Café Morgenland
 

Bleiberecht! – Auch für die Lebenden

(ausgestrahlt als Kolumne im Radio FSK, am 17.12. Anhören/Downloaden 

 

Über die hier ankommenden Menschen zu reden, sind wir nicht befugt. Weder haben wir in ihren Namen irgendjemand irgendetwas zu erklären, noch können wir ihnen als Vertreter der besseren Mitmenschen bei der Beurteilung ihrer eigenen Erfahrungen in Deutschland behilflich sein. Es gibt wenig Neues zu sagen. Ein „Refugees Welcome“ wäre angesichts der Lage nicht frei von Zynismus. Die Adressaten unseres Anliegens können nie jene Personen sein, die von den Deutschen oder Europäer – je nach Saison – als Beute freigegeben worden sind. Es sind die Jäger, die adressiert werden müssen, denen man das eine oder andere zum wiederholten Male „erklären“ muss – in welcher Form oder Art auch immer. Auch hier gibt es wenig Neues zu verkünden.

Wir haben wenig zu sagen über die jüngsten Ereignisse: wenig über anderer Leute  Herkunftsländer, noch weniger über versunkene oder gestrandete Boote. Wir haben wenig beizutragen zu den berufsmäßigen und ehrenamtlichen Expertisen, die sich vervielfältigen sobald sich ein brauchbarer Anlass abzeichnet: z.B. das Ertrinken hunderter Menschen im Mittelmeer, die geistige und körperliche Jagd auf „vagabundierende Zigeuner“, die aus Rumänien oder Bulgarien kommen und in sauber gefegten deutschen Straßen herumzustehen, oder noch schlimmeres.

Kenner der Materie liefern umfangreiches Zahlenmaterial und Fakten. Sie zählen die Leichen am Strand, sie benennen die Orte der Funde, sie wägen ab, ob Massen- oder Einzelbestattungen der Ertrunkenen angebrachter wären, sie analysieren die weltweiten Migrations – und Flüchtlingsbewegungen, sie kritisieren das Inhumane und die entsprechend modifizierungsbedürftigen Momente in den Gesetzgebungen.

Neue Berufszweige und Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung tun sich auf. Neue hoffnungsvolle Bewegungen werden mit Massen bestückt. Fleißig werden Zusammenhänge mit den Nöten der hiesigen Bevölkerung aufgetan. Denn bekanntlich hängt ja  alles mit allem zusammen. So soll es beispielsweise einen engen Zusammenhang zwischen der Wohnungsnot hier und den vor der Insel Lampedusa ertrunkenen Menschen geben. Genauer: das „Recht auf Stadt“ und das Recht auf Überleben sind im neudeutschen Linksjargon tautologische Ausdrücke. So muss es wohl sein. Alles in allem, es geht voran.  

Gelegentlich scheint dieses Ermitteln globaler Ursache-Wirkung-Verhältnisse etwas langweilig zu werden, so dass – bei den etwas feinsinnigeren – auch Zeit bleibt zur lokalen Sprachhygiene bzw. für die Suche nach der angemessenen, wenn nicht sogar korrekten Bezeichnung der Neuankömmlinge. Das betrifft selbstverständlich auch die Bezeichnung der Ansammlungen von Deutschen, die sich auch bei sehr gemeinsamen Anlässen selten gerne über einen Kamm scheren lassen.

Es gibt wirklich wenig Neues zu sagen über ein Land, das in der Beliebtheitsskala weltweit die obersten Ränge belegt und selbst bei ganz kritischen Kritikern als Vorbild für zivilgesellschaftliche Errungenschaften gilt.

Dieses Land – samt seinem organischen und anorganischen Inventar – gehört zu Recht zu den beliebtesten Ländern auf der Welt. Ja, seine Bevölkerung wird zu Recht für ihre Errungenschaften bewundert, sei es für ihre Autobauerei oder Brauerei, für ihre demokratischen Strukturen, für ihre Toleranz, für die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit, für ihre liberale Gesetzgebung, für ihre Naturliebhaberei, für ihre Autobahnen usw., immer eng verbunden mit ihren beständigsten zivilgesellschaftlichen Zuckungen. Man denke nur an ihre ausgezeichneten Fähigkeiten, Asylbewerberheime anzugreifen, Kanakenwohnhäuser samt ihrer Einwohner in Brand zu setzen, Menschen die vielleicht aus Afrika kommen durch Einkaufsstraßen zu hetzen, Romafamilien aus der Nachbarschaft zu vertreiben, Bürgerinitiativen gegen entstehende Flüchtlingsheime auf die Beine zu stellen, finale Kopfschüsse auf Türken während der Dönerzubereitung in deren Imbissbuden zu verpassen, Anschläge auf  Synagogen zu verüben, jüdische Friedhöfe zu verwüsten oder Obdachlose zu Tote zu prügeln.

