Café Morgenland

Bilanzfälschungen

(ausgestrahlt als Kolumne im Radio FSK, am 30.11.2011. Anhören/Downloaden

Sicherlich war die akzeptable Aussprache all jener schwer auszusprechenden Namen der Ermordeten die größte berufliche Herausforderung für die Kanzlerin der Deutschen. Dieses Opfer an Zeit und mentaler Anstrengung (das gewaltig gewesen sein muss) musste aber –trotz zahlreicher unverrückbarer Termine wegen Euro-Krise o.ä. – gebracht werden. Es ist übrigens – sehen wir uns gerechtigkeitshalber gezwungen zu bescheinigen – wider Erwartung relativ gut gelungen. Die Aussprache der Kanzlerin war beinahe akzentfrei, wohingegen die routinehaft durchgestandenen Schweigeminuten für die „Opfer rechter Gewalt“ im Bundestag und Bundesrat (pro Kammer eine Minute) öde wirkten.
Die Kanzlerin der Deutschen musste dieses Martyrium auf sich nehmen, handelte sich es doch um das Ansehen Deutschlands. Es war „eine Schande für unser Land“. „Beschämend“ nannten viele – nicht nur die Kanzlerin – die Tötungstätigkeit der Neonazi-Bande. „Das ist nicht nur furchtbar für die Opfer, das ist nicht nur schlimm für unser Land, es ist vor allen Dingen auch sehr, sehr schlimm für das Ansehen unseres Landes in der Welt“ sagte Westerwelle  am Rande eines Treffens der EU-Außenminister in Brüssel und brachte es auf den Punkt.
Wie fragte die spanische Zeitung El Pais? „Wie konnte es sein, dass eine Gruppe von Neonazis die deutsche Justiz 13 Jahre lang an Nase hatte herumführen können – in einem Land, wo es selbst für das Radfahren ohne Licht Strafen gibt?
Ja, es herrscht seit Wochen rege Geschäftigkeit im Land der Deutschen und der stabilen Währung. Treffen mit den Angehörigen der Ermordeten, Planung einer Gedenkveranstaltung, gar Entschädigungszahlungen von 10.000 € kommen ins Spiel. Und die undankbaren Angehörigen der Opfer? Sie wollten „hier nicht über Geld reden, sondern über die Aufklärung der Morde“ sagten sie im Schloss Bellevue, als sie vom Bundespräsidenten Wulff empfangen wurden. „Die 10.000 Euro würden den Verlust des Vaters und die Jahre ohne ihn nicht aufwiegen“, sagte die in Mittelhessen lebende 25-jährige Semiya Şimsek der Nachrichtenagentur dpa. Die Summe empfinde sie als "beleidigend". „Wie soll ich vor das Grab meines Vaters treten und sagen: Du bist 10.000 Euro wert“... Andere Länder andere Sitten halt…
Und dabei ist an alles gedacht, insbesondere an die Sprache. Da kann sie keiner nachmachen. Die Zusammenarbeit von Repressionsapparaten mit Nazigruppen, die so intensiv war, dass sie nur anhand der Lohnlisten auseinandergehalten werden konnten, nennen sie „Pannen“ und „Versagen“ („kleiner Adolf“ nannten sie liebevoll einen aus diesem Sumpf laut „ Mainzer Allgemeinen Zeitung“). Den Schlussstrich unter diese Geschichte, den zu ziehen sie dabei sind, nennen sie „Aufarbeitung“. Das kennen wir alles schon. Als nächstes wird die „Trauerarbeit“ kommen, die immer wunderbar geklappt hat. Denkbar ist gar die Aufstellung einer Mahntafel, begleitet mit der Marschmusik der freiwilligen Feuerwehr –kontextsensitiv angereichert mit Kanun und Oud, versteht sich – irgendwo an „einem geeigneten Ort“. Ja, das kennen wir schon alles.
