Café Morgenland

Deutschland ist und bleibt auch nach 20 Jahren das geistig-soziale Terrain um den Kern Hoyerswerda herum

Am 23. September 2011 jährt sich zum 20ten Male der erfolgreiche deutsche Aufstand der Hoyerswerdaner Bevölkerung gegen die bis dahin dort lebenden Vertragsarbeiter, sowie gegen die dort untergebrachten Flüchtlinge. Erfolgreich, weil sie es geschafft haben, sie aus ihrem Kaff restlos zu vertreiben.

Dieses Ereignis war in mehrfacher Hinsicht von historischer Bedeutung.

Es war erstens der erste großdeutsche Schritt, der sich an die – damals noch gar nicht einfache – Aufgabe wagte, die symbolische und noch leere Hülle der Wiedervereinigung mit sinnvollem Inhalt zu füllen (anders ausgedrückt: die geschenkte Wiedervereinigung in eine gemachte, d.h. in eine tatsächlich deutsche zu verwandeln). Zweitens war es, indem es den Beginn zahlreicher weiterer Pogrome auf der gesamten Landesfläche markierte, richtungsweisend und beispielgebend.

Drittens legte dieses Werk allen Gerüchten und Unkenrufen zum Trotz unzweideutiges Zeugnis davon ab, dass das Feuer im Herzen des deutschen Volkes und die darin enthaltenen spezifisch deutschen Fertigkeiten ungeachtet der beinahe ein halbes Jahrhundert gedauerten Zwangstrennung gar nicht erloschen waren.

Die Beharrlichkeit und Selbstsicherheit mit der die Akteure ihrem mörderischen Treiben nachgingen, wurde später auf die beste Art und Weise belohnt und bestätigt: Kaum jemand wurde wegen Mordversuchs oder ähnlichem verurteilt. Über diese wohlverdiente Genugtuung hinaus fungierte Hoyerswerda zugleich als Startsignal für die einfallsreichen – bis heute auf vielfältiger Weise andauernden – Strategien der Täterentschuldigung, -rechtfertigung und -aufklärung. Indem diese diffizile Aufgabe der Täterentlastung vorwiegend den Linksdeutschen überlassen wurde, diente Hoyerswerda quasi als marginaler Ertrag auch noch zur Integration, Festigung und Verschmelzung der deutschen Gesellschaft.

Zu Recht können die Hoyerswerdaer und Hoyerswerdaerinnen stolz auf diese spezifische Form des Avantgardismus sein. Zwanzig Jahre danach ist alles beim Alten. Eine nationalbefreite Zone kann sich zu Recht abfeiern, da dort nach wie vor, kaum MigrantInnen zu wohnen wagen.

Diesen Dauerzustand allerdings sehen ein paar Menschen anders und starten den Versuch, anlässlich dieses Jahrestages, elementare Dinge hervorzuheben (siehe Aufruf und Selbstverständnis der Initiative Pogrom 91 [1] ): z.B. das stattgefundene Pogrom als Pogrom zu deklarieren und dies sogar öffentlich zu machen. Als ob dies für den autochthon gezüchteten heimischen Seelenhaushalt nicht schlimm genug wäre, maßen sie sich auch noch an, ein Denkmal für die damals stattgefundene Treibjagd zu setzen.

Die wenigen selbstauferlegten verbindlichen Selbstverständlichkeiten gebieten uns
, aus oben geschilderten Gründen sowohl für den Aufruf als auch für die geplanten Aktionen der Initiative „Pogrom 91“ (http://pogrom91.tumblr.com), unsere Unterstützung auszusprechen.

Gleichzeitig erachten wir als maßgeblich, dass das gedachte Denkmal, NICHT FÜR DIE VERJAGTEN, sondern GEGEN DIE JÄGER-MEUTE errichtet werden soll. Wir sind dessen bewusst, dass angesichts der damaligen Wut unsererseits (wir waren ja der Meinung, dass das Kaff platt gemacht werden sollte) unser jetziger Vorschlag fast an unzulässige Harmlosigkeit grenzt. Dies kann sich nur durch unsere Ohnmacht gegenüber dem Siegeszug des teutonischen Fegefeuers erklären.

Wir erhoffen allerdings daraus die Brandmarkung dieser Ansammlung von Häusern samt der Flora, Fauna und den Anwohnern zu dem, was sie immer waren und sind: Ein schäbiger rassistischer Haufen.

Außerdem würde ein den Opfern gewidmetes Denkmal die Gefahr mit sich bringen, zu einer Pilgerstätte für Erinnerungs-Meute zu werden. Eine „Erinnerung“, die schon Eike Geisel "als die höchste Form des Vergessens" korrekterweise nannte.

Auch nach hundertzwanzig Jahren: Kein Vergeben, kein Vergessen!

 

Café Morgenland, 17. August 2011



[1] Aufruf und Selbstverständnis der Initiative Pogrom 91

Wenn sich im sächsischen Hoyerswerda im September diesen Jahres an den 20. Jahrestag der Überfälle auf Asylsuchende und VertragsarbeiterInnen von 1991 erinnert wird, hat das mit einer ernstgemeinten Auseinandersetzung und einer daraus folgenden Aufarbeitung und Gedenkkultur leider wenig zu tun. Seit 20 Jahren ist man sich hier einig, dass die Stadt und ihre BewohnerInnen für diese Debatten noch nicht bereit seien und es „andere Probleme“ gebe, als der Umgang mit dieser unschönen Geschichte, durch die diese Stadt weltweit in Verruf geraten ist. Und dennoch werden sich wohl auch in diesem Jahr wieder einige StadtvertreterInnen auf dem Lausitzer Platz oder einem anderen Ort fernab des Geschehens einfinden, um den „extremistischen Ausschreitungen“, wie es auf einer Stele anlässlich des 15. Jahrestages der Ereignisse hieß, von damals zu gedenken.

