Café Morgenland

Der Osten leuchtet. Der Westen auch. Irgendwo im Lande, fast jede Nacht

Der CM-Beitrag auf dem Treffen in Hamburg, 8. November 2015

Einleitung

Wir begrüßen alle Beteiligten des heutigen Treffens und freuen uns, dass sich so viele auf den Weg hierher gemacht haben. Und weil es inzwischen in dieser Stadt üblich zu werden droht, begrüßen wir auch alle verdeckten ErmittlerInnen und hoffen, dass sie sich nicht zu sehr langweilen werden.

Bevor wir anfangen, sollten wir uns daran erinnern, dass heute der Vorabend des 9. Novembers ist. Deutschland feiert anlässlich dieses Tages den Fall der Berliner Mauer von 1989. Eine Anmerkung hierzu: Wir finden es abstoßend, dass neben dem eigentlichen Gedenktag, dem 9. November 1938, etwas anderes passend gemacht wurde. Wir meinen, dass es in Deutschland unmöglich gemacht werden müsste, dass die Einheimischen irgendetwas anderem am morgigen Tag gedenken, als den Beginn der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Dass es nicht so ist, ist eine bewusste politische Entscheidung, den party-tauglichen 9. November in den Vordergrund zu rücken, oder schlimmer: das Morden und die Wiedervereinigung als komplementäre historische Tatsachen anzunehmen, zu denen sich Deutsche und Menschen, die dies werden wollen, reflektiert und selbstbewusst bekennen können. So viel dazu.

Vorschlag zum Ablauf des Treffens. Es werden unsererseits 2 kurze Einleitungsbeiträge, die als Diskussions-Anstöße dienen, vorgetragen.

A) zum inhaltlichen und

B) zum praktischen Vorgehen.

Zum jeweiligen Teil findet eine Diskussion statt, im Wissen, dass sich beide Teile nicht ganz trennen lassen. Falls andere Personen oder Gruppen, ebenfalls einen Beitrag vortragen möchten, genügt es dies anzumelden. Eine Pause ist zwischen dem ersten und zweiten Teil eingeplant. Für die Diskussion sind je ca. 2 Stunden geplant.

Inhaltliche Ausrichtung

Wir wollen heute den Versuch starten, einen inhaltlichen Rahmen zu vereinbaren, in dem wir uns miteinander verständigen können. Wir haben nicht den Anspruch, dass ihr mit uns oder untereinander einer Meinung in allen Punkten sein müsst, damit etwas Gemeinsames stattfinden kann. Wohl aber einige wichtige Eckpfeiler sind Voraussetzung für alles Weitere.

Wir gehen davon aus, dass ALLE anwesenden Personen, bestens über die aktuelle Situation in Deutschland informiert sind. Daher werden wir weder die Angriffe/ Brandstiftungen/ rassistischen Demos und Exzesse aufzählen, noch die Schicksalsgeschichten von Geflüchteten zur Schau stellen. Allenfalls werden wir Bezug auf diese Punkte nehmen.

Auch wollen wir uns nicht darüber austauschen – wie es in der Einladung bereits stand -, wieso die TäterInnen so sind wie sie sind und welche Vor- oder Nebengeschichten mit ihren Taten verknüpft sind. Das interessiert uns nicht im Geringsten. Das einzige, was uns interessiert, ist deren Entscheidung, den Geflüchteten, den Fremden im Land, wieder mal an den Kragen, besser gesagt an ihre körperliche und psychische Unversehrtheit zu gehen.

Wir wollen keine Aufklärung betreiben, da unabhängig von der Stumpfheit dieses Begriffs, sich die Mehrheit der Deutschen als „aufklärungsresistent“ erwiesen hat, wie wir es mal genannt haben. Darüber hinaus weigern wir uns, ihr Verhalten mittels antikapitalistischer Kritik, sozialer Umstände oder sonstiger Listigkeiten in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu stellen. Das ergibt sich nicht aus einer besonderen Abneigung gegenüber Theorien oder weil wir nicht daran glauben, dass mit Soziologie, Psychologie, Geschichte usw. die Welt und der Lauf der Dinge angemessen verstanden werden können, sondern weil uns keine Theorie zu den deutschen Lebensweisen bekannt ist, die nicht umgehend zu deren normalisierenden und verharmlosenden Relativierung verwendet werden kann. Und das ist erfahrungsgemäß gefährlich.

