Café Morgenland
 
 

Über Leichen sie gehen

Ein linkes Bündnis, beflügelt durch die Gedenk-Demo, die anlässlich des 20. Jahrestages der Lichtenhagener Pogrome stattgefunden hat, hat entdeckt, dass mit Kanaken-Leichen, mit gejagten Roma und mit verbrannten Kindern in Hünxe oder ausgelöschte türkische Familien in Mölln und Solingen, sehr wohl Politik, soll heißen "Formierung der Linksdeutschen" machen kann. Und bekundet in ihrem Aufruf „Zwischen Aufbruch und Pogrom“ ihre Sehnsucht nach den guten alten Zeiten, als damals die deutschen Linken in Aufbruchsstimmung (vor allem im Osten) waren, während daneben die rassistischen Brandschatzungen problem- und widerstandslos abliefen:

Auf der einen Seite stellte die rassistische und nationalistische Mobilisierung die antifaschistische Linke vor neue und schwierige politische Herausforderungen… Auf der anderen Seite waren die Nach-Wende-Jahre alles andere als eine bleierne Zeit. Die gesellschaftlichen Umbrüche eröffneten gerade im Osten weite Freiräume, die auch die Linke nutzen konnte und genutzt hat…  Es war zu spüren, dass sich etwas bewegt, dass Veränderung möglich ist“ (alle kursiven Stellen sind dem Aufruf entnommen)

Oder werden die Pogrome und Brandschatzungen zu „Widersprüche“ umbenannt:

Die erste Hälfte der 90'er Jahre war eine Zeit voller Widersprüche

Und sie wollen gar daraus politisches Kapital für heute schlagen:

Wir wollen mit Leuten aus Strausberg, Magdeburg, Rostock, Greifswald und Berlin darüber debattieren, mit welchen politischen Konzepten damals linke Politik gemacht wurde und welche Bedeutung diese Erfahrungen für die Auseinandersetzungen heute haben können

Jede und jeder, die plant, solche Veranstaltungen zu organisieren, muss von nun an mit mindestens unserer Intervention rechnen. Wir können zwar nicht jeden Scheiss mitbekommen und auch nicht alles verhindern, aber dort, wo wir imstande sind, werden wir es auch tun. Wer meint über Rostock-Lichtenhagen reden zu wollen und nicht dabei - als einziges Thema - seine Nichtintervention 1992 auf der Tagesordnung hat, der muss umkonzipieren oder sich einen Saalschutz anheuern. Die Veranstaltung am 21.9. im Festsaal wird es so nicht geben. Die Veranstalterinnen können sie in Lichtenhagen, in Hoyerswerda oder sonst wo machen, aber nicht in Kreuzberg, nicht am Kotti, nicht dort also, wo viele Kanaken wohnen. Wenn sie schon so scharf darauf sind, sollen sie bitte in den tiefen Osten - am bestens nach MVP - gehen und den Menschen dort erzählen, wie schlimm diese Jahre für sie waren. Da werden sie auf Gleichgesinnte treffen.

Uns graust jetzt schon der Gedanke daran, wie es in 10 oder 20 Jahren sein wird, wenn die deutsche Linke dann die Aufbruchsstimmung der 00'er Jahre - während der Zeit der NSU-Morde - hochjubeln wird.

Schluß mit lustig

Café Morgenland, 12.09.2012


Treffpunkt: vor Festsaal-Kreuzberg (Veranstaltungsort), 21. September 2012
um 18.00 Uhr - Skalitzer Straße 130 / U-Bahnhof Kottbusser Tor

 

NACHTRAG vom 16.09.2012

Wir - also die Kritiker_innen der Veranstaltung "Zwischen Aufbruch und Pogromen - Linke Politik Anfang der 90er Jahre in Ostdeutschland", am 21.9.2012 im Festsaal, Berlin - würden von einer unmittelbaren Konfrontation und einer Störung der Veranstaltung, wenn folgende Forderungen erfüllt werden würden, absehen. Wir sind keine Unmenschen und wissen sonst mit unserer Freizeit besseres anzufangen.

Unsere Forderungen sind:

1) Die Veranstalter_innen mögen a) den Titel verändern, b) den Flyertext umschreiben und c) öffentlich Selbstkritik üben.

2) Die Veranstalter_innen und die Referent_innen müssen hoch und heilig versprechen (von nun als sie/ Sie bezeichnet), ihre linksdeutsche Geschichte mit der Geschichte der Nichtdeutschen, der Nichtlinken nicht in einen Topf zu schmeißen.

3) Sie müssen hoch und heilig versprechen, jede WIR Form in ihren Texten, in ihrer Sprache zu explizieren, damit allen Leser_innen klar wird, wen sie alles in der Nutzung der WIR Ausdrücke implizieren und wen nicht.

4) Sie müssen hoch und heilig versprechen, daß sie überall dort, wo das Attribut deutsch/ Deutsch(e) hingehört, auch deutsch/ Deutsch(e) davor geschrieben wird.

5) Sie müssen hoch und heilig versprechen, daß sie anerkennen, daß die Bedrohung, der sie ausgesetzt waren, eine selbstgewählte und andere ist, als die alltägliche Bedrohung, der Nichtdeutsche ausgesetzt sind.

6) Sie müssen hoch und heilig versprechen, daß sie anerkennen, daß Nichtdeutsche keine Möglichkeiten haben, sich kontrolliert den Angriffen durch Deutsche zu entziehen, außer sie verlassen das Land.

7) Sie müssen hoch und heilig versprechen, daß sie anerkennen, daß die Aufbrüche und Ausbrüche für sie als Teil der deutschen Volksgemeinschaft gegolten haben und sie sich als Teil dieser Volksgemeinschaft begreifen.

8) Sie müssen für uns, die Kritiker_innen ihrer Veranstaltung, einen Kuchen backen, weil allein ihre Veranstaltungsankündigung uns enorme Kopfschmerzen und Übelkeit ausgelöst hat, und unsere Angst vor der deutschen Volksgemeinschaft und ihrer Linksdeutschen Formierung nicht weniger geworden ist.

 
Café Morgenland