Café Morgenland

Kassel ist eine mitteldeutsche Stadt mit einem VW Werk und einem Betrieb der zentralen Rüstungsproduktion. Kassel liegt an der Grenze zur DDR – sagte man mal. Kassel liegt in Hessen. In Kassel wurde am 6. April 2006 Halit Yozgat erschossen, an seinem Arbeitsplatz und mit symbolischer Nichtbekennung. Der Arbeitsplatz hatte in der Holländischen Straße seinen Ort. Dort ist jetzt das Lokal „Zum glücklichen Bergschweinchen“ gelegen zu dem es heißt: „Wir sind begeisterte Wiederholungstäter“ und „Zum dumpfen Knall“.

Eine Volksgemeinschaft vereint im glücklichen Bergschweinchen

(Erscheint in der Februar 2016 Ausgabe des Transmitters vom Radio-FSK, Hamburg)

Randnotizen zur verlässlichen Weiterführung der mörderischen NSU-Vorsätze

„Wir sind begeisterte Wiederholungstäter.“ Eine Losung, die angesichts der Geschichte und der immer wieder hemmungslos unter Beweis gestellten aktiven Bereitschaft dieses deutschen Volkes alles Nicht-Deutsche zu liquidieren – hier betrachtet mit zeitlicher Einschränkung auf das Ausleben des Rassismus seit dem deutsch-deutschen Zusammenwachsen – pointiert dessen ungebrochenes Selbstverständnis zum Ausdruck bringt. Stets unverbesserlich wie unbelehrbar, keine Chance ungenutzt lassend, bedarf dieser Slogan, einzig dem patriarchalen Gesellschaftsverhältnis geschuldet, einer entscheidenden Korrektur, um damit wirklich allen einen angemessenen Platz im Massenkollektiv einzuräumen: „Wir sind begeisterte Wiederholungstäter_innen.“ Nach Ausführung, oftmals bejubelt, staatliche Rückendeckung stets zu Diensten, folgt im Falle des Auffliegens und besonderer Grausamkeit der rassistischen Tat, eine eingeübte Abwehr: eine dieser deutschen Spezialitäten namens Täter_in-Opfer-Umkehr. Schlimmstenfalls schließt daran Imagepflege zur unbehelligten Fortführung an, so eine institutionalisierte Gedenkinszenierung unter gestalterischem Ausschluss der eigentlichen Opfer, deren Teilnahme lediglich als gehorsame Statist_innen geduldet ist. Dazu Persilscheine und Schlussstriche, meist zum Ausklang dieses perfektionierten Täter_innen-Selbstschutzes verewigt in irgendeinem Mahnmal, Gegenwartsbezüge höchst unwillkommen hier. Diese hässlichen Deutschen, stets als Opfer sich begreifend, sei es als besorgte und wachsame Bürger_innen oder als stramm gefestigte Folgsgenoss_innen, sind wieder mal symbiotisch vereint im rassistischen Konsens. Voller Bestärkung und Legitimation trauen sie sich entfesselt wieder ordentlich durchzugreifen. Zusammengefasst ist an dieser Losung nur verwunderlich, das sie als Selbstbezeichnung lediglich zur Bewertung von gastronomischen Lokalen und Befriedigung eigener kulinarischer Gelüste unverhohlen verwendet wird.

In Kassel, der nordhessischen Stadt, idyllisch gelegen mitten in traditionsreicher Rüstungsindustrielandschaft, findet sich seit Anfang 2014 eines dieser zahllosen veganen Lokale. Die Kassler Version, „Zum glücklichen Bergschweinchen“, Spezialität: „Vöner, der vegane Döner“, ist beheimatet in der Holländischen Straße 82. „Wir sind begeisterte Wiederholungstäter“ - ist in einer Restaurantkritik im Netz zu lesen. Keineswegs unüblich so. Gäbe es da nicht zwei Mal die Hausnummer 82 in dieser Straße, direkt nebeneinander. In einem Laden befand sich einst Halit Yozgat's Internetcafe und in dem anderen daneben, wo jetzt das glückliche Bergschweinchen tobt, Han's Snackbar, ein Döner-Kebab-Laden. Leichte Verwechslungsgefahr also, so dass das glückliche Bergschweinchen auch mal gern humorig „Zum dumpfen Knall“ genannt wird. Halit Yozgat wurde 21 Jahre alt, nur. Sein Internetcafe, beliebt bei Bewohner_innen der Nordstadt, damals hauptsächlich Schwarzköpfen und an seinem Ermordungstag, 6. April 2006, auch bei Andreas Temme, einst „Klein-Adolf“, der sich zur Tatzeit dort aufhielt und später als V-Mann-Führer enttarnt wurde. Zwei Schüsse beendeten Halit Yozgats Leben, direkt in den Kopf, mit der Česká, ebenjener identifizierten Tatwaffe der NSU-Mordreihe an mindestens neun Migranten. Allesamt männlich, weder alt noch jung, einen Laden betreibend oder dort arbeitend, überwiegend erfolgreich den kapitalistischen Arbeitsverhältnissen unter dem Joch der selbsternannten Herrenmenschen in die selbstständige Erwerbstätigkeit zur Selbstausbeutung aufgestiegen. Damals als sogenannte Gastarbeiter_innen, tatsächlich nur so eine Art Gastrecht innehatten, abgesichert durch eisernes Wachen der Ausländerbehörde mit befristeter Aufenthaltserlaubnis und keiner Erlaubnis zur Existenzgründung, fanden sich alternative Wege in der Eröffnung eigener Läden. Diese Möglichkeit zur massenhaften Verbreitung des Döner Kebabs, der eingedeutschten Variante mit Kraut und Sauce in Weißbrot, stellte den Fahrschein aus den Fabriken in den öffentlichen Raum dar. Wenngleich der Aufstieg in die Haute Cuisine wie bei der italienischen Küche nie glückte, veränderten sich ganze Stadtbilder, Essgewohnheiten und allen wurde deutlich: Wir/Die bleiben hier. Rechtsradikale Anfeindungen wie „Bockwurst statt Döner“ zur ganzheitlichen Bewahrung der völkischen Identität aus den 90er Jahren, Politisierungs- und Radikalisierungsphase des NSU samt gesellschaftlichem Umfeld finden deren Vollendung im Lied „Döner-Killer“ aus dem Jahr 2010, wo die NSU-Morde und eine Verbreitung des Terrors bejubelt werden. Dazu auch das Komplettversagen der Polizei, die in allen Fällen aus Opfern Täter_innen machten. Zwei Migranten, Schlagwort „Döner-Morde“, Mehmet Turgut und İsmail Yaşar hat es getroffen. Tot. Gemeint hat es alle. Potenziell auch den Betreiber der ehemaligen Döner Kebab Bude neben dem NSU-Tatort in Kassel. Das kam an. Sein Laden ist aus unbekannten Gründen nicht mehr da. Vöner statt Döner nun dort. Das glückliche Bergschweinchen mit der deutsch-deutschen Besitzerin und veganen Fraß unter dem Slogan 100% vegan, Bio, regional und nachhaltig, ließe sich mit einigen Korrekturen - Vöner, V für Volk - bestenfalls der Ideologie des Heimatschutzes eingliedern. Wer zum Volk gehört bestimmt alleinig das Volk, Verwechslungen ausgeschlossen. Ignoranz schützt hier nicht. Ferner ist allen dort eine sorgenfreie Vöner-Zubereitung, ohne dabei abgeballert zu werden, garantiert.