Deshalb nehmen wir deren Entscheidung sich als Meute zu formieren und andere Leute mit dem Tod zu bedrohen, als das was es ist: Eine bewusste Entscheidung zwischen einer Vielzahl an Handlungsoptionen – darunter beispielsweise zuhause zu bleiben, Fern zu sehen oder sich um den Garten zu kümmern. Wir interessieren uns daher mehr für die Konsequenzen ihres Verhaltens, und in keiner Weise für die Ursachen.

Noch was. Wir entziehen uns jeglichem direkten oder indirekten Diskurs bezüglich den aktuell in Hochkonjunktur befindlichen Katalogisierungen, Kategorisierungen, Registrierungen und Auswahlmodi der Geflüchteten, wie z.B. „berechtigte“ und „unberechtigte“ Asylsuchende, „Wirtschafts“- und „Kriegsflüchtlinge“ was ihre Bleibe hier betrifft. Folglich wird es auch keine Unterscheidung zwischen Menschen aus den sogenannten „sicheren“ bzw. “unsicheren“ Herkunftsländer geben.

Vor allem, was die Verfolgung der Roma betrifft, gibt es bekanntlich kein Land in Europa, das ihren Schutz gewährleistet, auch nicht Deutschland. Dabei sind die Teutonen den Sinti und Roma einiges schuldig… mindestens 500.000-mal.

Alles andere ist politisches Geschäft und erhebt den Verdacht, sich Sorgen um das ökonomische, wirtschaftliche, soziale usw. Gebilde der BRD und seiner Ureinwohner zu machen.

Aktuell ist es so, dass die Linke in Deutschland es nicht mal schafft, hinter Merkel her zu laufen bzw. Schritt zu halten. Dies ist nicht als Lob an Merkel, sondern als Kritik an dem Zustand der hiesigen Linken zu verstehen. Denn sie sind nicht mal in der Lage, eine Vorstellung davon zu entwickeln, was es heißt, dass sich nicht bloß eine, sondern drei, fünf, zehn und mehr Millionen Menschen von anderswo hier niederlassen. Ja, hier und heute. Ja, in einem kapitalistischen Land wie Deutschland, mit seiner Geschichte und Gegenwart. Sie sind nicht in der Lage, eine Vorstellung davon zu entwickeln, welche gesellschaftlichen, sozialen usw. Umwälzungen diese Entwicklung mit sich bringt. Es geht nicht darum, ob dieser neue Zustand gut oder schlecht sein wird, denn es hängt davon ab, was man daraus macht, sondern dass es neu ist, dass diese Gesellschaft in weiten Teilen anderes aussehen könnte, wenn es klappt.

Vorrangig geht es um die körperliche und psychische Unversehrtheit der Geflüchteten und anderer Nicht-Deutscher, indem die Angriffslust der TäterInnen nebst Umfeld gebremst wird. Um ein menschenwürdiges Leben hier führen zu können, bedarf es keines Kopfzerbrechens über Berechnungen und Kalkulationen zu Steuerbelastungen oder Wohnungsmangel. Als ob Beton und Ziegelsteine aber auch modernes Baumaterial noch nicht erfunden worden wären. Und natürlich geht es darum, dass jede und jeder, die/ der meint, es hier aushalten zu können, dies auch tun kann, nach dem Motto „komme wer wolle“.

Momentan ist es aber so, dass deutsche Herrschafts- und Traditionslösungen medial präsentiert, legislativ durchgekaut und exekutiv durchexerziert werden.

Und weil es so einfach, so transparent ist, versagt die deutsche Linke. Während sie sich mit den Banken, dem Finanzkapital, den Lehman Brothers und neulich mit TTIP, NSA usw. beschäftigte, formierte sich schon ideologisch und praktisch die Meute in der Provinz und den Stadteilen der Großstädte. Mit brandschatzendem Erfolg, über 600-mal in 10 Monaten.

Wenn sie nun anfangen leise Selbstkritik über ihre Fehleinschätzung der Lage und der Bevölkerung auszudrucken, so wollen wir sie beruhigen. Sie haben keinen Ausrutscher begangen, im Gegenteil. Ihr Kampf war und ist eine der mobilisierenden Komponenten der Meute. „Gegen Bosse, Politiker und Finanzkapital“. Gegen Fremdkörper aller Art. Vor allem aus Übersee.

