Café Morgenland

Offener Brief an die „Initiative Pogrom91"

wir möchten den Redebeitrag zurücknehmen, da wir die Aktion inhaltlich nicht mehr tragen können. Wir sind der Illusion verfallen, daß da und dort – z.B. bei einer solchen Aktion -, Ausnahmen im deutschen lande geben könnten. Leider ist dies nicht der Fall. Was hier veranstaltet wird, ist eine Rehabilitierung von Hoyerswerda. Dies ist uns leider erst spät, durch den ausführlichen und dankenswerterweise eindeutigen Beitrag „wie aus den TäterInnen Opfer werden…“, der auf eure Homepage am 12. Sept. erschien, deutlich geworden. Wir hatten uns nämlich abgewöhnt, linksdeutsche Werdegänge zeitnah zu verfolgen. Das nächste Mal werden wir besser aufpassen müssen.
Ihr wollt einen "breiten Widerspruch" unter eure Bevölkerung erzeugen. Ihr knüpft genau dort an, wo die autonome Demo  vor 20 Jahren aufgehört hat: "Um eines klar zu machen, uns liegt es fern, allen Hoyerswerdaer Bürgern eine Kollektivschuld an dem rassistischen Pogrom und seiner fehlenden Aufarbeitung zu zuschreiben" (aus „wie aus den TäterInnen Opfer werden…“). Die „Brüche“ von damals sind nun bei euch zu „fehlende Aufarbeitung“ geworden. Geht’s noch? Ihr relativiert das Geschehene und die Verantwortung der Beteiligten, um sich mit der Bevölkerung nicht zu verscherzen.
Wir meinen, dass solange ihr mit euren Brüdern und Schwestern Diskurse führen wollt, sie oft als HoyerswerdaerInnen, BürgerInnen und Senioren, teils als Nazis und Rassisten zu differenzieren wißt, haben sie sich nicht und werden sich nicht, die Zustände in Hoyerswerda und anderswo in Deutschland, ändern. Nein, sie werden weiterhin das bleiben, was sie seit 20 Jahren sind. Erst wenn ihr bereit seid, eure innere Bande mit denen zu brechen, mit denen ihr vorgebt, nicht  zu tun zu haben, aber in euren Erklärungen vorauseilend hofiert und nicht verschrecken wollt, erst dann wird sich womöglich der Verlauf der Zukunft zu unseren Gunsten ändern: wenn der gemeine Deutsche vor anderen gemeinen Deutschen Angst haben muss, weil er sich seiner Blutsbande nicht länger sicher sein kann. Solange ihr untereinander und voreinander diese Angst nicht habt, werden sich Menschen vor euch zu schützen wissen müssen. Wir, Nicht-Deutsche, müssen immer auf der Hut sein und zu jeder Zeit uns beeilen zu erkennen, in welchen Konstellationen ihr euch wann eventuell zusammenrottet und diese Konstellationen, Kollektive, Initiativen oder Pogromansammlungen eventuell für uns eine Gefahr darstellen. Diese Zustände mögen für euch, wie ihr es euphemistisch ausdrückt, untragbar sein, für eure Opfer enden sie mitunter tödlich.

Um uns nicht durch unsere Beteiligung (sei es auch nur durch einen Rede-Beitrag) der funktionale Komplizenschaft auszusetzen, nehmen  wir den Beitrag zurück. Wir sind sicher, daß eure Aufforderung an die Bürger nach Beteiligung am öffentlichen Diskurs und darüber hinaus (!), mit Erfolg gekrönt wird, wie ihr es hofft: „Wir hoffen, daß wir mit unserer Arbeit einen kleinen Gegenpol zu diesen für uns untragbaren Zuständen setzen können und möchten noch einmal alle, die jenem Umgang mit den damaligen Ereignissen widersprechen, auffordern, sich am öffentlichen Diskurs in Hoyerswerda und darüber hinaus zu beteiligen.“ Eure Bürgernähe bekommt allerdings einen gruseligen Beigeschmack, wenn ihr ein paar Seiten weiter von den erneuten rassistischen Angriffen auf die ehemaligen Vertragsarbeiter, die kürzlich zu Besuch in Hoyerswerda waren berichtet. Es sind halt je nach Standpunkt zwei entgegengesetzte Konsequenzen die man daraus zieht. 

Auch nach 120 Jahren: kein Vergeben, kein Vergessen!

Grüsse

Café Morgenland, 13. Sept. 2011

 

 
Café Morgenland