Seit dem unüberhörbarem Knall, der Selbstenttarnung des NSU, fordert İsmail Yozgat, Halit's Vater, in Andenken an seinen ermordeten Sohn, die Umbenennung der Holländischen Straße in Halitstrasse. Das Wüten des rassistischen Mobs ließ nicht lange auf sich warten: „Das ist Landnahme auf türkisch!“. Dabei übertrumpfte sich der Kassler Magistrat selbst bei der säuberlichen Dokumentation zur Bedeutung dieser vierspurigen Verbindungsstrasse, als geschichtsträchtige Handelsstraße nach Holland. Positiv bezieht er sich hierbei auf Henschel und Sohn, einst jenem traditionsreichen Unternehmen in der Stadt, wichtigstes Rüstungsunternehmen im Nationalsozialmus mit der Produktion von Lastern, Panzern, Flugzeuge und Lokomotiven. Nicht zu vergessen auch die systematische Ausbeutung der dorthin verschleppten Zwangsarbeiter_innen (bis Ende 1944 mind. 25 000). Letztendlich hat die Stadt im Alleingang selber Ort und Namen und Form des Erinnerns bestimmt. Warum sollte auch Familie Yozgat oder die Initiative 6. April, eine lokale Initiative zu kritischen Gedenkarbeit an den rassistischen Mord an Halit Yozgat, hier mit einbezogen werden? Warum die Sorgen der Teilnehmer_innen des großen Schweigemarsch „Kein 10. Opfer“ im Mai 2006 unter Selbstregie der vernetzten Angehörige des NSU-Terrors ernst nehmen? Opfer kennen ihre Täter_innen nämlich nur zu gut. Seit 2012 trägt ein vorher namenloser Platz, nahe dem Tatort mit Eingang zum Hauptfriedhof, den Namen Halitplatz.

Und nach allen abgespulten Gedenkritualen ist das Schweigen über die Dimension des NSU-Terrors unüberhörbar, nicht auszuhalten. Der langsam auslaufende NSU Prozess kann das höchstens karikieren. Ein gesamtgesellschaftliches Komplettversagen stets anhaltend. Wie Mely Kıyak in ihrer Kolumne 'Liebes Schweigen im Lande schrieb: „Gibt es Zeugen für das Märchen vom NSU-Untergrund? Ein Untergrund, der aus nachbarschaftlichen Beziehungen mit Miezekatze bestand.“ Oder Café Morgenland zusammenfasst : „Die Nazi-Morde sind die Fortsetzung der Pogrome der 90er Jahre mit anderen Mitteln.“. Oder İsmail Yozgat, der deutlich sagt „Entweder hat Herr Temme meinen Sohn Halit Yozgat getötet oder er hat gesehen, wer ihn getötet hat.“ Nicht daran zu denken, was noch los wäre, wenn nicht neun Kanacken, sondern deutsche Antifas abgeballert geworden wären hier. Oder neun Dackel in Blankenese. Dieses Land voller hässlicher Deutschen, wo millionenenfach Wiederholungstäter_innen enthemmt rumlaufen, gilt es als existentielle Bedrohung zu begreifen und den enthemmten Zuständen entgegenzutreten. In eben dieser wörtlichen Bedeutung. Mit allen Mitteln – immer und überall.

MigrAntifa

Anmerkung: In der anderen Holländischen Straße 82 findet sich anstelle von Halit Yozgat's Internetcafe nun die "Kasseler Stadthonig-Imkerei". Kotzende Stadtbienen neben glücklichen Bergschweinchen - die deutsche Hölle ist überall, ausnahmslos.


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