Café Morgenland
 
 

Im Rausch der Massen

ausgestrahlt als Kolumne im Radio FSK, am 04.06 Anhören/Downloaden

Jeder fünfte Franzose (Le Pen ca. 19% in 2012), jeder sechste Niederländer (Wilders ca. 16% in 2011), jeder dritte Österreicher (FPÖ 30% in 2008), jeder fünfte Grieche (Neonazis, Faschisten und extreme Nationalisten zusammen 20% in 2012), jeder vierte Schweizer (SVP 25% in 2011, davor 30%) usw. ist inzwischen ein bekennender Faschist, d.h. er nutzt den Wahlzettel, um dies und genau dies heraus zu posaunen und zu dokumentieren.

Was Deutschland betrifft, so ist es nicht allein anhand der Wahlergebnisse zu bewerten. Hier ist eher die (NSU-) Tat und nicht der Urnengang maßgeblich, da sie von Demokratie und Parlamentswahlen wenig halten (nicht umsonst gibt es der deutsche Spruch „sie haben mit den Füssen gewählt“). Da dies bekannt ist, versucht man mit trickreicher sukzessiver Umfragerei (z.B. Heitmeyers Institut), hinter das deutsche Geheimnis zu kommen. So auch in der letzten „Gemütserhebung“, wo sich 20% der Befragten als antisemitisch outeten. Dies stimmt insofern nur dann, als der Spruch „die restlichen 80% fragen wir später [1] dazu addiert wird.

Also bleiben wir mal kurz auf dem europäischen Kontinent. Berücksichtigt man zu dem eingangs genannten Faschistenanteil, das Umfeld all derjenigen dazu, die lange mit sich gerungen haben, ob sie statt der Christdemokraten, Sozialdemokraten oder der Linke usw. lieber die Faschisten wählen sollten, schlussendlich aber sich für die bessere, soll heißen erfolgversprechendere  Alternative zu den Faschisten entschieden haben, berücksichtig man dazu noch das ganze Umfeld des sich faschistischen und rassistischen Lösungen verschreibenden Toleranz- und Sympathiesumpfes, hat man dann ein halbwegs vollständiges Bild der Kloake Europa, und gleichzeitig einen Vorgeschmack dessen, wo es zusammenwächst, was zusammengehört. Jetzt werden wir angesichts der so genannten Finanzkrise mit altbekannten Sprüchen beworfen wie Schicksalsgemeinschaft, Euro-Rettung, Schutzmauer, Steuerzahler usw. oder halt mit den linken Varianten wie „gegen Entdemokratisierung“ (was das auch sein mag), „gegen Krisendiktat“ und „Spardiktat“, „Widerstand gegen ein Krisenregime“, „die Breite der Proteste sichtbar machen“ (spätestens jetzt wissen wir, dass Breite von ‚Brei‘ kommt), „Raum für Diskussion und inhaltlichen Austausch schaffen“, da ohne Esoterik und Schmus, keine Bewegung in Deutschland mehr auskommt (alle Zitate aus dem zentralen Blockupy-Aufruf von 19.03 [2] ). Vergeblich wird man irgendetwas, selbst in dieser Sprachverelendung, gegen Rassismus, Antisemitismus u.a. suchen, nach etwas also, was inzwischen epidemisches Ausmaß genommen hat. Selbst dort, wo über Nationalismus schwadroniert wird, heißt es: „Wir widersetzen uns dem Versuch, mit nationalistischen Parolen die Beschäftigten, die Erwerbslosen, die Prekären in Deutschland und Griechenland, in Italien und Frankreich oder in anderen Ländern gegeneinander aufzuhetzen“, genauso wie damals als sie in Oradour, in Lidice, in Distomo usw. gegeneinander aufgehetzt wurden, oder – weil euch diese „alte Klamotten“ zum Halse heraushängen –, wie in der jüngeren Geschichte, als die Roma-Nationalisten und die Ossi-Nationalisten in Rostock-Lichtenhagen gegeneinander aufgehetzt wurden. Wahrlich! Präziser geht nicht. Der nationalistische Dreck hier und heute im Lande, wird auf eine Stufe mit anderen Ländern gestellt, ordentlich durchmischt, um aus dem Brei Explosivstoff  herzustellen.

Gewiss, es gibt unsägliches Elend auf der Welt. Aber das geistig-moralische Elend in diesem Land, das sogar es schafft, auf eine einzige Seite hin seine volle „Breite“ zu entfalten, ist einmalig.

Das erwähnte „halbwegs vollständige Bild“ bezieht sich nicht auf die Ungenauigkeit der Zahlen, sondern auf die inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verschwommenen Grenzen zwischen links und rechts.

