DAS NSU-FEELING

Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Stimmung kippen würde.

Noch bis Ende 2015 schienen die Deutschen gespalten. Anlass war die über die Vorstellungskraft der Einheimischen hinausgehende Anzahl von Menschen aus den fremderen unter den fremden Ländern - Geflüchtete genannt - die es bis hierher geschafft hatten. Manche übten sich in Paternalismus, Willkommenskultur genannt, andere belagerten und attackierten Notunterkünfte oder warfen Brandsätze (durchschnittlich drei Anschläge pro Nacht, Dunkelziffer und verbale Attacken nicht mitgerechnet).

Nachdem man sich notgedrungen nach einem halben Jahrhundert mit den üblichen Kanaken (zumindest im Westen) abgefunden hatte, bricht der wiedervereinigte Hass hervor. Vom Gastarbeiter zum „Missbrauch des Gastrechtes“, dem Recht der „Gastgeber“ die „Gäste“ kollektiv zu belehren, bürokratisch zu drangsalieren, öffentlich zu demütigen und verbal oder handgreiflich zu attackieren und abzuschieben.

Konfrontiert mit vielen Hunderttausend, das war zu viel verlangt. Klar war, dass die Angriffe weit unter dem Potential der Einheimischen lagen. Die Ungewissheit ist vorbei. Die Gefahr der Spaltung des deutschen Volkes und der Über- und Entfremdung ist seit dem 1. Januar gebannt. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Fraktionen der Deutschen wurden weggewischt, kaum mehr erkennbar – falls es je welche gab. Alle kamen miteinander1, alles gerät zueinander: Wie waren noch die Namen? Frauke Wagenknecht, Lutz Gabriel…

Bestrebt die Hoheit über die Volksmeinung zu erlangen, wetteifern jene und die Seehofers und Co. sowie die deutschen Medien (inkl. Lokal- und Anzeigenblätter) um die Pole-Position im Feld der deutschen Hässlichkeiten. Die Cheerleader der deutschen Volksgemeinschaft. Und da will man sich nicht mehr als „Lügenpresse“ beschimpfen lassen! Lügen und Hetze werden umgehend gedruckt, ausgestrahlt, gesendet.

Den Diskursunterschied zwischen normalen deutschen Rassisten und der linksdeutschen Variante ist in der „Jungle Freiheit“2 exemplarisch zu studieren: Während die Normaldeutschen ihren Hass auf die Kanaken – mit oder ohne Islamverstärker – direkt artikulieren, nehmen die Linksdeutschen einem Umweg über den „Hintergrund der Täter“, prangern ein „Verbot der Deutung“ („Tabu“, „Denkverbot“) an und erwähnen mal kurz die „frauenverachtenden Aspekte des Islam“. Zu guter Letzt muss dann Israel herhalten, um sich als deutsches Selbst zur Opferkartoffel von kanaken Anti-Zionisten (Antisemiten) zu stilisieren. So weit, so schlicht.

Männerphantasien (Theweleit)

Die Domplatte wurde weltweit bekannt. Schlagwörter, die bestimmte afrikanische Sippen, Sitten und Gebräuche völkerkundlich beleuchteten machten die Runde. Das Expertentum in Sachen Sexismus wurde zum vertrauten Sprachgut: „Horden“, „Antänzer“, „Grabscher“, „Sexmob“, „nordafrikanische Banden“ usw. gingen in die Volkssprache der Ureinwohner ein. Ein Volk in Aufruhr.

Rechtsstaat, Menschenrechte, Frauenrechte usw. werden als Tötungsinstrumente eingesetzt. Mit durchschlagendem Erfolg. Massenhafte Erregung.

Die Meute wird sich erst abkühlen, wenn Blut fließt. Das bisher übliche, nachgereichte Betroffenheitsritual wird diesmal nicht stattfinden. Keine Reinwaschung im Meer der Lichterketten diesmal, dem Symbol des ersten rassistischen Pogromschubes nach dem deutsch-deutschen Zusammenwachsen, als diese Population sich anschickte, die Exportfähigkeit ihres Landes sicherzustellen. „Im Würgergriff der Lichterketten“, nannten wir vor 23 Jahren diese Farce.

