Café Morgenland

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Interview mit Radio FSK zur Selbstorganisierung, 30. September 2010

FRAGEN ZUR SENDUNG

- was gab es wann warum an organisierung von migrantisierten?
Im August 1973 kamen mehrere türkische Ford-Arbeiter von ihrem Urlaub aus der Türkei verspätet zurück, worauf diese entlassen wurden. Spontan, brachen bei den Ford-Werken in Köln-Niehl, die so genannten „wilden“, also nicht gewerkschaftlich gesegneten Streiks aus. Die wesentlichen Forderungen waren Zurücknahme der Entlassungen und Verlängerung des Jahresurlaubs auf sechs Wochen.
Von 24. bis 30. August 1973  weiteten sich die Streiks auf andere Werke und Standtorte aus. Das Werk wurde besetzt. Tausende „Gastarbeiter“ – fast alle aus der Türkei, da die deutschen Prolet-Arier sich auf die andere Seite stellten – beteiligten sich aktiv daran. Aus einem „unrevolutionär“en und zugleich zutiefst menschlichem Anlass, nämlich Mitgefühl für Mitmenschen, und mehr Urlaub am Stück, da die zugestandenen Urlaubszeiten gerade noch für die Hin- und Rückreise nach Anatolien reichten und somit kaum Zeit für die Geliebten im Heimatort übrig blieb, brach dieser Streik aus.
Während des Streiks kam die Forderung nach mehr Geld dazu. Also nicht die Forderungen waren das Besondere, sondern die Akteure selber: eben die „Kümmeltürken“, die nicht mal ihre Forderungen auf ordentlich Deutsch formulieren konnten. Bild übernahm die Errichtung der Heimatfront. Einige ihrer Schlagzeilen von damals: „Türken-Terror bei Ford“, „übernehmen Gastarbeiter die Macht?“ usw.  Der ehemalige Sicherheitsbeauftragte Wischnewski flog schon mal mit dem Hubschrauber über das Ford-Gelände, um sich einen Überblick über die größte Nachkriegsgefahr Deutschlands zu verschaffen. Das Fernsehen unterbrach sein Programm, damit Bundeskanzler Willi Brand am Abend eine Rede im Fernsehen halten konnte, um vor der „Gefährdung der Demokratie“ usw. eindringlich zu warnen. Nachdem tagelang alle Verhandlungen scheiterten, stürmten schlussendlich – mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnet– die deutsche Belegschaft, die deutsche Gewerkschaft und die deutsche Polizei das Gelände. Die Jagd, im wörtlichen Sinne, konnte beginnen. Szenen der frenetischen Verfolgung und des Niederknüppelns der „Türken“ fanden  auf dem gesamten Werksgelände statt. Blutüberströmte Menschen rannten um ihr Leben. Es gab über Hundert Verhaftungen, dutzende Verletzte, manche davon mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Nur manche, denn aus Angst vor Repressionen und Ausweisung, gingen die meisten der Verletzten gar nicht erst ins Krankenhaus. Somit war die deutsche Ordnung wieder hergestellt und das Land gerettet.
Was davon übrig geblieben ist? Fast nichts. Höchstens nur der Klassiker-Spruch des IG-Metall-Sprechers: „Dieser spontaner Streik war nicht geplant“. Dazu die üblichen Ausschlachtungsrituale bezüglich der Ereignisse, die gewohnte Aasfresserei, die Studien, Bücher, Analysen etc. also, um das Ganze ordentlich – und lukrativ, muss man gerechtigkeitshalber hinzufügen – im Archiv der deutschen Unzulänglichkeiten zu verstauen.
Das war der erste, von den Einheimischen wahrgenommene Selbstorganisierungsversuch.
