Aufruf
und Selbstverständnis der Initiative Pogrom 91
Wenn
sich im sächsischen Hoyerswerda im September diesen Jahres an den 20. Jahrestag der Überfälle auf Asylsuchende und VertragsarbeiterInnen von 1991 erinnert wird, hat das mit
einer ernstgemeinten Auseinandersetzung und einer daraus folgenden Aufarbeitung
und Gedenkkultur leider wenig zu tun. Seit 20 Jahren ist man sich hier einig,
dass die Stadt und ihre BewohnerInnen für diese
Debatten noch nicht bereit seien und es „andere Probleme“ gebe, als der Umgang
mit dieser unschönen Geschichte, durch die diese Stadt weltweit in Verruf
geraten ist. Und dennoch werden sich wohl auch in diesem Jahr wieder einige StadtvertreterInnen auf dem Lausitzer Platz oder einem
anderen Ort fernab des Geschehens einfinden, um den „extremistischen Ausschreitungen“,
wie es auf einer Stele anlässlich des 15. Jahrestages der Ereignisse hieß, von
damals zu gedenken.
Unserer
Auffassung nach ist diese Gedenkpolitik nicht nur eine falsche Einordnung der
Geschehnisse. Viel mehr scheint jene Praxis eine
konstante Weiterführung von Versuchen der Schuldabwehr und Relativierung, wie
sie schon damals gebetsmühlenartig von den lokalen Medien und VertreterInnen der Stadt vorgetragen wurden, um den
entstandenen Rufschaden wieder wett zumachen.
Vor
diesem Hintergrund halten wir es für dringend notwendig, auch nach 20 Jahren
gegen diese anhaltende Verdrehung von Tatsachen Stellung zu beziehen. Unsere
Betrachtung der damaligen Ereignisse in Hoyerswerda benennt diese klar als das,
was sie waren. Nämlich ein rassistisches Pogrom, wie es bis dahin nach dem
zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden kein Zweites gegeben hat.
Nach
den Angriffen im September 1991 waren in der örtlichen Presse wahlweise die
Medien von außerhalb, ein Versagen der bundesdeutschen Asylpolitik oder eine
sich verschlechternde soziale Lage durch den fehlenden Aufschwung Ost an allem
schuld. Kein Wort vom grassierenden Nationalismus der sich damals aller Orten
Bahn brach, kein Wort von den marodierenden Neonazigruppen, die allabendlich
neue Opfer forderten und von nicht wenigen BürgerInnen dankend als Ordnungsfaktor „in schwierigen Zeiten“ angenommen wurden.
In
Hoyerswerda wüteten eben nicht nur Anhänger der vermeintlichen „extremen
Rechten“. Vor den Heimen der GastarbeiterInnen und
Asylsuchenden tobte ein rechter BürgerInnenmob,
bestehend aus Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft. Darunter jene, die sich
als Neonazis verstanden, aber eben auch „ganz normale Deutsche“: NachbarInnen und KollegInnen. Ob
mit oder ohne Bomberjacke - in ihrem Ziel waren sich vor den Heimen im
September 1991 alle einig: „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“ und
dabei war ihnen jedes Mittel recht.
Beflügelt
durch die erfolgreiche Vertreibung der migrantischen HeimbewohnerInnen aus Hoyerswerda, breiteten sich ähnliche
rassistisch motivierte Überfälle auf Unterkünfte von Asylsuchenden und VertragsarbeiterInnen in der ganzen BRD aus und forderten
bald erste Todesopfer. Ihren Höhepunkt erreichte diese Welle rassistischer
Gewalt schließlich 1992 in Rostock Lichtenhagen.
Gerade
weil Hoyerswerda als Ausgangspunkt dieser Entwicklungen betrachtet werden kann,
möchten wir einen Beitrag zur mehr als dürftigen Aufarbeitung des Pogroms vor
Ort leisten und die bislang vorherrschende städtische „Gedenkpolitik“ in den
Fokus unserer Kritik nehmen.
Die
Internetseite der Initiative soll in diesem Kontext als Archiv zur
Dokumentation der damaligen Ereignisse dienen und somit eine kritische
Auseinandersetzung mit den Geschehnissen befördern. Gleichzeitig möchten wir
auf diesem Weg emanzipatorischen Gruppen und Einzelpersonen ein Forum für
Diskussionen zum Thema ermöglichen. Mit seinem öffentlichen Statement „Die
Erinnerung an diese 15 Jahre behalten wir Hoyerswerdaer uns selbst vor“ bestätigte der ehemaliger Oberbürgermeister Horst- Dieter Brähmig noch vor fünf Jahren zähneknirschend den vor Ort
allgemein vorherrschenden Konsens des kollektiven Verdrängens. Wir dagegen
möchten explizit auch den Betroffenen des rassistischen Pogroms von 1991 Raum
für ihre Meinungen und Erfahrungen geben – und zwar in der Stadt, aus der sie
gewaltsam vertrieben wurden.
Wir
haben außerdem eine klare Forderung, mit welcher dem bisherigen Verdrängen und
Vergessen der Ereignisse vom September 1991 nachhaltig entgegengewirkt werden
soll: ein Denkmal zur Erinnerung an das rassistische Pogrom. Wir rufen deshalb
zu einem Wettbewerb auf, ein geeignetes Denkmal zu entwerfen, aus welchem wir
das Beste auswählen. Wir fordern die Stadt auf, dieses Mahnmal auf der
Freifläche in der Wilhem-Külz-Straße
aufzustellen – vor einem der Häuser, in dem sich das Pogrom 1991 ereignet hat,
bei unserem Stadtspaziergang am 17. September wird es bereits zur Probe
aufgestellt. Mit der Forderung an die Stadt, es auch offiziell zu verankern,
soll in Hoyerswerda ein fester Ort geschaffen werden, der dauerhaft an die
Geschehnisse erinnert. Ein Stolperstein, der ein Vergessen unmöglich macht, mit
dem wir den Betroffenen des Angriffs organisierter Neonazis und „ganz normaler“
Bürger gedenken wollen, die man aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft als
„anders“ wahrnahm und denen man deshalb ein Leben in Hoyerswerda nicht
zugestand - es ist die Erinnerung an das rassistische Pogrom von Hoyerswerda.
Kontakt:
Mail: pogrom91[at]fastmail.net
Web: http://pogrom91.tumblr.com
Twitter: @InitiativeP91