Café Morgenland

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Deutsche in friedlichen Zeiten

 

(„in der Wahl seine Feinde, kann man gar nicht vorsichtig genug sein“, Oscar Wilde)

Im Westen, in Randerath in NRW, war es in der Nacht zum 4. März 2009 wieder so weit. Entschlossen und selbstsicher sammelten sie sich vor dem Haus. Die Belagerung konnte beginnen. Seit dem, über ein Jahr lang, jede Nacht und mit den entsprechenden Accessoires: Fackeln, Lautsprecher und Sprechchöre. Männer, Frauen, Kind und Kegel. Das zu erlegende Objekt, eingeschlossen im verbarrikadierten Haus... Sein Bruder, in dessen Haus er[1] Zuflucht fand, versucht ihn zu beruhigen… es gelingt ihm aber nicht…, denn die Realität draußen spricht eine ganz andere Sprache.

Wie schrieb – ausnahmsweise mal richtig – die Taz? „Wäre die Lage in Randerath für alle Beteiligten entspannter, wenn keine Kameras vor Ort wären? Wohl kaum. Ohne das Ventil der Publizität wäre aus dem Mob womöglich längst ein Lynchmob geworden. Die Bilder zeigen sogar, wer genau dazu in der Lage wäre: Eltern, die ihre Kinder zur Menschenjagd mitnehmen und ermuntern, ein Schild mit der Aufschrift "Raus du Sau" in die Kameras zu halten. Missbrauch hat viele Gesichter. Dies ist ein besonders perfides.“(Taz, 15.01.2010)

Im Osten, bei Gadebusch in Mecklenburg-Vorpommern, wiederholte sich am 28. Oktober 2009 das gleiche Bild – mit der verschärften ostzonalen Einstellung – : Mehrere Hundert Einwohner, also all jene die beim Erlegen ihr Soll beitragen konnten, gingen ebenfalls ihrer Berufung nach. 15 der deutschesten aus der Meute versuchten, ins Haus einzudringen. Sie wollten ihn[2] fassen und erledigen. 40 Polizisten mussten es verhindern.

Das sind ein paar der gelegentlich – mal mehr und mal weniger zufällig – an die Oberfläche kommenden Ausdrucksweisen eines altbewährten moralischen Imperativs, der den Deutschen an sich, für sich, und ewig wiederkehrend dazu anhält, es nicht unversucht zu lassen, aus allen denkbaren und undenkbaren Verbrechen eine hohe Kunst mit interaktivem Unterhaltungswert zu formen.

Und wenn es so weit ist, genügt es einfach, dass irgendjemand die Nachricht, wer tot zu prügeln sei, verbreitet. Alles andere folgt dann rasch, automatisch, präzise und mit mörderischer Entschlossenheit.

 

Im ersten Stock spielt man Geige. Im Keller öffnet man die Gashähne“ (T. Bernhard)

Da wir aber die gute Stimmung mit solchen Bildern nicht verderben möchten, widmen wir uns den wahren Kämpfen unserer Zeit, solchen, die das linksdeutsche Herz pulsieren lassen. Denn außer der unkontrollierbaren Hetzmasse gibt es auch die andere: Die durchorganisierte, die proletarische, die kampferprobte, die disziplinierte. Z.B. der Kampf der Opel-Arbeiter, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, genauer gesagt, für den Erhalt der deutschen Standorte kämpfen, gegen die „Cowboys aus Detroit“. Für Magna und für die deutsche Wertarbeit. Dafür zogen alle an einem Strang: Regierung, Opposition, Geschäftsleitung, Belegschaft, das ganze Volk bangte mit. Neue Arbeiterführer wurden geboren: Sie hießen Roland und Koch, Jürgen und Rüttgers usw. Und nahmen kein Blatt vor den Mund. Wie sagte eine Sprecherin im ZDF, ganz vorsichtig? „Besteht dadurch nicht die Gefahr, den Antiamerikanismus zu schüren?“, als genau dies, - ergänzt um die „Ostküste“ -,  längst der Hauptmobilisierungsfaktor geworden war.

Dafür waren sie bereit aufs äußerste zu gehen: Deutsche Staatshilfen in Höhe von 4,5 Milliarden €, freiwilliger Weihnachtsgeld- und Lohn-Verzicht der Belegschaft in Höhe von über einer Viertelmilliarde € jährlich! Proteste und Warnstreiks von Zehntausenden in den Rüsselsheimer, Eisenacher, Kaiserslauterer und Bochumer Werken.

Sogar der proletarische Internationalismus wurde auf deutsch-übliche Weise praktiziert: Erhalt der deutschen Opel-Werke durch Schließung der Opel-Werke in Antwerpen, in Spanien, in England. Das wurde in harten Verhandlungen mit dem Übernahmekandidat Magna durch die Vertreter des deutschen Proletariats (Bundesregierung) durchgesetzt. Denn so hat es die Belegschaft auf ihren Transparenten gefordert: „Für den Erhalt der Opel-Werke in die Region, in Deutschland, in Europa“. Exakt in dieser Reihenfolge.

Und nun? Die Amis machten plötzlich ein Strich durch die deutsche Mathematik. Denn, wenn die völkischen Instinkte gegen die Logik des eingesetzten Kapitals zuwiderlaufen, entscheiden sie sich stets für das zweite. Sie wollen Opel selber behalten, d.h. die 10.000 Arbeitsplätze, die abgeschafft werden sollen, werden auf mehrere Länder verteilt... das erzeugt Wut, Arbeiterwut. Rüttgers hob schon mal die Faust hoch, wie damals bei dem Nokia-Desaster, als das Bochumer Werk zu den faulen, unqualifizierten rumänischen Analphabeten verlagert wurde: "Und im Unterschied zu den Arbeitnehmern im Ruhrgebiet, kommen die in Rumänien nicht morgens um sieben zur ersten Schicht und bleiben bis zum Schluss da. Sondern sie kommen und gehen, wann sie wollen, und sie wissen nicht, was sie tun.".