Innerhalb von wenige Tagen wurde das NSU-Feeling genüsslich verbreitet: Der innige (innere) Drang nach Aufsetzen der Mündung einer geladenen und entsicherten Ceska am Kopf des Zielobjekts – und abdrücken. Kurzer Prozess, langer Genuss.

Die Vorstellung, dass „schwarze„ Hände den „weißen“ Frauenkörper besudeln und entehren stellt in der Tat einen Hoheitsverlust für das Volkssouverän dar. Die Vorstellung bringt sie in Wallung und Ballung. Gewalt und sexualisierte Übergriffe gegenüber Frauen und Kindern sind für den deutschen Mann, im In- und Ausland reserviert.

Und wenn die Armee- und Polizeikräfte an den Grenzen versagen, kommt die Eigeninitiative. Erste Bürgerwehren haben sich formiert und patrouillieren. Angriffe auf Undeutsche werden zur Männer- und Ehrensache. Mit scharfer Munition wird geschossen, Handgranaten geworfen. In viel zu vielen Orten, zuletzt in Bautzen und Clausnitz sammelt die Meute wertvolle logistische Erfahrungen. Der unorganisierte Teil der Wehrhaften beantragt den sog. kleinen Waffenschein, die Behörden melden einen sprunghaften Anstieg der Anträge seit Anfang des Jahres. Stadtteile werden ethnisch-kriminalistisch identifiziert (Nordafrikaner, Araber, Schwarzafrikaner) und zu No-go-areas für deutsche Bürger und Polizei erklärt, an den Pranger gestellt und entsprechend polizeilichen und medialen Behandlungen unterzogen.

Die AfD kann ihr Glück kaum fassen. Als Avantgarde des Mobs appelliert sie an genau dieses NSU-Feeling und fordert das Abschießen von Flüchtlingen an den Grenzen. War es bisher scheinbar nur Jägern vorbehalten Flüchtlinge an der Grenze zu erschießen (indem diese zum Wildschwein erklärt wurden), soll dies nun zur staatlichen Norm werden3.

Zur Diskussion stellt u.a. die Vorsitzende F. Petry nur noch, ob auch Kinder oder nur Männer und Frauen getötet werden sollen. Es hat sich also doch gelohnt, dass Gauck im Jahr 2012 ihr den Verdienstorden „Tag der deutschen Einheit“ der Bundesrepublik Deutschland verlieh. So gerüstet verschafft sie der Partei prognostizierte zweistellige Prozentzahlen an Wählerstimmen. Die Rechnung geht auf. Längst handelt es sich nicht mehr um den Bodensatz deutscher Abgründe, sondern um deren Substanz.

Von hier aus bis zur (NSU-) Tat ist es nicht weit. Alles ist vorbereitet: die Meute, die Infrastruktur und das zu erlegende Objekt. Bereit steht vor allem die deutsche Volks-, Jäger- und Krämerseele.

Entscheidende Elemente der Motivation, des Anlasses, des versagen-der-politik, des ausverkaufs-des-landes , der Schmarotzer-und-Parasitentum, des es-muss-endlich-was-geschehen-so-geht-es-nicht-weiter usw. sind präsent, aktualisiert, zugespitzt. Das sich als Opfer empfinden, allein gelassen, verraten und verkauft von denen da oben, als Fraß den Kanakenhorden vorgeworfen zu sein, gleicht einer bereits gelegten Lunte, die nur noch angezündet werden braucht.

„Der Fremde“ oder Deutschsein ist unlernbar

Schon in der Vor-Phase der Hetze, wurden (und werden) allerlei Berichte über Auseinandersetzungen in Lagern mit Begeisterung ausgeschlachtet. Dass, vielleicht, so mal hypothetisch gedacht, die katastrophale Unterbringung (mehrere hundert Menschen im engsten Raum Tag und Nacht zusammengepfercht) Mitschuld an solche Verhältnissen sein könnte, war nur ein Randgedanke von Querulanten und Miesmachern. Und zwar in Deutschland, wo der einer den andere nicht mal in seine Nähe aushalten kann. Bekanntlich werden über 600.000 Strafanzeigen pro Jahr wegen so genannten Nachbarschaftsstreitigkeiten erstattet. Immer wieder bricht was vom und vorm Zaun aus, selbst dann, wenn der Abstand zum Nächsten mehr als eine Armlänge ist und noch ein Jägerzaun dazwischen liegt. Da wird schon mal ein Nachbar wegen des angestammten Parkplatzes erschossen.