Bis zur Wiedervereinigung prädominierte bei den MigrantInnen die folkloristische Fassade: die kunterbunten Trachtendarbietung, die urwüchsigen Ringtänze, zu denen die xenophile Einheimische in der Regel ein paar unbeholfene Schritte beitragen musste –je ungeschickter desto einnehmender–, und die mikrotonal melismierenden arhythmischen Elegien. Es ging also subliminal darum, Echtheitsnachweise für die Urlaubsbilder der Autochthonen zu liefern. Ihr wisst ja, Spanier essen Paella, Griechen tanzen Sirtaki und Türken trinken Tee im Männercafé (das letzte Bild geht übrigens aus den damaligen Emanzipationsbestrebungen der deutschen Frau hervor, als sich diese durch die Entdeckung des anatolischen Patriarchats aus einem existenzbedrohend gewordenen Motivationstief hatte heraushelfen wollen. Die teilweise Verderben bringenden Folgen für die Teestubenbesucher gehörten nun mal zur Natur dieses Geschäftes und mussten in Kauf genommen werden).
Sowohl tiefenstrukturell als auch entstehungskausal der gleichen Kategorie zugehörend, gesellten sich zu den Folkloregruppen die zahlreichen Politgruppen von ML bis XXL mit einer Vielfalt der anvisierten Revolutionen –ähnlich bemüht, um dem Klischee der einheimischen Linken zu entsprechen.
In beiden Fällen, waren Deutschland und das Treiben ihrer Ureinwohner kein Thema. Dies änderte sich aber schlagartig, nach der jüngsten Revolution, der friedlichen diesmal –wie wir stets betonen müssen, um sie von den Vorangegangenen irgendwie zu unterscheiden–, soll heißen, mit friedlichen, volksfestartigen Pogromen. So bildeten sich in den neunziger Jahren in verschiedenen Städten, wie Berlin, Hamburg, Bonn/Köln, Frankfurt usw. Gruppen mit dem Ziel, dem deutschen Projekt etwas entgegen zu setzen. Zu erwähnen wären hier vor allem die Gruppe Antifaschist-Genclik in Berlin, die nach einem Angriff auf den Anführer der Nazi-Partei „Deutsche Liga für Volk und Heimat“ Kaindl, bei dem er seinen Verletzungen erlag, zerschlagen wurde (Verhaftungen, Repressionen usw.).  Das besondere wiederum bei dieser Gruppe war, dass sie es gewagt hatte, mit dem „Abschaum“ der Straße, also mit den jugendlichen Kanakengangs, die gar von migrantischen communities gemieden wurden, gemeinsame Sache zu machen.
Denn solche Phänomene (Kanakengangs) waren und sind eher dazu geeignet den „anständigen Kanaken“ mit „akademischen und popavantgardistischen Hintergrund“ als performativen Schmuck zu dienen. Man inszeniert sich gerne als Experte, Mittlerfigur usw. ... als Sozialarbeiter oder als Kenner der deutschen Grammatik, der mit nichtdeutschen Namen in der deutschen Presse seinen Standpunkt vermelden darf ... „klar, es gibt Probleme, aber man muss genau hinschauen“ oder sie treten im Wettbewerb der „Differenzierten Betrachtung“ und der „Ursachenanalyse„ ein.
- wie hat sich das entwickelt, was ist jetzt?
Es geht um die Verteilung von Zuständigkeitsbereichen auf einem Mittelfeld zwischen der Gesellschaft in der man ankommen möchte und dem jeweiligen Milieu, als dessen Kenner und Versteher man sich einbringen will.
- was wird als scheitern bewertet, was als erfolg, warum jeweils?
Da wir keine Erfolgsziele je gesetzt haben, kommen wir nicht mal auf der Idee eine Bilanz zu ziehen. Da wir für niemand die Vertretung übernommen haben, können wir auch nicht für andere reden. Wenn wir dennoch ein Blick in der Vergangenheit zurück werfen, erlauben wir uns ein leichtes Grinsen, wenn wir uns an die Verärgerungen  und Empörungen über unsere „Unverschämtheiten“ erinnern, die innerhalb des linken Milieus hervorgerufen wurden bzw. über die ängstlichen und wütenden Gesichter des Mobs hinter den vorgehaltenen Gardinen oder hinter den Absperrungen, in den Orten wo wir mit unseren Aktionen das Deutsche Treiben zu unterbinden versuchten.
