Café Morgenland
 

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"Islamismus"

(ausgestrahlt als Kolumne im Radio FSK, am 02.01.2012. Beitrag: Anhören/Downloaden Diskussion: Anhören/Downloaden)

Die Begriffe sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegt“ (B. Brecht)

Manchmal fühlen wir uns wie eine Recyclinganlage, die die seit 20 Jahren gebrauchten geistigen Dinger wieder aufbereitet und mit neuer Verpackung an den Mann (und Frau bringt. So auch der vorliegende Fall, mit dem wir unsere monatliche Kolumne ins neue Jahr starten: Nämlich mit einer Wieder-Verarbeitung eines gängigen, in vieler Munde und Mollis, in vielen Brand- und Schriftsätzen integrierten Begriffs des „Islamismus“, samt seinen Nebenprodukten wie „Islamfaschisten“, „Grüne Nazis“, „freie Moslemkameradschaften“, „Herrenmenschenideologie“ oder seiner hedonistischen Variante „Ziegenficker“, „Koranferkeln“, „Gebetsmeute“, „Gesichtspelzträgerusw. Und manchmal scheint sogar eine kostbar pummelige Perle durch diese immer reiz- und witzloser werdende Landschaft durch: Wer noch nicht ganz zum Zombie verkommen ist, wird das Kopftuch als Bedrohung erkennen. Es ist das Symbol der geknechteten Frau. Der Sex mit ihr ist wahrscheinlich so spannend wie die Tagesschau. Und der mit ihm dementsprechend ekelhaft; unsinnliches, rohes Hinundhergeschiebe.“ (aus Bahamas [1] , Okt. 2011). Möglicherweise – offensichtlich von einem bunt geballten Knäuel von Stimuli dazu enthusiasmiert – lässt Mann hier nicht nur die elementaren Komponenten seiner frühkindlichen und postpubertären Schulung und Sozialisation, sondern auch seine feucht schüchternen Fantasien durchscheinen.

Und wenn die linke Stammkneipe zu ist, wird über das Abfackeln von Moscheen laut nachgedacht, indem die Inkonsequenz der Linken kritisiert wird, weil sie "1987 Bolle abfackelten, jedoch jedem Widerstand gegen das islamische Zentrum, das dort heute entsteht, von vorneherein abgeschworen" hätten (ebenfalls aus Bahamas).

Andere wiederum, fanatische Anhänger von Sprüchen wie „das private ist politisch“ oder „alles ist politisch“ wollen nur den „politischen Islam“ differenziert bekämpfen und geben uns ein Rätsel, was sie damit meinen. Verliebt in Fakten, wie wir nun mal sind, wäre es nur nebenbei zu erwähnen, dass über 2/3 der Opfer von Mordanschlägen „islamistische“ Gruppen, politische und unpolitische Muslime bis dato sind. Die Schlussfolgerung also: „Solidarität mit den Muslimen“ wäre naheliegend. Wäre, ist aber nicht so. Denn sie gehören nicht zur Zivilisation, sind nur eine zu vernachlässigende Opferzahl von der „Gebetsmeute“.

Dies ist bei weitem nichts Neues. Zu Erinnerung: 1998, also 13 Jahre zuvor, fiel uns auf, dass bei Teilen der deutschen Linken ein neuer Feind ausgemacht wurde, eine neukonstruierte Gruppe stigmatisiert, an den Pranger gestellt und fertig gemacht werden sollte: In einer einzigen „Konkret“-Ausgabe wurde sätze- und seiten-lang über all das schwadroniert, was später zum festen Repertoire der Moslemhasser wurde. Daher ordnen wir den Beginn der neudeutschen Debatte in etwa dieser Zeit bei gleichzeitiger Anerkennung der avantgardistischen Rolle der deutschen Linken zu. Dass damals kein einheitlicher Sprachgebrauch vorherrschte, lag an der Natur der Sache. Die Linksdeutschen mussten sich erst einmal konsolidieren, ihre Gewaltphantasien auf einen gemeinsamen sprachlichen Nenner bringen, was ihnen auch gelang (der damals kursierende Begriff „Schläfer“ z.B. ist ziemlich früh eingeschlafen). Insofern, als das neue Produkt in keinem guten Bücherregal, keiner linken Stammkneipe und keinem Stammkollektiv und bei keiner „Analyse“ fehlen durfte. Drei Jahre später war dann der 11. September nur noch die unbestreitbare Legitimation dieses neuen (und dauerhaften) Projektes, denn es überstand jede Krise und jede Währungsschwankung.