Zugegeben, sogar wir sind etwas davon überrascht, dass die bekannte Prozedur ohne jeglichen Skrupel einfach abgerufen und durchgeführt wird. Vielleicht weil sie auf die Schnelle nichts Neues finden konnten. Oder aber weil es vielleicht damit bisher gut geklappt hat. Nur mit der Betroffenheit der Bevölkerung hapert’s gewaltig. Zwickau wollte am 21.11. – laut Bürgermeisterin – mittels einer Trauerkundgebung ein Zeichen setzen, d.h. sich reinwaschen und als Paradies für aufgeklärte und fruchtbar betroffene Weltbürger präsentieren. Sie kamen gerade mal auf 150 Trauerkundgebungsteilnehmer (inkl. Presse). Es musste ein zweiter Anlauf am 25.11., diesmal mit Allparteiendemokrateuren und anderen Claqueuren, genommen werden, damit die empfindliche 1000er Marke an der Zahl der pflichtbewussten Statisten (mit Kerzen, versteht sich) geknackt werden konnte.
Es stellte sich aber heraus, dass die diesbezügliche Geschäftsstille nicht örtlich begrenzt, sondern überregional und offensichtlich programmatisch war. Bei dem Versuch, im Geburtsdorf der ermordeten Polizistin irgendeine Äußerung aus den Anwohnern herauszulocken, stießen die Kamerateams auf eine Mauer des Schweigens und der aggressiven Ablehnung. Von erprobten und erfolgreich praktizierten bundesweiten Lichterketten – die übrigens über ihre unmittelbare, situative Funktion hinaus aufgrund des bevorzugten Einsatzes der Fackel nicht nur die Herzen der geschichtsbewusst gelehrten Deutschen, sondern auch die der europäischen Umweltfreunde gewonnen hatte – gibt es nicht die Spur. Da sie aber aufgeklärt sind gibt es überhaupt kein Problem mit dem Rechnen: 8 kopftuchmädchenproduzierende Gemüsehändler und ein fauler Südländer. Keine schlechte Bilanz. OK, das mit der deutschen Polizistin muß noch geklärt werden, ob tatsächlich Deutsche auf Deutsche geschossen haben.
Bevor das Ganze ans Tageslicht kam, hatten sie es viel einfacher mit den Begriffen. Handlich, ohne Erläuterung verständlich und vor allem einleuchtend: „Döner-Morde“, „Bosporus-Sonderkommission“, „Halbmond-Mafia“. Sie werden jetzt hastig zurückgenommen. Halb so schlimm: es gibt ja genug anderweitiges Futter für den Volksseelenhaushalt: Fidschi- oder je nach Gegend (ost / west) – Zigarettenmafia, Rumänen-Mafia, Albaner-Milieu und in letzter Zeit „faule Griechen“ (wobei uns der neudeutsche Spruch bezogen auf „die Zigeuner“, der mit dem „aggressiven Betteln“, am meisten beeindruckte).
Die Ermordung von Nicht-Deutschen markiert unwiderruflich und endgültig den Prozess der Vollendung des Deutschen. Es gibt danach weder eine Steigerung noch einen Nachgang. Es markiert das totale Ende. Diese absolute Gewissheit artikulierte sich in der Vollkommenheit der Vollzug der Tat: Genick- oder Kopfschuss. Sicherheitshalber Entleerung des Magazins (8 Schüsse) auf das bereits am Boden liegende leblose Opfer. Zuvor penible, tagelange Ausspähung der Gewohnheiten des Zielobjektes, professionell und äußerst rational. Nichts dem Zufall überlassen. In dieser Logik ist die Bevorzugung von Kanaken-Besitzern von Kleinläden als Zielobjekte verständlich, da sie in der Regel allein arbeiten. Also die Chancen, sie problem- und zeugenlos zu erwischen, stehen sehr gut. Daher ist bei genauerer Betrachtung der Mordvorgänge von der Planung bis hin zum Vollzug die übliche und inzwischen zwanghafte Pathologisierung der Täter das einzig Irrationale an der ganzen Sache.
