Café Morgenland
 

Ein Vorgeschmack auf den Ausgang des NSU-Prozesses

 

(ausgestrahlt als Kolumne im Radio FSK, am 05.05.2014 Anhören/Downloaden 

Am letzten Freitag (am 2. Mai), wurde das Urteil im Prozess gegen neun Neonazis vor dem Landgericht Magdeburg  gefällt. Sie hatten im September 2013 den „türkischstämmigen“ Betreiber eines Imbisses im Bahnhof von Bernburg überfallen und schwerverletzt (Er wurde ins künstliche Koma versetzt; über einen Monat kämpfte er im Krankenhaus um sein Leben). Sie traten mit ihren Stiefeln auf sein Kopf und in seinen Gesicht ein, auch dann, als er bereits reglos am Boden lag. Seine Freundin und ein „Inder“, der zur Hilfe kam, wurden ebenfalls angegriffen und verletzt.

Laut Urteil nun dürfen fünf der neun wie gehabt weiter morden: Sie wurden freigesprochen. Die restlichen vier bekamen vier bis acht Jahre Haft, was „bei guter Führung“ lediglich eine 3- bis 5-jährige Unterbrechung des Mordens bedeutet. Einen Mordversuch, gar aus rassistischen Gründen, erkannte – so die Urteilsbegründung – das Gericht nicht an; nur Körperverletzung. Und dies, obwohl es sich um stadtbekannte Neonazis handelt, die schon früher wegen ähnlicher Praktiken verurteilt worden waren.

Damit wird die Latte für eine als Mordversuch zu bewertende Tat so hoch gelegt, dass die Hinterbliebenen nur dann, wenn das Opfer restlos umgebracht worden ist, eine Chance auf juristische Gerechtigkeit haben. Aber selbst diese Chance ist gering. Denn weitere Entlastungsmerkmale – wesensbestimmend für Deutschland und seine Richter – kommen noch dazu: wie z.B. der Alkoholkonsum, wie ihn die Richter auch im vorliegenden Fall zu Gunsten der Angeklagten der Urteilsfindung maßgeblich zugrunde legten, und somit den Mördern zugleich eine überaus sinnvolle, zukunftsträchtige Handreichung leisteten, indem sie mit diesem Urteil deppensicher kundtaten, dass, wenn vor einem Mord bzw. Mordversuch ein Gelage begangen wird, ein Freispruch so gut wie sicher ist – die Unumgänglichkeit der strikten Einhaltung der Reihenfolge ist die alleinige Unbequemlichkeit.

Außerdem haben sie ja „nur“ versucht, einen „türkischstämmigen“ Imbissbetreiber zu ermorden und weitere Personen schwer zu verletzen. Das mit dem „nur“ meinen wir nicht mal ironisch. Gemessen an dem, was sie und Ihresgleichen sonst so veranstalten, damals wie heute, ist ihr Mordversuch an einen Kanaken fast eine Bagatelle.

Fast so harmlos also wie Beate Zschäpe´s Freizeitgestaltung in den Jahren 2000 bis 2007, für die sich zurzeit ihre Neonazi- und manche linksdeutsche Fans (http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web68-1.html) ins Zeug legen, damit ein fairer Prozess für das NSU-Starlet sichergestellt wird.

Sie befürchten nämlich eine ungerechte, eine unangemessene Verurteilung, wobei sie sich wahrlich keine Sorgen diesbezüglich zu machen bräuchten: Seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland kümmert sich die deutsche Justiz akribisch um faire Prozesse, Entlastungsindizien und milde Urteile (sollte es selbstverständlich ausnahmsweise überhaupt zu einer Verurteilung kommen), wenn es sich um Alt- oder Neonazis handelt. Daher braucht sie (Beate Zschäpe) weder die Unterstützung von Neonazis noch von linksdeutschen Advokaten, sie kommt auch ohne sie bestens aus, wie das aktuelle und fast alle vorangegangenen Urteile in solchen Fällen zeigen.

Ein Hinweis: Dieser, vom Magdeburger Landgericht am 2. Mai gefällte (Beinahe-) Freispruch ist nicht nur eine Ermunterung zu weiteren Morden, sondern auch ein Vorgeschmack, sozusagen das Entree zum Haupt- und Ausgang des NSU-Prozesses, der noch bevorsteht.

Was übrig bleibt, ist ein verstümmelter „Türke“, dessen linkes Auge irreparabell beschädigt ist, und der sein Leben lang an Kopf- und Schulterschmerzen leiden wird. Denn sein Kopf sei deformiert, da sein Schädeldach bei der Attacke gebrochen worden sei, schreiben die Berichterstatter hygienisch.

Es sieht so aus, dass die Zeit in Deutschland wiedermal stehen geblieben ist. Nur seine Richter und Henker sind im Durchschnitt vielleicht ein bisschen jünger, aber mit Sicherheit ideologiekritischer geworden.

Sonst hat sich nichts geändert. Daher ist es angebracht, einen 19 Jahre alten Text über die Postauschwitz-Justiz samt ihrem ländlichen und urbanen Umfeld in Erinnerung zu rufen:

http://www.cafemorgenland.net/archiv/1995/1995.04_Auf%20nach%20Ochtendung.htm

Café Morgenland, 4.5.2014

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