Bekanntlich leidet auch dieser Begriff unter dem Ordnungszwang seiner Erfinder und wird unterteilt in streng voneinander getrennte Zuständigkeitsbereiche: Homophobie, Kopftuch, Sexismus, Patriarchat, Antisemitismus usw. Auf Grund der Kürze der Zeit werden wir uns mit dem letztgenannten beschäftigen, also mit der weitverbreiteten These, dass der Islam, genauer gesagt der Islamismus, soll heißen Islam und seine Gläubigen den Antisemitismus erzeugt; dass die Mohammedaner ihn praktizieren bzw. fördern; so dass sich der Antisemitismus praktisch aus der islamischen Religion ableitet und daher seine Gläubigen eliminatorische Antisemiten ausmachen. Die Ironie der Geschichte dabei ist, dass, als wir 1997 „ Antisemitismus unter MigrantInnen“ zum Thema machten, in weiser Voraussicht in der Einleitung schrieben: „Uns ist bewußt, daß dieser Beitrag bzw. Teile davon in jeder denkbaren und undenkbaren Variante von den deutschen Linken als Entlastungszeugnis benutzt wird, … um den in Deutschland gezüchteten und nach unserer Auffassung nichteliminierten eliminatorischen Antisemitismus zu relativieren.“ 14 Jahre später ist die Relativierung der Verbrechen deutscher Fanatiker, auch mittels dieses Begriffs bzw. der Projektion auf „Islamisten“, in vollem Gange. Sogar Auschwitz musste weit weg in arabische Länder verlegt werden.

Nicht mal vor „Rassenforschern“ machen die Sarrazinflüsterer halt : Es gibt seit Jahrzehnten immer wieder Forschungsergebnisse renommierter Genetiker, die tatsächlich nahe legen, daß ein größerer Prozentsatz von aschkenasischen Juden relativ zu anderen Gruppen gesehen erhebliche genetische Ähnlichkeiten aufweist, aber das gilt Alarmisten, die bei jeder falschen Gelegenheit „Wehret den Anfängen!“ rufen, als Skandal. Dabei wäre doch die entscheidende Frage, was man mit den Erkenntnissen der Wissenschaftler begründen zu können glaubt. Sarrazin hat, auch wenn die Linke das gerne hätte, zwar fälschlich gesagt, es gebe ein Juden-Gen, aber nicht, dass aus diesem automatisch ein besonderer jüdischer Charakter folge. Von daher hat die skandalumwitterte Aussage weder etwas mit Antisemitismus noch mit Rassismus zu tun.“ (aus Bahamas, Sept. 2010). Schade nur, dass Sarrazin die Story mit dem Juden-Gen zurücknahm und uns der Möglichkeit beraubte, weitere „Erkenntnisse der Wissenschaftler“ und deren „Forschungsergebnisse“ über Rassen, DNA, Farbpigmente und andere „genetische Ähnlichkeiten“ von „renommierten Genetikern“ so völlig neutral und rein wissenschaftlich, wie damals bei Mengele, Eva Justin, Robert Ritter u.a.—zu erfahren.

Uns geht es nicht darum, irgendeine Diskussion mittels Koranzitate und -suren bzw. deren Interpretationen anzufangen, um das Gegenteil zu beweisen, was für unsere Religionsabteilung das Leichteste wäre. Weil uns dies zum einen völlig egal ist, genauso egal wie auch jede andere Variante der Metaphysik, z.B. Christentum, Marxismus oder sonstige für die ewige Zukunft glücksversprechende Lehren, und zum anderen, weil dies damit nichts, absolut nichts zu tun hat.

Worum es uns geht, ist dieser offensichtliche Versuch, wieder einmal den Antisemitismus als abgeleitetes Produkt von etwas Anderem, als Folge eines anderen Prozesses, in dem Fall eines religiös-katechetischen darstellen und legitimieren zu müssen. Es ist der gleiche Versuch, ihn aus dem Kapitalismus, aus der Moderne, aus der Werttheorie, aus irgendeinem Kindheitstrauma oder Ödipus-Komplex heraus zu erklären bzw. abzuleiten: Das Faktum, dass der Antisemitismus ein eigenständiges Gewaltverhältnis (genauer gesagt, ein eigenständiges Vernichtungsverhältnis) ist, ein Verhältnis, das die autonomste aller autonomen Theorien und Praktiken darstellt, ein konsequent geschlossenes und abgeschottetes Weltbild mit seinen eigenen Gesetzen und Regeln ist, soll schon im Ansatz erstickt werden. Die Theorie des Antisemitismus ist das Gefühl des Hasses auf die Juden, seine Praxis ist deren Ermordung. Anders formuliert, damit uns sogar die marxistisch geprägten Zuhörer verstehen: Antisemitismus ist Ursache und Wirkung zugleich.

