Café Morgenland

Wir veröffentlichen aus der Site der Gruppe „Τερμιναλ119“ aus Thessaloniki einen an die Zeitschrift "Konkret" gerichteten Brief, bei dem es sich um einen anlaesslich des Freispruchs des griechischen Neonazi Plevris durch ein Athener Gericht verfassten Konkret-Artikel handelt.

Die „Konkret“ hat diesen äußerst interessanten und faktereichen Text aus - uns nicht gerade - unbekannten Gründen völlig ignoriert.

 

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Offener Brief an die Konkret-Redaktion

Griechische Mythologie

In der Ausgabe 6/2009 wurde ein Artikel mit dem Titel „Im Namen des Volkes“ bezüglich des Freispruchs des griechischen Neonazi Plevris durch ein Athener Gericht veröffentlicht.
Wir möchten hiermit auf einige Kardinalfehler des Autors Eberhard Rondholz hinweisen.

Wir wundern uns, woher und auf welchen Fakten die Behauptung „Griechenland gehörte zu den wenigen von den Deutschen besetzten Ländern Europas, in dem die Juden fast überall auf Schutz und Hilfe hatten rechen können“ basiert. Noch schlimmer: Diese Behauptung pflegt den inzwischen etablierten Mythos über die angebliche Unterstützungs- und Hilfsbereitschaft der christlichen Griechen gegenüber ihren jüdischen Landsleuten. Anbei beispielhaft einige der zahlreichen Fakten, die belegen, daß Antijudaismus und Antisemitismus seit Bestehen der griechischen Gesellschaft ein konstitutiver Faktor war und bis heute ist:

1) Vor Auschwitz: 1931 veranstalteten 2.000 griechische Nationalisten ein Pogrom im jüdischen Stadtteil Kabel von Thessaloniki; er wurde komplett niedergebrannt. 10.000 griechische Juden mußten – um sich zu retten -  nach Palästina emigrieren.
Einige Jahre zuvor, nach der verheerenden Brandstiftung von 1917 (bei der fast alle jüdischen Stadtteile vernichtet wurden), hatte der damalige Ministerpräsident Venizelos das gesamte Hab und Gut der griechischen Juden beschlagnahmt, und er erlaubte ihnen, nur am Rande der Innenstadt zu leben. Per Sondergesetz zwang er sie, getrennt von den anderen Bürgern in eigens für sie eingerichteten Wahllokalen ihr Wahrecht zu üben. Er verbot den Samstag als jüdischen Feiertag und zwang sie, den Sonntag als Feiertag zu akzeptieren. Dies sind nur ein paar der zahlreichen Diskriminierungsmaßnahmen, die damals in Kraft gesetzt wurden.
Der Judenhaß war so alt wie die zahlreichen Massaker an der jüdischen Bevölkerung während des Aufstandes der „Griechen“ gegen das osmanische Reich und danach, da die Juden als Sympathisanten der Osmanen galten (das bekannteste solcher Massaker war das von Tripolitsa, wo 32.000 jüdische und türkische Frauen und Kinder ermodert wurden, was den Nationaldichter Solomos so sehr inspirierte, daß er genau dieses Massaker mit seinem Gedicht „die Hymne der Freiheit“ dichterisch glorifizierte; es wurde die Nationalhymne Griechenlands!).