Denn die deutschen Opel-Arbeiter sind stolz auf ihr Werk und ihr langjähriges Knowhow. Sie sind eins mit Opel. Das sagten und schrieben sie selber auf ihre T-Shirts: „Wir sind Opel“... es fehlte nur noch die Tätowierung der Marke, der Blitz im Kreis auf ihre Stirne, um diese innerste Empfindung zu verewigen. „Opel hat Tradition im Bau von guter Autos“ sagten sie, „der legendäre Kadett“ damals, „Unser neues Modell „Insignia“ heute, das sogar Auto des Jahres geworden ist!“ verkündeten sie stolz. Und dabei legten sie Zeugnis von falscher Bescheidenheit ab. Denn vollständigkeitshalber sollte am Rande erwähnt werden, daß sie schon viel früher gute, sehr gute Autos bauten. Z.B. das ebenfalls legendäre Modell Opel-Blitz. Ein Lastwagen zwar, aber irgendwie auch ein „Personenbeförderungsfahrzeug“… vor allem als der Führer dieses Modell auserwählte, um sein Euthanasie-Programm gegen „Geisteskranke“ umzusetzen. Es war die erste Gaswagengeneration. Gar avantgardistisch durch seinen durchschlagenden Erfolg, auch wenn er später von der Marke Saurer abgelöst wurde. Denn er wurde nicht wg. unausgereifter Technik oder nichtausreichendem Abgasausstoß, sondern wg. seiner geringeren Ladungskapazität abgelöst. Der Opel-Blitz hatte nämlich eine Nutzlast von 3,5 Tonnen, wo doch er nach der damals geltenden NS-Maßeinheiten-Skala für Transportwesen „nur“ 50 Menschen aufladen konnte, während es seine Konkurrenz, der Saurer, mit seinen 5 Tonnen Nutzlast auf über 70 Menschen brachte.

 Der legendäre Opel Blitz

Und während heute die antikapitalistische Avantgarde nach dem optimalen Kitt – soll heißen, nach Antikapitalismus und revolutionäres Potential in den deutschen Produktionshallen – sucht, beharren wir auf trivialen Fragen der Art: „wie viel technisches Know-how wurde vom Opel-Blitz zum Opel-Insignia transferiert?“, „wie wurden die heutigen strengeren Abgasnormen erreicht?“ usw.

Und was Antiamerikanismus betrifft, so hat zumindest Rüsselsheim, wo das Stammwerk ist, ebenfalls eine gute Tradition: „Es war ein grausamer Mord an wehrlosen Kriegsgefangenen. Doch die Täter waren keine SS-Leute: Hausfrauen, Opel-Arbeiter und andere ganz normale Rüsselsheimer knüppelten am 26. August 1944 eine Gruppe amerikanischer Flieger zu Tode - mit Hämmern, Milchkannen, Flaschen und allem, was sie gerade zur Hand hatten. 60 Jahre später soll ein Mahnmal an die lange Zeit verdrängte Tat erinnern. Doch das Vorhaben ist in Rüsselsheim nicht nur auf Zustimmung gestoßen. Der Einweihung gingen Auseinandersetzungen um die Inschrift der Gedenkstätte voran. Die acht jungen Soldaten waren zwei Tage zuvor mit ihrem Bomber bei Osnabrück abgeschossen worden. Auf dem Weg in ein Gefangenenlager bei Oberursel müssen sie durch das gerade von der britischen Luftwaffe zerstörte Rüsselsheim. Als zwei Frauen „Schlagt sie tot!" schreien, bildet sich ein hundertköpfiger Mob und hetzt die Soldaten durch die Stadt. An einer Backsteinmauer brechen die acht unter den Hieben zusammen. Ein Gestapo-Mann schießt vier bereits leblosen Amerikanern in den Kopf. Zwei andere überleben, weil sie sich tot stellen. Einige Täter kommen nach Kriegsende vor Gericht: Es gibt fünf Todesurteile und fünf lange Haftstrafen. Bei dem alliierten Bombenangriff auf Rüsselsheim in der Nacht zuvor, immer als relativierenden Grund für den Mord an den amerikanischen Soldaten angegeben, kamen 198 Menschen ums Leben, darunter 177 Zwangsarbeiter (Aus Fluchschrift „Deutsche Tage, Deutsche Verbrechen“).

In der Zeit der jüngsten Konsolidierung des nationalen und internationalen Kapitals, „Krise“ genannt, in der Zeit der Wiederentdeckung der „Steuerzahler“ und der „Zukurzgekommenen“, in der Zeit der „Abzocker“ und der „Heuschrecken“, wimmelte es nur so im Land der Deutschen von solchen Krisen-Fällen: von A wie Adam Opel bis Z wie SchikedanZ:

Z.B. Porsche-Übernahme: Auch hier, die gleiche aufständische Haltung der Belegschaft „Wir sind Porsche“ stand auf ihre T-Shirts. Auch hier die willige Verdrängung der Rolle des Rüstungsgüterherstellers und Lieblingsingenieures des Führers, Ferdinand Porsche, der über ein Drittel seiner Belegschaft aus polnischen, russischen, holländischen, belgischen, tschechischen und italienischen Zwangsarbeitern rekrutierte. Ganz zu schweigen von der Arisierung des jüdischen Geldgebers Rosenberg aus Pforzheim… aber wen juckst.

Z.B. Kurzarbeit bei BMW, dessen Haupteigentümerin die Familie Quandt ist, die mit ihrer Vorliebe für den NS-Apparat und die „Vernichtung durch Arbeit“, einen Ehrenplatz in dieser Gesellschaft erlangte: KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter mussten sich für die Quandt-Dynastie unter SS-Bewachung im denotativen Sinn zu Tode schuften.

Z.B. der krisenerschütterte Maschinenbauer und Autozulieferer INA der Familie Schäffler, der letztes Jahr wg. Insolvenzdrohung, Continental-Übernahme usw. in die Schlagzeilen geriet.

Wie lautete nochmal die Würdigung bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Frau Schäffler durch den Bürgermeister von Höchstadt, Gerald Brehm? „Eine Vielzahl von Arbeitnehmerfamilien der ganzen Region ist Ihnen zu Dank verpflichtet. Durch Ihre Persönlichkeit, ihr soziales Engagement und ihren sympathischen Charakter haben Sie die Herzen der Bevölkerung gewonnen“. Wie wahr! Denn das Herzstück (nicht nur der Bevölkerung) der heutigen Firma hieß damals Davinstan AG, ein in Polen ansässiger und arisierter Betrieb, der im zweiten Weltkrieg mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern aus ganz Europa Textilien für die Wehrmacht herstellte (ganz zu schweigen von der NSDAP-Mitgliedschaft des Gründers der Firma, Wilhelm Schäffler). Recht hatte der Bürgermeister mit dem „sozialen Engagement“.

