„Die Begriffe sind
die Griffe, mit denen man die Dinge bewegt“ (B. Brecht)
Manchmal
fühlen wir uns wie eine Recyclinganlage, die die seit 20 Jahren gebrauchten
geistigen Dinger wieder aufbereitet und mit neuer Verpackung an den Mann (und Frau bringt. So auch der vorliegende Fall, mit
dem wir unsere monatliche Kolumne ins neue Jahr starten: Nämlich mit einer
Wieder-Verarbeitung eines gängigen, in vieler Munde und Mollis, in vielen
Brand- und Schriftsätzen integrierten Begriffs des „Islamismus“, samt seinen Nebenprodukten wie „Islamfaschisten“, „Grüne
Nazis“, „freie Moslemkameradschaften“,
„Herrenmenschenideologie“ oder seiner
hedonistischen Variante „Ziegenficker“,
„Koranferkeln“, „Gebetsmeute“, „Gesichtspelzträger“ usw. Und manchmal scheint sogar eine kostbar pummelige
Perle durch diese immer reiz- und witzloser werdende Landschaft durch: „Wer noch nicht ganz zum Zombie verkommen ist, wird das Kopftuch als
Bedrohung erkennen. Es ist das Symbol der geknechteten Frau. Der Sex mit ihr
ist wahrscheinlich so spannend wie die Tagesschau. Und der mit ihm
dementsprechend ekelhaft; unsinnliches, rohes Hinundhergeschiebe.“ (aus
Bahamas,
Okt. 2011). Möglicherweise – offensichtlich von einem bunt
geballten Knäuel von Stimuli dazu enthusiasmiert – lässt Mann hier nicht nur
die elementaren Komponenten seiner frühkindlichen und postpubertären Schulung
und Sozialisation, sondern auch seine feucht schüchternen Fantasien
durchscheinen.
Und wenn die linke Stammkneipe zu ist,
wird über das Abfackeln von Moscheen laut nachgedacht, indem die Inkonsequenz
der Linken kritisiert wird, weil sie "1987 Bolle abfackelten, jedoch
jedem Widerstand gegen das islamische Zentrum, das dort heute entsteht, von
vorneherein abgeschworen" hätten (ebenfalls aus Bahamas).
Andere
wiederum, fanatische Anhänger von Sprüchen wie „das private ist politisch“
oder „alles ist politisch“ wollen nur den „politischen Islam“
differenziert bekämpfen und geben uns ein Rätsel, was sie damit meinen. Verliebt
in Fakten, wie wir nun mal sind, wäre es nur nebenbei zu erwähnen, dass über
2/3 der Opfer von Mordanschlägen „islamistische“
Gruppen, politische und unpolitische Muslime bis dato sind. Die
Schlussfolgerung also: „Solidarität mit den Muslimen“ wäre naheliegend. Wäre,
ist aber nicht so. Denn sie gehören nicht zur Zivilisation, sind nur eine zu
vernachlässigende Opferzahl von der „Gebetsmeute“.
Dies
ist bei weitem nichts Neues. Zu Erinnerung: 1998, also 13 Jahre zuvor, fiel uns
auf, dass bei Teilen der deutschen Linken ein neuer Feind ausgemacht wurde,
eine neukonstruierte Gruppe stigmatisiert, an den Pranger gestellt und fertig
gemacht werden sollte: In einer einzigen „Konkret“-Ausgabe
wurde sätze- und seiten-lang über all das schwadroniert, was später zum festen
Repertoire der Moslemhasser wurde. Daher ordnen wir den Beginn der neudeutschen
Debatte in etwa dieser Zeit bei gleichzeitiger Anerkennung der
avantgardistischen Rolle der deutschen Linken zu. Dass damals kein
einheitlicher Sprachgebrauch vorherrschte, lag an der Natur der Sache. Die
Linksdeutschen mussten sich erst einmal konsolidieren, ihre Gewaltphantasien
auf einen gemeinsamen sprachlichen Nenner bringen, was ihnen auch gelang (der
damals kursierende Begriff „Schläfer“ z.B. ist ziemlich früh eingeschlafen).
Insofern, als das neue Produkt in keinem guten Bücherregal, keiner linken
Stammkneipe und keinem Stammkollektiv und bei keiner „Analyse“ fehlen durfte. Drei
Jahre später war dann der 11. September nur noch die unbestreitbare
Legitimation dieses neuen (und dauerhaften) Projektes, denn es überstand jede
Krise und jede Währungsschwankung.