- ist kollektives handeln bei migrantisierten genauso unmöglich wie bei anderen auch oder gibt es spezifika?
Wer sagt, dass kollektives Handeln unmöglich sei? Zumal bei Migrantisierten „genau so wie bei anderen“? Dass Leute für eine bestimmte Sache zusammenkommen, war und ist allgegenwärtig. Die Gründe mögen andere sein, ob es gefällt oder nicht, z.B. Moscheebau....
Es ist nicht unbedingt das kollektive Handeln, das schwierig(er) ist, sondern vielleicht die – nennen wir es mal – Koalitionsfähigkeit. Doch ein bestimmter Prozess politischer Isolierung/ politischer Einsamkeit, der mit der Loslösung aus den linken Zusammenhängen ab den 1990er Jahren stattfindet hat nichts mit einem Abschied von kollektiven Handlungsformen zu tun, denn was wäre ihr Gegenteil ?
Überhaupt, scheint uns hinter dieser Frage eher eine Art linke Melancholie zu stecken, die den Verlust einer Einheitlichkeit des Kampfes beweint, das heißt des Eingliederungswillen von  Handlungen der migrantischen Communities in einen geordneten Gesamtgesellschaftlichen Entwurf. Nichts liegt uns ferner.
- waren die gruppen zu sehr links? fehlte eine bewegung von normal bürgerlichen und konservativen migs, wie es sie bei frauen und schwulen gibt?
Überhaupt nicht, das Gegenteil. Genauer gesagt, wir führen die meisten der „Misserfolge“ genau auf diese linke Tradition zurück. Wir meinen, dass auch bei den meisten politisch aktiven MigrantInnen, nicht die raue deutsche Realität das entscheidende war, sondern das Partei-, Sekte- oder allgemein Ideologie-Programm. Das, was außerhalb dieser Korsetts sich entwickelte, fand kaum Beachtung oder wurde gar bekämpft.
Wenn in diesem Zusammenhang von Scheitern die Rede ist, versteht sich darunter meistens ein Scheitern der Verhandlungen bzw. der Vermittlung für die sich der wissende Antirassist (mit oder ohne „Migrationshintergrund“) zuständig fühlt. Irgendjemand hat mal wieder etwas nicht richtig verstanden. Das mag frustrierend sein. Die Kenntnisse über die sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellen Grundlagen des Rassismus müssen mühevoll, meistens über Jahre hinweg, erarbeitet werden. Karten müssen angelegt werden. Haupt- und Nebenwidersprüche müssen benannt und sortiert werden. Verbindungs- und Trennungslinien zwischen den jeweiligen Ismen müssen gezogen. Prioritäten müssen gesetzt werden. Große Theorien müssen überprüft und aktualisiert werden. Die Nahtstellen zwischen Theorie und Praxis müssen erprobt werden ... usw. Und trotzdem, verkauft sich das nächste antirassistische Buch eher schlecht als recht… echt bitter!
Sich zu fragen, ob man nun konservativer, bürgerlicher – oder wie man es nennen mag -werden sollte, steht mit diesem Verständnis von Politik vollkommen im Einklang. Manchmal sind es die „linken“, manchmal eben die „konservativen“ Begrifflichkeiten, die versprechen für ein geregeltes Miteinander zu sorgen. Je nach Konjunktur können sich dann die jeweiligen Spezialisten zugestehen etwas oder sogar viel erreicht zu haben, ... weil die Deutschen eingesehen haben, dass ihr Land ein Einwanderungsland ist; weil Türken auch Männergruppen haben; weil man endlich mit an einem Tisch sitzen darf ... usw.
Insofern stehen die in der Frage angesprochenen vermeintlichen erfolgreicheren feministischen oder schwulen „bürgerlichen Bewegungen“ nicht im Gegensatz zu einer zu-sehr-linken Politik. Die Geste bleibt: Es geht darum das politisch korrekte Vokabular zu lernen und anzuwenden.  Was im Übrigen auch meistens damit einhergeht, dass man sich auf eine Segmentierung und Hierarchisierung der Zuständigkeitsbereiche (Frauenbewegung, Schwulenbewegung, sonstige Bewegung) einlässt.