2) Die Zeit des Widerstandes: Vor dem Krieg lebten in Griechenland 80.000 Juden in insgesamt 31 Gemeinden. Im Holocaust wurden 87% von den Deutschen umgebracht, allein in Thessaloniki 96% (in Dänemark z.Β. - wo laut Verfasser die dort lebenden Juden keinerlei Unterstützung erhielten-, betrug der Anteil der Ermordeten 2%). Soll dies logischerweise heißen, daß wenn die Griechen weniger „geholfen“ hätten, mehr von ihren jüdischen Landsleuten überlebt hätten?
Freilich nicht: Die christlich-griechische Bevölkerung hatte in ihrer Mehrheit nicht nur keine Interesse an dem Schicksal ihrer Landsleute gezeigt, sondern sich in viel zu vielen Fällen gar über den Abtransport ihrer Nachbarn gefreut bzw. ihn profitbringend „ausgenutzt“.
Der organisierte Widerstand (EAM/ELAS) hat nicht nur keinen Finger krumm gemacht, sondern die Deportation und Vernichtung der griechischen Juden völlig ignoriert. In der gesamten Widerstandspresse (die damals in Hunderttausenden Exemplaren erschien) werden die Massenverhaftungen und  Deportationen nicht mal erwähnt! Bis heute bleiben die damaligen Entscheidungen der Gremien von EAM/ELAS und KPG bezüglich des „sich-raus-halten-Verhaltens“ dazu unter Verschluß! Denn diese Haltung paßt nicht zu den intensiv betriebenen Mythen über den unbefleckten Widerstand. Daher hütet man sich, das schlafende Hundekoppel zu wecken.
Die einzelnen Fälle, die natürlich Respekt und Anerkennung verdienen, die auch der Verfasser erwähnt (aber auch weitere, auch seitens örtlicher EAM/ELAS-Gruppen) waren ausschließlich auf private oder lokale Initiative zustande gekommen. Die Haltung der absoluten Mehrheit der Bevölkerung zur Deportation / Vernichtung war entweder neutral oder bejahend (wg. des herrschenden Antisemitismus, aber auch wg. der anschließenden – also nach den Deportationen – erfolgten Plünderungen und Beschlagnahme des Besitzes der Juden). So konnten auch die Versuche von Erzbischof Damaskinos, aber auch anderer, nicht verhindern, dass fast die Hälfte der Athener Juden umgebracht wurde (von 3.500 konnten nur 1.800 gerettet werden). Daher ist die Behauptung „er rettete die meisten Athener Juden“,  zumindest mathematisch falsch.
Im restlichen Griechenland war es noch schlimmer: In Rhodos z.B. wurden von den 2.200 Juden, 2.000 umgebracht (als dort im Jahr 2002 ein Holocaustmahnmal errichtet werden sollte, war dies nur auf der Basis einer 24-stündige Überwachung der Arbeiter und des Rohbaus durch die Polizei möglich, wg. der ständigen Angriffe der „widerständigen“ Griechen gegen das Mahnmal).
In Ioannina wurden 1.860 von 1.950 Juden vernichtet (vor 3 Wochen wurden dort zum 3. Mal innerhalb einiger Monate die Grabsteine des jüdischen Friedhofs wieder geschändet). Heute gibt es nur noch 9 der insgesamt 31 Gemeinden, mit sehr wenigen Mitgliedern. Das jüdische Leben in Griechenland ist fast ausgelöscht worden. Diese extrem hohen Zahlen waren nur möglich, weil die Bevölkerung und der Widerstand eben NICHT, wie z.B. in benachbarten Bulgarien schützend und helfend sich verhielt (dort wurden über 90% der jüdischen Bevölkerung gerettet).

3) Das Verhalten der Bevölkerung: Am 11. Juli 1942 haben die Deutschen, die jüdische Bevölkerung von Thessaloniki befohlen, dass sich alle, die zwischen 18 und 45 Jahre alt waren, am Freiheitsplatz zu sammeln hätten. Die griechisch-orthodoxen Griechen versammelten sich ebenfalls... freiwillig..., neugierig...,  massenhaft..., um die Show zu genießen. Sie aßen dabei Sonnenblumenkerne (traditioneller Brauch bei Show-Veranstaltungen) und amüsierten sich über die Torturen der Deutschen gegen die Juden, die wiederum alle erdenklichen Erniedrigungen in Form von „Gymnastikübungen“ über sich ergehen lassen mussten. Wenn jemand von den 8.000 anwesenden Juden umfiel, hetzten die Deutschen unter den Gelächtern der Griechisch-Orthodoxen ihre Hunde auf jenen.
Als die Juden gezwungen wurden, den gelben Stern zu tragen, schrieb die Zeitung „Apogevmatini“, die Gefühle ihrer Leserschaft ausdrückend: „Ab nun sind die Strassen voll von leuchtenden Sternen, die die Scheißjuden tragen“.
Noch während des Abtransports der Juden von Korfu, stürmte der griechische Mob und plünderte das jüdische Viertel. Die Militanz des Mobs war so vehement, dass die Deutschen sich genötigt sahen, ein Dekret zu erlassen (bekanntlich muß auch das größte Verbrechen bei den Deutschen ordentlich ablaufen), indem sie die Plünderer mit der Todesstrafe drohten!
Das Gleiche in Ionanina, in Rhodos, in Thessaloniki (um nur die größten Gemeinden zu nennen).
In Thessaloniki erfüllten die Deutschen (um die Griechen als Kollaborateure zu gewinnen) deren über 15 Jahre alte Forderung und gaben den ältesten jüdischen Friedhof Europas mit über 300.000 Gräbern zur Beschlagnahme und Plünderung frei. Eine Woche nach der Schonfrist der Umbettung der Gebeine, stürmten die christlichen Griechen den Friedhof und plünderten alles, was sie tragen konnten. Bis heute findet man überall in der Stadt Grabsteine, entweder als Bauteile von Treppen, Terrassen und Mauern (sie bauten sogar damit eine Kirche, den heiligen Dimitrios) oder als Schmuckstück in irgendeinem Haushof. Insgesamt wurden 550.000 qm beschlagnahmt, enteignet und geplündert. Heute ist auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof die Aristoteles Universität von Thessaloniki aufgebaut. Die griechische Professoren und die Jugend lehren und lernen – wörtlich - fürs Leben, auf den Leichen von Juden. Und ab und zu finden dort auch Veranstaltungen mit Überreichung von Ehrentiteln und Medaillen aufgrund Humanismus und anderer Jobs…
Als die Nürnberger Gesetze erlassen wurden“ schreibt die Historikerin Rena Molcho, „waren die Juden hilflos und alleingelassen“.