Bekanntlich
leidet auch dieser Begriff unter dem Ordnungszwang seiner Erfinder und wird
unterteilt in streng voneinander getrennte Zuständigkeitsbereiche: Homophobie,
Kopftuch, Sexismus, Patriarchat, Antisemitismus usw. Auf Grund der Kürze der
Zeit werden wir uns mit dem letztgenannten beschäftigen, also mit der
weitverbreiteten These, dass der Islam, genauer gesagt der Islamismus, soll
heißen Islam und seine Gläubigen den Antisemitismus erzeugt; dass die
Mohammedaner ihn praktizieren bzw. fördern; so dass sich der Antisemitismus praktisch
aus der islamischen Religion ableitet und daher seine Gläubigen eliminatorische
Antisemiten ausmachen. Die Ironie der Geschichte dabei ist, dass, als wir 1997
„ Antisemitismus unter MigrantInnen“
zum Thema machten, in weiser Voraussicht in der Einleitung schrieben: „Uns
ist bewußt, daß dieser Beitrag bzw. Teile davon in jeder denkbaren und
undenkbaren Variante von den deutschen Linken als Entlastungszeugnis benutzt
wird, … um den in Deutschland gezüchteten und nach unserer Auffassung
nichteliminierten eliminatorischen Antisemitismus zu relativieren.“ 14
Jahre später ist die Relativierung der Verbrechen deutscher Fanatiker, auch
mittels dieses Begriffs bzw. der Projektion auf „Islamisten“, in vollem Gange. Sogar Auschwitz musste weit weg in
arabische Länder verlegt werden.
Nicht
mal vor „Rassenforschern“ machen die Sarrazinflüsterer halt : „Es gibt seit Jahrzehnten immer wieder
Forschungsergebnisse renommierter Genetiker, die tatsächlich nahe legen, daß
ein größerer Prozentsatz von aschkenasischen Juden
relativ zu anderen Gruppen gesehen erhebliche genetische Ähnlichkeiten
aufweist, aber das gilt Alarmisten, die bei jeder
falschen Gelegenheit „Wehret den Anfängen!“ rufen, als Skandal. Dabei wäre doch
die entscheidende Frage, was man mit den Erkenntnissen der Wissenschaftler
begründen zu können glaubt. Sarrazin hat, auch wenn die Linke das gerne hätte,
zwar fälschlich gesagt, es gebe ein Juden-Gen, aber nicht, dass aus diesem
automatisch ein besonderer jüdischer Charakter folge. Von daher hat die
skandalumwitterte Aussage weder etwas mit Antisemitismus noch mit Rassismus zu
tun.“ (aus Bahamas, Sept. 2010). Schade nur, dass Sarrazin die Story mit
dem Juden-Gen zurücknahm und uns der Möglichkeit beraubte, weitere „Erkenntnisse
der Wissenschaftler“ und deren „Forschungsergebnisse“ über Rassen,
DNA, Farbpigmente und andere „genetische Ähnlichkeiten“ von „renommierten
Genetikern“ so völlig neutral und rein wissenschaftlich, wie damals bei
Mengele, Eva Justin, Robert Ritter u.a.—zu erfahren.
Uns
geht es nicht darum, irgendeine Diskussion mittels Koranzitate und -suren bzw.
deren Interpretationen anzufangen, um das Gegenteil zu beweisen, was für unsere
Religionsabteilung das Leichteste wäre. Weil uns dies zum einen völlig egal
ist, genauso egal wie auch jede andere Variante der Metaphysik, z.B.
Christentum, Marxismus oder sonstige für die ewige Zukunft glücksversprechende
Lehren, und zum anderen, weil dies damit nichts, absolut nichts zu tun hat.
Worum
es uns geht, ist dieser offensichtliche Versuch, wieder einmal den
Antisemitismus als abgeleitetes Produkt von etwas Anderem, als Folge eines
anderen Prozesses, in dem Fall eines religiös-katechetischen darstellen und
legitimieren zu müssen. Es ist der gleiche Versuch, ihn aus dem Kapitalismus,
aus der Moderne, aus der Werttheorie, aus irgendeinem Kindheitstrauma oder
Ödipus-Komplex heraus zu erklären bzw. abzuleiten: Das Faktum, dass der Antisemitismus
ein eigenständiges Gewaltverhältnis (genauer gesagt, ein eigenständiges Vernichtungsverhältnis)
ist, ein Verhältnis, das die autonomste aller autonomen Theorien und Praktiken
darstellt, ein konsequent geschlossenes und abgeschottetes Weltbild mit seinen
eigenen Gesetzen und Regeln ist, soll schon im Ansatz erstickt werden. Die
Theorie des Antisemitismus ist das Gefühl des Hasses auf die Juden, seine
Praxis ist deren Ermordung. Anders formuliert, damit uns sogar die marxistisch
geprägten Zuhörer verstehen: Antisemitismus ist Ursache und Wirkung zugleich.