Selbstorganisierung bedeutet für uns aber etwas ganz anderes: den Einstieg in das deutsche Minderheitenkarussell zu verpassen und eine Sprache zu sprechen, die es schwierig macht uns als eigentümliche Interessensgruppe zu adressieren. Die Relevanz einer spezifisch migrantischen Positionierung besteht für uns nicht darin, sich auf eine nicht-deutsche Herkunft oder Abstammung zu beziehen, sondern darin als ein unangemessenes oder unangebrachtes Wissen und Wesen in Erscheinung zu treten. Wir möchten keine Empathie auslösenden Geschichten von entwurzelnden Menschen die um Anerkennung in einem fremden Land kämpfen erzählen, sondern lieber ungebetene Besucher sein, die mehr über die Besuchten wissen als ihnen zusteht. Es ging uns nie darum als Migranten unsere ‚eigene Geschichte‘ zu erzählen sondern darum, uns anzumaßen besser über Deutschland bescheid zu wissen als von den verschiedenen Lehrplänen zur Integration vorgesehen wird. Weder für den „bildungsfernen“ Gastarbeiter aus Anatolien oder Portugal, noch für den Flüchtling aus Kamerun oder Libanon ist es vorgesehen, dass er historische Parallelen zwischen dem in Deutschland vor über 65 Jahren ausgeführten „Zivilisationsbruch“ und seinen heutigen Erfahrungen zwischen Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland erkennt. Das nur als Beispiel.
Migrantische Selbstorganisierung bedeutet auch, nicht gelernt zu haben sich an die Reihenfolge zu halten bzw. die klugen Köpfe im Land mit Themen zu nerven, über die schon alles gesagt worden ist, mit denen man sich bereits eingehend auseinandergesetzt hat.
Migrantische Selbstorganisierung bedeutet außerdem, sich zu weigern die Zusammenhänge zu verstehen: z.B. die psychosozialen Mechanismen hinter dem Antisemitismus, die ökonomischen Ursachen für Rassismus und Homophobie ... usw.
Es ist schon anstrengend genug – und es dauert Jahre, wenn überhaupt -  die Dimension und Tiefe von alltäglichen Sprüchen, die man ins Gesicht geschleudert bekommt zu verstehen, wie z.B. „früher hätte es so was nicht gegeben“ …
Daher sollte die Selbstorganisierung nur als ein unberechenbarer Faktor zu Geltung kommen. Das Fehlen konstruktiver Handlungen und Gedankengänge ist unser Maßstab.
Eigentlich waren es auch lange Zeit die nicht-linken bzw. die betont „a-politischen“ Migranten, die sich gegen die Aufforderung sich zu integrieren resistent gezeigt haben bzw. „nicht verstehen“ was von ihnen verlangt wird. Das hat sich leider geändert. Die Leute sind ansprechbarer geworden und lassen sich zu Dialogen einladen. Das stellt ein größeres Problem dar als die Anpassungsfähigkeit linker Gruppen.
- ist jetzt eine art normalisierung eingetreten: es gibt einige leute auf mittleren und einige wenige auf hohen positionen, einige mehr in den üblichen bereichen (kultur, sport, musik), und daneben weiterhin die verschiedenen formen von rassismus? so wie es - außer in unternehmen - frauen quasi überall gibt und 'trotzdem' häusliche gewalt, schwule bürgermeister und 'trotzdem' ekel vor schwulen?
