung habt ihr den MorgenländerInnen Redeverbot bei der
Kundgebung erteilt. Gewiss, ihr konntet eure Mehrheit (3/4 zu ¼) voll ausspielen
- gut aufgepasst bei euren linksdeutschen Lehrern. Wieder mal die Minderheit,
genauer gesagt, diesmal die Minderheit der Minderheit - komisches Gefühl. Halb
so schlimm. Schlimm war eure Begründung des Redeverbots: "Ihr dürft nicht
gegen die deutsche Zivilgesellschaft polemisieren. Weil sonst die PDS- und
Grüne-Partner verprellt werden". Ihr zieht es vor, die Verwalter des
Ossi-Mobs (PDS) und die Serbenfresser (Grüne) in Schutz zu nehmen, statt sie "zu
verprellen".
Ihr zieht es vor, die Zustände, die zu Mölln, Solingen, Rostock, Mannheim usw.
geführt haben, samt ihren Akteuren und Klakeuren, zu verdecken, anstatt sie so
zu benennen, wie sie sind: Mordkollektive.
Nur noch der Ort, das Datum und die Uhrzeit der Kundgebung waren korrekt, was
wir auch unterstützt haben.
Café Morgenland, 24.11.2003
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