Z.B. das „Traditions“-Unternehmen Quelle der Familie Schikedanz, das inzwischen Insolvenz anmeldete. Wenn das der Führer wüsste! Denn das Zustandekommen des Quelle-Reichtums konnte nur durch flächendeckenden, über 90-prozentigen Raub von jüdischen Firmen erreicht werden. Allein zwischen 1933 und 1937 hat sich Schickedanz zehn Firmen und Grundstücke aus jüdischem Besitz einverleibt. Dazu zählen neben der Vereinigten Papierwerke in Nürnberg-Heroldsberg, die Brauerei Geismann in Fürth sowie die Firmen Baum & Mosbacher in Frankfurt am Main, Ellern in Forchheim-Stadtsteinach, Ignatz Mayer in Nürnberg, die Kohn'sche Briefmarkensammlung und außerdem mehrere Grundstücke in Fürth und Forchheim. Im Entnazifizierungsverfahren wurde Gustav Schickedanz vorgeworfen, dass sieben der mehr als neun Millionen Mark seines Vermögens aus jüdischem Besitz stammten.

Wahrlich deutscher Unternehmensgeist.

Und wir haben dabei nur exemplarisch, einen Bruchteil sozusagen, dessen, was die kriselnden deutschen Firmen betrifft, aufgezählt.

Warum also sollte man irgendwelche antikapitalistischen und sonstigen Analysen über das Schicksal von „Traditions“Unternehmen samt Belegschaft machen, anstatt deren Verfallsprozess zu beschleunigen oder zumindest mit Genugtuung zu genießen? Wir kennen keinen einzigen Grund, außer der Bereitschaft, Teil einer Geschichte zu sein, in der die Shoah nicht ganz umsonst gewesen sein darf. Das zeigt sich zugleich als Leugnung jeglicher Kontinuität – die wunderliche Amnesie fleißiger Belegschaften – , wie auch als pragmatische Bejahung einer manchmal eben etwas holprigen Geschichte. Die Deutschen haben inzwischen eine Vielfalt an Strategien und Methoden entwickelt, um sich die Shoah als Teil der eigenen Geschichte (auf allen Ebenen) einzuverleiben und zu verdauen. Der eine vielleicht nur um ein besonderes Rederecht zu erwerben oder Tabus brechen zu dürfen die keine sind.  Ein anderer vielleicht um die Wahrheit hinter der sogenannten Holocaust-Industrie ohne moralischen Zeigefinger untersuchen zu dürfen. Schon bei Walser ging es in erster Linie weniger darum, mit dem Thema Ausschwitz ein für alle mal aufzuhören. Im Gegenteil: Es ging darum, dass er als Deutscher, und nicht immer nur die anderen, seine Meinung über Ausschwitz gleichberechtigt geäußert haben wollte. Zumindest das. Und besser noch: Das Recht der Täter, mehr über Ausschwitz sagen zu dürfen als ihre Opfer – glaubwürdig und gewissenhaft. So konnte Walser selbstbewusst von sich behaupten er habe sich bereits mit der Vergangenheit auseinandergesetzt, als Bubis "noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt" gewesen sei.

Es ist egal ob eine Kontinuität oder eine Diskontinuität der deutschen Gesellschaftsformation vorausgesetzt wird, beides hat sich inzwischen als eine offensive Erinnerungspolitik etabliert, die zugleich eine offensive deutsche Identitätspolitik ist, durch die mittels eines Bekenntnisses zum Wissen über die Shoah eine besondere Handlung-  und Vollmacht abgeleitet wird. Meister des Todes, und Weltmeister der Erinnerung. Die anderen haben die Klappe zu halten, denn sie wissen nicht was es bedeutet, mit so einer gewichtigen Vergangenheit verantwortungsvoll umzugehen. So kann man – beispielsweise – auf Ebene der internationalen Politik die Türkei belehren, wie sie welchen Massenmord zu klassifizieren hat. So kann man bei integrationswilligen Migranten abfragen was sie denn über jene Zeit wissen (gleichzeitig als Warnung, sich anständig zu benehmen, ...versteht sich!). So kann man auch über südeuropäische Länder schmunzeln, weil die noch nicht richtig gelernt haben, wie man vergangene „Diktaturen“ richtig „aufarbeitet“ usw.

Genau diese Vielfalt spiegelt sich in den Streitigkeiten innerhalb des linksdeutschen Gesocks aller Couleur wieder. „Gegen Deutschland helfen keine Gedichte[3] schreiben sie in Anspielung auf die Reaktion K. Helds auf W. Pohrts Vortrag auf dem Konkret-Kongreß anno 1993! Hier müssen wir den alten Pohrt in Schutz nehmen (selbst dann, wenn der jüngere heute dort leckt, wo er vorher gespuckt hat). Pohrts „Gedicht“ lautete u.a.:

… Wenn 16jährige sich wie alte Stammtischbrüder vollaufen lassen, statt hinter den Mädchen her zu sein; wenn sie im Suff dann nicht etwa die Kontrolle über die Motorik dergestalt verlieren, daß die Hand landet, wo sie nicht hingehört, wobei die Hand zur Faust geballt sein kann oder nicht; wenn also der Alkohol ganz andere Wünsche offenbart als die, die Freundin etwas fester zu drücken oder dem Rivalen ein blaues Auge zu verpassen; wenn die Enthemmung statt dessen zu planvollem Handeln führt; wenn die Enthemmten, statt auf den unmittelbaren Lustgewinn erpicht zu sein, weder Aufwand noch Mühe scheuen; wenn sie sich dann, besoffen, wie sie sind, an die Arbeit machen; und wenn diese Arbeit darin besteht, mit List und Fleiß ein Mietshaus in ein Krematorium zu verwandeln – dann stimmt mit diesen Deutschen etwas nicht. Dann muß die Bevölkerung einen schweren Webfehler haben, unter der diese 16jährigen aufgewachsen sind.
Nicht, daß diese Menschen von Natur aus Engel wären. Aber so wie diese 16jährigen sind sie von Natur aus auch wieder nicht. Um so, wie diese 16jährigen zu werden, bedarf es einer Abrichtung, Konditionierung, die zu leisten nur die Mehrheit die Macht besitzt.“

Solange also der antikapitalistische Wolkenkratzer, den sie bauen wollen, um den Himmel zu stürmen, Auschwitz in seinem Keller beherbergt, wird er stets ein völkischer sein. Und er wird nach Gas riechen.