Zuerst sollten wir diese Frage nach der Normalisierung genauer betrachten.  Denn diese Frage meint eigentlich, ob die Deutschen nicht mehr über das ‚normale Maß‘ hinaus ans Töten denken, ob sie nicht mehr  türkische Familienhäuser anzünden, ob sie nicht mehr bereit sind Roma zu verjagen oder Hatz auf Afrikaner mitten am Tag in irgendeiner Einkaufsmeile zu veranstalten usw. Wenn wir das alles geprüft und zu der Schlussfolgerung gekommen sind, dass sie all das eben Gesagte in kleinerem Umfang praktizieren und dass sie eher verbale und optische (Rassistenblicke) Angriffe bevorzugen, dann sollten wir vor dem endgültigen Befund des Zustandes dieser Population danach fragen,  warum sie es nicht mehr tun. Zum einen weil sie es nicht so einfach können, zumindest in einigen Teilen Deutschlands, wg. den dort relativ häufig vorkommenden Kanaken. Das entscheidende aber ist die Frage zu beantworten, ob sie es wieder tun werden, sobald sie die Gelegenheit dazu haben. Und da fängt es an sehr, sehr problematisch zu werden.
Oder wie die Frage suggeriert: Werden die Özil´s und die Fatih´s, die  Özkan´s und die Cacau´s das nächste Pogrom verhindern? Die Antwort ist nicht leicht, da sie nur mit Annahmen beantwortet werden kann. Wahrscheinlich werden sie die Massenhaftigkeit zeitweise eindämmen helfen. Aber dann bleibt die Frage offen, was machen dann all diejenigen, die einsehen, dass man den Türken der es geschafft hat nicht töten soll? Die Antwort darauf steht schon einvernehmlich bei allen Beteiligten fest: Sie sollen sich auf den Serkans austoben! Siehst du, wir trauen diesem Friede-Freude-Eierkuchen nicht im Geringsten. Denn dies wurde immer und immer wieder beschworen aber nie eingehalten. Zu Erinnerung: Nach dem hunderttausendfachen Lichterkettenspektakel stiegen die Angriffe von einigen tausend auf über 18 tausend pro Jahr. Nach den „Nie wieder Krieg“-Ostermärschen, bombardierten sie Jugoslawien. Nach dem nationalen WM-Taumel im Jahr 2006 standen die Muslime am pranger.
Warum soll es nach Ausdrücken wie „Eliminierung“, „Niedermachen“, „Innerer Reichparteitag„, „Polen ist offen“ usw.  (Original-ton aus der deutschen Medienlandschaft während der jüngsten WM) anderes laufen? Weil so viele MigrantInen ihr Herz für Deutschland entdeckt zu haben  glauben?
- ist eingetreten, was immer gesagt wurde: eine vertiefung der differenzierung der rassismen: eu-leute - türken/muslime - rest der welt mit jeweiligen differenzen? entlang weißsein bzw. kolonisierungsstatus?
Man muss vorsichtig sein, um den Deutschen nicht den Gefallen zu tun, die von ihnen angebotene Ordnung ihrer vorgesehenen Opfergruppen mitzutragen. Deshalb sprechen wir ungern von Koloni(ali)sierung und bevorzugen den Begriff der Vernichtung.
Das klingt wie an den Haaren herbeigezogen, angesichts der allgegenwärtigen Bekenntnisse zur Multikulturalität und zur Offenheit dieses Landes. Wir halten es für gesünder (körperliche und seelische Unversehrtheit), grundsätzlich von dem auszugehen was wir „die Auschwitz-Option“ genannt haben, auch wenn dies nicht als adäquater Ausdruck für ein Verständnis der Wirklichkeit der heutigen deutschen Gesellschaft erscheinen mag. „Auschwitz-Option“ meint die Androhung mit dem Vorhandensein eines Wissens um die Techniken und die Organisation der Vernichtung – und der Bereitschaft es zu aktualisieren.
Anders gesagt: wir bemessen die deutsche Realität immer nach dem historisch bewahrheiteten Vermögen der deutsche Bevölkerung und lehnen es ab Nuancen und Schattierungen zu erkennen die es erlauben würden zu unterscheiden was die Deutschen zu welchem Zeitpunkt ihrer Geschichte mit welcher ausgemachten Minderheit welches Verbrechen vorhatten oder vorhaben.
Die angesprochene Differenzierung der Rassismen gab es schon damals, heute hat sie nur Normalcharakter, ist Bestandteil der Integrationsprozesse. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass mehr als die in der Frage genannten Hierarchien, Antisemitismus in seiner zeitgenössischen Form des Antizionismus ein wesentliches Moment der Integration ist.