Wenn
aber dennoch dieser Ableitungsversuch unternommen wird, dann hat dies eine ganz
andere Zielsetzung als die Erforschung seiner Ursachen. Und wenn das von linken
Deutschen angestrebt wird, dann genügt es uns selber zu zitieren: „Antisemitismus
ist kontextunabhängig (unabhängig von Herkunft, Religion, Nationalität,
Hautfarbe und Geschlecht) anzugreifen. Dies bedarf keiner Begründung – weder
auf den Islam, noch auf die türkische, arabische oder sonstwie Herkunft. Wird
dies und genau dies (Herkunft, Religion usw.) aber in den Mittelpunkt gestellt,
oder gar zum Ausgangspunkt im Kampfe gegen den Antisemitismus gemacht, hat es
nicht im Geringsten mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun, sondern dient
ausschließlich als Vorwand und Legitimation zur Gestaltung von schäbigen
linksdeutschen Pogromen“ (aus „Die Auschwitz-Option“, Nov. 2003) . Im
Umkehrschluss bedeutet dies, dass, wenn die Antisemiten von Kritik ausgenommen
werden, weil sie einen „Migrationshintergrund“
aufweisen können, dies nur heißt, dass die Herkunft, die Religion, die
Nationalität usw. zum entscheidenden Kriterium wird / werden. Wenn das aber
nicht rassistisch ist, was ist es dann?…
Wenn
also die Ursache des Antisemitismus der Antisemitismus selber ist, so ist
einzig und allein nur seine Beseitigung bzw. Reglementierung zielführend. Andernfalls
dient dies seiner Verewigung, wenn nicht sogar seiner Verfestigung. Denn der christliche
Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er Muslim wird. Der muslimische
Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er Christ wird. Der arbeitslose
Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er kein Arbeitsloser mehr ist. Der
rechte Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er Linker wird, und der antideutsche
Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er kein Antideutscher mehr sein
will, z.B. Elsässer.
Um
nicht den heutigen Linken irgendwelche Lorbeeren versehentlich zu verteilen,
ist zu betonen, dass diese Ableiterei nicht deren Verdienst ist. Seit eh und je
wurden und werden Anläufe unternommen, um das Problem „in Griff zu bekommen“,
z.B. bei Marx („zu Judenfrage“) oder
bei Adorno, der die Position vertrat, dass der Antisemitismus über/ durch /
anhand des/den Kapitalismus erklärbar sei. Ja, es stimmt...uns ist nichts
heilig.
Auf
der scheinbar anderen Seite - die übrigens ebenfalls ohne „Islamismus“, „Islamisten“
usw. nicht auskommen kann -, scheinbar, weil es sich hier nicht nur um
Seelenverwandtschaften, sondern um konkurrierende Erbschleicher handelt, wird
bei ihrer Kritik an dieser Sorte Tacheles geredet, indem ihr Philosemitismus
als „Israelsolidarität“ gern angenommen wird, denn: „Es bedeutet die
Bejahung von militärischen, rechtsstaatlich fragwürdigen Aktionen Israels,…“
(aus „Die wunderbare Welt der Anti-Deutschen“, November 2011). Wagen
wir den Versuch, nur diesen einen Satz zu verstehen. Die Verfasserin bringt
damit zum einen unverhüllt und zwanglos ihr Festhalten an den humanen Werten
des Rechtsstaates, die bekanntlich den Höhepunkt der Zivilisation darstellen,
zum Ausdruck. Dass sie als Linksradikale, ein paar Passagen weiter, die Fans
von Rechtsstaatlichkeit wegen ihrer Rechtsstaatlichkeit kritisiert, fällt ihr
nicht einmal auf. Zum anderen steht sie kritisch - aus Sicht der
Rechtsstaatlichkeit, versteht sich – gegenüber militärischen Aktionen Israels.
Und weil sie weiß, zumindest hat sie irgendwo mal gehört-, dass es sich nicht
gehört, im Land der TäterInnen Israel in Frage zu stellen, wählt sie einen
gesicherten -wie sie meint- Umweg, indem sie die IDF-Aktionen zumindest
„problematisiert“, wie man/frau üblicherweise im linksdeutschen Jargon tut.