Die Liste der zivilgesellschaftlichen actions ist beliebig erweiterbar. Allein in den letzten Monaten haben sich über 100 Bürgerinitiativen gegründet und über 20 Anschläge wurden verübt. Stammtischrunden, Dorffeste und Familienfeiern nicht mitgezählt. Von der Mordserie der NSU und ihrem Umfeld ganz zu schweigen, zumal die Anzahl der zu registrierenden Todesfälle immer wieder nach oben korrigiert wird. So haben die Ermittlungsbehörden neulich, so nebenbei, angemerkt, dass bei über 700 bisher unaufgeklärten Morden an Kanaken der begründete Verdacht auf einen neonazistischen Hintergrund besteht.  Über 700 Kanaken als Ertrag der deutschen Brauchtumspflege sind vertretbar. Einige Buchführungskorrekturen werden noch nachgearbeitet, das obligatorische „Entsetzen“ mit eingeschlossen, einige soziale, psychologische und ökonomische Zusammenhänge noch entdeckt und dann geht es weiter. Geschickt, gesellig und widerspruchsfrei. Das muss es wohl sein, was Deutschland auszeichnet. Nicht trotz, sondern gerade wegen der erstaunlichen Fähigkeit, all das an einem Stück zu vollbringen, erfährt es weltweite Anerkennung. Bis ins letzte Detail, gelassen und präzise zugleich, egal um welche Banalität es sich handelt.

Denn was ist es anderes als banal, eine dauerhafte Bleibe für die aus Lampedusa hierhergekommenen Menschen zu ermöglichen? Etwas, was im äußersten Fall einige Überstunden in einer gähnenden Senatssitzung bedeuten würde? Stattdessen wird ein Großaufgebot von Repressionsinstanzen aufgestellt und eine Ausnahmesituation herbeigeschafft.

Doch wir müssen dankbar sein, dass die hier betroffenen Menschen in ihren Anliegen nicht ignoriert, sondern „mit einbezogen werden“. Das ist im Land der Deutschen und der stabilen Wirtschaft nicht selbstverständlich. Neulich z.B., durfte sich die jüdische Gemeinde in Pinneberg über ihre Duldung als Teilnehmer einer Demonstration in den hintersten Reihen freuen. Anlass war eine von deutschen Linken organisierter Protestzug gegen den Anschlag auf ihre eigene Synagoge - wir wiederholen: auf ihre eigene Synagoge! Vor Jahren bezeichneten wir diese Sorte Ordnungshüter als „autonome Teutonen“. Heute, 20 Jahre später, gibt es nicht den geringsten Anlass, diese Bezeichnung zurück zu nehmen.  

Um Missverständnisse zu vermeiden: Wir unterstützen die Demo, weil wir uns gegen die rassistischen Senatspläne stellen, aber auch weil wir den Erhalt der Roten Flora unterstützen, einfach weil sie in diesem Zusammenhang zur richtigen Zeit das Richtige tat und weiterhin tut. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit.  

Wir unterstützen die Demo auch weil wir den faktisch praktizierten Deal mit der linksdeutschen Mehrheit als einen einigermaßen fairen Deal betrachten. Damit meinen wir, dass die Flüchtlinge das Bleiberecht und die Linksdeutschen ihre langersehnte neue antirassistische Bewegung bekommen könnten. "Einigermaßen" fair deswegen, weil dieser Deal das Risiko beinhaltet, dass die eine Seite am Ende mit leeren Hände dasteht, soll heißen, abgeschoben wird, und somit für die Bewegung unbrauchbar wird. Da aber aus jeder Scheiße was Positives gewonnen werden kann, bleibt dann zumindest eine antirassistische Bewegung übrig. Dieser Basarhandel kommt ausnahmsweise – ihr wisst schon wg. der Gene usw. – nicht von uns, sondern er breitet sich durch die Mehrheit aller lesbaren und unlesbaren linksradikalen Blätter, Aufrufe und Analysen aus.  

Und schließlich – ein wenig wäre doch noch zu sagen – möchten wir die Menschen, die es aus Lampedusa bis hierher geschafft haben, dezent darauf hinweisen, dass ihre Probleme mit der Erkämpfung eines wie auch immer gearteten Bleiberechts nicht enden, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit erst anfangen werden.

 

 Sei auf der Hut, ein Leben lang. Wir sind hier in Deutschland.

 

                                                                                              Café Morgenland, Dezember 2013

 

 

 

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