Café Morgenland

Jagdsaison
(einen Monat danach: ein paar Gedankenfetzen über eine schon vergessene Geschichte)"

Die Hetzmasse bildet sich im Hinblick auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet, es ist ihr auch nah. Sie ist aufs Töten aus,  und sie weiß, wen sie töten will. Mit der Entschlossenheit ohnegleichen geht sie auf dieses Ziel los; es ist unmöglich, sie darum zu betrügen. Es genügt, dieses Ziel bekannt zu geben, es genügt zu verbreiten, wer umkommen soll, damit eine Masse sich bildet. Die Konzentration aufs Töten ist eine besondere Art und an Intensität durch keine andere zu übertreffen. Jeder will daran teilhaben, jeder schlägt zu. Um seinen Schlag führen zu können, drängt sich jeder in die nächste Nähe des Opfers. Wenn er nicht treffen kann, will er sehen, wie es von den anderen getroffen wird (...). Es ist ein leichtes Unternehmen und es spielt sich so rasch ab, dass man sich beeilen muss, um zurechtzukommen. Die Eile, Gehobenheit und Sicherheit einer solchen Masse hat etwas Unheimliches." (Masse und Macht, Elias Canetti, 1980)

Vor einem Monat, am Samstag Abend des 4. Septembers 2004, zwei Monate nach den Sieg der Germanotsoliaden [1] der griechischen Nationalmannschaft in der Fußballeuropameisterschaft und gerade eine Woche nach dem Ende des nationalistischen Taumels der Olympischen Spiele, fanden in Griechenland massive Volkspogrome statt. Ergebnis: Der Tod des 20jährigen albanischen Migranten Gramos Palussi in Zakynthos sowie die Verletzung von über 300 Migranten (allein in Athen über 100), fast alle Opfer waren Albaner (aber auch andere Migranten, die gewagt haben, den albanischen Fans zuzujubeln).

Anlass (und nicht Grund, da dies nichts mit Fußball zu tun hat) war der Sieg der albanischen über die griechische Fußballnationalmannschaft und die daraufhin folgenden Siegesfeiern der albanischen Fans.
In Athen, Thessaloniki, Larissa, Kilkis, Rethymno, Kavala, Zakynthos, Ioannina, Patras, Korfu, Paros, Kalamata, Volos, Rhodos… in fast allen Regionen Griechenlands, wo Albaner leben, veranstalteten hunderte von „reinblütigen“ Griechen, mit oder ohne Klassenbewusstsein, arbeitslos oder arbeitshabend, unterstützt von uniformierten Volksschichten (Beschäftigte der griechischen Polizei) Jagd auf Albaner. Mit einem einzigen Ziel: um zu schlagen, zu verletzen, gar zu töten, so viele wie möglich, jeden, den sie entdeckten und habhaft werden konnten.
Somit bewiesen sie, dass sie nicht nur wie die Deutschen Fußball spielen können, sondern auch, dass sie wie sie töten können. (Seit der Wiedervereinigung fanden in Deutschland über 120.000 rassistische und antisemitische Angriffe, mit über 136 Toten und tausenden Verletzten, statt).

Es war eine spontane, kämpferische Rebellion der Nationalinstinkte gegen die – gemäß „Rizospastis“(Zeitung der KPG) – „verelendeten albanischen illegalen Flüchtlinge, viele von denen (sind) Verbrecher des normalen bürgerlichen Rechts“.
Es war der Ausdruck des griechischen Volkszorns gegen das „am meisten zurückgebliebene Volk vom Balkan“, wie uns national-antiimperialistisch denkende Griechen erklärten:
„… Die Öffnung der griechischen Grenze zu Albanien und die Masseninvasion verelendeter albanischer illegaler Flüchtlinge, viele von denen Verbrecher des normalen bürgerlichen Rechts, das Geschrei von Kriegsdemonstrationen wg. dem Namen von FYROM (Republik Mazedonien), waren Elemente, die die Richtung der griechischen Außenpolitik im Sinne der Westallianz bestimmt haben. Es ist nicht zufällig, dass z.B. die USA, die NATO und die EU Teile der Albaner, als dem am meisten zurückgebliebenen Volk vom Balkan, nutzten und nutzen, um ihre Drecksarbeit machen zu lassen“ (Rizospastis, Sonntag den 11. März 2001, Antonis Damigos).
Wie schrieb – richtigerweise – am Tag nach den Pogromen, eine Zeitung des „am meisten zurückgebliebenen Volk vom Balkan“?:  „Griechen, werdet zivilisiert!“

