Café Morgenland
 
 

Deutsche Exemplare, deutsche Exempel


(ausgestrahlt als Kolumne im Radio FSK, am 06.08.2012. Beitrag: Anhören/Downloaden

Die Rostocker Ruderin und langjährige eskortierende Fan von Gaskammer-Fans (ihr langjähriger Lebensgefährte ist der NPD-Gauleiter und Landtagswahlen-Kandidat Michael Fischer) Nadja Drygalla, musste, erst nachdem die Bedrohung, dass das Ganze (Welt)öffentlich würde, gefährlich nah kam, also nachdem sie ihren Olympia-Ruder-Rudel-Einsatz für den totalen Sieg ordnungsgemäß – aber ohne Erfolg – absolviert hatte, nach Hause geschickt werden.

Somit ist vorab des 20sten Jahrestages der Rostocker Pogrome  bereits auf deutsche Art und Weise würdig „gedacht“ worden. Die universelle Bühne, die die Londoner Olympiade bot, war gerade gut genug für das honorige Ereignis, daher die etwas verwirrende zeitliche Vorziehung.

Die nun gespielte Überraschung, Ahnungslosigkeit, Empörung usw. gehört zum deutschen Bewältigungsritual. Bereits im März letzten Jahres war genau der Zusammenhang Drygalla/Fischer durch die Antifa Gruppe A3 und anderer Antifas öffentlich angeprangert worden. Es war seit langem ein offenes Geheimnis, welches niemand störte. Sie durfte nur nicht mehr als Polizistin, sondern nur noch als Neonazi-Partnerin agieren – und als Athletin, eben für die Olympiade. Allerdings ohne das T-Shirt mit den Baseballschlägern und der Aufschrift „White Power“, wie ein Foto in Fischers Facebook als Werbung neben der Würdigung der Nazi-Band „Landser“ zu sehen war.

Traditionstreue bundesrepublikanische Gepflogenheit: Was gebraucht wird, wird auch genutzt – damals wie heute, für den olympischen oder für den totalen Sieg. Denn es handelt sich um urdeutsche Exemplare: Sie und ihr Lebensgefährte waren mit der von dem brennenden Sonnenblumenhaus nachhaltig ausgestrahlten Wärme in Rostock-Lichtenhagen erzogen und formiert worden. Daher erfährt sie Solidarität und Wärme nicht nur aus den geschlossenen Reihen ihrer Sportskammeraden („wir stehen voll an ihrer Seite“), sondern auch von deutschen Blättern („Der Spiegel“ z.B. spricht verbittert von „Sippenhaft“ und „Die Zeit“ stilisiert sie gar zur verfolgten Julia und übertrifft damit selbst die NPD [1] ).

Zum Glück gibt es aber auch die Guten und Edlen:

Rassimus tötet!”Durch: Pogrom – Asylgesetz – Geistige Brandstiftung – EU-Grenzregime“ konstatiert ein Bündnis aus Antifagruppen, Gewerkschaften, Jugendorganisationen, Vereinen verschiedener Couleur im Lande und verkündet zugleich die Lösung des lästigen Übels: „Es findet am 25. August 2012 eine bundesweite Demonstration in Gedenken an die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen statt“. Die maßgeblichen Parameter des Unternehmens sind erwartungsgemäß identisch mit denjenigen, die bereits im Vor- und Während- der Wiedervereinigungs-Zeitraum das deutsche Gemüt bewegten: Gutmenschen-heraus-Posaunen, das-Volk-Aufklären, sich-ihm-Anbiedern, die-Nähe-zu-ihm-Suchen. Uns bleibt nur noch die Hoffnung, dass der ganze Spektakel ohne Fackeln abläuft (wie allseits bekannt, fackelt man hierzulande mit der Fackel nicht lange, wenn es um „Gedenken“ geht).

Wir werden all das nicht kommentieren, dazu haben wir keine Lust, zumal alles, was wir vor fast einem Jahr über das 20jährige Hoyerswerdaer Jubiläum gesagt und geschrieben haben, seine volle Gültigkeit auch hier hat. Nur hinweisen wollen wir darauf, dass entgegen der akrobatischen und akribischen Abstraktionen, die von derartigen Aufrufen strotzen, nach wie vor es die deutsche Bevölkerung ist, die TäterInnen; nach wie vor konkrete menschelnde Deutsche Diejenigen sind, die töten, Brandanschläge verüben, das Leben der Anderen zur Hölle machen, - und nicht – wie unterschwellig suggeriert – die Begriffe. Nicht der Rassismus sondern Deutsche töten.

Die Frage, ob die praktizierenden und aspirierenden Mörder zugleich Rassisten sind, ist aus unserer Sicht belanglos, hat aber zweifellos eine hohe volkswirtschaftliche Signifikanz, verdient doch ein gewichtiges Segment des Wissensproduktionsektors sein Brötchen und sein soziales Ansehen ausschließlich mit dem Begriff des Rassismus und seinen Abkömmlingen; ein Heer von Sozialwissenschaftlern, Philosophen, Politologen, Soziologen, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeitern, Migranten-Frauenrechtlern, Deutschlehrern, Jugendberatern, Ausländerbeauftragten, eine Unzahl von Verwaltungsbediensteten, eine Reihe von Unternehmen, Sozialwissenschaftlichen Fachblättern, revolutionären Politik-und-Kultur-Zeitschriften, Verlagshäusern etc. verdanken ihre Ehrwürdigkeit und Wohlgenährtheit der angelehrten Gewandtheit im Umgang mit eben diesem Begriffsapparat. Dazu kommt ein ganzes Netzwerk der Dienst- und Sachleistungslieferanten etc. Die Liste ist, versteht sich, nur als rhetorische Figur zu verstehen, bei der ein winzig kleiner Teil das unüberschaubare Ganze vertreten soll.