Wenn aber dennoch dieser Ableitungsversuch unternommen wird, dann hat dies eine ganz andere Zielsetzung als die Erforschung seiner Ursachen. Und wenn das von linken Deutschen angestrebt wird, dann genügt es uns selber zu zitieren: „Antisemitismus ist kontextunabhängig (unabhängig von Herkunft, Religion, Nationalität, Hautfarbe und Geschlecht) anzugreifen. Dies bedarf keiner Begründung – weder auf den Islam, noch auf die türkische, arabische oder sonstwie Herkunft. Wird dies und genau dies (Herkunft, Religion usw.) aber in den Mittelpunkt gestellt, oder gar zum Ausgangspunkt im Kampfe gegen den Antisemitismus gemacht, hat es nicht im Geringsten mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun, sondern dient ausschließlich als Vorwand und Legitimation zur Gestaltung von schäbigen linksdeutschen Pogromen“ (aus „Die Auschwitz-Option“, Nov. 2003) . Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass, wenn die Antisemiten von Kritik ausgenommen werden, weil sie einen „Migrationshintergrund“ aufweisen können, dies nur heißt, dass die Herkunft, die Religion, die Nationalität usw. zum entscheidenden Kriterium wird / werden. Wenn das aber nicht rassistisch ist, was ist es dann?…

Wenn also die Ursache des Antisemitismus der Antisemitismus selber ist, so ist einzig und allein nur seine Beseitigung bzw. Reglementierung zielführend. Andernfalls dient dies seiner Verewigung, wenn nicht sogar seiner Verfestigung. Denn der christliche Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er Muslim wird. Der muslimische Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er Christ wird. Der arbeitslose Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er kein Arbeitsloser mehr ist. Der rechte Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er Linker wird, und der antideutsche Antisemit bleibt Antisemit auch dann, wenn er kein Antideutscher mehr sein will, z.B. Elsässer.

Um nicht den heutigen Linken irgendwelche Lorbeeren versehentlich zu verteilen, ist zu betonen, dass diese Ableiterei nicht deren Verdienst ist. Seit eh und je wurden und werden Anläufe unternommen, um das Problem „in Griff zu bekommen“, z.B. bei Marx („zu Judenfrage“) oder bei Adorno, der die Position vertrat, dass der Antisemitismus über/ durch / anhand des/den Kapitalismus erklärbar sei. Ja, es stimmt...uns ist nichts heilig.

Auf der scheinbar anderen Seite - die übrigens ebenfalls ohne „Islamismus“, „Islamisten“ usw. nicht auskommen kann -, scheinbar, weil es sich hier nicht nur um Seelenverwandtschaften, sondern um konkurrierende Erbschleicher handelt, wird bei ihrer Kritik an dieser Sorte Tacheles geredet, indem ihr Philosemitismus als „Israelsolidarität“ gern angenommen wird, denn: „Es bedeutet die Bejahung von militärischen, rechtsstaatlich fragwürdigen Aktionen Israels,…“ (aus „Die wunderbare Welt der Anti-Deutschen“, November 2011). Wagen wir den Versuch, nur diesen einen Satz zu verstehen. Die Verfasserin bringt damit zum einen unverhüllt und zwanglos ihr Festhalten an den humanen Werten des Rechtsstaates, die bekanntlich den Höhepunkt der Zivilisation darstellen, zum Ausdruck. Dass sie als Linksradikale, ein paar Passagen weiter, die Fans von Rechtsstaatlichkeit wegen ihrer Rechtsstaatlichkeit kritisiert, fällt ihr nicht einmal auf. Zum anderen steht sie kritisch - aus Sicht der Rechtsstaatlichkeit, versteht sich – gegenüber militärischen Aktionen Israels. Und weil sie weiß, zumindest hat sie irgendwo mal gehört-, dass es sich nicht gehört, im Land der TäterInnen Israel in Frage zu stellen, wählt sie einen gesicherten -wie sie meint- Umweg, indem sie die IDF-Aktionen zumindest „problematisiert“, wie man/frau üblicherweise im linksdeutschen Jargon tut. Dies gelingt ihr mit dem klassischen Begriff „fragwürdig“. Dieser Begriff lässt so vielen Fantasien freien Lauf, wie es nötig ist, damit jeder Antisemit und jede Antisemitin, insbesondere in seinem/ihrer antizionistischen Variante, gut leben kann. Denn das ganze Geplauder über die Nichteinhaltung von rechtsstaatlichen Prinzipien, was das auch sein mag, gilt selbstverständlich nur für Israel und seine verhassten Verteidigungsstrukturen. Nirgendwo im gesamten Text wird sonst der Mist mit dem Rechtsstaat verteidigt. Noch genauer: es werden nicht alle Aktionen von IDF angeprangert oder als „fragwürdig“ betrachtet. Denn statt „der“ militärischen Aktionen ist „von“ militärischen Aktionen die Rede. Ist der Maßstab nun, dass eine bestimmte Anzahl der zerfetzten Schüler im Schulbus oder in die Luft gejagten Jugendlichen in irgendeinem Tel-Aviver Café nicht überschritten werden darf? Ab wann also werden militärische Aktionen von IDF „fragwürdig“? Wie hoch ist die Latte? Dies verrät uns die Schreiberin nicht. „Rumwimmeln“, „um den Brei herum reden“ würden der kleine Mann und die kleine Frau auf der Straße solche sprachlichen Verrenkungen nennen. Es ist die Sprache des Antizionismus in seiner opportunistischen Form. Daher haben wir enorme Schwierigkeiten, beide Seiten auseinander zu halten. Denn beide verfolgen das gleiche Ziel: Die Geschichte mit Auschwitz - je nach Lager - entweder zu exportieren oder zu tilgen. Denn der Niederschlag der Asche aus den Krematorien haftet immer noch an ihren Kleidern und muss endlich abgeschüttet werden. Wie gesagt... konkurrierende Erbschleicher.