Worüber wir also reden wollen, ist die Reaktion auf die Eskalation der autochthonen Bevölkerung. Auf den Zustand, dass die TäterInnen, unbehelligt ihren Terror verbreiten können, dass wesentlich größere Gebiete zu nationalbefreiten Zonen erklärt werden, als ursprünglich bei der Wiedervereinigung vorgesehen.

Konfrontative Intervention

Wir bezeichnen solche Aktionen, falls sie zustande kommen, als konfrontative Intervention, um sie von den Willkommenskultur- und ähnlichen volksgemeinschaftsstiftenden Aktionen zu unterscheiden, aber auch und vor allem um ihren Charakter und ihre Ausrichtung transparent zu machen. Die Linksdeutschen bezeichneten ironisch solche Aktionen damals als „Strafexpeditionen“. Um es abermals klar zu stellen: Dem Mob und seine zuschauenden Claqueure oder sein passiv agierendes Umfeld, kratzt es kaum, wenn wir an seine humanitären Ansichten appellieren, er hat keine. Es geht ihm am Arsch vorbei, wenn ihm Argumente überbracht werden, dass es sich z.B. bei den Geflüchteten um friedliche, familienfreundliche, ruhige Menschen handelt, von denen sie nichts zu befürchten haben oder wenn der Meute erklärt wird, warum sie so sind wie sie sind.

Im Gegenteil: Wir sollten solche Exemplare in ihren Ansichten verstärken, dass ihre Grundstücke an Wert verlieren werden, dass sie die Abende mit lauter Musik aus der benachbarten Flüchtlingsunterkunft verbringen werden, dass sie ab nun fremdartige Laute, die sie nicht verstehen können und wollen auf der Straße zu hören haben, dass demnächst eine Moschee in ihrer Nähe gebaut wird, und hoffentlich bald auch ein buddhistischer und sonstige Tempel, dass das christliche Abendland gefährdet ist, usw. Eben all die Argumente, die sie gegen die Geflüchteten hervorbringen.

Erst wenn sie merken, dass sie kaum Chancen haben sich durchzusetzen, vor allem wenn sie merken, dass ihrem Tun und Lassen Grenzen gesetzt werden, schmerzhafte Grenzen, besteht die Möglichkeit einer Eindämmung ihrer Gefühle. In dem Zusammenhang ist es nun mal eine Tatsache, dass 10 Leute den 400 oder 500 oder gar mehreren Tausend bei einer Konfrontation keine Angst einjagen können. Um diesen Fakt umzukippen, sind wir heute hier. Ob es uns gelingt, ist nur praktisch zu ermitteln.

Aus unserer Erfahrung und Empirie in diesem Land gehen wir davon aus, dass, wenn die Eskalation der deutschen Lebensweise so anhält, noch mehr Menschen mit ihrem Leben dafür bezahlen müssen, nicht anders als es in den letzten 25 Jahren seit der deutsch-deutschen Vereinigung geschah. Denn eins muss man den Deutschen lassen: Konsequent sind sie, wenn es um solche Vorhaben geht. Dem Wort folgt stets die Tat.

Die Form der Intervention (genauer gesagt der öffentlichen Intervention, denn davon reden wir heute) kann unterschiedlich sein. Je nach Kräfteverhältnissen, Örtlichkeiten usw. kann eine Aktion als reine Denunziation und Imageschädigung stattfinden und/ oder als eine, die zum Ziel hat, den Mob aus der Umgebung von Objekten ihrer Begierde zu vertreiben, als die einzige Möglichkeit, die Angriffe zu verhindern. Auch ein „freundlicher“ Besuch der Volksversammlungen des Mobs (der alles beinhalten kann, außer mit denen zu diskutieren) angesichts des Baus einer Flüchtlingsunterkunft in ihrem Kaff/ Stadtteil ist erstrebenswert, um nur ein paar Beispiele für öffentliche Aktionen zu nennen.

Eines sollten aber alle Formen gemeinsam haben: Die Ausrichtung auf die TäterInnen und (trotz eventueller Ausnahmen) das Ausbleiben von Differenzierungsversuchen innerhalb des Umfelds der TäterInnen, auf der ewigen Suche nach den guten Deutschen.


Café Morgenland, 8. November 2015


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