Mit routinierter Akribie vollzog sich die letzte Phase eines Prozesses der Abrichtung, der lange zuvor begonnen hat: Mit Witzen über Kanaken und Kümmeltürken im Klassenzimmer und im Schulhof, mit den Sprüchen am Familientisch über die Fidschis und über die Knoblauchfresser, über die Polaken und über die Itaker, über die Judensäue (oder auf Linksdeutsch über die „Finanzlobby“) und die Schwuchtel, über die Koranferkel und die Kopfwindelträger. Mit der standardisierten Konstatierung, dass „nicht alles falsch war, was damals passierte“. Mit den animierenden und antörnenden Sprüchen bei den Besäufnissen im Bierzelt der Dorfidylle oder in der Stammkneippe des Stadtteils. Auf sächsisch oder bayerisch, auf hochdeutsch oder hessisch. Dialekt war nie ein Hindernis. Wobei der Fairness halber zu erwähnen ist, dass bei der Kommunikation dieser Art überwiegend sächsische und andere ostdeutsche Mundarten bevorzugt werden.
Wenn man also die Periode des freien Handels der Täter zwischen 2000 und 2007 anschaut, wird man ohne weiteres fündig. Es war die Zeit der Aufarbeitung der „Ursachen“ der rassistischen Exzesse der 90er Jahre. Es war die Zeit der Aufarbeitung der Wiedervereinigung und vor allem ihrer Begleitumstände. Der akademische Sumpf konnte endlich zur geistigen Tat übergehen. Mit schwerwiegenden Analysen und vor allem Editionen. Mit Basteln von Karriereleitern aus den Leichen von ermordeten MigrantInnen und verwüsteten jüdischen Friedhöfen. Mit malträtierten und ermordeten Obdachlosen… mit Schwerverletzten und Traumatisierten…
Es war der gelungene Versuch der de facto Legalisierung von rassistischen Morden und Angriffen, sie mal als ostdeutsche Folklore der nationalbefreiten Zonen zu verniedlichen oder als „Dummejungenstreich“ zu erklären; es war der Anlass dazu, den „Aufstand der Anständigen“ zu inszenieren und es war das Fundament, das die deutschen Gazetten dazu veranlasste, die nach wie vor serienmäßig stattgefundenen Angriffe auf das Klein- oder Regionalgedruckte zu verdrängen. Es war die Zeit, wo die Täter wie Fische im Wasser oder - wie wir mal früher anlässlich der Ermordung von 13 Flüchtlingen in Lübeck schrieben -, wie „Nadeln im Nadelhaufen“ agierten und immer noch agieren. In diesem Klima war es ein leichtes Spiel für die Polizei und andere Horden des germanischen Gedankengutes, solche Ereignisse dazu zunutze zu machen, die Opfer zu Tätern zu erklären (anatolische Mafia, illegale Glückspieler, Schutzgelderpresser usw.) und die „Bilanz“ der Opferzahl der rassistische Morde „zu fälschen“.  Wenn sie alle miteinander heute um Entschuldigung bei den Angehörigen der Opfer bitten, dann ist dies nur eine heuchlerische und zweckdienliche Geste. Denn wäre es ernst gemeint, so müssten ALLE MigrantInnen-Opfer seit der Wiedervereinigung, bei denen die Mordumstände und Todesursache nicht geklärt wurden, als rassistische Morde festgehalten werden… bis zum Beweis des Gegenteils.