Die ersten Migrationsexperten in der Vermittlerrolle (vor allem solche mit sog. Migrationshintergrund) zwischen den Parallelwelten haben sich schon freiwillig gemeldet (z.B. Zaimoglou4). Resistente Aufklärer, Sozialklimbim-Zuträger, Zivilgesellschafter wittern in antirassistischen, anti-sexistischen und sonstigen Verklärungen ihre Chancen.

Und weil es in Deutschland zu den eingeübten Reflexen gehört, wird gleich das Jahrhundertverbrechen – wie zu erwarten, sollten wir dazu sagen - als Argumentationsverstärker hinzugezogen. Heiko Maas übte sich am 07.01.2016 in einem Interview in der „Thüringer Allgemeine“5 in Zweckentfremdung und wendete den für die Charakterisierung der Shoah verwendeten Begriff „Zivilisationsbruch“ des Historikers Dan Diners auf die Angriffe in der Silvesternacht in Köln an. Die einzige Einschränkung, die er bei diese Relativierung machte war eine zeitliche: „Zeitweiliger Zivilisationsbruch“ nannte er die Ereignisse. Nun wissen wir, was sich in der Shoah ereignete. Genau das Gleiche, nur mit etwas längerer Dauer.

Andere wiederum lassen ihrem Hass auf den Islam freien Lauf und landen in geschichtsrevisionistische Weiten des Universums. In „Die Welt“ vom 28.01.2016 wurde die Frage gestellt und gleich bejaht „War das, was in Köln geschah ein Pogrom?“6, und ob die angegriffenen Frauen, wie damals die Juden behandelt wurden („Man muss nicht Historiker oder Antisemitismus-Experte sein, um Parallelen zu den antijüdischen Pogromen aus der Zeit vor dem Holocaust zu erkennen“). Es stimmt, „man muss nicht“. Und wenn so was dabei rauskommt, sollte man es unbedingt auch vermeiden.

Weh tut vielmehr, dass die ins Visiergenommenen, die kollektiv-schuld-Kampagne annehmen und entsprechend den Vorgaben der Zivilgesellschaft handeln. Vor dem Kölner Bahnhof standen mehrere Tage Flüchtlinge aus Syrien mit Plakaten und entschuldigten sich bei Deutschen für das Verhalten von Menschen, die sie nicht mal kannten, von denen sie nie zuvor gehört hatten. Einziger Zusammenhang zwischen diese Menschen vor dem Kölner Hauptbahnhof und den Tätern aus der Silvesternacht war nur die Hetze. Sonst nichts.

Kamel Daoud, algerischer Schriftsteller und Journalist, der Albert Camus Roman „Der Fremde“ aus der Sicht des Bruders des ermordeten Arabers neu geschrieben hat, sagt: „Mir ist aufgefallen, dass diese schreckliche Nacht in Köln alte Denkmuster reaktiviert hat: Das Bild des anderen, der eindringt, die Barbaren, die kommen um zu nehmen, was „uns“ gehört. Es hat mich beeindruckt, wie schnell solche Phantasmen wieder hochkommen, wie tief sie sitzen“.

Nur eines von unzähligen Beispielen aus der Kolumne7 der Journalistin Frau Mely Kiyak, die den aussichtslosen Versuch unternahm, elementare Vernunft in der Debatte einzuschleusen:

Hier und da wurde ich in den Medien um eine Stellungnahmen gebeten. Hier nur zwei Reaktionen als Beispiel auf welchem Niveau die Diskussion von den selbst ernannten „Frauenrechtlern“ ausgetragen wird. Diese Form der rhetorischen Einschüchterungsversuche erleben derzeit viele Publizistinnen, die sich für Frauenrechte einsetzen u n d gegen Rassismus wehren.
„PFUI!!! Ich hoffe, Du wirst einmal von einer Horde Araber eingekesselt und vergewaltigt! Verdammte Türkin, hau doch ab in die Türkei!“

