Café Morgenland

 

Griechenland im Dezember 2008: War noch was?
Diese Tage sind auch unsere...

Nach der Ermordung von Alexis Grigoropoulos, erleben wir eine beispiellose Situation der Aufruhr, ein Überlaufen der Wut, das nicht enden will. Avantgarde in diesem Aufbegehren sind die Schüler, die mit unlöslichem Pathos und mit einer ursprünglichen Spontaneität, alle Vorgaben umgekippt  haben. Du kannst nicht, etwas was du nicht kontrollieren kannst stoppen, du kannst nicht, etwas, was spontan unter Bedingungen abläuft, die du nicht verstehst, organisieren. Das ist die Schönheit dieser Rebellion.

Die Schüler machen Geschichte und überlassen es anderen, sie ideologisch einzuordnen und niederzuschreiben. Die Strassen, die Initiative, das Pathos, sind die Ihren. Im Rahmen der allgemeinen Mobilisierung, deren Treibkraft die Schülerprotesten sind, findet auch eine massive Teilnahme der MigrantInnen der zweiten Generation sowie vieler Flüchtlinge statt. Die Flüchtlinge gehen auf die Strasse ohne eine besondere Organisierung, mit einer Spontaneität und Wut, die ihre Mobilisierung kennzeichnet. Momentan sind sie der militanteste Teil der MigrantInnen in Griechenland. Sie haben, so oder so, kaum was zu verlieren.

Die Kinder von MigrantInnen mobilisieren sich massenweise und militant hauptsächlich im Rahmen der Schüler- und Stundenten-Aktionen oder im Rahmen der Organisationen der Linken und der Linksradikalen. Sie sind der am stärksten integrierte und der mutigste Teil der MigrantInnen. Sie unterscheiden sich von ihren Eltern, die gesenkten Hauptes nach Griechenland kamen, als ob sie für ein Stück Brot bettelten. Sie sind Teil der griechischen Gesellschaft, da sie keine andere kennengelernt haben. Sie betteln nicht, sie fordern militant gleiche Rechte mit ihren griechischen Mitschülern. Gleiche Rechte auf der Strasse, gleiche Rechte in den Träumen. Für uns, die organisierten MigrantInnen, ist es ein zweiter französischer November 2005. Wir hatten nie die Illusion, dass, wenn die Wut der Leute überläuft, wir sie steuern könnten. Trotz der vielen Kämpfe, die wir all die Jahre geführt haben, konnten wir nie einen solchen massiven Widerstand zustandebringen. Nun ist die Zeit, dass die Strasse spricht. Der unüberhörbare Schrei gilt den 18 Jahren der Gewalt, Unterdrückung, Ausbeutung und Erniedrigung.

Diese Tage sind auch unsere... Diese Tage sind den hunderten MigrantInnen und Flüchtlingen, die an den Grenzen, in den Polizeirevieren, am Arbeitsplatz ermordet wurden, gewidmet. Sie sind den - durch Bullen oder die empörten Bürger - Ermordeten gewidmet. Sie sind für die, die umgebracht wurden, weil sie die Grenzen überschritten, weil sie wie Hunde schufteten, weil sie sich weigerten den Kopf zu senken, weil sei nichts getan haben. Sie sind für Gramos Palussi, für Louan Berdelima, für Edison Jahajt, für Toni Onouaha, für Abdurahim Idriz, für Modasser Mohamed Asraf und viele andere, die wir nicht vergessen werden. Diese Tage gelten der täglichen Polizeigewalt, die bis dato unbeantwortet, unbestraft geblieben ist.

Sie sind der Erniedrigungen an den Grenzen und in den Flüchtlingslagern, die bis heute anhalten, gewidmet. Sie sind den willkürlichen Urteilen der griechischen Gerichte, den MigrantInnen und Flüchtlingen, die zu Unrecht in Gefängnissen sitzen, der Gerechtigkeit, die sie uns beraubt haben, gewidmet. Auch jetzt, in den Nächten und Tagen der Aufruhr, zahlen die MigrantInnen hohen Zoll für ihre Haltung: durch die Angriffe von Rechtsextremisten und Bullen, durch Ausweisungen und Gefängnisstrafen, die die Gerichte mit christlicher Nächstenliebe, über uns, die Ungläubigen, verhängen. Diese Tage sind der seit 18 Jahre andauernden Ausbeutung gewidmet. Sie sind für die Kämpfe, die nie vergessen wurden, in den Agrarfeldern von Volos, in den Olympiade-Bauten, oder Amaliada. Sie sind für den Schweiß und das Blut unserer Eltern, für die Schwarzarbeit, für die unendlichen Arbeitsstunden. Sie sind für die Sondermarken, für die Strafen, für die Sozialbeiträge, die wir zahlen und nie was davon bekommen. Sie sind für die Aufenthaltsgenehmigungspapiere, nach denen wir ein Leben lang rennen, als ob es sich um das große Los handelte. Diese Tage sind für das, was wir zahlen müssen, damit wir hier einfach existieren, damit wir atmen dürfen. Sie sind für all die Fälle, wo wir die Zähne zusammen gebissen haben, um die Beleidigungen auszuhalten, für die Niederlagen, die wir aushalten mussten. Sie sind für all die Fälle, wo wir nicht reagiert haben, obwohl wir alle  Recht der Welt dazu hatten. Sie sind für all die Fälle, wo wir reagiert haben aber allein gelassen wurden, weil der Tod und die Wut in keinen organisierten Zusammenhang passte, keine Wahlstimme brachte, keinen Informationswert in den 20-Uhr Nachrichten hatte.

Diese Tage sind für all diejenigen, die am Rande der Gesellschaft  leben, für die Ausgeschlossenen, für die Menschen mit den schwierigen, unaussprechlichen Namen und unbekannten Geschichten. Sie sind für all diejenigen, die täglich in der Ägäis und im Fluss von Evros (Grenzfluss zu Türkei), an den Grenzen oder an der Petrou-Rali-Strasse umgebracht werden, sie sind den Roma aus Zefyri(*), den Drogenabhängigen in Exarchia gewidmet. Diese Tage sind für die Jugendlichen aus der Messologi-Strasse, für die unorganisierten, für die unkontrollierbaren Schüler. Dank Alexis, sind diese Tage, die Tage von uns allen.

18 Jahre stiller Wut sind zu viel!

Alle auf die Strasse, für Solidarität und Anstand!

Wir haben nichts vergessen, wir werden nichts vergessen, diese Tage sind auch eure,
Louan, Toni, Mohamed, Alexis…

Zentrum albanischer Einwanderer

Dezember 2008

(*) Am 24.10.2001, wurde in Zefyri, der 21-jähriger Rom, Marino Christopoulos durch den Polizisten G. Tilianakis ermordet. Sieben Jahre später, am 9.12.2008, belagerten und zerstörten mit Steinen und Molotow-Koktails ca. 600 Demonstranten (die meisten davon Roma), das Polizeirevier von Zefyri und zündeten mehrere Polizeiwagen an. Zwei Polizisten wurden durch Jagdgewehren verletzt

 
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