- ist deutschland, wie auch schon damals gesagt, so ausländerfreundlich geworden, weil die politik der sicheren drittstaaten so erfolgreich war?
Diesem Befund stimmen wir nicht zu. Deutschland bemüht sich seit eh und je als Exportnation, als ausländerfreundlich zu präsentieren, während sie ihre Strategie  „was ich nicht kontrollieren kann, wird abgesondert“ erfolgreich umsetzt.
- "deutsch mich nicht voll" hieß es mal bei kanak attak. ist jetzt "ich deutsch mit" angesagt, seitdem die biodiversität von deutschen anerkannt ist?
Wir kennen solche markigen Sprüche auch aus anderen Folkloren-Gruppen. Sie unterliegen als ausgewiesene theatrale Beilage dem Zeitfaktor, d.h. sie werden irgendwann von anderen  Slogans abgelöst.
Es gibt Bedingungen, Normen und Spielräume. Diktiert und getragen von der gesamten Population. Entweder akzeptierst du sie und unterwirfst dich dem Diktat, oder du bist ein Thema für die Sozialtherapeuten oder für die Staatsanwaltschaft. Dies wird zurzeit erfolgreich praktiziert.
Es zeigt sich auch in der Wandelbarkeit der Begriffe, z.B. wenn sie uns statt „Scheißkanaken“, „Menschen mit Migrationshintergrund“ nennen. Diese angeblich politisch korrekte Bezeichnung, bringt nicht bloß die für die deutsche Ordnung und Kategorisierung unbedingt notwendige „Differenzierung“ mit sich, sprich Aussonderung, sondern ist gleichzeitig eine Aufforderung, die Herkunft, deine vermeintliche Zugehörigkeit zu thematisieren und gemäß den aktuellen sozialpsychologischen deutschen Erfordernissen zu gliedern, beispielsweise – wie es im Begriff heißt – in den Hintergrund zu stellen.
Deshalb auch unsere Aversion gegen (besonders) den linken sozio-politischen Jargon. Die Ausdrucksform mag sich ändern, die Substanz bleibt. Sprüche wie „deutsch mich nicht voll“ stehen der Aussicht aufs Mitdeutschen nicht entgegen. Sie sind ein gewöhnlicher Bestandteil im geregelten Kommunikationsvorgang zwischen Deutschland und seinen Integrationsanwärtern. Kanak Attak zeichnete sich ja gerade dadurch aus, dass sie die Verhandlungen über die Diversität der deutschen Wirklichkeit buchstäblich auf die Bühne bringen wollten, das heißt in den politisch neutralisierten Raum des deutschen Kulturbetriebes, wo sich viele Flexionen des Deutschseins und seines Andersseins durchspielen lassen ohne außerhalb des hiermit akzeptierten institutionellen Rahmen gefährlich zu werden.
- und/oder wollen kanaken einfach normal sein, nicht immer anders?
Wir fühlen uns nicht dafür zuständig, zu beurteilen was normal und was anders ist. Es ist uns auch vollkommen egal ob jemand gerne normal wäre, oder lieber anders, und was jeweils darunter zu verstehen ist. Worum es zukünftig geht: Erfolgreiche Kollaboration (Integration) oder Aussonderung. Einhergehend mit den Übernahme der sekundären und tertiären deutschen Tugenden, wie Einhaltung der deutschen DIN-Normen, der StVO, dem deutschen  Reinheitsgebot, der deutschen Toleranz, der deutschen Disziplin usw.