Unserer Auffassung nach ist diese Gedenkpolitik nicht nur eine falsche Einordnung der Geschehnisse. Viel mehr scheint jene Praxis eine konstante Weiterführung von Versuchen der Schuldabwehr und Relativierung, wie sie schon damals gebetsmühlenartig von den lokalen Medien und VertreterInnen der Stadt vorgetragen wurden, um den entstandenen Rufschaden wieder wett zumachen.

Vor diesem Hintergrund halten wir es für dringend notwendig, auch nach 20 Jahren gegen diese anhaltende Verdrehung von Tatsachen Stellung zu beziehen. Unsere Betrachtung der damaligen Ereignisse in Hoyerswerda benennt diese klar als das, was sie waren. Nämlich ein rassistisches Pogrom, wie es bis dahin nach dem zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden kein Zweites gegeben hat.

Nach den Angriffen im September 1991 waren in der örtlichen Presse wahlweise die Medien von außerhalb, ein Versagen der bundesdeutschen Asylpolitik oder eine sich verschlechternde soziale Lage durch den fehlenden Aufschwung Ost an allem schuld. Kein Wort vom grassierenden Nationalismus der sich damals aller Orten Bahn brach, kein Wort von den marodierenden Neonazigruppen, die allabendlich neue Opfer forderten und von nicht wenigen BürgerInnen dankend als Ordnungsfaktor „in schwierigen Zeiten“ angenommen wurden.

In Hoyerswerda wüteten eben nicht nur Anhänger der vermeintlichen „extremen Rechten“. Vor den Heimen der GastarbeiterInnen und Asylsuchenden tobte ein rechter BürgerInnenmob, bestehend aus Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft. Darunter jene, die sich als Neonazis verstanden, aber eben auch „ganz normale Deutsche“: NachbarInnen und KollegInnen. Ob mit oder ohne Bomberjacke - in ihrem Ziel waren sich vor den Heimen im September 1991 alle einig: „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ und dabei war ihnen jedes Mittel recht.

Beflügelt durch die erfolgreiche Vertreibung der migrantischen HeimbewohnerInnen aus Hoyerswerda, breiteten sich ähnliche rassistisch motivierte Überfälle auf Unterkünfte von Asylsuchenden und VertragsarbeiterInnen in der ganzen BRD aus und forderten bald erste Todesopfer. Ihren Höhepunkt erreichte diese Welle rassistischer Gewalt schließlich 1992 in Rostock Lichtenhagen.

Gerade weil Hoyerswerda als Ausgangspunkt dieser Entwicklungen betrachtet werden kann, möchten wir einen Beitrag zur mehr als dürftigen Aufarbeitung des Pogroms vor Ort leisten und die bislang vorherrschende städtische „Gedenkpolitik“ in den Fokus unserer Kritik nehmen.

Die Internetseite der Initiative soll in diesem Kontext als Archiv zur Dokumentation der damaligen Ereignisse dienen und somit eine kritische Auseinandersetzung mit den Geschehnissen befördern. Gleichzeitig möchten wir auf diesem Weg emanzipatorischen Gruppen und Einzelpersonen ein Forum für Diskussionen zum Thema ermöglichen. Mit seinem öffentlichen Statement „Die Erinnerung an diese 15 Jahre behalten wir Hoyerswerdaer uns selbst vor“ bestätigte der ehemaliger Oberbürgermeister Horst- Dieter Brähmig noch vor fünf Jahren zähneknirschend den vor Ort allgemein vorherrschenden Konsens des kollektiven Verdrängens. Wir dagegen möchten explizit auch den Betroffenen des rassistischen Pogroms von 1991 Raum für ihre Meinungen und Erfahrungen geben – und zwar in der Stadt, aus der sie gewaltsam vertrieben wurden.

Wir haben außerdem eine klare Forderung, mit welcher dem bisherigen Verdrängen und Vergessen der Ereignisse vom September 1991 nachhaltig entgegengewirkt werden soll: ein Denkmal zur Erinnerung an das rassistische Pogrom. Wir rufen deshalb zu einem Wettbewerb auf, ein geeignetes Denkmal zu entwerfen, aus welchem wir das Beste auswählen. Wir fordern die Stadt auf, dieses Mahnmal auf der Freifläche in der Wilhem-Külz-Straße aufzustellen – vor einem der Häuser, in dem sich das Pogrom 1991 ereignet hat, bei unserem Stadtspaziergang am 17. September wird es bereits zur Probe aufgestellt. Mit der Forderung an die Stadt, es auch offiziell zu verankern, soll in Hoyerswerda ein fester Ort geschaffen werden, der dauerhaft an die Geschehnisse erinnert. Ein Stolperstein, der ein Vergessen unmöglich macht, mit dem wir den Betroffenen des Angriffs organisierter Neonazis und „ganz normaler“ Bürger gedenken wollen, die man aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft als „anders“ wahrnahm und denen man deshalb ein Leben in Hoyerswerda nicht zugestand - es ist die Erinnerung an das rassistische Pogrom von Hoyerswerda.

Kontakt:
Mail: pogrom91[at]fastmail.net
Web:
http://pogrom91.tumblr.com
Twitter: @InitiativeP91

 

 

 
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