Ein optimistischer Blick würde darin mit Leichtigkeit die altbekannte Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit des Deutschen wiedererkennen: über ihren lukrativen Einsatz hinaus wird jeder Vernichtungsakt nachhaltig und umweltschonend mehrfach wiederverwertet, indem er in anderen Produktionssektoren – z.B. in dem der geistigen Güter – zu etwas anderem verarbeitet wird – z.B. ein blutiger Mord zu seelischer Überempfindlichkeit oder ein Gemetzel zum Rassismus etc. 

Auch die aktuellen Aufrufe legen Zeugnis für solche Effizienz ab. Niemand kommt auf die Idee, sich die Frage zu stellen, wie gegen die Täter vorgegangen werden sollte, wie ihnen das Handwerk gelegt werden könnte, damit sie nicht mehr dazu in der Lage wären ihrem Tatendrang nachzugehen. Stattdessen soll der verletzten und gejagten Roma-Familien und vietnamesischer Vertragsarbeiter „gedacht“ werden, während der Antiziganismus heute und jetzt sogar viel gravierender – weil breitgefächerter und festverankerter – als damals ist! Sowohl beim Volk (auf Linksdeutsch: Deklassierten)  als auch bei den Verfolgungsbehörden!

Daher wollen wir uns heute lieber über die Gründe auslassen, warum die Linksdeutsche sich selbst bei solchen und ähnlichen Anlässen abfeiern. Genauer gesagt, wollen wir der Frage nachgehen, ob zwischen linkem, linksradikalem Engagement und dem alltäglichen Treiben der deutschen Daseinsformen ein Zusammenhang existiert, ob beide ein Nutzen voneinander haben.

Was hat der Alltagsdeutscher davon, wenn z.b. Bündnisse wie „ums Ganze“ oder Antifas aus Köln den rassistischen Alltag anprangern und gleichzeitig ihren Kampf dagegen unter „Antinationalismus“ oder „Antikapitalismus“ verschwinden lassen? Welche Vorteile entstehen für den fundierten, soll heißen, den von Forschungen, Studien, Verlagswesen inkl. Vorträgen gegen Rassismus, Antisemitismus usw. begleiteten Eifer? Zumal real nicht nur keine Veränderungen oder Erfolge zugunsten der Opfer je zu erwarten waren und sind?

Ist es denkbar, nur mal laut gedacht, dass er oder sie, die sich ins Zeug legen, um gegen die Abschiebung der Roma-Familien zu protestieren, während „die Invasion der Roma“ immer „unerträglichere Züge“ annimmt, die „Belagerung unserer Vorstädte“ die Volksseele zum Kochen bringt, das „aggressives Betteln“ die shoppingtour vermasselt, oder „das Problem der hohen Anzahl der Kinder von Roma-Familien“ eine kritische Virulenz zu erreichen droht (alle Sprüche aus der deutschen Gazetten), sich dabei die notwendige Kunstfertigkeit und Sachkenntnis aneignet, um dadurch sich in die Lage zu versetzen, über z.B. die Anzahl der Jahre, die die Familie x oder y in Deutschland schon verbracht hat, zu reden, oder mit Geschichtsbewusstsein untermauertes sozioökonomisches Expertenwissen bezüglich der Sitten und Gebräuche der Roma auszuplaudern? Ist es also denkbar, dass sich er oder sie später als der/die Geeignetste für z.B. die Leitung des Amtes der Ausländerbehörde oder zumindest die für Roma zuständige Abteilung erweisen könnte?  

Oder anders, auf die Aktualität bezogen gefragt: Was hat z.B. der Brandanschlag der nachbarschaftlichen Mobs in Bremen gegen die Kanakenfamilie paar Häuser weiter oder der engagierte Einsatz der Ausländerbehörde-Mitarbeiterin in Billstedt, als sie das Kind den Händen ihrer Roma-Mutter entriss, um sie abschieben zu können, mit dem darauffolgenden Protest gegen die Verletzungen der rechtsstaatlichen Aufsicht und der Menschenrechte zu tun? Ist nicht eher so, dass dadurch eine, sagen wir Anwärtermasse entsteht, die mittels solchen Engagements einen Namen wie man/frau hier zu sagen pflegt macht, an einem Führungszeugnis bastelt, das seine/ihre Fähigkeiten und sozialrelevanten Erfahrungen bescheinigt, um es im Bedarfsfall gewinnbringend einzusetzen?

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Motivation für einen so gearteten Aktivismus speist sich nicht nur aus solchen rationalen und zweckdienlichen Überlegungen, sondern basiert auch auf der eigenen Überzeugung. Vor allem auf dem unerschütterlichen Glauben und dem Festhalten an den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit, der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte in Deutschland. Genau dort, wo das Grauen seinen organisatorischen Lauf nimmt.

Um die jüngste Tradition (was sich mehr als einmal hier im Lande wiederholt, heißt nun mal so) unserer Kolumne fortzusetzen, haben wir einen älteren Text, der oben angedeuteten Überlegungen nachgeht „ausgegraben“. Es handelt sich um den Beitrag „Joseph-Fälle“ aus dem Jahr 2001:

 http://www.cafemorgenland.net/archiv/2001/15.03.2001_Joseph-Faelle.htm

Café Morgenland,  6. August 2012



[1] http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-08/drygalla-pro-contra

 
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