Laut Stavrianos profitierte aus der Deportation und Vernichtung der Juden von Thessaloniki ein Drittel der Stadtbewohner, ca. 50.000. Als die wenigen Überlebenden zurückkamen, konnten sie nicht mal in ihre Häuser wiedereinziehen, da sie, wie gesagt, besetzt wurden. Überlebende berichten von langjährigen Gerichtsverfahren wegen Rückforderung des Eigentums. Mit kaum Erfolg! Nur 5% der Überlebenden und ihrer Nachkommen haben ihre Häuser wieder bekommen. Von den 12.000 Immobilien, die beschlagnahmt worden waren, wurden nur 300 deren Besitzern zurückgegeben. Davon waren nur 30 intakt (unter anderem weil viele Griechen sie niedergerissen oder Mauer- und Kellerteile abgerissen hatten, um nach dem „Gold der Juden“ zu suchen). Von den 2.300 Geschäften und Manufakturen wurden nur 50 zurückgegeben. Diese Zahlen sagen nur, dass es  vielleicht besser wäre, wenn die griechische Gesellschaft „gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Juden“ gewesen wäre...

4) Heute
Aber auch heute ist von Desinteresse keine Rede:
Während der Prozessdauer (incl. des Revisionsverfahrens) gegen Plevris bot sich die linksradikale Zeitschrift „Babylonien“ als Zeugin der Verteidigung von Plevris an, um die „Meinungsfreiheit“, wie sie schrieb, in Schutz zu nehmen.
Während der Prozessdauer hat die griechische Antifa davor gewarnt, den Nebenkläger, das Zentralrat der Israeliten (KIS), zu unterstützen, da es sich, wie sie schrieb, um „Agenten“ von Israel handelt.
Während der Prozessdauer war die israelische Botschaft in Athen zur wöchentlichen Pilgerstätte von Demonstranten allerlei linker und linksradikaler Couleur wg. des Kriegs im Gazastreifen geworden.
Während der Prozessdauer wurden Synagogen (wie in Volos) oder Mahnmale durch linksradikale Gruppen mit antisemitischen Parolen beschmiert.
Nicht Desinteresse, sondern absolutes Einvernehmen, was Juden betrifft, ist innerhalb der Bevölkerung und der Linken der Fall. Deswegen und nur deswegen ist es kein Thema. Warum sollte innerhalb der Bevölkerung oder innerhalb der Linken ein Streit über das Schicksal der Juden von damals oder aktuell aufbrechen, wo fast ALLE einer Meinung sind?
Vollständigkeitshalber ist zu erwähnen, dass die PASOK nicht allein mit ihrem ekelhaften Antisemitismus dasteht: Die KP-Zeitung „Rizospastis“ veröffentlicht in ihrer online-version – nach dem Motto: ein Bild sagt mehr als tausend Worte - seit Jahren und immer wieder eine Bildanimation, in dem die Sterne des US-Banners zuerst in Davidsterne und danach in Hakenkreuze umgewandelt werden.
Die linksradikale Zeitschrift „Prin“ (das Zentralorgan der NAR, der Partei also, für die im Jahr 1999 auch Jutta Ditfurth bei der Europawahl kandidierte) hatte 2006 als Haupttitel „Juden, Mörder, ihr werdet zahlen“ usw. usf.

Der Antisemitismus ist heute in GR (in Form der Antizionismus, aber nicht nur) eine der wichtigsten Voraussetzungen der Anhängerrekrutierung und der Stärkung der linken Reihen. Mit dem Nahostkonflikt als Vorwand werden Holocaust-Mahnmale geschändet (z.B. 2006 durch die KP Griechenlands in Thessaloniki), Synagogen beschmiert, KIS als „Agent fremder Mächte“ immer wieder an den Pranger gestellt... (der im Artikel erwähnter Antifaschist und unermüdlicher Kämpfer gegen Antisemitismus und Rassismus, Andreas Christinidis gehört- genauer gesagt, gehörte*-, zu den paar Tropfen im antisemitischen Ozean).

Die katastrophalen Zustände heute in GR werden spätestens ersichtlich, wenn man die Kritiker und die Kritiken des Freispruchs des Athener Gerichts liest: Sie finden das Urteil eine Schande, weil dies „die griechische Justiz in Europa und in der Welt in Verruf bringt“ (anstatt sich zu freuen, denn… immerhin …besser als gar nichts).

Mit freundlichen Grüssen

Terminal 119
für die individuelle und soziale Autonomie
Thessaloniki, 17.06.2009

* Andreas Christinidis starb im Alter von 78 Jahre am 2. Juni 2009 in Athen

 

PS: Die Veröffentlichung dieses Schreibens in Ihrer Zeitschrift ist wünschenswert, allerdings ohne Abkürzungen, sondern nur als Ganzes

 
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