Völkisch auf der Basis einer stillschweigenden Vereinbarung zwischen den Protagonisten und den Prolet-ariern nach dem Motto „wir belästigen euch mit diesem alten Kram nicht. Wir agieren nur unter Allgemeinplätzen; ab nun heißt unser Kampf antinational. Wir problematisieren nicht mal euer Treiben nach der Wiedervereinigung, auf jeden Fall nicht mehr als die rassistischen Angriffe in Johannesburg“, wie die Gruppe „UmsGanze“ betonte; und traf dabei wörtlich „ins Schwarze“, ihre eigene rassistische Sicht in einem Moment der Unachtsamkeit zur Schau stellend. Denn wenn man aus Hunderten pogromartigen rassistischen Ereignissen in Nah- und Fern-Europa, von Almeria bis Russland, von Ungarn bis Tschechien und Griechenland, ausgerechnet die rassistischen Ausschreitungen in Johannesburg zum Fokus der Argumentation macht, dann hat dies nur mit dem „schockierenden“ und zugleich für das eigene Klientel entlastenden Wink „Schwarze gegen Schwarze“ zu tun.

Das zurzeit kursierende Argument „die Pogrome waren vor 20 Jahren, heute benehmen sich die Deutschen zwar auch schlimm, allerdings wie andere Länder auch, und daher geht es darum, den Kapitalismus zu bekämpfen“, zeigt nur die Entschlossenheit, nicht nur unter die alte, sondern auch unter die jüngste Vergangenheit einen Schlussstrich zu ziehen.

Ausgestattet mit solchen edleren linken Motiven gibt es dann keinen Halt mehr: Am 27.01.2010, am Holocaust-Gedenktag, hielt Israels Präsident Shimon Peres eine Rede im Bundestag. Drei Abgeordnete der LINKEN, Sahra Wagenknecht, Christine Buchholz und Sevim Dagdelen, legten ihren – moralisch legitimierten – linksradikalen Protest ein. Wagenknecht erklärte anschließend, sie sei nach Peres Rede nicht aufgestanden, weil sie "einem Staatsmann, der selbst für Krieg mitverantwortlich ist, einen solchen Respekt nicht zollen kann". Der einzige Grund aber, der einzige Grund, warum Wagenknecht und Co, den Sohn eines Holzhändlers aus der polnischen Stadt Vishnieva beleidigen durften, war, dass er – im Gegensatz zu den meisten Angehörigen seiner Familie und entgegen allen etablierten Wahrscheinlichkeitstheorien – das exzeptionelle Glück hatte, dem Vernichtungsprojekt deutscher Fanatiker zu entkommen: "In Erinnerung an meine Familie, Familie Meltzer, Familie Persky, die zusammen mit 2.060 ihrer Gemeindemitglieder in dem Ort Vishnieva im August 1942 von den Nazis und ihren lokalen Helfern ermordet wurden. Sie haben die Bewohner des Ghettos in der Synagoge zusammengetrieben, die aus Holz gebaut war, und haben sie angezündet." sagte Shimon Peres im Bundestag.
Somit wurde ihm am 27.01.2010 der Zustand, dass er der Vernichtung entkam, zum Verhängnis! Denn wäre er in der aus Holz gebauten Synagoge des polnischen Ortes Vishnieva im August 1942 mit ermordet worden, dann, dann hätte sich Wagenknecht vor dem toten Shimon Peres in tiefer Demut verneigt. Denn, wie sie auf linksdeutsch formulierte, nur tote Juden sind gute Juden: "Mein Verhalten bedeutet in keinster Weise, dass ich dem Anlass der Rede, dem Gedenken an das von Deutschen verübte Verbrechen des Holocausts, den Respekt versage. Vor den Opfern der Schoah verneige ich mich in tiefer Demut".

Das darauffolgende Lob des NPD-Abgeordneten Jürgen Gansel war nur noch folgerichtig: „Für die Einübung des aufrechten Ganges - in diesem Fall durch demonstrative Beifallsverweigerung - gehört ausnahmsweise einmal einer Kommunistin und einer Trotzkistin Dank ausgesprochen.” Dass er die dritte in der Runde, Frau Dagdelen, nicht mal erwähnte, lag übrigens an der Natur der Sache: Ihre Eltern stammen aus der Türkei. D.h., selbst die höchste Form der Integration, also der antisemitische Akt, wird nicht gebührend honoriert.

Aber keine Sorge. Nach ein paar Pflichtprotesten geht das Leben gewohnt weiter. Frau Wagenknecht wird nach wie vor ihre tiefsinnigen Interviews in Konkret und anderswo geben und in den deutschen Talk-Shows weiter mitmischen.

Und es ist normal, dass mehr Aufregung über das Wahlplakat von Frau Vera Lengsfeld im deutschen Lande entsteht, als über den gefühl- und verständnisvollen Schutz, den sie dem alten, „zerriebenen“ 89-jährigen SS-Mann Demjanuk zollte, in dem sie seine Beteiligung am Massenmord mit der Unterdrückung unter den Sowjets (Nolte lässt grüßen) rechtfertigte: „Er hat also die stalinistische Willkür gegenüber der ländlichen Bevölkerung miterlebt. Dann wurde er Soldat. An der Front hat er mit ansehen müssen, wie die Soldaten der Roten Armee verheizt wurden... Er hat sich dann von den Nazis anwerben lassen und als Aufseher in Vernichtungslagern gearbeitet. Als „Iwan der Schreckliche“ soll er dort unzählige Gräueltaten begangen haben. .. Was bleibt vom Leben, wenn die frühere Existenz von den beiden totalitären Diktaturen so vollständig zerrieben wurde?