Erst als Hollande bei den Le Pen Anhängern schleimte, war sein Sieg gesichert. Erst als Tsipras (Vereinigte radikale Linke, Griechenland) die Politiker, die die  Kreditvereinbarungen befürworteten, mit  sie sind keine Griechen“ anprangerte und die Revidierung der Beziehungen zu Israel als zentralen Punkt seines Programms ankündigte, kamen die ersehnten Massenstimmen, um nur 2 der jüngsten Beispiele zu nennen. Von Spanien ganz zu schweigen. Längst sind die Pogrome in Almeria eine Fußnote, längst sind die Millionen Massendemos  des spanischen Volkes gegen die Ermordung von faschistischen Generälen in Vergessenheit geraten. Längst wird das Frankophile gesellschaftliche Klima ignoriert.

Und in Deutschland? Man/Frau weiß inzwischen Bescheid: die Bildung eines Volkskollektivs ist eine zu ernste Sache, um sie den Rechten zu überlassen.

Da der Antiimperialismus nicht nur erst jetzt nach der Umwandlung von Chaves zum Jesus und Papa-Ratzi ausgedient hat, scheint nun die antikapitalistische Option, so wie sie von der deutschen Linke national entwickelt und international durchgesetzt werden soll, sich als ideales Bindemittel zur Bildung eines solchen Kollektives, oder sagen wir Vereins, anzubieten. Da passen alle rein. Welch eine faszinierente Perspektive! Wenn das nicht zum Widerstand animiert!

„Ins Herz der Bestie“ (aus ein Blockupy-Plakat)

Diese deutsche Prägung kommt ohne zwei wesentliche Elemente nicht aus: Zum einen das Finanzkapital (Bestie) und sein Herz (Frankfurt). Je internationaler (EZB) desto nationaler. Man könnte das Ganze auf seine vulgärmarxistische Ebene reduzieren, und gelassen eine Protestbewegung gegen den 500-Euro-Schein fordern, da diese Forderung genauso Inhaltsvoll und populär ist, zumal der 500-Euro-Schein dem unglücklichen Besitzer enorme praktische Schwierigkeiten wie Wechselgeld, Echtheitsprüfung usw. bereitet. All das als „verkürzte antikapitalismus-Kritik“ zu bezeichnen, ist eine Verharmlosung.

Denn es ist leider ernster: liest man/frau den Aufruf der neuen Erweckungs- und Event-Bewegung, („Blockopy“ genannt), so fällt es auf, dass als einziges Land bei der Erwähnung  Nordafrikas (wg. Revolutionen usw.), nur Israel extra namentlich genannt wird, genauer gesagt finden darin die israelischen sozialen Bewegungen eine gesonderte Beachtung. Es ist eigentlich nichts Besonderes, wäre sogar unter Umständen lobenswert, wenn nicht gleichzeitig hervorstäche, dass andere Länder aus der Region, wo dort die Protestbewegungen von zahlreichen Toten begleitet wurden und werden, nicht mal erwähnt werden (ganz zu schweigen von der Jagd auf Afrikaner und deren systematische Ermordung zurzeit in Libyen). Aber dann besinnt man sich auf die Urheber. Es handelt sich um einen deutschen Aufruf. Denn bekanntlich steht Israel unter besonderer Beobachtung, oder sagen wir lieber, unter deutscher Aufsicht.

Was das „Zentrum der Macht“ betrifft, so sind sie nicht die ersten, die ihr Herz für das „Herz der Bestie“ entdeckt haben. Andere waren schon früher drauf gekommen. Wir erinnern uns: Vor einigen Jahren, gab es schon mal ein ähnliches, ein sehr ähnliches Event. Über Tausend Neonazis strömten am 1. Mai 2001 in die Stadt, in die „zentrale der Macht“, wie sie sie auch nannten. Nur offener und nur ehrlicher. Sie wollten ursprünglich auch gegen die EZB protestieren, sie wichen später auf die Bundesbank aus, dorthin also, wo „das Geld sitzt“, um „die Bastion des Finanzkapitals, den Zentralrat der Juden, die Hochburg der Türken“, wie sie selber sagten, zu erobern (nebenbei ist zu erwähnen, dass das letztgenannte nur insofern stimmt, als für die Nazis alle Ausländer bekanntlich Türken sind). „Frankfurt als Hochburg der Volksfeinde“ schrieben sie. „Globalisierung stoppen“ war ihr Motto. „Die Höhle des Löwen“ nannten die Thüringer Neonazis in ihrem Mobilisierungsaufruf  Frankfurt.

Gewiss, so was gehört nicht auf linke Blätter. Vor allem weil es nicht nötig ist. Es genügt einen Text in Code-Form zu verfassen, mit der Gewissheit, dass die Leser die Botschaft richtig verstehen werden. Es genügt Israel zu erwähnen, das Finanzkapital  zu entlarven und nicht zuletzt „gegen Internetzensur“ widerstand zu leisten, um sich auch diesen Anschluss zu sichern. Und schon ist die Massenmobilisierung abgesichert. Es ist diese dechiffrierungsfähige Sprache, die die deutsche Linke am bestens beherrscht.