Aber auch die Gleichsetzung von Ismail, Halil, Habil, Enver, Memet und der anderen Ermordeten mit Hans-Martin durch die Schlag-Zeilen des Lumpen-Journalismus über „Braune Armee Fraktion“ u.ä. verfolgt das gleiche Ziel wie zuvor die Sprüche über anatolische Mafia und  Schutzgelderpresser. Ismail und die anderen werden auf die gleiche Stufe mit dem Ex-Nazi gestellt, mit Leuten also, die damals, als noch alles gut zu gehen schien, in Tschechien und anderswo brandschatzten und den besetzten Ländern wirtschaftlich das Mark aus den Knochen saugten und die nur zufällig den Angriff von Partisanen überlebten. Diese Gleichsetzung ist obszön und widerlich.
Was die Linksdeutschen betrifft, so haben sie ein dickes Problem seit der Bekanntmachung der Erfolge des NSU-Projektes. Es kam einfach unpassend. Jetzt, wo nach Jahren der Durststrecke ein Hoffnungsschimmer mit Bewegungen gegen das Finanzkapital, gegen die Krise usw. aufkeimt, müssen sie sich mit Kanakenmorden beschäftigen. Der Schwierigkeitsgrad liegt in der Tatsache begründet, dass sie nun eine Verbindung zwischen den Morden und dem Kapitalismus / Imperialismus / Fukushima herstellen müssen. Immerhin wäre dieser kniffligen Lage etwas abzugewinnen, wenn zumindest eine mögliche Verstrickung der Geheimdienste sich bestätigen ließe. Nützliches politisches Kapital im Dienste der Bewegung. Hierzu ist zu erwähnen, dass sich das rassistische Gedankengut bei weitem nicht auf den Verfassungsschutz oder die Polizei beschränkt. Ausländerbehörde, Ausländerämter, Bundesamt für Flüchtlinge und Migration und viele, sehr viele andere kleine und große Institutionen samt ihrem Personal sind eifrig dabei, sobald sie auch nur einen Hauch von einer Chance wittern, das Leben der Anderen zu verpfuschen. So krass, dass sie von den oberen Instanzen immer wieder zu Ordnung gerufen werden müssen, um zumindest die vorhandenen Gesetzte nominell einzuhalten. Und vor allem keinen Ton über die deutsche Gesellschaft, also über ihre notorische Klientel, die aus ihrer Mitte, aus ihren Rändern, aus sonstigen peripheren oder zentralen Zonen, das erzeugt, was nur noch die logistische Beilage braucht (eine Ceska oder einen Brandbeschleuniger), um die Stigmatisierten auszulöschen. Nationalbefreite Zonen, deutsche Dörfer, grölende Meute an Haltestellen, an Bierständen, an Bahnhöfen… herumlungernde Jungdeutsche in Kneipen und auf den Straßen, die ihre Parolen grölen und bei jeder Gelegenheit zur Tat schreiten. Die deutsche Linke stürzt sich auf die Spitze und ignoriert bewusst, besser gesagt umarmt fürsorglich den Eisberg, der diese Spitze trägt und speist.
Kommen wir zur ernüchternden Bilanz: Diese Morde werden inspirierend für viel zu viele Jung- und Altdeutsche wirken. Am 15.11. ereignete sich die erste Nachahmungstat: Ein 27jähriger Mann mit einer Hakenkreuz-Binde am Arm schoss im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück auf das Schaufenster eines türkischen Lebensmittelgeschäfts. Verletzt wurde niemand. Ein Verlass auf irgendwelche deutsche Instanzen wäre tödlich. Und erst recht auf unsere lieben Mitbürger. Auch ein Verbot der NPD und aller Neonazi-Organisationen, so sehr wir es uns auch wünschen, wird nicht ausreichen. Zur Sicherung eines halbwegs sorgenfreien Schlafes müsste schon ein ganzes Volk verboten oder zumindest unter strenge Beobachtung gestellt werden (German-Watch), was bekanntlich nicht vorgesehen ist.
Was bleibt, ist eine einzige Konsequenz: Den Selbstschutz zu organisieren. So gut wie möglich und so lange wie nötig. Denn sie dürfen uns nicht wieder umsonst kriegen.

Cafè Morgenland, 27.11.2011

 

 
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