Dafür aber regen sich die Deutschen wg. Erdogans Forderung nach türkischen Schulen umso mehr auf. Quer durch alle Parteien und Fronten. Mit der schweigenden Zustimmung der radikalen Linken. Die Parteien der Grünen und die Linke fahren sogar ihre bewährten Geschütze auf: Ihre Alibi-Kanaken, die zum Sprachrohr des neudeutschen Reinheitsgebots erklärt wurden. Das Zauberwort heißt seit längerer Zeit Integration[4]. Und sie entdecken – wieder mal - die bösen Seiten des türkischen Ministerpräsidenten: Islamist, Nationalist usw. Denn das was man in Deutschland unter Säkularisierung versteht – der staatlich finanzierte christliche Tugendhorror – ist in Gefahr. Die Ghettos, die Parallelgesellschaften, die Minaretten sprießen schon im deutschen Lande.

Während sich Deutschland auf der Grundlage bewährter gemeinschaftlichen Werte und Praktiken normalisiert, d.h. Überschreitung der 20.000 Marke der rassistischen und antisemitischen Angriffe pro Jahr (die verbalen und textuellen der Linksdeutschen nicht mitgerechnet), üben sich die migrantischen Communitys entweder traditionstreu in  gebückter Haltung oder wittern (insbesondere aus dem akademischen und sozialtherapeutischen Milieu) ihre Chance im weitgefächerten Spektrum des Antirassismus-Geschäfts. Denn Fakt ist, dass die besten Projekte, die besten Aussichten auf Karriere und Ansehen (unter deutscher Aufsicht versteht sich), in diesen Bereichen zu finden sind. Gelder aus der EU, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, aus staatliche Förderungen und Forderungen usw. fließen reichlich, um das zu bändigen, wofür die Akteure bezahlt werden, damit sie wiederum ihre Bücher und Studien „dagegen“ verfassen. Absurd? Absolut nicht! Nur die Logik des Antirassismus-Geschäftes. Ein riesiges Geflecht aus Instituten, Stellen, Sozialklimbim, Projekten und Arbeitsgruppen, Institutionen, Migrations-Experten und -Spezialisten ist längst etabliert worden. So massiv, dass seine Abschaltung zu ernsten wirtschaftlichen/ökonomischen Problemen führen würde. Wenn es also so ist, dann ist es folgerichtig, dass die Materie, die zu Fütterung dieses – ja – Etablissements benötigt wird, aufrechterhalten werden muss. Und für jeden Bedarf je nach Marktlage gibt es das Passende: Kopftuch- und Bauchtanzexperten, Islamversteher und Islamkritiker, Moslemhasser (z.B. Sokolowsky) und Moslembeschützer (z.B. Sokolowsky). Und überall die Israel- und Antisemitismus-Experten. Sogar eine Beratungsstelle für drogenabhängige Migrantinnen wurde finanziert... dem Bedürfnis „Projekte voranzubringen“ sind keine Grenzen gesetzt  Ihre Fürsorge für die „Menschen mit Migrationshintergrund“, wie es nun mal auf neudeutsch heißt, ähnelt dem bekannten Zuschauer, der sich bei der Hinrichtung sorgenvoll fragt, ob das Beil des Henkers desinfiziert sei. Denn in dem Moment, wo es genau darauf ankommt, ziehen sie sich zurück oder noch schlimmer, gesellen sich zum Stammtisch der Mehrheitsgesellschaft. So geschah es mit Serkan, so läuft es bei jedem Serkan, wenn diese Migrationspolizei gerufen wird.

Alles in allem, es geht voran. Z.B., wenn es darum geht, störungsfreie Kranzniederlegungen der Repräsentanz an der für die ewigen Opfer der Alliiertenbomben vorgesehenen Abwurfstelle in Dresden am 13. Februar 2010 demonstrativ sicherzustellen. Das nennt man dann antifaschistischen Kampf. Auch dann, wenn die Kranzniederleger das Gleiche dachten, taten und sagten, was auch die Neonazis vorhatten. Noch ein Sieg im antifaschistischen Volkskrieg.

Und immer mehr faseln phasen- und phrasenweise über Auf- und Ausbrüche: „ Der Kapitalismus ist voller Konfliktherde, und welche davon aufbrechen oder aufgebrochen werden können, lässt sich selten im Voraus bestimmen. Die Fabrik ist längst nicht mehr die zentrale Kampfzone. Aber gleichzeitig ist Emanzipation unmöglich, wenn es nicht gelingt, die gesellschaftliche Reproduktion solidarisch zu organisieren. Das scheint aus heutiger Perspektive komplett illusorisch. Aber es passieren immer wieder Dinge, die man gestern noch für unmöglich hielt“ schreibt „umsGanze“ in Staat, Weltmarkt und die Herrschaft der falschen Freiheit.

Auch solche Dinge wären gestern noch nahezu für unmöglich gehalten worden. Denn zur Zeit der serienmäßigen Pogrome hätten solche Floskeln zumindest für Auseinandersetzungen gesorgt. Es wäre ja aufgefallen, dass diejenigen, mit denen man gerade solche solidarischen Reproduktionsverhältnisse aufbauen will, dabei sind, das Hochhaus, in dem sich die vietnamesischen Familien verbarrikadiert hatten, in Brand zu setzen.

Nun ist das Feuer medial gelöscht und man kann endlich unverhüllt über seine Liebe zur heimatlichen Artenvielfalt schwadronieren: „Jenseits der politischen Beurteilung der sogenannten Wiedervereinigung und der auf sie folgenden Unzulänglichkeiten und Grausamkeiten muss die Überwindung des realsozialistischen Experiments, aus dem in der DDR nicht mehr wurde als ein autoritäres und paternalistisches Einparteienregime, das nicht das befreite Individuum, sondern eine lethargische Masse der Unzufriedenen hervor brachte, als kleineres Übel betrachtet werden. (Initiative gegen jeden Extremismusbegriff, aus „nie wieder revolution“ September 2009)

Was das befreite Individuum so alles anstellte, anstellt und wieder, wenn ihm die richtige Freiheit opportun genug erscheint, anstellen wird, ist mindestens 150mal, seitdem das größere Übel beseitigt wurde, mörderisch bewiesen. Wir wären froh, wenn seine Lethargie noch tausend Jahre andauern würde.