Alle Fraktionen der griechischen Linke, die außer-, die innerparlamentarische, die radikale, die antiautoritäre, die gemäßigte (Verzeihung, wenn wir irgendeine vergessen haben), die sogar in Kleinigkeiten große Differenzen haben, waren sich am nächsten Tag einig in einem einzigen Punkt: Die Herkunft der Täter. Gemäß also dieses nationalen Gleichklangs waren die Täter Chrisavgiten (Faschisten), Hooligans (Idioten) und Staatsapparat (die da oben).

Sogar diejenigen, die Antirassismus auf ihrer Fahne trugen, murmelten etwas von ihrer „Beunruhigung“, weil unter den Tätern auch Leute aus der arbeitenden Bevölkerung, also aus ihrem zukünftigen Klientel waren:
„Schließlich sind wir beunruhigt, weil einige Teile der Gesellschaft und sogar die am meisten unterdrückten, für die ideologischen Rufe der Allianz des Neoliberalismus mit seinem Marktneokonservatismus, was zu grenzenloser Gewinnmaximierung führt, leicht zugänglich zu sein scheinen, sowie des Rassismus und Nationalismus, der Grenzen zwischen den Opfern der Ausbeutung, der Unterdrückung und des Krieges zieht. An diese Teile der Arbeitenden, der Arbeitslosen und der Jugend appellieren wir, damit wir gemeinsam aus dem Joch der nationalen Einheit flüchten“ (antirassistische Initiative Thessaloniki, 5.9.2004).
Zum Glück für sie, hat der Präfekt von Thessaloniki seine brandschatzenden Äußerungen gemacht, damit das Ganze „den Oberen“ zugeschoben werden kann (während die Kritik an den mittelalterlichen und darwinistischen Äußerungen der Olympiasiegerin Chalkia eher verhalten und lustig ausfiel, da sie dem „Volke“ angehört).

Andere wiederum zerbrachen sich den Kopf, wie und mit welchen Argumenten sie den rassistischen Volksschichten die richtige antirassistische Einstellung einprägen könnten, als ob das Ganze bloß eine Frage der unterschiedlichen Ansichten wäre, also bloß eine Aufklärungssache. Mit dem obskuren Ergebnis, dass sie versuchten, der Hetzmeute, nachdem sie das getan hat, zu erklären, warum sie es getan hat (kapitalistische Ausbeutung, Unterdrückung usw.):
„die Ereignisse der rassistischen Gewalt, die am Samstag den 4.9, in einem Klima des Hasses ausgebrochen sind, sind Früchte der langjährigen Verbreitung des Nationalismus und des Rassismus, als Instrumente für die extensive Ausbeutung und Unterdrückung der Migranten, aber auch für die Unterordnung aller Proletarier, einheimische oder fremde. Weil die Herrschaft der nationalen Unterscheidungen zu Lasten des Klassenbewusstseins geht, werden die Unterdrückten der einzigen Waffe beraubt, die sie gegen ihre Herrscher haben: Der Solidarität“ (Offenes Plenum Anarchisten-Antiautoritären, September 2004).

So weigern sie sich anzuerkennen (es geht denen nicht mal durch den Kopf), dass Rassisten und Nationalisten sehr konkrete Vorteile davon haben, das zu sein, was sie sind. Nicht nur materielle Vorteile, sondern auch „geistige“: Der versteckte Charme der Obrigkeit, das Gefühl und die Praxis des Teilhabens an der Macht, der Stolz dem Mehrheitskollektiv anzugehören (nationale Identität) usw. Das Problem der nationalen Identität und jeder Identität kannst du für gewöhnlich auf zweierlei Arten lösen: Entweder findest du einen guten Psychologen oder du gehst gegen diejenigen vor, die nicht deine Identität haben, damit die Abgrenzung klappt. Gestern gegen die Türken, heute gegen die Albaner und immer gegen die Roma (nicht, dass wir den Antisemitismus, insbesondere den der griechischen Linke vergessen haben, aber dies ist ein besonderes Thema… nächstes Mal).
Diese zweite Variante ist keine einmalige Handlung, sondern ein dauerhaftes ideologisches und gefühlsmäßiges „Überlebens“problem. Daher erfordert es ständige Nahrung, um „überleben“ zu können (Voraussetzung um zu bestimmen, dass du Grieche bist, ist zu bestimmen, was du nicht bist).
Aus dieser Sicht also, erfüllt der Zuzug und die Existenz von „Fremden“ in Griechenland eine wichtige gesellschaftliche Rolle: Die Formierung und den Zusammenhalt des griechischen Volkes.