Der Türke macht es“ war ein üblicher Anerkennungsspruch des Stammtisches für den WM-Star mit „Migrationshintergrund“.  Und wenn man das problematisierte, war die übliche Entgegnung „es ist bloß nur ein Spiel“ und meinte damit ein Ventil. Dies soll zur Beruhigung des Skeptikers beitragen. Und wir freuen uns dass dieses Ventil erfunden wurde … sonst.., Aus der Sicht können z.B. auch die Sarrazins und die Schwarzers dieser Republik betrachtet werden: In dem die deutsche Population eifrig ihre Sympathiebekundungen für die sog. Tabubrecher über die „genetisch bedingte Intelligenz“, über Minarette und Gemüsehändler in alle Umfragen mit Höchstwerten belegt, handelt sie nicht nur rassistisch (das Tat sie immer), sondern nutz die Chance, ihre Ansichten ins Votieren zu kanalisieren anstatt die mühevolle und u.U. riskante Unternehmung eines Brandanschlags zu wagen, was zu eine vorübergehenden Verschiebung der Umsetzung ihrer Mordslust führt …
Daher bleibt die Frage: wo landen diese geballten Gefühle wenn der Glanz von Sarrazin und Schwarzer verblasst bzw. nicht mehr ausreicht? Wie kann ein Deutscher sein Leben meistern bzw. im Griff bekommen ohne solche rebellischen Momente?
Es geht heute wieder einmal darum, abzuwägen ob wir eher nützlich oder schädlich für das deutsche Wohlbefinden sind. Wobei auch das nicht besonders neu ist:
Abschnitt aus einem  Text mit dem Titel:
Von Ausländern überschwemmt? Der Einsatz fremder Arbeitskräfte in Deutschland
„Wenn heute einer ... so gegen Abend durch die Straßen seiner Heimatstadt schlendert, um alte Erinnerungen aufzufrischen, dann kann es leicht passieren, daß er an dieser oder jener Ecke auf eine Gruppe fremdartiger Gestalten stößt, die früher nicht da zu stehen pflegten. Er hört sich im Vorbeigehen das Gesprudelt unbekannter Laute an, wirft einen forschenden Blick auf die wildgeschlungenen Schals, die verwegenen Baskenmützen, die in den Mundwinkel geklemmten Zigaretten und muß sich eingestehen, daß ihm das Ganze nicht recht geheuer vorkommt. Aha, denkt er wohl im Weitergehen, wahrscheinlich irgendwelche von diesen ausländischen Arbeitern, von denen man in letzter Zeit so viel hört; soll ja eine ganze Masse jetzt in Deutschland geben, scheinen sich mächtig breit zu machen. Und dann fällt ihm wahrscheinlich noch seine Kusine Erna ein, die neulich erzählte, daß einer von diesen Burschen im Betrieb gegenüber einer Kollegin frech geworden sei… Diese Sorgen sind begreiflich, aber im wesentlichen gegenstandslos. Die Leute, die behaupten, Deutschland werde heute von ausländischen Arbeitern überschwemmt, und wir seien vor diesem Andrang bald nicht mehr Herr im eigenen Hause, sind im Unrecht. Gewiss, es gibt heute Millionen ausländischer Arbeitskräfte aus allen möglichen Gegenden Europas in Deutschland, und ihre Zahl wird sich sogar noch weiter erhöhen. Aber es wäre falsch, wenn der Mann ..., in der Vorstellung lebte, diese Massen von Ausländern „überschwemmten“ nun die deutsche Heimat. Zu einer Überschwemmung gehören überflutete Ufer, durchbrochene Dämme. Stattdessen ist es gelungen, trotz aller Schwierigkeiten den Einsatz der ausländischen Arbeiter in Deutschland organisatorisch zu bewältigen und im Allgemeinen in Formen zu fassen, die dem Anspruch der Heimat auf Sicherheit Rechnung tragen.“
Wer nun glaubt, es handelt sich hierbei um irgendein Flugblatt einer CDU- oder SPD-Regierungsstelle aus den 70er oder 80er, irrt sich gewaltig: Die Zeitung aus dem diese Passage stammt, heißt „Veste Kreta“, eine Soldatenzeitung für die Wehrmacht in Kreta mit dem Erscheinungsdatum 01. Juli 1943. Der Artikel sollte zur Beruhigung der Soldaten, die sich sorge um ihre Familie in der Heimat bzw. um die Übergriffe der „Fremdarbeiter“ machten dienen. Das ist 67 Jahre her… und doch so nah…


Café Morgenland, September 2010

 

 
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