 

Das teutonische Periodensystem

Denn es ist so, dass sich nach dem 12-jährigen NS-Paradies in nahezu regelmäßigen Abständen Aufruhr unter der hiesigen Population breit macht. Es ist der Moment, wo der Satz „Es ist so weit“ seine volle Tatkraft unter Beweis stellt. So gab es 1977, 32 Jahre nach der Unterjochung unter der Alliiertenherrschaft, eine solche Gelegenheit, als die deutsche Linke implodierte und die deutsche Bevölkerung explodierte und sich auf der Jagd nach den Fremdkörpern machte. Und trotz der Massivität des Mitmachens, und trotz der Sprüche („ab ins KZ“, „an die Wand mit denen“, „für jede Geisel einen Gefangener erschießen“, „ab ins Gaskammer“ usw.) und der Handlungen (massenhafte Denunziationen – so massenhaft, dass um den enormen Andrang zu bewältigen, Nottelefone in jeder Stadt eingerichtet werden mussten, um die „Hinweise aus der Bevölkerung“ entgegen zu nehmen) mehr als eindeutig waren,  ist dies bis heute eine Randbemerkung geblieben. Interessant dabei ist, dass bis heute allerlei Debatten – je nach Lager - über die Brutalität des Staatsapparates, über die „Tage, die die Republik veränderten“, sowie über das Pro und Kontra der bewaffneten Gruppen, kaum aber Analysen, Diskussionen und Untersuchungen über die Population zu der damaligen Zeitpunkt stattfinden. Ein verdächtiges Schweigen im Bezug auf das Verhalten der damaligen Hetzmeute herrscht seitdem im Lande.

Ab in der Kläranlage[5]“ forderte die Meute für die drei Toten in Stammheim, angesichts des verzweifelten Versuchs ihrer Angehörigen, ein Stück Erde auf irgendeinem Friedhof zu finden, in einer Mischung aus Volkshygiene, Recycling und Postvernichtung, um die totale Beseitigung auch der leblosen Körper zu erzwingen.

12 Jahre später, im Zuge der inneren und äußeren Einkehr (Wiedervereinigung), war es wieder so weit. Orte, beliebig und bis dahin kaum beachtet, erlangten über (brennende) Nächte, weltweite Berühmtheit: Hoyerswerda, Lichtenhagen, Mannheim-Schönau, Solingen, Goldberg, Quedlinburg, Dolgenbrodt, Babenhausen, Grevesmühlen, Mölln, Gollwitz… ….um nur die bekanntesten zu nennen.

Weitere 12 Jahre später, konzentrierte sich die praktisch debattierende Hetzmasse auf eine bestimmte Gruppe von Fremdkörpern, unter dem subsumierenden Kampfbegriff „Moslems“. Mit all den Schwierigkeiten, die ein solches Vorhaben hat: denn es „viel zu viele sind, um sich mit denen anzulegen“, wie bezeichnenderweise der Befund von „Jungle World„ lautete.

Hier wurde der moralische Imperativ gleich als Set geliefert: Homophobie, Ehrenmord, Kanaken-Gangs, Frauenunterdrückung, Kopftuch, Turban, Minarette, Burka und Niqab, islamischer Antisemitismus, arabischer Nationalsozialismus usw. Ein Supermarkt der Superlative für die deutsche Volksseele und ihre Avantgarde, deckt doch jeden Bedarf ab!

Heute eskaliert Rassismus und Antisemitismus auf hohem Niveau und ist in diesem Sinne zur alltäglichen Normalität geworden, so dass dieser Umstand außer den direkt Betroffenen kaum jemandem auffällt bzw. interessiert. Ein mehr oder minder gewichtiger Motor dieser Eskalation ist die deutsche Linke.

Die nationalbefreiten Zonen sind längst keine Rarität, sondern eine geografische Realität geworden. Antizionismus[6] und Philosemitismus (beides gefährlich für Juden) gehören längst, je nach Lager, zum guten Ton. Und Deutschland – laut einer weltweit durchgeführten britischen Studie – zum beliebtesten Land der Welt. Bei dieser Beliebtheitsskala haben laut Spiegel[7], „am schlechtesten Iran, Pakistan, Nordkorea und Israel abgeschnitten. In Deutschland haben 65 Prozent den Eindruck, dass von Israel ein eher schlechter Einfluss ausgeht. Nur noch neun Prozent der Deutschen bewerten das Land positiv - weniger, als in allen anderen befragten Staaten der Europäischen Union.“ Na, es geht doch!

Die ideologischen und sonstigen Grabenkämpfe der Fraktionen und Vereine der Deutschen, ähneln heute eher der Vielfalt der Schattierungen, die ein Monolith aufwirft, je nachdem, wie das Sonnenlicht fällt. Sonst nichts.

 