Das zweite Element, ist eine ebenfalls wichtige Mobilisierungskomponente und darf nicht außer Acht gelassen werden: Der linke Seelenhaushalt kann ohne Vorzeigeopfer, bei dem er sich anbiedern kann, nicht auskommen. Dass nennt man dann ‚internationale Solidarität‘. Diesmal müssen die Südländer dran glauben (was immerhin ein wenig nach Südamerika klingt). Als Ersatz für Guerilleros eignen sich anscheinend sowohl die „Indignados“ (Spanien) als auch die „Bewegung der Plätze“ (Griechenland).  Da die Intention der hiesigen vielversprechenden Bewegung, vorrangig bei dem aufrührerischen Objekt, „die Griechen“ abgeladen wird, sollten wir ein wenig darauf eingehen.

Eins vorneweg: Seit über 15 Jahre leben dort über 15% der Bevölkerung, also ca. 1,5 Millionen Menschen, unter erbärmlichsten Bedingungen, in jeder Hinsicht. Extreme Ausbeutung, Kriminalisierung, Diskriminierung, Ermordung (über 150 Tote bisher), tausende Verletzte durch Messerstiche und andere gewalttätige Angriffe. Rechtlose Sklaven im rechtsfreien Raum. Nur, sie haben nichts Heroisches vorzuweisen, sie sind nicht mal eine homogene Masse, ein Volkssouverän wie man es so gern hier hätte. Denn es handelt sich um MigrantInnen und Flüchtlinge, die kein revolutionäres Objekt darstellen und daher nicht brauchbar sind. Niemand hat für sie sein Herz entdeckt. Niemand hat Blockaden usw. veranstaltet. Sie waren nicht mal eine Nachricht wert, als z.B. die griechischen Bauer in den Erdbeerenplantagen von Peloponnes darauf, dass sie mehr als einen Hungerlohn forderten, die Aufmüpfigen unter Ihnen – um an ihnen ein Exempel zu statuieren – an ein Seil gebunden, hinter einem Geländewagen durch die Dörfer zerrten. Nicht mal, als ganze Stadtteile von Athen zu nationalbefreiten Zonen erklärt wurden und immer noch sind. Nicht mal als sie in den Polizeigefängnissen systematisch zusammengeschlagen wurden und weiterhin malträtiert werden usw. usw.

Aber das kann man doch nicht der Protestbewegung anlasten, wird uns entgegengeschleudert. O, doch! Am Syntagma-Platz, also in der Zentrale der Protestbewegung, wurde faktisch die Organisation der Platzbesetzung folgendermaßen abgewickelt: Den oberen Teil des Platzes überließ man den gegen Troika und EU protestierenden Faschisten und Nationalisten, und den unteren Teil den gegen Troika und EU protestierenden Linken. Der Versuch zu Beginn der Proteste, seitens einiger anarchistischer und antifaschistischer Gruppen die Faschisten zu vertreiben, stieß auf Widerstand der anderen. Und die Folgen? Drei Wochen lang, eroberten die Neonazis den an den Syntagma-Platz angrenzenden Stadtteil und veranstalteten dort zusammen mit den widerständischen Anwohnern Tag und Nacht Jagd auf jeden, der nicht griechisch genug aussah. Über hundert zum Teil schwerverletzte MigrantInnen und Flüchtlinge wurden während dieser Tage in die umliegenden Krankenhäuser geliefert. All das parallel (geografisch und zeitlich) zu den einem Häuserblock weiter laufenden Anti-Troika Protesten. Folgerichtig die Wahlergebnisse: Der obere Teil der Syntagma-Platz brachte es – wie eingangs erwähnt – auf 20%, der untere Teil hob die „Vereinigte radikale Linke“ auf etwa 17%  hervor. Es geht doch!

Wenn jemand nun auf die Idee kommt, auch hier eine solche Parallele zwischen den bekanntgewordenen Morden der NSU bzw. den weiter laufenden Morden und Anschlägen wie neulich die Ermordung von Burak in Neukölln auf der einen Seite und den antikapitalistischen Protesten, ob M31 oder Blockupy usw. auf der andere Seite zu ziehen, so ist es kein Zufall sondern Programm.

Wir sind nicht rechts, wir sind nicht Links, wir sind viele“, heißt die neue revolutionäre Einsicht.

Fazit: Die Kategorien links und rechts gehören unwiederbringlich der Vergangenheit an, sie haben höchstens eine historische  Bedeutung.

Und weil eine Fortführung des Textes ein Widerkauen von bereits vor Jahren Gesagtem bedeuten würde, wird stattdessen wiedermal ein früherer Text aus dem Jahr 2007 herangezogen, zumal die Ähnlichkeiten sowohl inhaltlich als auch organisatorisch einer Tautologie gleichkämen und dazu noch - unsere 5-Jahresplanung entsprechend -, eben exakt 5 Jahre seit Erscheinen des früheren Textes vergangen sind.

                                                                                 

Café Morgenland, 20. Mai 2012

 

Heil, wie ... Heiligendamm
Nationalrevolutionäre Sammlung an der Ostsee

 



[1] Aus „Titanic“

[2] http://www.blockupy.de/de/aufruf/blockpyfrankfurt

 

 

 
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