Andere wiederum landen bei Argumenten, die den Weg für neue Verbrechen öffnen. Solche, die zu beweisen versuchen, dass „die Migranten, die Arbeitsplätze den Einheimischen nicht wegnehmen“ (na und, wenn sie also die Arbeitsplätze doch wegnehmen, müsst ihr sie töten?) u.ä.
Sogar die auf den ersten Blick „fortschrittliche“ Parole „Albaner und Griechen eine Front“ mit all ihren Varianten ist mindestens unverantwortlich (gemäß elementarer Logik sogar gefährlich) weil versucht wird, unbedingt die Opfer in die Nähe der Täter zu bringen (bis dahin mussten sie die Opfer suchen).
Oder schieben jede bewusste, konkrete verbrecherische Tat des konkreten rassistischen Subjekts auf die Massenmedien, womit sie substanziell die Täter aus ihrer eigenen Verantwortung und persönliche Entscheidung entlasten können. Selbst die Massenmedien werden nicht hauptsächlich wg. ihres rassistischen und nationalistischen Delirium kritisiert, sondern weil sie „die kleinen Leute“ beeinflussen.
Wir wiederholen es zum tausendsten Mal: Rassismus und Nationalismus sind nicht Ansichten, sondern Verbrechen. Es sind autonome Gewaltverhältnisse und als solche müssen sie angegangen werden.

Die linken Erklärungen-„Verurteilungen“ des Verbrechens hatten mehr den Charakter von Drohungen und Vorbereitungen auf die nächsten Pogrome, sogar Rechtfertigung des Verbrechens als einer verspäteten zwar, aber immerhin antirassistischen Sensibilisierung.
Die Nationalbolschewisten von der  Es-Gibt-Nur-Eine-Partei waren außer sich, weil die albanischen Fans die griechische Nationalhymne ausgebuht hatten … in Albanien.
Oder kauten die Slogans über Faschisten und UCK-Anhänger (analog „Agenten der USA und NATO“) wieder, damit zukünftige rassistische Angriffe der Meute der Jungkommunisten sowie die brutale Ausbeutung von Migranten durch Mitglieder und Funktionäre der KPG mit antiimperialistischen und antifaschistischen Mänteln zugedeckt werden können. Sicherheitshalber haben sie noch die türkische Fahne (den ewigen Feind) rein platziert - das kommt immer gut an.
„Beim Spielen der Nationalhymne Griechenlands, grüßten sehr viele Albaner mit faschistischem Gruß, es fehlten nicht die Höhepunkte über „Großalbanien“, auch türkische und amerikanische Fahnen wurden gezeigt.. Völlig… zufällig, waren viele im Stadium mit dem Emblem der UCK.“ (Rizospastis, Dienstag, 7.9.04, damit niemand glaubt, dass das vorherige Zitat von Damigos ein Ausrutscher war).
Genau dieser Teil der griechischen Linke züchtet einen modernen „antiimperialistischen“ Rassismus und betreibt Vulgär-Marxismus für das linke Klientel.

In diesem Klima also, haben die rassistischen Bestien, verstärkt durch die Unterstützung der Repressionsapparate und deren Gesetze, verstärkt durch die nachträgliche Einführung „antifaschistischer, antiimperialistischer und antikapitalistischer“ Rechtfertigungen und Argumenten gar nichts zu befürchten. Sie schwimmen wie Fische im Wasser, sie finden Zuneigung und Fürsorge in deren Umgebung, da sie sich in dem Sicherheitsgefühl wähnen, dass ihre Taten und Verhalten die Volksseele repräsentieren und die Zustimmung der ganzen Gesellschaft finden.
Was das antikapitalistische Bewusstsein betrifft: „die  reichen Juden haben in den KZ's wegen dem Klassenbewusstsein der SS am meisten gelitten“ schrieb einmal Hannah Arendt.
Aber auch in unserer Zeit hatten wir die Pogrome des indonesischen Proletariats gegen die Stadtteile der chinesischen Minderheit (= „Kapitalisten“), was zur Folge die Brandschatzung von tausender Wohnungen und die Ermordung dutzender Menschen, insbesondere Frauen und Kinder chinesischer Herkunft, hatte.