Oder:

„Es tut mir echt leid feststellen zu müssen: Diese Frau ist Geisteskrank. Den armen Opfern der Silvesternacht hat sie durch ihre Äußerungen ins Gesicht gespuckt. Ich wünsche dieser Frau ein scheiß Leben.“

Daher erscheint uns selbstverständlich, von der Zeit vor Köln und der Zeit nach Köln zu reden. Und die Zeit danach sieht z.B. so aus:

„Seit den furchtbaren Ereignissen in Köln, wird die maghrebinische Gemeinde auf ihre Herkunft und Religion reduziert. Sie wird in Sippenhaft genommen und unter Generalverdacht gestellt. In gerade mal zwei Wochen wurde ein neues Feindbild vom „Arabischen Mann“ und „Maghrebinischen Mann“ konstruiert und in einem imaginären „Maghreb-Viertel“ lokalisiert. Sein Handlungsmuster wurde sehr schnell mit Herkunft, Ethnie und Islam erklärt. Getrieben vom Damoklesschwert der „Lügenpresse“ machten selbst seriöse Medien wie „Die Zeit“, die SZ und andere davor nicht halt, dieses neue Feindbild in rasende Geschwindigkeit zu verbreiten.

Diese sinnfreie Berichterstattung, bedingt durch journalistischen Dilettantismus und der fahrlässigen Verbreitung von Halbwahrheiten, hat dazu geführt, dass die Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild von unserer Gemeinde vermittelt bekommt.

Eine bedrohliche Entwicklung, die von der umstrittenen Razzia der Düsseldorfer Polizei am 16.01.2016 begünstigt wurde. Mit aufgestellten Flutlichtanlagen und mobilen Durchsuchungseinrichtungen durchsuchten ca. 300 Polizeibeamte nahezu jeden Deutsch-Maghrebiner in nahezu jedem Café im Viertel. Selbst unbescholtene Senioren mussten Fingerabdrücke abgeben und andere zum Teil peinliche Kontrollen über sich ergehen lassen; verdachtsunabhängig und frei nach ihrem Aussehen.

Die Ereignisse der letzten 3 Wochen sind nicht nur brandgefährlich, sondern auch ein herber Rückschlag für unsere demokratische Stadtgesellschaft. Die Konsequenzen sind jetzt schon verheerend: Gewalttätige Bürgerwehren machen Jagd auf Nordafrikaner, aggressive Rockerbanden halten Ausschau nach maghrebinisch aussehenden Menschen und ganze Bevölkerungsgruppen bewaffnen sich.“8 (aus einem Protest-Aufruf von maghrebinischen Vereinen).

Und weil die Polizei knallharte Konsequenzen aus dem „Döner-Mörder“-Projekt gezogen hat, nannte sie ihre Aktion nicht „Falafel“- sondern „Casablanca“(!)-Projekt.

PS: Falls jemandem aufgefallen sein soll, wir haben nichts zu Sexismus und Frauenrechte geschrieben. Aus einem einzigen Grund: Diese Hetze hat damit nichts, aber gar nichts zu tun. Denn eine Antisexismus-Debatte, die durch Vernichtungsgelüste kontaminiert ist, ist keine!

Café Morgenland, 01.03.2016

Ausgestrahlt als Kolumne im Radio FSK am 10.03.2016, Audio/Download

  1. http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/heidenau-miteinander-mahnmal-wohl-von-neonazis-uebermalt-aid-1.5749733
  2. http://jungle-world.com/artikel/2016/06/53480.html
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Revision_(Film)
  4. http://www.welt.de/politik/deutschland/article151620452/Wir-haben-eine-Krise-des-muslimischen-Mannes.html
  5. http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/politik/detail/-/specific/Heiko-Maas-SPD-Das-war-nicht-weniger-als-ein-zeitweiliger-Zivilisationsbruch-1573366629
  6. http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article151535590/War-das-was-in-Koeln-geschah-ein-Pogrom.html
  7. http://kolumne.gorki.de/kolumne-46/
  8. https://www.facebook.com/events/154085754969780/