Café Morgenland
 

 

Die Nazi-Morde sind die Fortsetzung der Pogrome der 90er Jahre mit anderen Mitteln

(Redebeitrag auf der Antifa-Demo am 28.01.2012 in Hamburg "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland")

Zwei Punkte vorne weg: Wir sind weder über die Morde überrascht, noch sehen wir die Mordserie der Neonazis als empörenden Skandal, wie es meistens bezeichnet wird. Denn, wer noch die Bilder und die Fakten der 90er Jahre im Kopf hat, dürfte nicht überrascht davon sein und sich auch nicht über das NSU-Projekt empört zeigen. Denn dann wäre zu fragen: Wo hat er/sie all die Jahre gelebt?
Zum ersten Punkt haben wir bereits in der Überschrift „Die Nazi-Morde sind die Fortsetzung der Pogrome der 90er Jahre mit anderen Mitteln“ alles gesagt, was dazu zu sagen wäre. Zum zweiten Punkt, also zum Skandal, bevorzugen wir das trockene Amtsdeutsch: Dort heißen solche staatlich geförderten bzw. organisierten Maßnahmen, die vielfältige logistische und ideologische Unterstützung „befreundeter“ Strukturen zum Ziel haben, Amtshilfe.
Diese Amtshilfe wird bekanntlich den in Bedrängnis geratenen benachbarten Instanzen, Behörden und eben befreundeten Organisationen gewährt. Sei es die Vernichtung von NS-Akten, die manche Amts- und Würdenträger belasten würden, oder die Besorgung von richtig gefälschten Pässen oder des nötigen Kleingelds. Den Rest erledigt die deutsche Bevölkerung mit ihrer fürsorglichen und breiten Unterstützung für Jung- und Alt-Nazis, in Ost und West. Daher werden die Kopfgeldprämien, die zur Ergreifung der Täter in Aussicht gestellt wurden, kaum Erfolg haben. Die berühmten Hinweise aus der Bevölkerung beschränken sich – auch nach 3 Monaten – auf gerade mal einige Hundert.
Und weil immer wieder der Vergleich mit früheren Ereignissen gezogen wird (Stichwort: Braune Armee Fraktion), möchten wir daran erinnern, dass damals, im bekannten Deutschen Herbst 77, die Denunziationsanrufe aus der Bevölkerung sich auf Hunderttausende beliefen; so hoch, dass die damaligen Verfolgungsbehörden zur Bewältigung der Telefonanrufe, eine Telefonnummer pro Stadt installierten und hofften, so Herr der Lage, soll heißen, der massenhaften Denunziation zu werden. D.h., die deutsche Bevölkerung wusste und weiß ganz genau, wen sie denunzieren und wen sie fürsorglich schützen will.
Ja, die NSU-Mörder bewegen sich nach wie vor in Deutschland unter den Deutschen wie Fische im Wasser.
Worüber wir aber wütend und empört sind, sind die Reaktionen auf diese Morde. Genauer gesagt das Fehlen der Reaktionen. Und zwar flächendeckend, mit kaum ersichtlichen Ausnahmen. In diesem Sinne begrüßen wir diese Demonstration und hoffen, dass sie einen allgemeinen Verhaltensumschwung unter den Gefährdeten initiiert. Denn das Tötungsprinzip, das hier am Werk ist, operiert egalitaristisch und quasi universalistisch, es richtet sich weitherzig und großmaschig nach Phylum und begeht keine Diskrimination auf der individuellen Ebene.
Das, was als liberale Öffentlichkeit verklärt wurde, zeigte wieder einmal ihre Bereitschaft, jeglichen Mist, den die staatlichen Stellen verbreiten, egal wie absurd er auch sein mag, bereitwillig und vorauseilend hinzunehmen. In einem Land, in dem diese Population selbst für eine falsche Hotelrechnung oder ein unrechtmäßig erworbenes Flugticket den Aufstand übt und den Moralfinger millionenfach erhebt, herrscht ein verdächtiges Schweigen, wenn es um die Morde an „unseren ausländischen Mitbürgern“ geht.
Da erzählt die Polizei eine haarsträubende Story, dass um der Verhaftung zu entkommen, bringe ein Neonazi zuerst seinen Kameraden danach sich selbst um, und dabei zünde er das Wohnmobil an, um somit die Spuren zu verwischen –so die offizielle Version - und keiner fragt nach. Lumpenjournalismus in Reinkultur – der sich im vorliegenden Fall zu tatkräftigem Komplizentum entfaltet.
Und alle warten auf die nächsten Untersuchungsergebnisse der Staatsanwaltschaft oder des Verfassungsschutzes. Die Linke, die Rechte, die Radikalen, die Reformisten. Es ist nicht nur das berüchtigte Vertrauen in den deutschen Staat und seine Repressionsapparate, das hier herrscht und uns das Leben zur Hölle macht. Es ist vor allem die Bereitschaft, das Thema so schnell wie möglich abzuschließen.
Gewiss, man kann nichts anderes erwarten in einem Land, in dem das bekannte Drecksblatt inzwischen zum Bollwerk der Verteidigung der Presse- und Meinungsfreiheit hochstilisiert wurde.
Aber auch die schweigende Passivität der potentiellen Opfer schreit zum Himmel. Wir meinen vor allem die migrantischen Communities jeglicher Couleur und Tracht. Die verbale Empörung hat hier ziemlich genau einen Monat gedauert.
Ist es so, dass die Ermordung des Nachbars inzwischen zur Gewohnheit, zum Bestandteil des deutschen Alltags geworden ist? Ist es so, dass man/frau inzwischen glaubt, dass er/sie so viel zu verlieren habe, wenn man Widerstand leiste, dass deswegen das Kuschen bevorzugt wird? Das wissen wir nicht.
Was wir aber mit Sicherheit wissen, ist, dass die soziale, politische und gesellschaftliche Kontrolle und das In-Schach-Halten von über 8 Millionen Stigmatisierten sehr erfolgreich war. Die ganze Anstrengung mit ihren Handlangern (früher Quislings genannt) erweist sich als die richtige Investition. Die nächsten Förderungen und Beförderungen, die nächsten antirassistischen Shows und Karrieren (akademischer oder schriftstellerischer Art) sind schon vorprogrammiert. Und zwar aufgebaut auf den Leichen von – laut wiederum offizieller Seite – mindestens 9  in der Zeit von 2000 bis 2007 kaltblütig ermordeten Kanaken. So weit sind wir schon. Die Ermordung von MigrantInnen samt ihren Begleitumständen steht somit heute als ein leuchtendes Beispiel für gelungene Integration.
Es kann sein, dass zum Zwecke der zur Zeit am stärksten benötigten Imageverschönerung Deutschlands und zur Stärkung seiner Exportfähigkeit organisatorische und strukturelle Veränderungen vorgenommen werden, dass sogar der/die eine oder andere AktivistIn aus diesem Sumpf geopfert wird; dass sie sogar, zumindest vorübergehend, manche Verbindungen und Kontrollen still legen oder kalt stellen werden. Was aber weiterhin auf vollen Touren laufen wird –und zwar unvermindert–, wird dieses Umfeld sein, nämlich die deutsche Gesellschaft in all ihren Ausdrucks- und Tötungsvarianten. Sie wird –so wie der Eisberg ohne großes Aufheben seine Spitze trägt– in aller Stille ihre Vorposten versorgen und sich darum kümmern, dass sie voll funktions- und zuschlagsfähig bleiben.