Wie wir anfangs erwähnten, gab es griechenlandweit einen Toten und über 300 Verletzte. Die Besonderheit dieser Zahl ist nicht nur ihre Höhe (europaweit war es das größte Pogrom seit dem 2.Weltkrieg, in einer Nacht) sondern auch wegen was anderem: Unter den Verletzten gab es keine Griechen. Der Grund dafür war nicht, dass die Täter die einen von den anderen unterscheiden könnten, sondern wesentlich einfacher und beschämender: Niemand, nicht ein einziger Grieche, hat sich an dem Abend, als die Hetzjagd stattfand, an die Seite der Migranten gestellt. (Ansonsten riefen sie NACH den Pogromen in ihren Demos „wir sind alle Albaner“).
Nicht, dass wir eine antirassistische Sensibilität erwarteten, nicht dass wir uns Illusionen über den Antinationalismus der griechischen Linke machten, so dass sie jemals an dem Punkt ankommen würden, die Niederlage der griechischen Mannschaft auf den Strassen und Plätzen zu feiern, sondern zumindest aus politischen Gründen: Denn die Niederlage der griechischen Mannschaft war ein Geschenk des Gottes der Gottlosen, ein Manna vom Himmel, die bestens geeignet war, die nationalen Höhepunkte zu zerschmettern. Nichts von alledem ist geschehen. In dieser Nacht gab es keine Parteien, keine Organisationen, keine Fraktionen. Nur Griechen und Albaner. In dieser Nacht waren die Rollen – wie immer – strengstens verteilt: Auf der einen Seite die Täter, die Zuschauer, die Apologeten des Verbrechens und auf der andere Seite deren Opfer.

Aber auch die andere Sicht der Ereignisse haben unsere Hyperrevolutionäre, die selbst bei einem harmlosen Husten (vor allem wenn es genmanipuliert ist) gleich eine Bewegung bilden, nicht verstanden: In jener Samstag Nacht, am 4. September des Jahres 2004 – auch wenn es nur ein paar  Stunden gedauert hat, auch wenn es nur symbolisch war, auch wenn der Anlass der Sieg der albanischen Mannschaft war - wurden für einen einzigen Moment die Gejagten zu Jäger! Sie legten das Stigma des Abschaums, des Nichtssein ab, zogen die Kleider der Rebellion an und gingen auf die Strassen und die Plätze deren Herren, um sie auszubuhen, auszulachen, um sie zu erniedrigen, so als eine minimale moralische und seelische Entschädigung all dessen was sie litten und weiterhin leiden durch die Mehrheitsgesellschaft, den „autochthonen“ mit ihren kommunistischen, revolutionären, sozialistischen, rechten und sonstigen Parteien, mit deren Gruppen, deren Kafeneions, deren Bullen und allen sonstigen Elementen „innerhalb deren nationalen Grenzen“. Ihr solltet euch zukünftig von dieser Erfahrung der paar Stunden in Acht nehmen!

So bleibt nichts anderes übrig als eine einzige Hoffnung: Die Selbstorganisierung und die Selbstverteidigung der Albaner und aller anderen Migranten, als die einzige Überlebenschance in einer Gesellschaft, die durchtränkt ist vom rassistischen und nationalistischen Gift, einer Gesellschaft, in der die Denunziation und die Kollaboration seit langem zu den beliebtesten Volkssportarten gehört.

Diese Hoffnung – und unsere Verpflichtung, an der Seite der Stigmatisierten zu stehen – speist sich aus der Ansicht, dass Rassismus und Nationalismus als Konsumgüter betrachtet werden müssen, deren Erwerb - so wie bei allen anderen „Güter“ auch - einen Preis hat, etwas kostet. Diesen Preis also müssen wir möglichst hoch treiben. Der Slogan also, „wer Migranten anfasst, dem brechen wir die Knochen“ darf keine verbale, sondern soll eine praktische Kommunikation und Verhaltensweise sein.

Wenn Rassisten angreifen, müssen wir dafür sorgen, dass sie es nie wieder tun!


Café Morgenland                                                        Deutschland/Griechenland, 3. Oktober 2004


[1] so wurden während der deutschen- Besatzung die Kollaborateure in Griechenland genannt
 
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