Dies gelingt ihr mit dem klassischen Begriff „fragwürdig“. Dieser
Begriff lässt so vielen Fantasien freien Lauf, wie es nötig ist, damit jeder
Antisemit und jede Antisemitin, insbesondere in seinem/ihrer antizionistischen
Variante, gut leben kann. Denn das ganze Geplauder über die Nichteinhaltung von
rechtsstaatlichen Prinzipien, was das auch sein mag, gilt selbstverständlich
nur für Israel und seine verhassten Verteidigungsstrukturen. Nirgendwo im
gesamten Text wird sonst der Mist mit dem Rechtsstaat verteidigt. Noch genauer:
es werden nicht alle Aktionen von IDF angeprangert oder als „fragwürdig“ betrachtet. Denn statt „der“
militärischen Aktionen ist „von“
militärischen Aktionen die Rede. Ist der Maßstab nun, dass eine bestimmte
Anzahl der zerfetzten Schüler im Schulbus oder in die Luft gejagten
Jugendlichen in irgendeinem Tel-Aviver Café nicht überschritten werden darf? Ab
wann also werden militärische Aktionen von IDF „fragwürdig“? Wie hoch ist die Latte? Dies verrät uns die
Schreiberin nicht. „Rumwimmeln“, „um den Brei herum reden“ würden der kleine
Mann und die kleine Frau auf der Straße solche sprachlichen Verrenkungen
nennen. Es ist die Sprache des Antizionismus in seiner opportunistischen Form.
Daher haben wir enorme Schwierigkeiten, beide Seiten auseinander zu halten.
Denn beide verfolgen das gleiche Ziel: Die Geschichte mit Auschwitz - je nach
Lager - entweder zu exportieren oder zu tilgen. Denn der Niederschlag der Asche
aus den Krematorien haftet immer noch an ihren Kleidern und muss endlich
abgeschüttet werden. Wie gesagt... konkurrierende Erbschleicher.
Der
Antiislamismus bedient sich heute erfolgreich erprobten Elemente des
Antisemitismus: Weltverschwörung, dunkle Mächte, Unterwanderung „unserer
Zivilisation“ usw. Heißt das nun, dass Antisemitismus gleich Antiislamismus
ist? Kategorisch: nein. Neben vielen wichtigen Argumenten, die hier nicht
erwähnt werden, nur ein Faktum: Die Juden in der europäischen Diaspora standen
damals völlig allein und ohne jeglichen Schutz und ohne jegliche Unterstützung
ihrem deutschen Henker gegenüber. In Deutschland, in Europa, weltweit. Heute
sind Muslime selbst im extremen Fall nicht allein, sondern sind der
Unterstützung von Staaten und Institutionen - egal aus welchen Gründen und
Motiven - gewiss. Und das ist gut so, um zumindest das Schlimmste zu
verhindern. Soll heißen: Nichts sehnlicher wäre es wünschenswert gewesen, dass
solche Lobbys und Institutionen schon damals - egal aus welchen Gründen und
Motiven - für die europäischen Juden existiert hätten. Und für diejenigen, die
es immer noch nicht verstanden haben: Die konkret gewordene Ausprägung genau
dieser Erkenntnis heißt heute Israel.
Café
Morgenland, Dezember 2011
***
CM-Frage zu den
antisemitischenMorddrohungen gegen den Vorsitzender der Jüdische Gemeinde in Pinneberg:
Wie kann es
sein, daß, wenn jemand,
- der von eine
deutsche Familie erzogen wird,
- in eine
urdeutsche Kleinstadt wie Pinneberg aufwächst,
- eine deutsche
Schule, wie die „Karl-Sörensen-Schule“
besucht,
- in eine
deutsche Berufsschule, wie die „Berufliche
Schule des Kreises Pinneberg“ ausgebildet wird, wo noch im Jahr 2010
Erziehungsmaßnahmen wie z.B. „Schlägst du noch oder sprichst Du schon? Wege
zu einem toleranten Miteinander im Alltag und Berufsleben“ veranstaltet
werden müssen,
- in
Schleswig-Holstein, also in dem Bundesland mit den bei weitem, fast auf
Ost-Niveau höchste Anzahl - im Vergleich zu den alten Bundesländer -,
rassistischen und antisemitischen Strafftaten, Erwachsener wird,
- irgendwann von
Christentum zum Islam konvertiert, den Vorsitzender der jüdische Gemeinde in Pinneberg
mit antisemitischen Morddrohungen attackiert und die Imamim von Hamburg bedroht,
als Islamist
bezeichnet wird?