„… und das Bewusstsein bestimmt das Sein“

Das deutsche Volk und seine Avantgarden, ausgestattet mit einem umfangreichen, technisch und moralisch vollkommenen und verkommenen historischen Bewusstsein, hat sich an die Arbeit gemacht und eine Gesellschaft errichtet, die durch ihre unschätzbare 12-jährige Erfahrung im tausendjährigen Reich der nationalrevolutionären Auflehnung geprägt wurde. Übertragen von Generation zu Generation. Sentimental, verbal und praktisch. Die Deutschen sind jederzeit in der Lage den Faden wieder aufzunehmen, egal was dazwischen kommt. Sie zeigen sich äußerst Flexibel, wenn es darum geht die verschiedensten Felder des Alltags, des Denkens, des Handelns einzunehmen und mit dem Bedürfnis Deutsch zu sein / oder zu werden zu füllen. Es ist erstaunlich, und manchmal undurchdringlich, wie sie zwischen äußerster Amnesie und gründlichstem Willen zur Aufarbeitung immer wieder jene Mitte finden in der kein Zweifel darüber besteht was ein Deutscher ist, was sein Auftrag ist, und wie es durchzuführen ist. Bis zum letzten Detail. Sie haben gelernt, mehr als irgendein Völkchen auf der Welt, wie und in welcher Phase des deutschen Projektes was zu vertreten ist, was gesagt oder verschwiegen werden soll. Je nach Besatzungszone wurden sie zu glühenden Amerika-Fans oder zu planerfüllenden Sozialisten. Je nach Vereinsregister wurden sie zu Linken, Linksradikalen, Autonomen, Antideutschen, Rechten oder Liberalen, Militanten oder Pazifisten. Es ist lange, viel zu lange her als wir uns damit beschäftigten: „Deutsch ist ein Kampfbegriff und eine Lebenseinstellung zugleich. Und vor allem der Inbegriff von Auschwitz (es gibt eine Singularität der Vernichtung und der Vernichter). Deutsch ist nicht jemand, der/die hier geboren ist, auch nicht jemand, der/die einen deutschen Paß oder Eltern hat, die deutsche Pässe haben usw. Deutsch muß man/frau werden. Als "Deutsch" muß man/frau erzogen werden "mit den Bilder des Opas in SS-Uniform", mit der 75-jährigen Oma "die immer noch stolz auf das Hakenkreuz in ihrem Führerschein ist". Mit der stillschweigenden Hinnahme, daß am Familientisch während des Abendbrots, ein (wahrscheinlich) Mörder (so genau weiß man/frau es nicht, weil nicht danach gefragt wird) dabei sitzt usw.“ („von deutsche Standpunkte und andere Verbrechen“, 1998)

Aufgrund der biologischen Entwicklung, ist die hier beschriebene Szene kaum in einem deutschen Alltag anzutreffen. Am Familientisch sitzt nun in den seltensten Fällen ein Mörder, er liegt bereits auf dem Friedhof. Und weil es so ist, haben sie heute kaum Probleme über ihre Vorfahren offen zu reden. Das nennt man dann „aus der Geschichte gelernt“. Anderes gesagt: Die Deutschen haben ihre Chance gehabt, als sich ihre Opas und Omas noch lebten, damit auseinanderzusetzen (oder sie zu denunzieren, wie wir forderten). Jetzt ist es zu spät. Und dies wird auf ihnen lasten als ein nun zeitloses, berechtigtes Ressentiment. Denn dadurch haben Sie in dieser Sache eine klare affirmierende Position bezogen.  Sie haben eben für das, was deutsch ist, optiert, und sich, wie es bei würdiger Deszendenz nicht anders zu erwarten wäre, konsequenterweise zum Ziel gesetzt, den immateriellen Schaden, den das „deutsche Wesen“[8] erleiden musste, wiedergutzumachen[9].  Das Ziel ist beinahe erreicht.

Der von der Intelligenzija geführte mühsam unspektakuläre aber zugkräftige Befreiungskampf der Deutschen hat Früchte getragen. Seiner schweren Ketten entledigte sich der Deutsche spätestens im Jahre 1989 mit der letzten Revolution –der friedlichen – endgültig, so dass man / frau ab 1990 seinem Steckenpferd endlich wieder freien Lauf geben durfte (d.h., ohne Angst und Sorge, frei und positiv ans Töten denken konnte).  

Das Kernstück dieser einmaligen Leistung, muss man anerkennend zugeben, war das Werk der  deutschen Linken in ihrer bunt breitgefächerten Zusammensetzung. Sie hat das großdeutsche Morden, die Alltagstöterei, also das täglich Brot des deutschen Volkes, vor, während und nach Auschwitz so trefflich verwissenschaftlicht, dass sich plötzlich herausstellte, dass das deutsche  Morden als produzierendes Gewerbe in Wirklichkeit ein sozial-psychologisches Phänomen war, das sich je nach Konjunktur als Rassismus, Antisemitismus, Totalitarismus, Vernichtung des Werts/ der Personifizierung des Abstrakten, Sozialstaat  oder ideologischer Fluchtpunkt der bürgerlichen Gesellschaft auf den Begriff bringen lässt:

 "Die ideologische Verwandtschaft dieser verkürzten Kapitalismuskritik mit dem falschen Antikapitalismus des NS“ so UmsGanze, „belegt den Mangel jeder antifaschistischen Theorie und Praxis, die sich nur auf Nazis fixiert. Nationalsozialismus und Faschismus sind nicht das ganz Andere der bürgerlichen Gesellschaft, sondern einer ihrer ideologischen Fluchtpunkte."

Wenn die Glückseligkeitsversprechungen der Linksdeutschen nicht so hinhauen, was jeder Prophezeiung immanent ist, dann explodiert´s. Z.B. in der DDR, als die paar Antifaschistinnen und Antifaschisten, die kurz zuvor aus den NS-Kerkern befreit und durch die Rote Armee an die Macht gesetzt wurden, ihren 17 Millionen eben diese Glücksseeligkeit versprachen, aber kaum einhalten konnten. So wenig, dass ihre Population, die durch Stasi, Vopo und SED-Kader in Schach gehalten wurde, wg. den zwei B’s (Bananen und Ballermann) sogar den Aufstand, und zwar mit durchschlagendem und brandschatzendem Erfolg absolvierte. Eine Bewegung aber, die von solchen Subjekten rekrutiert wird, ist eine gefährliche. Wenn sie auch noch eine deutsche ist, ist sie eine mörderische.

 

Epilog: Faszinosum Nationalsozialismus

Zwei Meldungen. Die Erste aus der Zeitung „Die Presse“ vom 10.04.2010:

„Wien. Hoch her ging es am Freitag bei einer Delegiertenversammlung des Akademikerbundes, einer Vorfeldorganisation der ÖVP. Im Mittelpunkt stand die Wiener Landesgruppe, deren Positionspapier diese Woche für Aufregung gesorgt hatte. Darin wird die Aufhebung des NS-Verbotsgesetzes ebenso gefordert, wie die Abschaffung des Gleichbehandlungsgesetzes und die Beendigung der Fristenlösung. Außerdem wird ein kompletter Einwanderungsstopp gefordert und Frauen angeraten, auf Berufstätigkeit zu verzichten – ihr Platz sei „am Herd“.