Der Antiislamismus bedient sich heute erfolgreich erprobten Elemente des Antisemitismus: Weltverschwörung, dunkle Mächte, Unterwanderung „unserer Zivilisation“ usw. Heißt das nun, dass Antisemitismus gleich Antiislamismus ist? Kategorisch: nein. Neben vielen wichtigen Argumenten, die hier nicht erwähnt werden, nur ein Faktum: Die Juden in der europäischen Diaspora standen damals völlig allein und ohne jeglichen Schutz und ohne jegliche Unterstützung ihrem deutschen Henker gegenüber. In Deutschland, in Europa, weltweit. Heute sind Muslime selbst im extremen Fall nicht allein, sondern sind der Unterstützung von Staaten und Institutionen - egal aus welchen Gründen und Motiven - gewiss. Und das ist gut so, um zumindest das Schlimmste zu verhindern. Soll heißen: Nichts sehnlicher wäre es wünschenswert gewesen, dass solche Lobbys und Institutionen schon damals - egal aus welchen Gründen und Motiven - für die europäischen Juden existiert hätten. Und für diejenigen, die es immer noch nicht verstanden haben: Die konkret gewordene Ausprägung genau dieser Erkenntnis heißt heute Israel.

Café Morgenland, Dezember 2011

 

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CM-Frage zu den antisemitischenMorddrohungen gegen den Vorsitzender der Jüdische Gemeinde in Pinneberg:

Wie kann es sein, daß, wenn jemand,

- der von eine deutsche Familie erzogen wird,

- in eine urdeutsche Kleinstadt wie Pinneberg aufwächst,

- eine deutsche Schule, wie die „Karl-Sörensen-Schule“ besucht,

- in eine deutsche Berufsschule, wie die „Berufliche Schule des Kreises Pinneberg“ ausgebildet wird, wo noch im Jahr 2010 Erziehungsmaßnahmen wie z.B. „Schlägst du noch oder sprichst Du schon? Wege zu einem toleranten Miteinander im Alltag und Berufsleben“ veranstaltet werden müssen,

- in Schleswig-Holstein, also in dem Bundesland mit den bei weitem, fast auf Ost-Niveau höchste Anzahl - im Vergleich zu den alten Bundesländer -, rassistischen und antisemitischen Strafftaten, Erwachsener wird,

- irgendwann von Christentum zum Islam konvertiert, den Vorsitzender der jüdische Gemeinde in Pinneberg mit antisemitischen Morddrohungen attackiert und die Imamim von Hamburg bedroht,

als Islamist bezeichnet wird?  


[1] Wir beziehen in unsere Kritik vorranging diese Sorte ein, weil sie a) als Repräsentantin des sog. Antideutschen Spektrums agiert und b) zu den wenigen gehört, die ihre rassistische, deutschtümmelte Gehabe mit offenen, ehrlichen Satz- und andere Konstruktionsaufbauten ausdrückt, anstatt kiloweise Freiburger Verlagsbücher oder allwöchentlichen Berliner Zeitungselend zu produzieren, was für uns mehr Aufwand bedeuten würde. Wir hoffen, dass sie - trotz des zur Zeit in diesem Milieu laufenden Aussteigerprogramms und Identitätswechsel - uns erhalten bleibt.  

 
Café Morgenland