Und da fangen wir erst an. Genauer gesagt, landen wir wieder dort, wo wir vor 20 Jahren angefangen haben. Denn ist es nicht eher so, dass jede Handlung, die – wie es im Ausländergesetz1 steht – „die politische Willensbildung in der Bundesrepublik Deutschland oder das friedliche Zusammenleben von Deutschen und Ausländern…, die öffentliche Sicherheit und Ordnung oder sonstige erhebliche Interessen der Bundesrepublik Deutschland beeinträchtigt oder gefährdet“ eine Geste der Zärtlichkeit ausdrückt?
Ist es nicht eher so, dass jede Haltung und Handlung gegen die gesellschaftliche, geographische und politische Konstellation dieses Landes einen Akt der Menschlichkeit darstellt?
Dass das Destruktive im Land der deutschen das einzige Konstruktive ist?
Ja, Sisyphusarbeit, vielleicht erfolglos, vielleicht frustrierend, vielleicht lebensgefährlich. Es ist aber die einzige Form, das Leben hier einigermaßen erträglich zu machen. Die einzige Form, für die es sich heute lohnt, hier etwas zu machen. Alles andere erregt den Verdacht, dass man irgendetwas Großes mit diesem Land und seinem Inventar vorhabe. Und das ist tödlich.

Daher bleiben wir dabei:
Wir wollen kein anderes, kein antikapitalistisches, kein antiimperialistisches, kein sozialistisches, kein ökologisches, kein antideutsches Deutschland,  sondern gar kein Deutschland.

Café Morgenland, 28.01.2012


1 Aus dem Ausländergesetz „Verbot und Beschränkung der politischen Betätigung“, § 47, Absatz 1

 

 
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