Die Zweite aus einer Veranstaltungsankündigung eben dieses Wiener Akademikerbundes von 2009: „Dr. Stephan Grigat spricht zum brennenden Thema Die „Islamische Republik Iran“ und die Menschenrechte im „Kampf der Kulturen“. Der Vortragende ist Nahostexperte, gefragter Publizist und Lehrbeauftragter an der Universität Wien.“

Wenn jemand von solchen Forderungen des Akademikerbundes fasziniert ist und infolgedessen, die physische und diskursive Nähe zu diesem Dreck sucht und findet, dann handelt es sich um genau dieses Faszinosum nationalsozialistischen Gedankengutes. Und wenn dies in Osterreich, im „Paradies für Nazis in Ruhestand[10], wie jemand treffend formulierte, stattfindet, dann kann es sich eben nur um das „brennende Thema Kampf der Kulturen“ handeln. Er muss kein Faschist sein, er kann sich x-beliebigen Experten-Status zulegen, z.B. Nahostexperte oder Doktor. Er kann auch einen x-beliebigen Namen tragen, z.B. Stephan oder Grigat. Wenn also jemand sich in so einer Runde geborgen fühlt, dann tut er dies nicht trotz – wie seine Kritiker ihm vorwerfen – sondern wegen dem unwiderstehlichen Charme der NS- und anderer Herrenmenschenideologien. Sein Moslemhass dient dabei nur als Brücke um rüber zu kommen. Seine Vorgabe, all das diene dem Schutz Israels, ist der nötige moralische Imperativ, den wir vorher erwähnt haben

Wenn andere wiederum, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen, krankhaft versuchen, in seitenlangen akzentfreien Abhandlungen[11], die feinen Unterschiede (es soll ja welche geben) zwischen Rassisten der British National Party (BNP) und der English Defence League (EDL) herauszuarbeiten, um die Angriffe auf Muslime, so weit sie seitens EDL stattfinden, zu legitimieren (gute), im Gegensatz zu den Angriffen der BNP (böse), dann muss es sich nicht zwangsläufig um ein Bewerbungsschreiben an die „Junge Freiheit“ handeln. Es genügt, den Drang nach dem ihm aus bekannten Gründen verwehrten Nationalpatriotismus zu spüren, und auf seiner Tastatur losgelassen zu werden, um die englischen Nationalfaschisten wg. ihres englischen Nationalfaschismus in höchsten Tönen zu loben und zu bewundern.

Und wenn ein Redakteur bzw. Korrespondent einer deutschen linksradikalen Wochenzeitung, die ihre Auflagen mit duften Fangsprüchen wie „Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus“ usw. zu garnieren pflegt, Partys auf jüdischen Grabsteinen[12], die den Boden seines Hinterhofs in seinem Miethaus schmücken, feiert, Grabsteine die aus einem früheren Raub (anno 43) eines geplünderten jüdischen Friedhofs stammen, wirkt es wie eine makabre aber nichtsdestoweniger diamantenscharfe Kristallisation der Quintessenz dessen, was wir heute hier zu Sprache zu bringen suchten.

Jüdische Grabsteine als Steinplatten auf dem Boden des Innenhofs

Also, es bleibt dabei:

Wir wollen kein anderes, keine antikapitalistisches, kein antideutsches, kein antiimperialistisches, kein ökologisches sondern gar kein Deutschland!

Café Morgenland

(Der Beitrag wurde auf der Tristeza-Veranstaltungsreihe „Von Lichterketten und anderen Aufständen“, am 25.05.2010 in Berlin gehalten)



[1]2008 war der Serienvergewaltiger nach 22 Jahren verbüßter Haft zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hin und her geschoben worden, weil ihn keiner haben wollte. „Warum hetzt man mich wie ein Tier? …ich bin kein Abfall“, hatte der Mann damals in einer persönlichen Erklärung geschrieben“ (aus Welt Online, 28.10.2009)

[2]Gegen den 22-Jährigen laufen Ermittlungen, weil er am Wochenende drei Mädchen im Alter von acht bis zehn Jahren pornografische Filme gezeigt haben soll. Eines der Mädchen hatte sich seinen Eltern anvertraut, die daraufhin die Polizei alarmierten. Ein Haftbefehl wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt. So dürfe der Mann keinen Kontakt zu den Kindern haben und müsse sich regelmäßig bei der Polizei melden.“ (aus Welt Online, 28.10.2009)

[4]Wenn ich mir gelegentlich im Geiste ganz stolz auf die Schulter klopfe, weil ich ja so "hochintegriert" bin, dann fühle ich mich den vielen kleinen Chips meines Notebooks sehr nahe“, (http://maz.blogger.de/?day=20100218)

[5]Eine Kläranlage dient der Reinigung von Abwasser, das von der Kanalisation gesammelt und zu ihr transportiert wurde. Zur Reinigung der unerwünschten Bestandteile der Abwässer werden mechanische (auch physikalische genannt), biologische und chemische Verfahren eingesetzt“ (aus Wikipedia)

[6] = Antisemitismus

[7] http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,605904,00.html

[8]Am deutschen Wesen, soll die Welt genesen“,  lautete ein bekannter Schlachtruf

[9] in materieller Hinsicht, muss man hinzufügen, hätte man sich als Deutscher kaum etwas besseres wünschen können: „[…] Der eine ist das Brechen jenes - wohl kaum rätselhaften - Schweigens über den gewaltigen Zivilisationssprung, der dem deutschen Volke in der zweiten Hälfte der ersten Hälfte des 20. Jh. gelang, und es mit einem Male aus dem Kielwasser der Westeuropäischen Industrieländer an die Spitze der menschlichen Zivilisation beförderte, wo es dank diesem - nachträglich in üble Nachrede gebrachten - Sprung noch immer Stellung hält.“ (Das Geifern der Linken, Café Morgenland, Frankfurt a.M., 17.01.2005)

[10]Wenn ich ein Kriegsverbrecher wäre und auf der Suche nach einem Land, in dem die Wahrscheinlichkeit gering ist, vor Gericht gestellt zu werden, würde ich nach Österreich gehen“ (Efraim Zuroff, Leiter des Simon Wiesenthal Center in Jerusalem, FR, 12.4.2010)

[11] http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web59-2.html, in „Im Geiste Winston Churchills

 

 
Café Morgenland